Geschichtswerkstatt Barmbek
Wiesendamm 25
22305 Hamburg
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Geschichtswerkstatt Barmbek
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Erzählte Geschichte (Oral History), die in Form von schriftlichen Notizen, Berichten, Tonband- und Videoaufzeichnungen festgehalten und ausgewertet wird, spielt in der Arbeit der Geschichtswerkstatt eine wichtige Rolle. Dabei geht es weniger um umfassende Faktensammlungen, als vielmehr um das persönliche Erleben, um die subjektive Wahrnehmung und Verarbeitung erlebter und gelebter Stadtteilgeschichte. Erzählte Geschichte kann aber nicht nur neue Quellen erschließen, sondern auch zu einer Demokratisierung der Geschichtserkundung beitragen, indem sie die Erinnerungen und Geschichten der von geschichtlichen und aktuellen Entwicklungen betroffenen Menschen in den Mittelpunkt rückt.

Barmbeker erzählen

Mit dieser Seite bieten wir allen mit Barmbek verbundenen Menschen die Möglichkeit, ihre Barmbek-Geschichten, ihre Sicht des Stadtteils darzustellen. Das können kleine Schilderungen von alltäglichen oder besonderen Erlebnissen, Ereignissen oder Orten sein, Lebensgeschichten, Tagebuchnotizen, Gedichte oder andere literarische und künstlerische Ausdrucksformen.

Rufen Sie Ihre Erinnerungen wach, schreiben Sie auf, was Sie mit Barmbek verbindet, im positiven wie im negativen Sinne.
Schicken Sie uns Ihre Geschichten, per Post oder per Mail:

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 Barmbek Erinnerungen 6 von Prof. Dr. Gerd Kobabe

Unser Geldschank unter Trümmern in der Hamburger Straße

Ich bin mit Eltern und Großeltern in der Hamburger Straße 18 aufgewachsen, wo meine Eltern ein Juweliergeschäft - „Julius Kobabe & Sohn“ - hatten. In meiner Jugend habe ich den umliegenden Stadtteil mit meinem Tretroller (Vollgummibereifung) ausgiebig erkundet. Zur Schule gegangen bin ich im Klinikweg 5. Mit 10 Jahren kam ich in die Oberschule Uferstraße. Kurz danach brach der Krieg aus. Nach der Einberufung meines Vaters und unseres Uhrmachers zur Wehrmacht wurde das Geschäft wie so viele andere „vorübergehend“ geschlossen. Zu Beginn der Sommerferien 1943 schickte mich meine Mutter zu Onkel und Tante nach Hertefeld, ein kleines Dorf im Havelländer Luch. Die Schreckensnächte in den letzten Julitagen habe ich also nicht direkt miterlebt. Meine Mutter wurde mit anderen Leuten aus dem Luftschutzkeller aus der brennenden Stadt gefahren.

Juweliergeschäft Hamburger Straße

Die Häuser zwischen der Hamburger Straße und der Oberaltenallee wurden durch Bomben und Feuer Ende Juli 1943 fast alle mehr oder vollständig zerstört. So erging es auch unserem Haus mitsamt dem Uhren-, Gold- und Silberwarengeschäft. Was blieb, war ein großer Trümmerhaufen, aus dem meine Mutter später nur eine heile Tasse und einen heilen Eierbecher herausklauben konnte. Sorgen machte meinen Eltern der Geldschrank, der irgendwo unter den Steinen lag. Mein Vater bekam erst im Oktober Sonderurlaub, damit er regeln konnte, was noch zu regeln war. Vornehmlich musste der Inhalt des Geldschranks geborgen werden. Mein Vater und ich machten uns also mit Kreuzhacke, Hammer und Meißel wie die Panzerknacker auf den Weg von Farmsen, wo wir Unterkunft gefunden hatten, nach Süd-Barmbek. Die Walddörferbahn fuhr nur bis zum Bahnhof Barmbek; dann ging's zu Fuß weiter. Man hatte uns zwei Hilfskräfte zur Verfügung gestellt ( zwei frontuntaugliche alte Männer, natürlich in entsprechender Uniform ). Zu viert machten wir uns an die Arbeit. Da die Rückwand unseres Hauses stehen geblieben war, konnten wir die wahrscheinliche Lage des Geldschranks unter dem Trümmerberg einigermaßen genau lokalisieren. Wir hatten Glück und fanden den Schrank, nachdem wir Steine und Steinbrocken weggeräumt hatten. Aber welche Überraschung. Der eiserne Schrank war noch so heiß, dass wir ihn nicht anfassen konnten! Und das ist kein Jägerlatein. Fast zehn Wochen hat er nach dem Bombenfeuer wie in einem Backofen unter dem Schutt gelegen und strahlte immer noch so viel Hitze aus, dass ein Arbeiten an ihm unmöglich war. Wir fragten uns, wie es wohl in seinem Innern aussehen mag und ob wir die Schlösser überhaupt aufkriegen würden? Nachdem wir den Schrank zum Auskühlen noch etwas weiter frei gelegt hatten, wurde er zur Tarnung mit herumliegenden Blechen leicht bedeckt, und dann fuhren wir enttäuscht unverrichteter Dinge wieder nach Hause.

Trümmer Hamburger Straße

Am übernächsten Tag wurde die Tarnung wieder beiseite geräumt. Jetzt kam der spannende Moment, an dem sich herausstellen wird, ob sich die Schlösser öffnen ließen. Der Schrank war zum Glück auf seine Rückseite gefallen, so dass man an die Schlösser leicht heran kam. Und dann - oh Wunder, sogar das komplizierte Sicherheitsschloss gab nach und die Schranktür ging auf.
Den Schatzgräbern bot sich ein pechschwarzes Etwas. Die Kartonagen, in denen die Taschen- und Armbanduhren und die Schmuckwaren verpackt waren, waren vollkommen verkohlt. Rührte man die Masse an, zerbröselte einem alles aus den Händen. So blieb nichts anderes übrig, als mit einem Kehrblech die schwarze zerfallende Masse zusammen mit den Schmuckwaren in mitgebrachte alte Emaille-Eimer zu schaufeln. Im unteren Teil des Geldschranks hatte meine Mutter meine und meines Vaters Briefmarkenalben verstaut. Alles schwarz und zerfleddert. Nachdem die beiden Hilfskräfte je einen goldenen Ring als Dank für ihre Hilfe bekommen hatten und die Eimer mit Zeitungspapier abgedeckt waren, zogen wir wieder zur Hochbahn und fuhren nach Hause. Wenn die Mitfahrenden gewusst hätten, was da in den alten Eimern für Schätze drin gewesen sind! Es hat noch Tage gedauert, bis alles mit der Pinzette Krümelchen für Krümelchen nach kleinsten Edelsteinen durchsucht worden war; denn diese waren von den verkohlten Bröckchen kaum zu unterscheiden.

 Barmbek Erinnerungen 5 von Kay Krause

Kay Krause

Wohnungsnot

In den Jahren nach dem Kriege war es aufgrund der großen Wohnungsnot in Hamburg den Schrebergärtnern von behördlicher Seite erlaubt, in ihrem Garten die vorhandene Laube für Wohnzwecke zu erweitern bzw. ein kleines Wohnhaus zu bauen. Mein Stiefvater entschied sich zu Letzterem.
Ort des Geschehens: Kleingartenverein "Am Grenzbach e.V." in der Dieselstraße, Parzelle 21. Vaddern begann damit 1949, selbstverständlich nach einem langen Arbeitstag und am Sonntag. Muttern verbrachte trostlose 3 Jahre in einer Lungenheilstätte in Wintermoor, wurde morgens mit dem Liegestuhl in die Sonne geschoben und abends wieder hereingeholt, das war die ganze Therapie für TBC-Kranke. Sie hat's überlebt, die meisten ihrer Bettnachbarn sind gestorben.
Ich - 6 Jahre alt - war bei diesem Versuch der hamburger Bürger, den Schutt der Bomben wegzuräumen und neu aufzubauen, quasi das 5 Rad am Wagen und total überflüssig. So verbrachte ich meine Kindheit bei verschiedenen Verwandten und zuletzt im Kinderheim Neugraben, wo ich auch zur Schule kam.
Am Sonnabend Nachmittag ging ich dort zum Bahnhof, fuhr mit der Bahn bis HH-Hauptbahnhof, von da mit der Straßenbahn bis Hellbrookstraße, und die restlichen 15 Minuten zu Fuß zur Dieselstraße. Dort war Vaddern schon am Werken und wartete auf mich. Mit der hölzernen Schiebkarre und einem Maurerhammer ausgerüstet zog ich los, auf die andere Straßenseite, in die Trümmer.
Die Dieselstraße ist vom Schlicksweg bis zum Elligersweg ca. 500 Meter lang, links die Schrebergärten, rechts stand vor dem Krieg eine ebenfalls fast 500 Meter lange Reihe von drei- bis viergeschossigen Wohnhäusern. Vom Erzählen der Nachbarn weiß ich, dass englische Flieger mit Brandbomben diese ganze Häuserzeile mitsamt den Bewohnern platt gemacht haben. Stehengeblieben ist nur der u-förmige Ziegelbau am Ende zwischen Dieselstraße und Oertzweg.
Diese Trümmer waren nun mein Arbeitsfeld. Meine Aufgabe war es, alte Mauersteine vom Putz zu befreien, auf die Schiebkarre zu laden und zum Neubau zu fahren. Ja, lieber Leser, Du hast recht: es gibt keinen Maurerhammer für sechsjährige Kinder, es gab damals auch keine Arbeitshandschuhe für Kinder. Meine Hände waren zerschunden, Muskeln und Knochen taten weh, und trotzdem hat's Spaß gemacht! Ich bin am Sonntag Abend glücklich und zufrieden nach Neugraben zurückgefahren. Vaddern hat sich über jeden Stein gefreut, den ich ihm sauber abgeklopft brachte, den er nicht kaufen mußte; ich weiß noch, dass ich über's Wochenende an die 100 Steine geschafft habe. Pro Stein habe ich 1 (in Worten: einen) Pfennig bekommen. Ein neuer Kalksandstein kostete damals 7 Pfennig, soviel wie ein Brötchen. Es war mein Taschengeld für die ganze Woche. Andere Kinder hatten gar kein Taschengeld.
1951 kam Muttern aus der Klinik, das Häuschen war fertig und wir zogen zusammen mit meiner Tante ein. Die Wände waren noch nicht verputzt, roher Zementfußboden, aber Fenster und Türen waren drin, jedes der 3 kleinen Zimmer hatte einen Ofen, und letztlich war auch noch Geld übrig für Holz und Kohlen.
Ein paar Jahre später wurde nach und nach auch die gegenüberliegende Häuserzeile wieder aufgebaut. Nun waren nicht mehr die Trümmer, sondern die Baugerüste unser Spielplatz. Mein Elternhaus wurde nach dem Tod meiner Mutter im Jahre 2001 als eines der letzten verbliebenen Wohnhäuser in dieser Gartenkolonie abgerissen. Parzelle 21 ist nun wieder ein ganz normaler Schrebergarten.

Kay Krause 30. November 2016

 Barmbek Erinnerungen 4 von Bettina Sattler - Holzky

Abschiedsbesuch in einem sterbenden Idyll?

Zu Besuch im "Dieselstraßenland"

In der vergangenen Woche war ich endlich mal wieder mit etwas Zeit in meiner Geburtsstadt Hamburg und bin mit dem Rad in meine "alte Heimat", die Dieselstraße in Barmbek Nord gefahren. Ich (Jahrgang 58) bin in der Dieselstraße (Nr. 58) aufgewachsen und habe dort eine ziemlich glückliche Kindheit verbracht - nicht zuletzt wegen der Kleingärten gegenüber. Jeder kannte damals jemanden, der so einen Garten sein eigen nannte, in dem man herrlich spielen, seine eigenen Beete anlegen und frisches Obst naschen konnte. Im Herbst gab es immer irgendwo ein "Apfelfeuer", und im Winter spielten wir Kinder bei der Weihnachtsfeier des Kleingartenvereins im Vereinshaus beim Weihnachtsmärchen mit - auch Kinder wie ich, deren Eltern dort weder Mitglied waren noch einen Garten hatten. Das war ganz selbstverständlich. Der Verein und die Gärten hatten damals viele Funktionen für die dort lebenden Familien: Sie waren ein sicherer Spielplatz für die Kinder, boten Selbstversorgung mit frischem Obst und Gemüse sowie Gelegenheit zum kurzen Schnack am Gartenzaun, wenn man von der Schule, der Arbeit oder vom Einkaufen nach Hause kam. Und sie vermittelten, ganz wichtig, ein kleines bisschen das Gefühl von Freiheit für die Bewohner der eher kleinen, engen Barmbeker Mietwohnungen. Von der Funktion der Gärten als "grüne Lungen" sprach man damals noch kaum. Eher hat man im Schutz der Hecken heimlich die ersten Zigaretten geraucht! Doch jeder wird sich gern an die warmen Sommerabende erinnern, wenn man nach einem heißen Tag die kühler werdende, nach Sommerblumen duftende Gartenluft durch das offene Wohnzimmerfenster hereinließ! Auch an diesem Sommerabend, der zwar nicht heiß ist, aber immerhin ein Sommerabend im Juni 2016, haben viele Mieter ihre Fenster weit geöffnet.

Das Gebiet, das heute so nett "Dieselstraßenland" genannt wird, stand in den vergangenen Jahrzehnten schon öfter auf dem "Hamburger Abrissplan". Zum ersten Mal, als ich gerade von meinen Eltern ausgezogen war, also vor knapp 40 Jahren. Es hat sich aber immer halten können. Umso erschrockener bin ich, als ich jetzt erneut die vielen Plakate sehe, und auf der dort genannten Homepage der "Bürgerinitiative Dieselstraßenland" erfahre, dass der Abriss bereits beschlossene Sache ist.

Mit beklommenem Gefühl radle ich meine alte Straße entlang und versuche mir vorzustellen, wie sie ohne das freundliche Gegenüber wohl aussehen würde. Wohnblock reiht sich in der relativ langen Straße hier an Wohnblock, eine "Architektur", die nur durch die schönen Gärten gegenüber weder hart noch kalt wirkt. Den ganzen Nachmittag scheint hier die Sonne. Die Gärten aber einmal weggedacht und an ihrer Stelle eine höhere Bebauung? Ziemlich trostloser Gedanke!

Bild der Habichtstraße
Die Dieselstraße aus Richtung der Hochbahnstation Habichtstraße.
Links die Kleingärten, denen der Abriss droht. Ende einer ruhigen Zeit?

Es ist, wie gesagt, ein schöner Sommerabend, als ich an den Gärten entlang radle. Wie früher kommen viele Leute in ihren Garten, um dort ihren Feierabend zu genießen. Wie früher spielen Kinder in den Gärten. Und wie früher mischt sich Rosenpracht mit roten Johannisbeeren. Zwischen den geparkten Autos stehen die alten Eichen am Straßenrand - wie viele Körbe voller Eicheln wir Kinder wohl damals gesammelt haben? An einigen Stellen ist der Weg inzwischen ganz schmal neben den alten Bäumen - die älteste Eiche ist beeindruckende 110 Jahre alt, hat zwei Weltkriege, den ersten Sauren Regen und etliche Kletterpartien überstanden. An ihrem Fuß wurden mit dem Absatz Löcher für das Marmelspiel in den Boden gebohrt. Manche Jungs konnten nicht abwarten, bis die Eicheln von allein auf den Boden fielen. Mit dicken Knüppeln warfen sie nach den begehrten Früchten und holten damit meistens mehr Laub als Eicheln vom Baum. Anderswo werden solche alten Stadtbäume gehegt und gepflegt. Aber die Barmbeker sind einfache Leute. Ihnen "gehören" ihre Gärten nicht, sie haben keine Rechte an den angrenzenden Wegen, sie haben keine Lobby. Und wenn sie nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, werden ihre schönen alten Bäume wahrscheinlich gefällt werden. Dann wird ein stattlicher alter Baum, der über hundert Jahre gewachsen ist, in wenigen Minuten zu einem gesichtslosen Holzstapel verarbeitet sein, der bei Gelegenheit abtransportiert werden wird.

Baum
Die prächtige Eiche aus dem Jahr 1906 - Wie lange wird es sie hier noch geben?

Ich fahre weiter und freue mich, dass die schöne Buchenhecke um die Gärten herum noch immer ganz "altmodisch" über den Türen zu den Parzellen im Bogen geschnitten wird, diesen kleinen Türen in unterschiedlichen Farben und Formen mit der Parzellen-Nummer und dem Namensschildchen dran. Anders als früher gibt es hier heute auch Namensschilder mit Namen aus fernen Ländern. Viele Zugezogene haben hier ihr eigenes kleines Reich gefunden - Integration, sie scheint hier kein Fremdwort, keine leere Worthülse zu sein!

verschiedene Tore
Verschiedene Türen, Farben und Nationalitäten - ein ganz unspektakuläres friedliches Miteinander im Kleingarten.
Rechts im Hintergrund die Werkstätten der Hamburgischen Staatsoper, früher Schiffbau-Versuchsanstalt.

Heute sind die Gärten erfreulicherweise längst nicht mehr so aufgeräumt wie früher. Man findet schon mal ein aus rohen Brettern zusammengezimmertes Baumhaus oder auch etwas "schräge" Skulpturen neben den alteingesessenen Gartenzwergen. Sogar hölzerne Füchse machen ihnen Konkurrenz, aber die Zwerge halten tapfer die Stellung! Kein Kleingartenverein ohne Zwerge! Aber Kleingärten waren schon immer ein Ort der Vielfalt. Auch wenn sie heute etwas anders aussehen als früher, stellen sie nach wie vor so etwas wie kleine Fluchten dar, Fluchten aus einem genormten und oft grauen Alltag. Und wie früher sind es auch heute die einfachen, die "kleinen" Leute, die diese Fluchten suchen und brauchen. Leute, die kein Geld für ein Haus mit Garten haben, und die in ihren Gärten ein Stück Freiheit finden, sich selbst versorgen oder auf andere Art ihre Ideen verwirklichen. Die Ästhetik der Kleingärten ist vom Individualismus ihrer jeweiligen Bewohner geprägt und lässt sich nicht ikea-isieren! Und um diese Vielfalt tut es mir mindestens ebenso leid, wie um die alten Bäume und den freien Blick aus den Fenstern der Wohnungen!

Garten roter Fuchs und Imkerei
Ob Sägearbeit oder Klein-Imkerei - Kleingärten bieten Menschen Entwicklungsmöglichkeiten,
die in kleinen Wohnungen nicht zum Tragen kommen könnten.

In einer dieser Wohnungen wohnte damals meine Freundin Karin, zwei Jahre jünger als ich. Als ich ihr mein Poesie-Album gab, tat sie etwas, was wir "älteren Damen" uns gar nicht mehr getraut hätten: sie dichtete ein 08/15 - Gedicht auf unsere Straße um. Liebe Bettina, schrieb sie,
Wenn du einst in spät'ren Jahren
dieses Büchlein nimmst zur Hand,
denk daran, wie froh wir waren
in der kleinen Dieselstraße.
Recht hatte sie! Damals aber, das muss ich zugeben, störte mich der fehlende Endreim. Heute dagegen freue ich mich über dieses kleine, ganz besondere Gedicht! Vielleicht hätte ich Karin ohne dieses Gedicht längst vergessen? Nein, natürlich nicht, und ich werde auch vieles andere hoffentlich nicht so schnell vergessen. Das direkt hinter den Gärten liegende Gelände der Schiffbau-Versuchsanstalt zum Beispiel, auf dem wir alle das Radfahren lernten und übten, immer um "die Insel" herum!

Schiffbauversuchsanstalt
Die "Insel" war vor einem halben Jahrhundert noch nicht ganz so hoch bewachsen - sonst hat sich aber nicht viel verändert.Hier lernten die "Dieselstraßen-Kinder" das Radfahren - ohne Helm, aber auch ohne jeglichen Straßenverkehr! Auf der Rampe im Hintergrund musste man abwarten, bis das nächste Rad frei war, denn noch längst nicht jeder besaß ein eigenes Fahrrad!

Später rasten wir die Auffahrt zum Gelände hinunter - unten an der Dieselstraße stand immer einer Wache und gab ein Zeichen, falls ein Auto kam. Wir passten gut aufeinander auf! Der kleine Martin wurde bei einer anderen Gelegenheit dennoch einmal von einem Auto angefahren und trug schwere Verletzungen davon. In der Folge wurde die durch parkende Autos etwas unübersichtlich gewordene Dieselstraße einige Jahre lang zur Einbahnstraße. Inzwischen ist die enge Straße aber wieder in beide Richtungen befahrbar; schnell fahren kann man hier heute nicht mehr.

Auffahrt der SBVA
Fast verwunschen wirkt die alte Auffahrt, die zum Gelände der früheren Schiffbau Versuchsanstalt führt. Es kümmert sich wohl einfach niemand mehr um Hecken, die bald abgerissen werden sollen...

Heute gehört das ehemalige Schiffbau-Gelände zur Hamburgischen Staatsoper, die dort Probebühnen und Werkstätten unterhält. Angesichts meiner Abschiedsstimmung traue ich mich, über den Schlicksweg das Gelände hinter den Gärten zu erkunden. Der Pförtner dürfte mich wohl nicht hinein lassen, aber er sieht mich ja nicht...

Mit uns nicht
Ein Protestplakat, das nicht zur Dieselstraße, sondern zum Gelände der Hamburgischen Staatsoper hin ausgerichtet ist - oder ist es hier nur abgelegt worden?

Rund um die Werkstätten der Hamburgischen Staatsoper liegen etliche Bühnenteile herum, eine skurrile Landschaft. Ich frage mich, ob wohl auch das Gebäude der Hamburgischen Staatsoper vom Abriss bedroht ist. Ich weiß es nicht... Vielleicht ist es reiner Zufall, aber das Aufhängen gewisser Requisiten lässt den Gedanken irgendwie naheliegend erscheinen..

sculp
Beim Anblick der Totenköpfe muss ich plötzlich an den großen nächtlichen Brand denken, der das lang gestreckte Gebäude in den späteren 70er-Jahren im mittleren Abschnitt teilweise zerstörte. Mein Vater weckte mich damals mit dem unvergessenen Satz: "Willst du mal ein richtig großes Feuer sehen?" Ich wollte! Der Anblick war überwältigend. Und niemals zuvor hatte ich eine Ahnung davon gehabt, welch einen unglaublichen Lärm so ein Großfeuer macht. Bei jeder unsichtbar einstürzenden Innenwand fuhren wir erschrocken zusammen. Der ohnehin schwache Wind stand aber günstig, so dass wir nicht um unsere Häuser bangen mussten. Wir wohnten im dritten Stock, Logenplatz also! Dennoch trieb es mich bald zu den Freunden und Nachbarn nach draußen. Die Straße leerte sich erst nach Stunden, als es endlich hieß, niemand sei in den Flammen umgekommen. Erleichtert gingen die Bewohner der Dieselstraße zurück in ihre Wohnungen. Ich selbst nutzte die Gelegenheit für meinen ersten nächtlichen Besuch bei meinem damaligen Freund, der ebenfalls in der Dieselstraße wohnte, ganz am anderen Ende allerdings. Es gab ja noch kein Handy, mit dem meine Mutter mich hätte zurück beordern können! Die Welt war doch in mancher Hinsicht noch in Ordnung damals. Das kräftige Donnerwetter meiner Mutter am nächsten Morgen, es war ein Samstag, war im Zuge der allgemeinen Aufregung bald vergessen. Gegen Mittag wurde am Schlicksweg eine riesige Gulaschkanone für die Feuerwehrleute aufgestellt, die fast das gesamte Wochenende im Einsatz blieben. Genau an der Stelle, an der ich jetzt das Gelände der Hamburgischen Staatsoper verlasse, saßen die Feuerwehrleute gemütlich da und aßen in Schichten zu Mittag. Von Hektik keine Spur. Dieses Bild hat sich mir derart eingeprägt, dass ich meinem ältesten Sohn, als er im Alter von etwa vier Jahren vom Playmobil-Feuerwehr-Fieber gepackt wurde, davon erzählte. Von da an baute er zu seinen Feuerwehreinsätzen immer einen Tisch mit Essen und Trinken dazu auf. Er ist inzwischen 25. Ich muss ihm die Stelle wohl schnell noch einmal zeigen - bevor es zu spät ist!

Bettina Sattler-Holzky, geschrieben am 4. Juli 2016

 Barmbek Erinnerungen 3 von Peter Oebel

Ein Weihnachtsgeschenk von Walter Messmer

Auszug aus dem Buch Alex von Peter Oebel

Walter Messmer

Ganz in unserer Nähe, nämlich in der Hufnerstraße bei Walter Messmer, dem noblem Fachgeschäft, das feine Süßwaren, erlesenes Gebäck und spezielle Kaffee- und Teesorten verkauft, da gibt es für gewöhnlich – und das besonders um die Weihnachtszeit herum – so schöne Vorratsbehälter für den Kaffee. Runde oder eckige Blechdosen mit einem stramm sitzenden, fest schließenden Deckel, die ziemlich genau ein Pfund ungemahlenen Kaffee aufnehmen können. Rundum sind sie von jeher mit einem netten Motiv versehen – gelegentlich sogar nach einem romantischen Ölgemälde als Vorlage –, das die Dosen, diese Schmuckdosen! – ganz zweifellos zu einem wertvollen Geschenk macht. Darüber würde meine Mutter sich ganz bestimmt freuen. Auf jeden Fall werde ich versuchen, für sie so ein Prachtstück zu bekommen. Die Walter Messmer Filiale in der Hufnerstraße verschenkt jene Dosen in der Adventszeit an ihre Kunden. Eine wirklich nette Geste, die sich inzwischen herumgesprochen hat. Das wirklich Dumme ist nur, dass jenes schöne Präsent immer in Verbindung mit einer dort im Geschäft gekauften Ware – Kaffee, in der Regel – ausgegeben wird: ein Pfund Kaffee der Sorte "Mein Bester von Walter Messmer" – zum Beispiel –, und schon stellt einem eine der freundlichen Verkäuferinnen das Gewünschte einschließlich der begehrten Trophäe auf die gepflegte polierte Glasfläche der Ladentheke. Genau so läuft das ab. Jedenfalls für jeden, der das Geld für ein Pfund Kaffee in der Tasche hat, was bei mir eben nicht der Fall ist, nicht, wenn ich darüber hinaus noch weitere Geschenke besorgen muss. Vielleicht – ja, vielleicht kann ich eine der Verkäuferinnen überreden, dass sie mir eine Dose schenkt, ohne das ich Kaffee oder sonst irgendetwas dort einkaufe. Die Möglichkeit besteht immerhin. Ich denke, dass es mit geringstenfalls gelingen wird, einen Walter-Messmer-Jahreskalender für das kommende Jahr zu bekommen. Der liegt dort zwar auch nicht stapelweisefrei herum, sodass sich ihn jeder am Kalender interessierte kurz schnappen und unauffällig wieder fortgehen kann, das nun nicht, aber er wird gerne und ohne zu Zögern auf Anfrage ausgegeben. Das habe ich vom letzten Jahr noch gut in Erinnerung. Das Motiv auf dem Deckblatt des Kalenders, das ist ebenfalls ein sorgsam ausgewähltes, was ihn auch zu einem ganz passablen Geschenk macht.(...)

Walter Messmer

(...) Bis zur letzten Minute habe ich zwar kämpfen müssen, um all die geplanten Besorgungen zu erledigen, letztlich hat es dann aber noch ganz gut geklappt. Selbst die schöne Kaffeedose für meine Mutter habe ich bekommen. "Hier, mein Junge, kein Problem, die schenke ich Dir doch gerne!" Die nette junge Dame von Walter Messmer hat mir mit Ihrem Verständnis für meine Situation ziemlich aus der Patsche geholfen. "Einen Jahreskalender stecke ich die auch noch mit in die Tüte. Frohe Weihnachten!" Kaffee musste ich nicht kaufen.(…)

Hamburg, 2015 Peter Oebel

Weitere Informationen und Bilder zur Geschichte von Walter Messmer, sind auch in unserer aktuellen Ausstellung und Broschüre "Was Häser erzählen können" in der Bücherhalle Barmbek zu finden.

 Barmbek Erinnerungen 2 von Wolfgang Wulff

Die ersten Fernsehbilder – in der Nissenhütte

Kinder vor den Nissenhütten
Nissenhütten mit Kindergruppe, auf dem Mittelstreifen am Pfenningsbusch, Höhe Stückenstraße/Kraepelinweg. Aufnahme 1953. In der untersten Reihe, linksaußen: Wolfgang Wulff

Wir haben damals viele Nachmittage mit den Kindern aus der Nachbarschaft in dieser Hütte verbracht. Was uns alle lockte, war die Möglichkeit dort fernzusehen! Den Namen des Besitzers kenne ich heute nicht mehr. Er hatte die Hütte längs in der Mitte in zwei Räume geteilt. Den rechten Teil, durch den man auch die Hütte betrat, bewohnte er mit seiner Familie(?). Der linke Teil war das "Kino" mit dem Fernseher und einer Anzahl von Bänken - oder besser – Brettern, auf denen wir saßen. Ich glaube, er verkaufte auch Süßigkeiten. Doch dieses Nachmittagsvergnügen fand bald ein Ende. Von unseren Eltern hatten wir gehört, dass dort sonntags die Erwachsenen gegen kleines Entgelt auch Fußball geschaut haben. Dann wurde auch Bier verkauft - wohl ohne eine Konzession. Dies führte dazu, dass dem Besitzer alle seine "Veranstaltungen" polizeilich verboten wurden. Wir waren sehr traurig.

Wann dann die Hütten abgerissen wurden, erinnere ich nicht mehr, obwohl ich noch - nachher mit meiner eigenen Familie - lange im Kraepelinweg gelebt habe.

Hamburg, 2015 Wolfgang Wulff

 Barmbek Erinnerungen 1 von Günter Sohnemann

Bananen, ein Tretroller und vier Barmbeker Brieten

Erinnerungen an die frühen 1950er Jahre - von Günter Sohnemann

Ein Tretroller zum Geburtstag

Es war in der Nachkriegszeit. Die Währungsreform, die DM war auch nach Hamburg gekommen. Genauer gesagt nach Barmbek-Süd, in die „Wilhelm Adolph Passsage“. Wir schreiben das Jahr 1952: Abbruch von Ruinen, Nissenhütten und auch schon Neubauten prägen den Neuanfang nach dem Krieg. Ich war 10 Jahre alt, mein Freund Manfred hatte einen Tretroller mit Ballonreifen und Gepäckträger zum Geburtstag bekommen. Manfred war großzügig, wir, seine Freunde durften alle mal auf seinem Tretroller fahren. Einmal die Straße rauf und wieder runter. Wir lobten diesen Roller, Mensch Manfred, Glückwunsch zum Geburtstag und diesem Roller!

Roller mit Ballonreifen

Das war genau richtig. Für unseren Freund Manfred war das Lob, dass wir ihm und seinen Roller zollten, wohltuende Schmeicheleien, von denen er nicht genug kriegen konnte. Wir lobten die Stabilität und Qualität des Rollers. „Darauf kann man bestimmt zu zweit fahren!“, sagten wir ihm. Wir erklärten Manfred wie das gehen soll. Also, ich stelle meinen linken Fuß auf die Hälfte des Trittbrettes, fasse den Lenker mit den Händen ganz außen an und du stellst deinen rechten Fuß auf das Trittbrett neben meinen linken Fuß. Deine Hände fassen den Lenker links und rechts neben meinen Händen an. Dann treten wir gemeinsam, du und ich auf Kommando, ok?
Das ging ganz toll. Wir wechselten links und rechts. Nun waren wir schneller und ausdauernder. Das ganze war schön und gut, aber wir waren vier Freunde. Schade, dass zwei immer warten mussten bis die anderen zwei immer warten mussten, bis die anderen zwei wieder da wieder kamen. Einmal um den Häuserblock war abgemacht. Aber bald wurden es zwei Häuserblocks und so weiter. Das Warten auf den Roller dauerte immer länger. Da kam ich auf die Idee, eigentlich könnte man ja zu dritt, nein zu viert auf dem Roller fahren. Da kamen sie um die Ecke gerollert, strahlende Gesichter. Stolz und begeistert berichteten sie, wie sie im Barmbeker Nachbarstadtteil Winterhude bis in die Karlstraße und an die Aussenalster gefahren waren. Die beiden aufgeregten Erzähler Manfred und Kurt schauten ganz irritiert, als Erik und ich den beiden Vorwürfe machten, uns so lange warten zu lassen. Wir wollten ja schließlich auch mal Roller fahren. Uns fehlte jedwede Einsicht, dass ja Manfred Eigentümer und Besitzer des Tretrollers ist. Ich machte ihm klar, dass er sich seinen Tretroller sonst wo hin schieben kann. Dann sagte ich ihm, mit der überzeugenden Logik eines Zehnjährigen, mein Fußball macht doch auch nur Spaß , wenn wir alle zusammen spielen. Er soll seinen Roller nehmen und alleine damit spielen. „Schuftig“; dachte ich, das wird eine einsame Nummer. Wo Manfred ganz offensichtlich uns brauchte um anzugeben. Ein Angeber braucht ja Zuhörer und wenn wir drohten ohne ihn zu spielen? Mit dem Argument gruben wir ihm das Wasser ab. Verlegen sagte Manfred: „Nun könnt ihr doch fahren.“ „Ja, ja“, sagte ich: Und wenn wir dann zu lange weg sind, machst du ein lautes Geschrei um deinen Roller.“ So zankten wir noch eine Weile. Dann sagte ich: „ Du Manfred ich hätte da eine Idee. Ich weiß wie wir alle vier auf dem Roller fahren können.“ „Kommt überhaupt nicht in die Tüte“, sagte Manfred;“ nicht mit meinem Roller!“ Erik und Kurt wurden neugierig; „Wie denkst du dir das, erzähl es uns!“ So nett gebeten, ließ ich mich nun herab, meine Idee und mein Vorhaben in den schönsten Farben und der Leichtigkeit, mit der es zu machen ist zu erzählen. Also, ich denke, Kurt setzt sich auf das Trittbrett mit den Beinen nach vorne. Mit den Händen hält er sich an der Lenkerstange fest. Seine Beine legt er über Kreuz um die Lenkerstange auf dem Schutzblech vom Vorderrad ab. Nun stellen Erik und Manfred sich wie gehabt mit den Füßen je zur Hälfte auf das Trittbrett und die Füße ein bisschen unter den Po von Kurt. Die Arme über Kreuz mit den Händen am Lenker festhalten. „Und du, wie willst du mitkommen?“ „Ja“, sagte ich; „ ich setze mich auf den Gepäckträger, für meine Füße ist noch ein bisschen Platz hinter euch, auf dem Trittbrett. Festhalten werde ich mich an euren Hosenträgern und Gürtel.“ „Ausprobieren, Ausprobieren“, schrien Erik und Kurt begeistert. Manfreds Gejammer: „Mein Roller, mein Roller wird durchbrechen“, stoppte unsere Euphorie. "Dein Roller durchbrechen; du spinnst ja, der ist so stabil. Schau dir diese Eisenrohre an, wie stabil die verschweißt sind. Der Roller bricht niemals zusammen, der trägt uns vier mit Leichtigkeit."

Roller Sohnemann mit Freunden

„Der Jürgen Bruns hat doch auch so ein Roller“, sagte Kurt; „weißt Du, was ich gesehen habe, seine Mutter holt immer Kohlen von Schiller und Brooks. Einen Zentner Brikett stellt sie auf das Trittbrett des Rollers. Und wenn es da oben an der Straße leicht bergab geht, dann stellt sie sich auch noch auf den Roller und rollert die Straße runter.“ Das war zwar nur die halbe Wahrheit. Denn der Tretroller von Jürgen Bruns hatte seitdem einen Knick im Rahmen und das Trittbrett schleifte dann und wann auf dem Straßenpflaster. Auch der Lenker hatte nun eine neue Form angenommen. Aber all das musste Manfred nicht wissen. Also lobten wir wieder seinen Roller, seine Stabilität, seine Qualität. Seine Bedenken wurden von uns zerstreut. Unsere Zusage reichte ihm, wenn der Roller zusammenbricht, müssten wir ihn bezahlen. „Aber natürlich!“, sagten wir alle. Gedacht habe ich aber wovon? Meine Mutter und wir vier Kinder, wir waren arm. Die erste Probefahrt verlief sofort so gut, als ob wir das immer schon so gemacht hätten. So, nun musste keiner mehr auf die anderen warten. Es war toll, als ich zum ersten Mal unsere Straße Wilhelm Adolph Passage mit meinen Freunden auf dem Roller verließ.

Wilhelm Adolph Passage

Raus aus Barmbek

Die Fahrt ging über die Straßen Beim alten Schützenhof über die Bachstraße in die Heinrich-Hertz Straße an Trümmerfelder und Ruinen vorbei. Am gewaltigen Wasserturm im Winterhuder Weg, Ecke Heinrich Hertz Straße machten wir staunend eine kleine Pause. Diesen riesigen Backsteinturm hatten wir immer von Weitem in der Trümmer- und Ruinenwüste gesehen. Nun standen wir am Fuße dieses Wasserturms, staunten über dieses gewaltige und fast unbeschädigte Bauwerk.
Unbeschädigte Häuser aus dem Krieg gab es nicht all zu viele in Barmbek. Hier auf der Uhlenhorst sah es schon besser aus. Am Hofweg gingen wir in ein Teppenhaus, die Tür stand auf. Für unsere Kinderaugen, die nur Trümmerwohnungen und Nissenhütten gesehen hatten, was das hier ein Palast. Bunte Fliesen, reicher Stuck an der Decke und zwei große Spiegel im Flur des Hauses, die genau gegenüber an den Flurwänden waren. Wenn man hineinschaute, sah man seinen Hinterkopf und ganz viele davon im Spiegel bis in die Unendlichkeit, meinten wir. Unsere Bewunderung war wohl zu laut und wir wurden von einem Bewohner auf die Straße gejagt.
Weiter ging die Fahrt durch die Karlstraße an die Außenalster. Welch ein schöner Anblick. Mein erster See, den ich sah. Nun sahen wir alle das, was wir von den Älteren in der Straße gehört hatten. Fantastisch, es war schön, es war super schön. Begeistert rollerten wir zurück in unsere kleine Welt der Wilhelm Adolph Passage und erzählten lautstark den Kindern, die noch nie aus der Straße weg waren, unsere Eindrücke. In der Passage gab es zu der Zeit sehr viele Kinder, die mit ihren Eltern durch die Folgen des Krieges nach Hamburg geflohen waren. Die waren in Hamburg noch nicht weit rumgekommen. Wir fühlten uns als Entdecker, waren wir doch auch, oder? Dieser Ausflug war schön und unvergessen. Auf dem Roller ging es wunderbar, denn wir wechselten uns ab, im Treten oder Sitzen. Jeder von uns konnte jeden Platz einnehmen. Wir waren ein Rollerteam geworden. Bald war die nähere Umgebung erforscht, dann ging es in eine andere Himmelrichtung. Wir wollten nun einmal Hamm kennenlernen.
Unsere Neugier auf andere Stadtteile haben wir von den älteren Jungen in unserer Straße, die schon auf Fahrrädern im zerbombten Hamburg unterwegs waren, um aus den Ruinen Buntmetall zu bergen. Kupfer aus altem ausgeglühten Bergmannsrohr, das sind die Stromkabel in den Ruinen, das war eine gute Geldquelle. Die Schrotthändler zahlten gute Kilopreise. Auch wir wollten unser Glück versuchen. Die Erzählungen der älteren Jungen kam der Dichtung näher als der Wahrheit. Wir fanden kein Kupferkabel in den Ruinen, das hatten schon längst die Bewohner der Keller in den Ruinen eingesammelt. Aber das wussten wir noch nicht, als wir vier uns auf den Weg mit dem Roller machten. Wir fuhren von der Wilhelm Adolph Passage über die Hamburger Straße entlang dann ging es die Wagnerstaße bis zur Wandsbeker Chaussee in die Ritterstraße bis zur Sahling. Das fanden wir lustig, denn Manfred hieß mit Nachnamen auch Sahling. Auch dieser Stadtteil war im Krieg schwer getroffen. In den Straßen standen Nissenhütten, in den Ruinen lebten und wohnten Menschen. Es gab wenige Häuser, die noch heile waren. Aber die Aufbauarbeiten waren schon überall zu sehen. Wir rollerten nun nicht mehr, wir schoben den Roller, um nach Beute in den Trümmern zu schauen. Aber wir entdeckten und fanden keine Kupferleitungen mehr.

Nissenhütten in Trümmern

Was esst ihr da?

Uns fiel aber auf, dass viele Kinder in den Trümmern Steine kloppten. Und am Straßenrand standen viele aufgestapelte geputzte Steine. An einem dieser Steinstapel standen drei Jungen und machten Pause. Sie aßen etwas gelbes, wir fragten sie: „ Was esst ihr den da?“ „Bananen!“ Wir hatten von Bananen gehört, aber noch nie gesehen, geschweige gegessen. „Mann, wo habt ihr die denn her?“, fragten wir die Jungs. „Aus dem Freihafen.“ Nun erzählten sie stolz, wie man an die Bananen kommt. Bereitwillig und auch etwas stolz, dass sie schon pfiffig genug waren, sich wie selbstverständlich Bananen aus dem Freihafen zu holen. Wir müssen wohl sehr fragend aus der Wäsche geschaut haben. Nun klärten sie uns auf: Im Freihafen kämen so viele Dampfer mit Bananen aus Südamerika und Teneriffa an. Und dass die Bananen grün sind, wenn sie in Hamburg ankommen. Zwischen den grünen Bananen sind oft gelbe Bananen, also reife Bananen und die müssen da raus, sonst werden die grünen auch noch zu schnell reif. Und beim Transport durch Deutschland würden sie alle verfault beim Obsthändler ankommen. So, und diese gelben, schon reifen Bananen kann man sich vom Bananenschuppen holen. Wir ließen uns den Weg beschreiben. „Ganz einfach immer der Straßenbahn Linie fünfzehn folgen über die Elbbrücken bis zur Veddel, dann am Zoll vorbei in den Segelschiffshafen.“ Das reichte uns, diesen Tag rollerten wir zurück nach Barmbek. Auf dem Roller machten wir schon lautstark Pläne, in den Freihafen zu rollern, um uns jede Menge Bananen zu holen. Unsere Familien sollten Bananen kriegen und so viel essen, bis es ihnen aus den Ohren wieder rauskommt. Wir lachten uns schimmelig und vergaßen fast das Treten. Schweigend bogen wir in unsere Passage ein. Wir hatten ein Geheimnis, wir hatten einen Plan. Es waren schöne Sommertage und zu unserem großen Glück auch noch Schulferien. Wenn Manfred mit seinem Roller nicht da war, weil er mit seinen Eltern irgendeinen Besuch bei einer alten Tante machen musste, dann spielten wir in den Trümmern der Ruinen. Manchmal gruben wir in den Trümmern nach etwas Brauchbarem. Im Schutt und Geröll war so manches Stück Porzellan eingebacken. Ich fand beim Graben in diesem Schutt so manches brauchbares Porzellan. Das waren Eierbecher, Teller, Kaffeekannen und sogar eine große Zuckerdose aus Porzellan. Diese Porzellandose habe ich verschenkt an meine Tante Martha. Dort hat sie gute Dienste getan. Oft stand sie auf dem Tisch und wir Kinder haben uns daraus Zucker aufs Magarinenbrot gestreut. Köstliche Erinnerungen werden wach. All das hatte seinen Reiz verloren gegenüber unserem Plan, im Freihafen vom Bananenschuppen Bananen zu holen.

Freihafen

Mit dem Roller in den Freihafen

Wir wussten, so einfach wird das nicht. Die erste Hürde ist es, in den Freihafen zu kommen, am Zoll vorbei. Genau wo die Amerikastraße und das Amerikahöft ist, da sollte der Bananenschuppen sein. Es war eine uns unbekannte Gegend. Es war spannend, als wir eines Tages los fuhren. Wir hatten niemandem etwas davon erzählt. Wir hatten gelernt aus unseren Erfahrungen mit der Kupferdrahtsuche in Hamm. Wenn man alles erzählt, dann gehen wieder zu viele Kinder los und dann gibt es vielleicht keine Bananen mehr. Wir wollten in unserer Straße die Ersten sein. Nach dem Frühstück trafen wir vier uns. Unser Kunststück zu vier auf einem Tretroller zu fahren, war für unsere Eltern schon ein gewohnter Anblick. Wir sagten Ihnen, wir fahren ein bisschen rum und wollten nicht zum Mittagessen zurück sein. In den Ferien hatte meine Mutter dafür Verständnis und die Mütter meiner Freunde auch. Nun ging es auf große Fahrt Richtung Mundsburg und dann der Straßenbahnlinie Nummer fünfzehn nach. Über Berliner Tor, den großen Elbbrücken bis zur Veddel. Dort fragten wir gleichaltrige Kinder, wie wir zum Bananenschuppen gelangen könnten. Die erzählten uns, dass wir nicht alle zusammen an den Zollbeamten vorbeigehen sollten. Zu zweit sollten wir gehen und wenn wir gefragt werden, „Wohin?“, sollten wir sagen „Meine Tante wohnt in der Amerikastraße, wir sind da auf Besuch.“ So machten wir es. Im Abstand von fünf Minuten gingen wir am Zollbeamten vorbei. Wir wurden gar nicht beachtet, mein Herz bubberte und es gab keinen Grund Angst zu haben. Wir trafen uns circa hundert Meter hinter dem Zoll. Außer Sichtweite vom Zoll nahmen wir unsere Plätze auf dem Tretroller wieder ein. Mann - waren wir glücklich. Wir waren im Freihafen.

In uns sang das Lied der Cowboys yiipiee yaa yaa yiepiee yaa yaa. Was waren wir doch für tolle Kerle, wir zehnjährigen Barmbeker Brieten. Nun sahen wir, was der Krieg im Freihafen alles zerstört hatte: Kaimauern mit großen Bombentrichtern, abgebrannte Ladeschuppen, von denen nur die Verwaltungsgebäude stehen geblieben waren. In einigen wohnten Familien. Ich wusste da noch nicht, dass ich ganz dicht bei Onkel Fiete und Tante Anna in der Amerikastraße vorbei rollerte. Die waren auch ausgebombt und hatten in der Amerikastraße in so einem Verwaltungsgebäude am Ende eines ausgebrannten Schuppens eine Notwohnung bekommen. Auf diesen abgebrannten Schuppen wuchsen schon Büsche und Bäume. Auf den Eisenbahnschienen standen uralte Waggons. Das sahen wir alles, als wir Kinder diese unglaublich lange Amerikastraße entlang rollerten, immer weiter zum Amerikahöft. Wir sahen Schiffmasten, Schornsteine von qualmenden Dampfern, Kräne, die sich drehten und Ladung aus dem Schiffsbauch an Land setzten. Aber keine Bananen, wir rollerten weiter. Endlich ein großer Schuppen und ein schneeweißes Schiff.

Bananendampfer

Im Bananenschuppen

Wir hatten gehört, die Bananendampfer sind alle weiß angestrichen. Wir sahen viele Hafenarbeiter, die grüne Bananenstauden auf Karren in die Schuppen brachten. Alle liefen geschäftig durcheinander, alle arbeiteten. Nur zwei Männer mit einer Schirmmütze, einer mit einem dicken Goldrand und einer mit einem dünnen Goldrand, standen nur rum, sahen nur zu. Hin und wieder gab der eine oder andere Anweisungen an die Arbeiter. Die hatten wohl das Sagen, da trauten wir uns nicht hin. Also zogen wir uns erstmal zurück. Nun umrundeten wir den Bananenschuppen, wir hatten nur einen Gedanken, wie kommen wir da rein. Von der Straße kam auf einmal unsere Chance. Ein LKW verließ die Ladeluke vom Schuppen und in der Luke stand ein Arbeiter, der sah uns an:“Na, was macht ihr denn hier?“ Wir sagten ihm: „Wir wollen ein paar gelbe Bananen!“ „So, dann kommt mal mit“, forderte er uns auf. Wie die Blitze waren wir bei diesem Arbeiter in der Ladeluke vom Schuppen. Jetzt konnten wir gut in den Bananenschuppen sehen. Mann, war der groß, ich glaube zwei Fußballfelder reichen nicht, um die Größe zu beschreiben. Eine riesige Halle, in der Eisenbahnwaggons auf Eisenbahnschienen wie in einem Bahnhof eingefahren waren. An jedem Waggon waren Arbeiter damit beschäftigt, Bananen einzuladen. Es herrschte ein emsiges Treiben. Die Arbeiter sortierten an Fließbändern die Bananenstauden und schnitten die gelben, reifen Bananen ab.

Bilder Bananen im Freihafen

Mit Schwung flogen die reifen Bananen in eine stählerne Abfallkiste, die schon so voll war, dass die Bananen wieder auf den Hallenboden fielen. Dort wurden sie von den Elektrokarren, die mit Bananen beladen in der halle hin und her fuhren, breit gefahren. Schade um diese schönen Bananen, dachten wir. Der Arbeiter sah unser Staunen: „ Das muss sein!“ sagte er uns, „ Die gelben Bananen können keine Reise im Land per Eisenbahn antreten. Dann haben die Kaufleute großen Schaden und Verlust. Also weg damit.“ Aber wir vier waren an diesen gelben Bananen sehr interessiert. Bei uns brauchen sie keine Reise durch das Land machen. Nur eine kurze durch unseren Bauch und nach Barmbek, dachte ich. Uns lief das Wasser im Munde zusammen. Der Arbeiter, der uns in den Bananenschuppen hineingelassen hatte, stand neben uns. Lachend zeigte er auf die gelben Bananen. „Ihr wollt doch Bananen, nehmt soviel Hände wie ihr wollt.“ Was sollten wir nehmen? Wir verstanden nur noch Bahnhof. „Hände, Jungs“ , sagte er und klärte uns auf. Hände das sind die zusammengewachsenen Bananen am Stamm der Bananenstaude. Wenn sie gelb waren, wurden sie von der Bananenstaude abgeschnitten und weggeworfen, das waren denn mal eben ca.10 Bananen auf einmal. Mit einem Handgriff hatte jeder von uns zehn Bananen gegriffen. „Nehmt mehr!“, forderte uns der Mann auf; „Aber lasst euch nicht vom Schuppen-Vizen schnappen. Der mag nicht, dass hier Kinder herumlungern, wo so viele Karren hin und her rollen. Karren geschoben von Heerscharen von Hafenarbeitern, wie leicht kann es in diesem Gewühl zu einem Unfall kommen. Schnell packte sich jeder zwei Hände Bananen und nichts wie weg zu unserem Tretroller.

Alter Löschplatz

Zurück nach Barmbek

Da stand unser guter Tretroller und wir wie begossene Pudel davor. Wie sollten wir denn fahren mit all den „Händen“ Bananen in unseren Händen. Es war doch Sommer und sehr warm, wir hatten nur Turnhosen und ein Unterhemd und Sandalen an. An Beutel oder gar Rucksack hatte keiner von uns gedacht. Ich machte den Vorschlag: einer von uns schiebt den Roller und wir tragen seine Bananen mit. Ungefähr dreihundert Meter von hier hatte ich einen in Kriegstagen abgebrannten Schuppen gesehen. Der war schon ganz verwildert. Birken und Büsche hatten sich dort schon angesiedelt. Da gab es Schatten, dort werden wir eine Pause machen und Bananen „satt“ essen. Es war ein guter schattiger Platz , den wir fanden. Alte schrottreife Eisenbahnwaggons standen auf den Schienen vor den Resten dieses abgebrannten Schuppens, auch die mussten wir inspizieren. Die Waggons hatten alle ein „Bremser-Häuschen“. Die Bremskurbel war kinderleicht zu bedienen, es machte wirklich Spaß daran rumzukurbeln. Auf einmal merkten wir , dass die Waggons „gaaanz laangsam“ in Bewegung kamen. Geistesgegenwärtig drehten wir die Bremskurbel wieder zurück und die alten Güterwaggons standen wieder. Da hatten wir genug von diesem Abenteuer. Schnell liefen wir wieder zu unserem Roller und den Bananen. Wir hatten schon jeder eine Banane in den Händen beim Inspizieren der alten Güterwaggons und ließen sie uns schmecken. Aber nun setzten wir uns auf den Boden im Schatten einer Birke. Jeder von uns hatte so zwanzig Bananen vor sich liegen und nun aßen wir einige davon mit Genuss. Wir beteuerten uns gegenseitig, so etwas tolles noch nie gegessen zu haben. Beinahe gierig stopften wir sie in uns hinein. Festschmaus auf der Ruine eines alten ausgebrannten, ausgebombten Kaischuppens. Aber bei mir war nach der dritten Banane Schluss. Ich konnte nicht mehr. Nur der kleinste von uns, Kurt, der schaffte eine vierte Banane. Damals habe ich sehr gestaunt. Heute glaube ich, Kurt hat sich schlichtweg verzählt. Wir hatten einen guten versteckten Platz. Müdigkeit breitete sich aus und wir streckten uns im Schatten dieser Büsche und jungen Bäumen wohlig aus, dösten und schliefen in dieser sommerlichen Nachmittagssonne ein. Es war alles so friedlich, so ruhig. Wir waren so satt, wie lange nicht mehr. Der süße Geschmack auf der Zunge und das Bewusstsein, ein unvergessliches Abenteuer erlebt zu haben, gab uns das Gefühl von inniger Zufriedenheit. Volle Bäuche, erschöpft vom neu entdeckten, schliefen wir vier doch tatsächlich ein, bis wir wieder etwas fröstelnd wach wurden. Die Sonne hatte ihre Mittagskraft verloren. Nun hatten wir es aber eilig, nach Hause zu kommen. Wie nun aber die Bananen transportieren? Wir hatten doch nur Turnhose und Unterhemd an. Kurt, unser Kleinster und Jüngster, hatte in dem Waggon ein etwas dickeres und längeres Band gesehen. Er holte es. Mit einer Glasscherbe, von einem Fenster, teilten wir uns diesen Strick. Es war lang genug, für jeden von uns, daraus einen Strickgürtel zu machen. Jeder machte sich einen stramm sitzenden Gürtel über das Unterhemd aus diesem Strick. Die Bananenhände steckten wir von oben unter unsere Unterhemden. Die Bananen beulten unser Unterhemd gewaltig aus, jeder konnte sehen, was wir da unter unseren Unterhemden transportierten. So fuhren wir vier auf unseren Ballontretroller los. Etwas hinderlich waren die Bananen unter den Unterhemd und auf der Haut. Aber wir hielten öfters an, um den Sitz der Bananen zu verändern und zu sichern. So kamen wir am Zoll an. Ein älterer Zollbeamter stellte sich uns in den Weg: „Halt, Halt, habt ihr was zu verzollen?“, fragte er uns. Verzollen? Wir verstanden nicht, was er meinte, aber Angst hatten wir nun doch, dass er unsere Bananen haben wollte. Wir fragten ihn, was verzollen bedeutet? Dann klärte er uns auf, dass man nichts ohne Verzollen aus dem Freihafen bringen darf. Und das Verzollen kostet Geld. Und wer nicht verzollt und erwischt wird, ist ein Schmuggler. Und Schmuggler werden bestraft und kommen ins Gefängnis. Unser Herz rutschte uns in die Turnhose vor Schreck, wir sahen unsere Bananen schon verloren, da kam ein jüngerer Zollbeamter auf den älteren Kollegen zu. „Mensch Kuddel, de Jungs hebt doch nur gele Bananen, morgen sind die schlecht und vergammelt. Das ist doch nur Fegsel“, meinte der junge Zollbeamte mit einem Augenzwinkern zu dem altgedienten Zollbeamten. Der sagte mit hochgezogenen Augenbrauen zu uns: „So, so Fegsel habt ihr da, naja, dann will ich mal heute ein Auge zudrücken. Ab mit euch Brieten, ich will euch nicht noch mal erwischen!“ Lachend gab er uns den Weg frei. Vier Kinderherzen, eben noch zitternd, bubbernd, jubelten innerlich auf und ungeahnte Kräfte brachten uns von der Veddel mit dem Roller nach Barmbek, in die Wilhelm Adolph Passage.

Kindergruppe

Die Beute wird verteilt

Dort angekommen mit unserer Beute, unseren anderen Spielkameraden stolz die Bananen zeigend, aber nicht eine abgebend, habe ich meiner Mutter siebzehn Bananen auf den Küchentisch gelegt. Wir waren sechs Personen im Haushalt, die sich alle über diese Südfrüchte freuten. Da wurde die Klingel an der Tür gedreht. Unsere Nachbarin Frau Holze stand vor der Tür: „ Frau Sohnemann, ich habe gehört, Günter hat Bananen aus dem Freihafen geholt. Darf ich ihn fragen, wo und wie er das gemacht hat?“ Sie durfte und ich erzählte alles genau, was wir heute gemacht hatten. Nur vom Zoll erzählte ich nichts. Das klang ja alles sehr einfach. „Morgen schicke ich meinen Mann in den Feihafen mit dem Fahrrad zum Bananen holen.“ Dabei schaute sie auf den Küchentisch, wo meine, unsere Bananen lagen. „ Ach, Frau Sohnemann, können sie mir heute ein paar Bananen ausleihen? Sie bekommen sie morgen wieder, von den Bananen, die mein Mann morgen mit dem Fahrrad aus dem Freihafen holt.“ Meine Mutter zählte die Bananen durch und gab Frau Holze fünf Bananen. So hatte jeder von uns zwei Bananen zum Verzehr. Was ich so auch in Ordnung fand. Die Holzes waren fünf Personen. Für die Kinder waren es die ersten Bananen in ihrem Leben und nach dem Krieg. Was noch anzumerken ist: Am nächsten Tag war das Fahrrad von Herrn Holze kaputt, am nächsten Tag darauf auch. Dann war alles wieder heile, aber er hatte keine Zeit, in den Freihafen zu fahren, er hatte Arbeit bekommen. Und in den Geschäften bei den Grünhöckern waren sie jetzt regelmäßig im Angebot, die Bananen. Mir bleibt nur noch zu berichten, dass der Tretroller von Manfred bald auch so ausgesehen hat wie der von Jürgen Bruns, dessen Mutter mit dem Roller öfters Brikett vom Kohlenhöcker geholt hatte. Aber an Weihnachten war für uns alle ein Ballontretroller unter dem Weihnachtsbaum. Unsere Trittbretter waren alle gerade. Nur das von Manfred zeigte nach unten. Als er über dieses Aussehen jammerte, haben wir ihm erzählt: „Das sieht doch viel besser aus, als unsere gerade Bretter.“ Ich weiß bis heute nicht, ob er uns das abgenommen hat. Aber ein dufter Spielkamerad war Manfred allemal.

Hamburg, 2010 Günter Sohnemann