Geschichtswerkstatt Barmbek
Wiesendamm 25
22305 Hamburg
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Geschichtswerkstatt Barmbek
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Erzählte Geschichte (Oral History), die in Form von schriftlichen Notizen, Berichten, Tonband- und Videoaufzeichnungen festgehalten und ausgewertet wird, spielt in der Arbeit der Geschichtswerkstatt eine wichtige Rolle. Dabei geht es weniger um umfassende Faktensammlungen, als vielmehr um das persönliche Erleben, um die subjektive Wahrnehmung und Verarbeitung erlebter und gelebter Stadtteilgeschichte. Erzählte Geschichte kann aber nicht nur neue Quellen erschließen, sondern auch zu einer Demokratisierung der Geschichtserkundung beitragen, indem sie die Erinnerungen und Geschichten der von geschichtlichen und aktuellen Entwicklungen betroffenen Menschen in den Mittelpunkt rückt.

Barmbeker erzählen

Mit dieser Seite bieten wir allen mit Barmbek verbundenen Menschen die Möglichkeit, ihre Barmbek-Geschichten, ihre Sicht des Stadtteils darzustellen. Das können kleine Schilderungen von alltäglichen oder besonderen Erlebnissen, Ereignissen oder Orten sein, Lebensgeschichten, Tagebuchnotizen, Gedichte oder andere literarische und künstlerische Ausdrucksformen.

Rufen Sie Ihre Erinnerungen wach, schreiben Sie auf, was Sie mit Barmbek verbindet, im positiven wie im negativen Sinne.
Schicken Sie uns Ihre Geschichten, per Post oder per Mail:

Geschichtswerkstatt Barmbek
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 Barmbek Erinnerungen 11 notiert von Günter Sohnemann

"Die Kristallnacht" - erlebt und erzählt von Heinrich T.

Die Pose zuckte, rüttelte: Da, jetzt der Biss, die Pose verschwand im naturtrüben Alsterwasser in die Tiefe. Der Anschlag mit der Angelrute folgte. "Nichts!" Heinrich T. war enttäuscht. Diesmal war ihm sicherlich ein großer Brasse entkommen. „Schade!“ Heinrich T. saß schon lange auf dem blechernden, alten, umgedrehten Marmeladeneimer, mit seiner Angelrute aus Bambus, an der Buchtstrasse am Löschplatz am Wasserviereck, welches durch einen kurzen Kanal mit dem Wasser der Außenalster verbunden ist. Hin und wieder wurde die Stille durch Klingeln, Rumpeln und Quietschen der Straßenbahnen gestört, wenn sie vom Mundsburger Damm in die Buchtstrasse abbogen, um nach kurzem Halt, Richtung Lange Reihe zum Hauptbahnhof weiter zu fahren, oder umgekehrt vom Hauptbahnhof kommend bis zur Mundsburger Brücke fuhren.
Auf der Mundsburger Brücke gab es eine Weiche. Sie wurde vom Straßenbahnfahrer, der direkt auf der Brücke anhielt, bedient. Dafür musste er sich weit aus seinem Fahrstand lehnen, Um mit einer Eisenstange die draußen am Fahrstand hing, die Weiche zu stellen, je nachdem in welche Richtung die Straßenbahn fahren musste. Heinrich T. hörte schon gar nicht mehr das Quetschen und Rumpeln der Räder der Bahn. Seine Gedanken waren weit weg, er hatte Hunger, zu Hause warteten die Geschwister auf einen leckeren Fisch aus der Alster. Brassen und Rotaugen hatten zwar viele Gräten, aber das Fleisch dieser Fische war sehr schmackhaft und lecker. Gerade dann besonders, wenn man wie er auch am Hunger litt.
So trieben seine Gedanken in die Gegenwart, in eine Zeit, in der "ER" lebte. Dieser Hitler seine Braunhemden, diese Kommunisten, diese politischen Strömungen, die mit ihrem Hass, mit Feindbildern und Parolen das ganze Volk vergifteten.
All das stank ihm zum Himmel, dass der Hitler Hilfspolizisten ernannt hatte, die nie den tiefen Teller erfunden hätten. Die haben nun das sagen und die Macht. Diese 16jährigen treten alten Leuten in den Hintern, wenn diese um leiseres Absingen von Marschliedern nachts um 24 Uhr bitten. Die alkoholisierten, jungen Hilfspolizisten halten jeden Einspruch gleich als Widerstand gegen ihren Führer. Das gehört ausgemerzt. Fanatisch wird jeder bekämpft und angezeigt. Ja, es geht die Angst um bei den Menschen, die nicht für den Maler, Tapezierer und Gefreiten sind. Die Macht dieser Hilfspolizisten ist groß und die Angst unter der Bevölkerung ist es auch, Die Juden sind in akuter Lebensgefahr, nichts ist deutlicher als das NSDAP- Programm.

So laufen Heinrichs Gedanken durch den Kopf. Im Geiste hört er die SA- Horden grölen, als er einen neuen Wurm auf seinen Haken zieht, mit lässigem und gekonnten Schwung wirft er seinen Köder gezielt an die Stelle, wo er einen Biss hatte. Dann setzt er sich auf seinen mitgebrachten Blecheimer um auf den nächsten Biss zu warten und seinen Gedanken nach zuhängen. Immer noch hört er lärmenden SA-Horden. Hassparolen gegen die Juden klingen durch die Luft. Es sind, das merkt er schnell, nicht seine Gedanken im Kopf, die den bekannten Lärm erzeugen. Nein es kommen immer mehr Stimmen mit lautem Gebrüll näher. Er dreht sich um und sieht schon viele Braunhemden vor den Häuser wohlhabender Juden in der Buchtstrasse in die Stadthäuser eindringen. Aus dem Mundsburger Damm kommt um die Ecke noch eine im Gleichschritt marschierende und Nazilieder ab singende Gruppe. Was folgt: Kommandos, Schreie, Lachen und Gläser klirren. Ein Hagel von Steinen, begleitet von Hassparolen fliegt in die Fenster. Bei irgendwelchen Zerstörungserfolgen jubelt die Menge grölend laut auf. Heinrich T. kann es nicht ertragen. Seine Wut über die Dummheit der Massen und seine eigene Machtlosigkeit machen ihn traurig.
Er dreht sich zurück zu seiner Angel. Auf einmal kommen die Stimmen der Braunhemden näher, schon fliegen Mäntel, Wäsche, Stühle und sogar eine Kommode mit lautem Hallo und Jubel links und rechts von Heinrich T. ins Wasser. In einer Pause hatten wir wiederum einen netten Small-Talk, und er konnte sich wohl nicht mehr an mich, aber doch noch an den Auftritt im historischen Jazz-Keller in Neuburg erinnern. Es war wieder ein unvergesslicher Abend!
Nun platzt es aus ihm heraus und er brüllt ohne Überlegung: "Was soll das denn?" Schlagartig war es still. Der Anführer der SA baut sich vor ihm auf. Mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme, fragte er Heinrich T.: "Was soll was? Hast Du was dagegen? Hast du was gegen uns?" Die Gruppe rückte immer näher der Kreis wurde immer enger. Da rettet Heinrich, was man heute emotionale Intelligenz nennt, aus dieser gefährlichen Situation. Mit lachender Stimme sagte er: "Nee, nee ich hab nichts gegen Euch. Aber ihr verjagt mir die Fische, wenn ihr alles neben meiner Angel in die Alster werft!" "Oh wir verjagen ihm die Fische, der Arme!" So entspannte sich für Heinrich die Situation. Der Anführer der SA brüllte an seine Leute einen kurzen Befehl: "An die Arbeit, Männer!" Die Gruppe der Braunhemden verschwand grölend über die Straße, um in den Häusern der Juden ihr Zerstörungswerk zu vollenden. Heinrich T. packte seine Angel, nahm seinen alten Marmeladeneimer und war erleichtert davon gekommen zu sein. Er zog hinüber zur Schwanenwik, um dort in der Alster sein Anglerglück zu versuchen.

Heinrich T. hatte nach dem zweiten Weltkrieg eine Bosch-Auto-Elektrik-Werkstatt im Holsteinischen Kamp unter den Hochbahnkasematten. Sein Sohn Manfred J. führte das Unternehmen weiter, als Heinrich T. in den Ruhestand ging. Heinrich T. ließ es sich nicht nehmen, jeden Tag in den Betrieb zu kommen und sich irgendwie nützlich zu machen. Ich wartete auf mein repariertes Auto und er vertrieb sich die Zeit, mir aus seinem Erleben und Überleben des 1000jährigen Reiches zu erzählen. So bin ich zur obigen Geschichte gekommen. Beiden, Vater und Sohn, zeichnete eine Unaufgeregtheit und Gelassenheit in besonders schwierigen Situationen aus. Möge das von nachfolgenden Generationen auch zu sagen und zu schreiben sein. Das wünsche ich von ganzem Herzen meinem Jugendfreund und seiner Familie Manfred J.

 Barmbek Erinnerungen 10 von Kai Krause

Barmbeker Jung und der Jazz

Das Barmbeker Leben findet zwar - zugegeben - in Barmbek statt, doch das bedeutet nun noch lange nicht, dass jeder Barmbeker Jung', jede Barmbeker Deern auch den Rest des Lebens in Barmbek zu verbringen hat, quasi bis zum bitteren Ende. Ohne dass ich mir damals dessen bewußt wurde, gab es doch einen Anlass, der dafür sorgte, dass ich mich mehr für die große weite Welt interessierte. Mein gleichaltriger Lehrkollege Ernst Hänsgen schleppte mich nach Feierabend an einem Donnerstag zur Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark. Bisher hatte ich mich sehr für klassische Musik interessiert,jedoch dieses hier erste erlebte Jazzkonzert hat mich derart begeistert, dass mein Freund und Kollege Ernst zukünftig nicht mehr alleine dorthin gehen mußte. Donnerstags war einfach Jazz angesagt. Es war eine wunderbare Atmosphäre: man lauschte der Life-Musik, unterhielt sich aber nebenbei auch zwanglos und trank sein Alsterwasser. Hier und da wurde zwischen den Bänken auch ein Tänzchen gewagt.

Eines Donnerstags war "Papa Bues Viking Jazzband" angesagt. Hatte ich noch nie gehört. Allein der kleine "Papa Bue", ca. 1,60 Meter dänischer Nationalstolz, war mit seiner Posaune schon sehenswert.
Er muß damals um die 30 Jahre alt gewesen sein und galt in Jazzmusiker-Kreisen bereits alt "alter Mann", daher die Bezeichnung "Papa", so wurde mir erklärt. Ich durfte für 50 Pfennig Eintrittgeld 2 Stunden Jazzmusik vom Allerfeinsten genießen, war mir damals aber nicht darüber im Klaren, dass ich eine Legende erleben durfte. Nach meiner Lehrzeit wurde ich Monteuer im Kraftwerksbereich und installierte 10 Jahre lang Wärmetauscher in fast allen bundesdeutschen Kraftwerks-Neubauten. Irgendwann blieb ich dabei in Bayern hängen und verbrachte in Neuburg an der Donau ebenfalls fast 30 Jahre meines Lebens. Hier entdeckte ich einen kleinen, aber feinen Jazz-Club, welcher nach mehrjähriger Pause gerade wiederbelebt und durch seine Konzerte mit Spitzenmusikern schnell im Umkreis bekannt wurde. 1991 konnte der Club den Gewölbekeller der alten Hofapotheke für sich gewinnen, und ich durfte bei der Renovierung und dem Umbau zum Jazz-Keller dabei sein. Inzwischen ist dieser Jazz-Club mit seiner einmaligen Räumlichkeit einer der beliebtesten in Deutschland geworden, und das gilt auch für die auftretenden Musiker. Eines Samstag-Abends große Überraschung: wer steht auf der Bühne? Mein großer Freund Papa Bue mit seiner Viking Jazz-Band! Ein Wiedersehen nach über 30 Jahren. In der Pause tranken wir zusammen am Tresen ein Bier, und er erinnerte sich noch gut an den Auftritt im Hamburger Stadtpark. Es war ein unvergesslicher Abend, und diesesmal war ich mir durchaus bewußt, mit einer Jazz-Legende "Skal" sagen zu dürfen.

Aber nun, lieber Leser, ist die Geschichte ja noch nicht fertig erzählt. Ein paar Jahre später unternahmen meine Ewa und ich eine Motorradtour über Mecklenburg, Rügen, setzten mit der Fähre über nach Bornholm, und fuhren von dort nach Kopenhagen, um uns ein paar Tage bei der Kusine meiner Frau schadlos zu halten. Nun waren wir schon einmal in Kopenhagen, und wenn man ein paar Tage Zeit hat, dann gehört ein Besuch des "Tivoli" einfach dazu. Während wir also zusammen durch diesen wirklich schönen und interessanten Amüsierpark pilgerten, klangen plötzlich von Ferne Jazz-Klänge in mein geschultes Ohr. Ohne darüber zu diskutieren schlugen wir die Richtung ein, aus der diese Musik kam. Wer steht auf der Bühne: mein großer (kleiner) Freund Papa Bue, inzwischen über 70 Jahre alt, mit seiner weltberühmten Viking Jazz-Band, und er blies nach wie vor alle seine vorhandene Atemluft in die Posaune, um ihr wunderschöne weiche Klänge zu entlocken. In einer Pause hatten wir wiederum einen netten Small-Talk, und er konnte sich wohl nicht mehr an mich, aber doch noch an den Auftritt im historischen Jazz-Keller in Neuburg erinnern. Es war wieder ein unvergesslicher Abend! Anno 2011 hat Papa Bue uns Freunde der Jazzmusik im Alter von 81 Jahren verlassen. Ich habe alle Alben von ihm, und er wird immer einen Platz in meinem Herzen behalten.
Und dieses erzähle ich dem Forum der Barmbeker Geschichtenwerkstatt, weil ein Barmbeker eben nicht alle seine Abenteuer nur in Barmbek erleben kann. Manchmal muß man auch äber den Tellerrand hinausschauen, und auch wenn ich heute in Polen lebe, so bleibe ich doch ein "Barmbeker Jung" !

Kay Krause am 12. März 2017

 Barmbek Erinnerungen 9 von Ernst Broers

H&H

Das Ende einer Barmbeker Traditionsfirma

Eine literarische Erzählung
(Namen und Orte sind frei erfunden)

In aller Stille hatte ein folgenschweres Ereignis stattgefunden: Die Firma Zunftherr hatte einen Interessenten für das Fabrikgelände in der City gefunden: Ein großes Kaufhaus wollte das zentral gelegene Grundstück kaufen. Man einigte sich über den Preis, die Stadtverwaltung stellte ein neues Grundstück am Rande der Stadt,"auf der grünen Wiese", zu äußerst günstigen Bedingungen zur Verfügung und für die Schaffung neuer Arbeitsplätze gab es einen Kredit zu Niedrigstzinsen und einen großzügigen Zuschuss. Die Firma Zunftherr konnte bauen, sich vergrößern. Endlich!
Dass dafür in einer anderen Stadt mehr Arbeitsplätze verschwinden als Zunftherr in dieser Stadt neu schafft, das interessiert doch keinen Kommunalpolitiker.
Im Zweigwerk Hartmann kam wieder einmal der Herr Aufsichtsratsvorsitzende Bartelmeier zu Besuch. Sogar eine außerordentliche Betriebsversammlung wurde deshalb angesetzt. "Sicher wird er jetzt konkrete Vorschläge für die Zukunft des Zweigwerkes Hartmann machen.", dachten die Betriebsangehörigen.
Sie hatten recht!
"Liebe Mitarbeiter! Ich konnte neulich nachts wieder einmal vor Sorgen um die Firma Zunftherr nicht schlafen und da ist mir klar geworden: Die Firma Heinrich Hartmann hat bewiesen, das sie nicht wirtschaftlich arbeiten kann.
Die Kosten für die von uns an sie vergebenen Aufträge lagen um 50 Prozent höher als bei uns. Dann der Unsinn, mit der Arbeit am Russenauftrag vor Vertragsunterzeichnung zu beginnen, 25 Millionen zu investieren, und so Herrn Hartmann junior unter Druck zu setzen! Wir kommen deshalb zu dem Schluss: Es ist besser die Firma Heinrich Hartmann zu schließen, als auch die Firma Zunftherr zu gefährden!"
Ist das etwa kein konkreter Vorschlag?

Kein Wort davon, dass die 50 Prozent Mehrkosten daher rührten, dass alle notwendigen Vorrichtungen und Werkzeuge von der Firma Heinrich Hartmann neu angefertigt werden mussten, dass die Fertigungspläne umgestellt und die Menschen sich einarbeiten mussten und dass das alles nicht im ersten Jahr wieder eingespart werden konnte. Kein Wort davon, dass durch das schlechte Material vom aufgezwungenen Lieferanten große Verluste entstanden waren. Und kein Wort davon dass die Russen die Unerfahrenheit des jungen Hartmann ausgenutzt und ihn geleimt hatten.
Dass er es versäumt hatte, die Zahlungsmodalitäten gleich zu regeln - oder doch mindestens bei H.H. auf das Fehlen hinzuweisen, verschwieg der saubere Herr ebenfalls. Ein wütender Protest brandete Herrn Bartelmeier entgegen und der Betriebsrat hatte Mühe, ihn aus dem Raum zu bringen, bevor er gelyncht werden konnte. Ein Protestmarsch bildete sich spontan, eine wichtige Straßenkreuzung wurde zur Hauptverkehrszeit blockiert. Autofahrer schimpften über die Behinderung.

Die Zeitungen berichteten am nächsten Tag davon, jedoch kaum über den Grund des Protestmarsches: Das 1200 Arbeiter und Angestellte einer weltbekannten, traditionsreichen Firma um ihre Arbeitsplätze, um ihre Existenz kämpften, kämpfen mussten, weil eine unfähige Geschäftsleitung den Betrieb ruinierte und die Geschäftsleitung einer anderen Firma der lästigen Konkurrenz den Todesstoß gab. Die Zeitungen schrieben auch nichts darüber, dass die Politiker der einen Stadt geholfen und die der anderen Stadt nichts dagegen getan haben. Und Herr Siemsen stöhnte: "Das einer immer alles besser weiß, daran ist man ja gewöhnt, aber das der Broers dann auch noch recht hat mit dem, was er sagt, daran gewöhne ich mich nie!" Die neuen Werkhallen der Firma Zunftherr waren außerhalb der Stadt in Rekordzeit fertiggestellt und eingerichtet. Die Produktion wurde verlagert. Ein paar Arbeitslose fanden wieder eine Verdienstmöglichkeit. Für einige Menschen wurde der Arbeitsweg kürzer. Aber die meisten waren länger unterwegs. Das Verkehrsaufkommen im Einzugsgebiet wurde zur Freude der Tankstellenbesitzer, der Reparaturwerkstätten und anderer Geschäftsleute erheblich größer. Auch das brachte neue Arbeitsplätze - und eine höhere Umweltbelastung durch längere Fahrtzeiten mit dem Auto, denn an eine Anbindung an den Öffentlichen Personennahverkehr hatte niemand gedacht.
Die Firma Zunftherr hatte jetzt für den Stammbetrieb geräumige Werkhallen am Rande der Stadt, erstklassige Vorrichtungen und Werkzeuge von Heinrich Hartmann, und viele Tricks zur billigeren und trotzdem besseren Fertigung. Bessere Qualität in kürzerer Zeit. Gewusst wie! Und noch etwas erbeutete die Firma Zunftherr: Die bei HEINRICH HARTMANN neu entwickelte NC-Drehmaschine. Die Entwicklungskosten gingen selbstverständlich unter " Verluste durch Heinrich Hartmann"in die Bilanz ein. Egal, ob bei korrekter Aufrechnung wirklich Verluste nachgewiesen worden wären oder nicht, der Beschluss war gefasst: "HEINRICH HARTMANN wird geschlossen!
Die Produktpalette, der Marktanteil wird von Zunftherr übernommen!" 1000 Arbeitsplätze weniger in einer Großstadt, 200 weitere in einer kleineren - was macht Herrn Schuhler das aus, er behielt doch seinen Arbeitsplatz, sein Einkommen. Die Firma wurde nach seinen Worten auch nur "gesundgeschrumpft" bis etwa 100 Mitarbeiter.

Als erste mussten die Lehrlinge gehen. Das mochte unabänderlich sein, aber musste Herr Schuhler es in dieser Form bekannt geben? "Guten Tag, meine lieben, jungen Freunde! Im Namen der Geschäftsleitung gratuliere ich Ihnen zur bestandenen Prüfung! Mit diesem erfolgreichen Abschluss Ihrer Ausbildung steht Ihnen der Weg in die Zukunft offen und dafür wünschen wir Ihnen alles Gute! Jetzt sind sie keine Auszubildenden mehr, sondern Fachkräfte. Ihr Ausbildungsvertrag ist somit beendet und sie können jetzt Ihre Papiere für das Arbeitsamt in Empfang nehmen. Wenn Sie sich beeilen, können Sie sich noch heute beim Arbeitsamt als Arbeitssuchende melden. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg!" Das war kurz, aber keineswegs schmerzlos! Verwirrt und betroffen sahen sich die jungen Menschen an. Das konnte doch nicht wahr sein, das träumten sie doch nur!
Sie meinten: "Wenn man nicht übernommen werden soll, muss das doch mindestens vier Wochen vor Auslaufen des Vertrages bekanntgegeben werden!" Dann begriffen sie allmählich, dass sie nicht geträumt hatten! Selbst manchem jungen Mann standen Tränen in den Augen. Tränen der Wut und der Ohnmacht!

Was nützt es dass die Firma den Prozess vor dem Arbeitsgericht mit Pauken und Trompeten verlor, dass sie den entlassenen Mitarbeitern Lohn oder Gehalt für die gesetzliche Kündigungsfrist voll zahlen musste, das Bild vom Arbeitgeber war bei diesen jungen Menschen fürs Leben geprägt, und das der "Soziale Marktwirtschaft" ebenfalls. Und Herr Schuhler handelte weiterhin im gleichen Stil: Bei den regulären Entlassungen - Verzeihung - Freistellungen sagte Herr Schuhler der Presse, man "müsste die Spreu vom Weizen scheiden".
Dass er damit den jetzt arbeitslos gewordenen "lieben Mitarbeitern" schadete, weil er sie als unfähig hinstellte, sie vor ihrer Familie, ihren Freunden und Bekannten blamierte und ihnen die Chance nahm, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, wen interessierte das?
Herr Schuhler jedenfalls nicht, er war ja nicht der Blamierte, er behielt seinen Arbeitsplatz. Das einzig Gute an dieser Gemeinheit war, dass der Betriebsrat sich nicht mehr täuschen ließ, er verlangte einen Sozialplan! Gestaffelt nach der Betriebszugehörigkeit und Lebensalter wurden Richtlinien ausgehandelt, die Abfindungen zwischen 100 Mark und 24.000 Mark ergaben. Für die meisten Betroffenen einige hundert bis ein paar tausend Mark, für einige wenige Mitarbeiter, die man an den Fingern abzählen konnte, bis zur Höchstsumme.

Prompt schrieb am nüchsten Tag die berühmt - berüchtigte Zeitung mit den vier Buchstaben:
"Was wollen Die paar Arbeiter, die von Heinrich Hartmann entlassen werden müssen, denn noch alles haben?
Sie bekommen doch schon 24 000.- DM geschenkt!"
Womit bewiesen war: Die halbe Wahrheit ist die gemeinste Lüge!
Selbstverständlich verlangte der Betriebsrat eine Richtigstellung!
Und er bekam seinen Willen. Nur: Hätte man ihm kein Belegexemplar geschickt in welchem die Seite der Richtigstellung aufgeschlagen und diese rot eingerahmt war, er hätte sie ebenso wenig gefunden wie die weitaus meisten Leser.
Der Betriebsrat sah es mit Empörung und meinte:"Zum Glück leben wir in einer Demokratie mit einer freien, unabhängigen Presse!" Er wollte für die Kollegen das Schlimmste abwenden und setzte einen Text auf, in welchem alle beweisbaren Tatsachen aufgezeigt und Unwahrheiten richtig gestellt wurden. Dann wandte er sich an "die freie, unabhängige Presse", an eine Tageszeitung nach der anderen und wollte diesen Text als eine, von Spenden der Belegschaft bezahlte, Anzeige aufgeben. Er bekam eine Absage nach der anderen! Überall der gleiche Sinn der netten Worte: "Das mag ja alles richtig sein, was Sie da vorbringen, und wir haben auch volles Verständnis für Sie und Ihre Kollegen. Aber Sie müssen auch uns verstehen! Wir leben schließlich von unseren Anzeigenkunden, und die würden uns keine Anzeigen mehr geben. . ." So hatte sich der Betriebsrat die "Unabhängigkeit" der "freien Presse" nicht vorgestellt: Eine Presse, die Ihre Freiheit an Anzeigenkunden verkauft!

Ernst Broers,Hamburg
Auszüge aus den literarischen Lebenserinnerungen
"Ein Blick in eine fremde Welt. Heiteres und weniger Heiteres aus der Welt der Fabrik"

 Barmbek Erinnerungen 8 von Hermann Schulz

Meine Jugendjahre in Barmbek

Es sind wohl mehr oder weniger prominente Leute, die an ihrem Lebensabend ihre Memoiren schreiben. Ich kann mich keinesfalls zu ihnen zählen. Wenn ich trotzdem mit 74 Jahren meinen Lebensweg schildere, so weniger weil er besonders sensationell verlief, sondern weil meine Söhne meine gelegentlichen Erzählungen immerhin so interessant fanden, dass sie meinten, sie seien einer Aufzeichnung wert.
Wie für alle meine Altersgenossen des Jahrgangs 1900 waren die vergangenen 73 Jahre auch für mich interessant, aufregend und ereignisreich im Vergleich zu den fast eintönigen Lebensläufen meiner Vorfahren. (...)

Als ich 5 Jahre alt war, gaben meine Eltern die Terrassenwohnung in der Gärtnerstraße auf und zogen nach Barmbek in eine im vierten Stock gelegene Zweizimmerwohnung des neugebauten Wohnblocks der "Produktion". Hier wohnten wir in der Ortrudstraße Nr. 37 bis zu meinem 28. Lebensjahr - also 23 Jahre. Derzeit lag der Wohnblock fast an der Grenze Nordbarmbeks und war von drei Seiten von Wiesen umgeben. Diese Wiesen, die Parkanlage Schleidenplatz (heute Biedermannplatz) und der damalige "Redder" (heutiger Stadtpark) waren im Gegensatz zu der baumlosen Terrasse in der Gärtnerstraße ein wahres Eldorado zum Austoben für uns Kinder, abgesehen von dem Spielplatz mit Turngeräten innerhalb des quadratischen Wohnblocks. Man konnte in den ersten Jahren von unserem Balkon aus bis zum Barmbeker Bahnhof und bis zur Volksschule Lohkoppelstraße sehen. Erst später wurde das freie Gelände dazwischen mit Wohnhäusern bebaut.
Verständlicherweise war ich wegen der vielen neuen Spielmöglichkeiten begeistert von diesem Wohnungswechsel. Weniger mein Vater, der bis dahin als Stellmacher in der Werkstatt der Hamburger Straßenbahn am Falkenried tätig war und per Fahrrad nun einen einen sehr viel weiteren Weg hatte. Er wechselte bald darauf die Arbeitsstätte und war alsdann in verschiedenen Branchen der Holzverarbeitung - als Fenster- und Türenbauer, Anschläger, Mühlenbauer und Möbeltischer - tätig. (...)

Hermann Schulz

Meine Mutter, mehr als mein Vater auf Gelderwerb bedacht, wünschte oft, dass er sich selbständig machen sollte, wozu ihm aber der Mut fehlte, insbesondere wohl deshalb, weil das erforderliche Kapital dazu nicht vorhanden war. Um diesem Mangel zu begegnen, nahm meine Mutter nach meiner Einschulung eine "Morgenstelle" als Putzfrau in der Villa eines Weinagenten und später in gleicher Eigenschaft im "Haerlein-Stift" an der Alster an. Von nun an wuchs ich als "Schlüsselkind" auf. Ich musste selbst darauf achten, dass ich morgens rechtzeitig zur Schule kam und mir nach meiner Rückkehr das vorbereitete Essen warm machen. Neben den obligatorischen Schularbeiten hatte ich dann noch bestimmte Hausarbeiten zu verrichten. Dazu gehörte das Herauftragen von Kohlen und Kartoffeln von unserem Keller auf den vierten Stock, das Putzen der Messingteile an unserem Küchenherd, das Reinigen der Schuhe vom vorigen Tag sowie das "Einholen" - also die Besorgung von Lebensmitteln nach einem Einkaufszettel. (…)

Hermann Schulz 2

Unter diesen Umständen wuchs ich auf und entwickelte mich - zu oft auf mich allein gestellt - zum "Barmbeker Brieten", der keinen Streichen und Raufereien aus dem Weg ging. (…)

Es fanden oft Schlägereien zwischen den Jungens verschiedener Straßenzüge statt, wie sie schon in dem 1967 erschienenen Buch "Barmbek - vom Dorf zur Großstadt" in den Kapiteln "Barmbek-Uhlenhorster Grenzkampf" und "Barmbeker Jugend - einst wie heute" anschaulich beschrieben wurden. Ergänzend kann ich noch berichten, dass auf diesem Gebiet wir Jungens aus dem Wohnblock der "Produktion" besonders angefeindet wurden. Wir galten als besonders rote "Sozis", weil der Gebäudekomplex fast nur von Sozialdemokraten bewohnt wurde. Wir duldeten keine "Fremden" auf dem im Innern des viereckigen Wohnblocks befindlichen Spielplatz, auf dem sich außer zwei Sandkisten auch Kletterstangen und ein Reck befanden. Um unsere "Burg" zu erobern, rotteten sich die "Fremden" oft zusammen. Wenn es uns gelang, sie in die Flucht zu jagen, zogen wir anschließend - zum Beispiel - mit dem Ruf "Sentastroot (Sentastraße) hätt een Morsfull kregen - rou, rou, rou" unsere Stöcke und Latten schwingend durch deren Straße, bis ein "Udl" (Schutzmann) uns auseinanderscheuchte. Dabei waren diese "Waffen" nicht ganz ungefährlich, weil an deren Enden oft Nägel oder mit einem Stein beschwerte Töpfe befestigt waren. Hierbei möchte ich erwähnen, dass derzeit unser späterer Senator und Bürgerschaftspräsident Adolph Schönfelder auf dem Saal des Wohnblocks "Produktion", das von dem Lokal "Mause" bewirtschaftet wurde, als relativ junger Mann seine ersten Reden hielt. Mein gleichaltriger Vater als ständiger Besucher dieser Versammlungen meinte jedenfalls, Schönfelder hätte sich hier im Redehalten geübt. Vorausgreifend - weil bezeichnend für das frühere, rauhe, politische Klima in Barmbek - sei hier noch eingefügt, dass bei dem Aufstand der Kommunisten 1923 die Polizeiwache am Barmbeker Markt als erste in Hamburg von ihnen erstürmt und bis zuletzt verteidigt wurde.
Für uns Volksschüler waren die Realschüler der Osterbekstraße - erkennbar an ihren derzeit traditionell rot-schwarz-gestreiften Sweaters - ein rotes Tuch. Sobald sie in unsere Nähe kamen, und das war auf deren Schulweg fast täglich der Fall, wurden sie von uns angerempelt und sofern sie reagierten auch tätlich angegriffen. Zu unserer Ehre muss ich allerdings sagen, dass wir darauf achteten, dass die Streithähne den Kampf unter sich austragen mussten. Obgleich in der Überzahl mischten wir uns auch nicht ein, wenn einer der unsrigen dabei unterlag – gemäß unserem Motto: "Twee op eenen is feige" (Zwei auf einen ist unfair).

Hermann Schulz

Der "Redder" (heutiger Stadtpark) war in seinem damaligen Zustand ein ideales Gelände für unser Kriegsspiel "Insche (Indianer)" und "Trapper", ein bei den Jungens beliebtes Spiel, wobei die Mädchen als Krankenschwestern fungierten. Die Bäume und Sträucher boten sich direkt an, um sich als Indianer an den Feind - die Trapper - heranschleichen zu können und sie mit Pfeil und Bogen oder dem Tomahawk zu bekämpfen. Den Abschluss bildete dann ein Freudenfeuer, um das wir herumtanzten und sangen. Die Melodie und den vollständigen Text des Indianerliedes, das mit den Worten: "Tsching – tschang – gulla – gulla – gulla" begann, habe ich noch heute im Gedächtnis. Hin und wieder muss ich dieses Lied jetzt noch meinen vier Enkelkindern vorsingen.

Hermann Schulz

 Barmbek Erinnerungen 7 von Kay Krause

Kay Krause

Roller-Geschichten

Dat wär woll 1951, kann ok 52 sien.
Ick wär wedder mit mien Luxusroller ünnerwegens as jeden Nomiddach, wull mien Oma inne Humboldtstroot besöken.
Eers den Schlicksweg lang, und denn säh' ick all dat Mallör op de grote Krüzung Habichtstroot - Steilshoperstroot:
een olen "Tempo" Dreerad-Lieferwogen stunn man blots noch op de twee Achterbeen, datt Vorderbeen wär em wechknickt, harr woll Athrose, oder sowatt. Ick kann ju vertellen: datt säh man bannich unglücklich ut. Ober datt beste wär: de hett Eier oploden hatt! Nu wär de ganze Krüzung vull mit Röhreiers, und 'n poor Eiers wärn ok noch ganz, und de Lüüd kääm mit Tüten und Taschen und sammelt in, watt noch to bruken wär.
Na ja, ick hebb mi datt 'n Tiedlang mit ankeken und bin denn wiederfohrt, de Steilshoper Stroot lang und denn rechts inne Hellbrookstroot, noch'n poor hunnert Meters und denn wär links anne Eck vonne Schwalbenstroot een groten freien Platz, schrääch gegenöber vonne Post. Op düssen Platz stunn nu een Wogen, weest, so'n Wogen as de Lüüd von Zirkus hebbt, för de Viecher, för all de Utensilien, und ok to'n Wohnen mit de Artisten und de Familie. Twee Meter föftich breet, acht oder neegn Meter lang, mit'n Dachwölbung und Flügldöörn an beide Sieden. De een Flügldöör stunn op, door wär een Mann bien Rumpütschern, und ick kunn in den Wogen rinkieken. Glieks achter de Döör wär op'n Boden een Stüerrad montiert, dor achter stunn een Stohl. Inne Mitt von den Wogen wär een Wand. Anne Front 'ne Trepp to'n op- und doolklappen.
De Mann wär dorbi, anne föftein Klappstöhl in den Wogen in Reih und Glied optostelln. Ick frooch em, wat dat war'n sall, und he vertellt mi, datt he Film-Theoter mookt för Kinners. Und nu säh ick ok een Leinwand an de Mittelwand, und he wär dorbi, een lütten Projektor mit Handkurbel optostelln. Ick froch em, watt datt kost, und he seggt: "Zwanzig Pfennig, mein Jung'". Ick segg to em, datt ick ober keen twintich Penn gor nich hebb. Door kümmt he de Trepp dool, leggt mi de Hann op de Schuller und seggt: "Denn fohrst du nu mit dien Roller gau no Huus und seggst dien Modder, sei sall mi 'n poor belegte Brote moken, und denn kümmst wedder her und kannst di den Film ankieken". Ick bün afsuust as'n Rakete. As ick wedder öber de Krüzung Habichtstroot kumm, wär de Füerwehr all dorbi, den ganzen Eiermatsch in'n Gulli to speueln. De Fisch inne Alster ward sick wunnert hebben öber dat nahrhaftige Fudder.
Een Abschleppwogen nähm dat kranke Dreerad all huckepack, ober ick harr keen Tied too'n Kieken.
To Huus hebb ick Moddern de ganze Geschicht vertellt. Se hett veer Schieben Brot afsneeden, Margarine opsmeert, Wurst und Kääs good oppackt, tosomklappt, in Pergamentpapier inpackt, und ick bün wedder tröchsuust. De Mann hett sick bedankt und ick döff mi een Stünn lang ole Filme ankiecken, swatt-witte Stummfilme mit Buster Keaton und Dick und Doof. As de Filmkiekerei to Enn wär, hett de fründliche Mann mi noch sien ganzes lüttes Riek wiest. In dat achtere Stück von den Wogen leeft he mit sien Fru und twee lütte Kinners, op tein Quadratmeters. Ober dat wär allns gemütlich und harr Hann und Foot: inne een Eck 'n lütten Ofen too'n Heizen un Kooken, anne Sied 'n Klappsofa för de Öllern too'n Sloopen, inne anner Eck 'n lütt Etagenbett för de Kinners. Inne Mitt wär grood noch Platz för'n lütten Tisch und twee Stöhl. Und datt hett he sick allns sölben utdacht un sölben tosombastelt!
Und dat beste wär: ünner den Boden, glieks neben de achterliche Achse, hett he een olen Volkswogen-Motor montiert, de hett der Achterräders antreben. De harr ober blots een Gang. Wenn he nun von een frei'n Platz to den nächsten dörch Hamborg ünnerwegens wär, denn mokt he de Flügldöörn vorn op, sett sick op sien Stohl achter dat Stüerrad, kuppelt in und fohrt mit veeruntwintich PS un fief Kilometers inne Stünn dörch den Verkehr. Man blots: Verkehr gääv dat eben dormols noch nich! Süh, und watt datt in de dormolige Tied för een Abenteuer wär, datt kannst doran sehn, datt ick datt nich vergeeten hebb. Nu stell di mol för, du geihst hüt no de Kinokass mit dien Deern, leggst 'n Botterbrotpaket op'n Tresen und seggst to de schnieke Lady op de anner Siet: "Twee mol letzte Reihe bitte!" Kann woll good angohn, datt se di afholt und ünnersöken lot von een Fachmann.

Kay Krause 09. Dezember 2016

 Barmbek Erinnerungen 6 von Prof. Dr. Gerd Kobabe

Unser Geldschank unter Trümmern in der Hamburger Straße

Ich bin mit Eltern und Großeltern in der Hamburger Straße 18 aufgewachsen, wo meine Eltern ein Juweliergeschäft - „Julius Kobabe & Sohn“ - hatten. In meiner Jugend habe ich den umliegenden Stadtteil mit meinem Tretroller (Vollgummibereifung) ausgiebig erkundet. Zur Schule gegangen bin ich im Klinikweg 5. Mit 10 Jahren kam ich in die Oberschule Uferstraße. Kurz danach brach der Krieg aus. Nach der Einberufung meines Vaters und unseres Uhrmachers zur Wehrmacht wurde das Geschäft wie so viele andere „vorübergehend“ geschlossen. Zu Beginn der Sommerferien 1943 schickte mich meine Mutter zu Onkel und Tante nach Hertefeld, ein kleines Dorf im Havelländer Luch. Die Schreckensnächte in den letzten Julitagen habe ich also nicht direkt miterlebt. Meine Mutter wurde mit anderen Leuten aus dem Luftschutzkeller aus der brennenden Stadt gefahren.

Juweliergeschäft Hamburger Straße

Die Häuser zwischen der Hamburger Straße und der Oberaltenallee wurden durch Bomben und Feuer Ende Juli 1943 fast alle mehr oder vollständig zerstört. So erging es auch unserem Haus mitsamt dem Uhren-, Gold- und Silberwarengeschäft. Was blieb, war ein großer Trümmerhaufen, aus dem meine Mutter später nur eine heile Tasse und einen heilen Eierbecher herausklauben konnte. Sorgen machte meinen Eltern der Geldschrank, der irgendwo unter den Steinen lag. Mein Vater bekam erst im Oktober Sonderurlaub, damit er regeln konnte, was noch zu regeln war. Vornehmlich musste der Inhalt des Geldschranks geborgen werden. Mein Vater und ich machten uns also mit Kreuzhacke, Hammer und Meißel wie die Panzerknacker auf den Weg von Farmsen, wo wir Unterkunft gefunden hatten, nach Süd-Barmbek. Die Walddörferbahn fuhr nur bis zum Bahnhof Barmbek; dann ging's zu Fuß weiter. Man hatte uns zwei Hilfskräfte zur Verfügung gestellt ( zwei frontuntaugliche alte Männer, natürlich in entsprechender Uniform ). Zu viert machten wir uns an die Arbeit. Da die Rückwand unseres Hauses stehen geblieben war, konnten wir die wahrscheinliche Lage des Geldschranks unter dem Trümmerberg einigermaßen genau lokalisieren. Wir hatten Glück und fanden den Schrank, nachdem wir Steine und Steinbrocken weggeräumt hatten. Aber welche Überraschung. Der eiserne Schrank war noch so heiß, dass wir ihn nicht anfassen konnten! Und das ist kein Jägerlatein. Fast zehn Wochen hat er nach dem Bombenfeuer wie in einem Backofen unter dem Schutt gelegen und strahlte immer noch so viel Hitze aus, dass ein Arbeiten an ihm unmöglich war. Wir fragten uns, wie es wohl in seinem Innern aussehen mag und ob wir die Schlösser überhaupt aufkriegen würden? Nachdem wir den Schrank zum Auskühlen noch etwas weiter frei gelegt hatten, wurde er zur Tarnung mit herumliegenden Blechen leicht bedeckt, und dann fuhren wir enttäuscht unverrichteter Dinge wieder nach Hause.

Trümmer Hamburger Straße

Am übernächsten Tag wurde die Tarnung wieder beiseite geräumt. Jetzt kam der spannende Moment, an dem sich herausstellen wird, ob sich die Schlösser öffnen ließen. Der Schrank war zum Glück auf seine Rückseite gefallen, so dass man an die Schlösser leicht heran kam. Und dann - oh Wunder, sogar das komplizierte Sicherheitsschloss gab nach und die Schranktür ging auf.
Den Schatzgräbern bot sich ein pechschwarzes Etwas. Die Kartonagen, in denen die Taschen- und Armbanduhren und die Schmuckwaren verpackt waren, waren vollkommen verkohlt. Rührte man die Masse an, zerbröselte einem alles aus den Händen. So blieb nichts anderes übrig, als mit einem Kehrblech die schwarze zerfallende Masse zusammen mit den Schmuckwaren in mitgebrachte alte Emaille-Eimer zu schaufeln. Im unteren Teil des Geldschranks hatte meine Mutter meine und meines Vaters Briefmarkenalben verstaut. Alles schwarz und zerfleddert. Nachdem die beiden Hilfskräfte je einen goldenen Ring als Dank für ihre Hilfe bekommen hatten und die Eimer mit Zeitungspapier abgedeckt waren, zogen wir wieder zur Hochbahn und fuhren nach Hause. Wenn die Mitfahrenden gewusst hätten, was da in den alten Eimern für Schätze drin gewesen sind! Es hat noch Tage gedauert, bis alles mit der Pinzette Krümelchen für Krümelchen nach kleinsten Edelsteinen durchsucht worden war; denn diese waren von den verkohlten Bröckchen kaum zu unterscheiden.

 Barmbek Erinnerungen 5 von Kay Krause

Kay Krause

Wohnungsnot

In den Jahren nach dem Kriege war es aufgrund der großen Wohnungsnot in Hamburg den Schrebergärtnern von behördlicher Seite erlaubt, in ihrem Garten die vorhandene Laube für Wohnzwecke zu erweitern bzw. ein kleines Wohnhaus zu bauen. Mein Stiefvater entschied sich zu Letzterem.
Ort des Geschehens: Kleingartenverein "Am Grenzbach e.V." in der Dieselstraße, Parzelle 21. Vaddern begann damit 1949, selbstverständlich nach einem langen Arbeitstag und am Sonntag. Muttern verbrachte trostlose 3 Jahre in einer Lungenheilstätte in Wintermoor, wurde morgens mit dem Liegestuhl in die Sonne geschoben und abends wieder hereingeholt, das war die ganze Therapie für TBC-Kranke. Sie hat's überlebt, die meisten ihrer Bettnachbarn sind gestorben.
Ich - 6 Jahre alt - war bei diesem Versuch der hamburger Bürger, den Schutt der Bomben wegzuräumen und neu aufzubauen, quasi das 5 Rad am Wagen und total überflüssig. So verbrachte ich meine Kindheit bei verschiedenen Verwandten und zuletzt im Kinderheim Neugraben, wo ich auch zur Schule kam.
Am Sonnabend Nachmittag ging ich dort zum Bahnhof, fuhr mit der Bahn bis HH-Hauptbahnhof, von da mit der Straßenbahn bis Hellbrookstraße, und die restlichen 15 Minuten zu Fuß zur Dieselstraße. Dort war Vaddern schon am Werken und wartete auf mich. Mit der hölzernen Schiebkarre und einem Maurerhammer ausgerüstet zog ich los, auf die andere Straßenseite, in die Trümmer.
Die Dieselstraße ist vom Schlicksweg bis zum Elligersweg ca. 500 Meter lang, links die Schrebergärten, rechts stand vor dem Krieg eine ebenfalls fast 500 Meter lange Reihe von drei- bis viergeschossigen Wohnhäusern. Vom Erzählen der Nachbarn weiß ich, dass englische Flieger mit Brandbomben diese ganze Häuserzeile mitsamt den Bewohnern platt gemacht haben. Stehengeblieben ist nur der u-förmige Ziegelbau am Ende zwischen Dieselstraße und Oertzweg.
Diese Trümmer waren nun mein Arbeitsfeld. Meine Aufgabe war es, alte Mauersteine vom Putz zu befreien, auf die Schiebkarre zu laden und zum Neubau zu fahren. Ja, lieber Leser, Du hast recht: es gibt keinen Maurerhammer für sechsjährige Kinder, es gab damals auch keine Arbeitshandschuhe für Kinder. Meine Hände waren zerschunden, Muskeln und Knochen taten weh, und trotzdem hat's Spaß gemacht! Ich bin am Sonntag Abend glücklich und zufrieden nach Neugraben zurückgefahren. Vaddern hat sich über jeden Stein gefreut, den ich ihm sauber abgeklopft brachte, den er nicht kaufen mußte; ich weiß noch, dass ich über's Wochenende an die 100 Steine geschafft habe. Pro Stein habe ich 1 (in Worten: einen) Pfennig bekommen. Ein neuer Kalksandstein kostete damals 7 Pfennig, soviel wie ein Brötchen. Es war mein Taschengeld für die ganze Woche. Andere Kinder hatten gar kein Taschengeld.
1951 kam Muttern aus der Klinik, das Häuschen war fertig und wir zogen zusammen mit meiner Tante ein. Die Wände waren noch nicht verputzt, roher Zementfußboden, aber Fenster und Türen waren drin, jedes der 3 kleinen Zimmer hatte einen Ofen, und letztlich war auch noch Geld übrig für Holz und Kohlen.
Ein paar Jahre später wurde nach und nach auch die gegenüberliegende Häuserzeile wieder aufgebaut. Nun waren nicht mehr die Trümmer, sondern die Baugerüste unser Spielplatz. Mein Elternhaus wurde nach dem Tod meiner Mutter im Jahre 2001 als eines der letzten verbliebenen Wohnhäuser in dieser Gartenkolonie abgerissen. Parzelle 21 ist nun wieder ein ganz normaler Schrebergarten.

Kay Krause 30. November 2016

 Barmbek Erinnerungen 4 von Bettina Sattler - Holzky

Abschiedsbesuch in einem sterbenden Idyll?

Zu Besuch im "Dieselstraßenland"

In der vergangenen Woche war ich endlich mal wieder mit etwas Zeit in meiner Geburtsstadt Hamburg und bin mit dem Rad in meine "alte Heimat", die Dieselstraße in Barmbek Nord gefahren. Ich (Jahrgang 58) bin in der Dieselstraße (Nr. 58) aufgewachsen und habe dort eine ziemlich glückliche Kindheit verbracht - nicht zuletzt wegen der Kleingärten gegenüber. Jeder kannte damals jemanden, der so einen Garten sein eigen nannte, in dem man herrlich spielen, seine eigenen Beete anlegen und frisches Obst naschen konnte. Im Herbst gab es immer irgendwo ein "Apfelfeuer", und im Winter spielten wir Kinder bei der Weihnachtsfeier des Kleingartenvereins im Vereinshaus beim Weihnachtsmärchen mit - auch Kinder wie ich, deren Eltern dort weder Mitglied waren noch einen Garten hatten. Das war ganz selbstverständlich. Der Verein und die Gärten hatten damals viele Funktionen für die dort lebenden Familien: Sie waren ein sicherer Spielplatz für die Kinder, boten Selbstversorgung mit frischem Obst und Gemüse sowie Gelegenheit zum kurzen Schnack am Gartenzaun, wenn man von der Schule, der Arbeit oder vom Einkaufen nach Hause kam. Und sie vermittelten, ganz wichtig, ein kleines bisschen das Gefühl von Freiheit für die Bewohner der eher kleinen, engen Barmbeker Mietwohnungen. Von der Funktion der Gärten als "grüne Lungen" sprach man damals noch kaum. Eher hat man im Schutz der Hecken heimlich die ersten Zigaretten geraucht! Doch jeder wird sich gern an die warmen Sommerabende erinnern, wenn man nach einem heißen Tag die kühler werdende, nach Sommerblumen duftende Gartenluft durch das offene Wohnzimmerfenster hereinließ! Auch an diesem Sommerabend, der zwar nicht heiß ist, aber immerhin ein Sommerabend im Juni 2016, haben viele Mieter ihre Fenster weit geöffnet.

Das Gebiet, das heute so nett "Dieselstraßenland" genannt wird, stand in den vergangenen Jahrzehnten schon öfter auf dem "Hamburger Abrissplan". Zum ersten Mal, als ich gerade von meinen Eltern ausgezogen war, also vor knapp 40 Jahren. Es hat sich aber immer halten können. Umso erschrockener bin ich, als ich jetzt erneut die vielen Plakate sehe, und auf der dort genannten Homepage der "Bürgerinitiative Dieselstraßenland" erfahre, dass der Abriss bereits beschlossene Sache ist.

Mit beklommenem Gefühl radle ich meine alte Straße entlang und versuche mir vorzustellen, wie sie ohne das freundliche Gegenüber wohl aussehen würde. Wohnblock reiht sich in der relativ langen Straße hier an Wohnblock, eine "Architektur", die nur durch die schönen Gärten gegenüber weder hart noch kalt wirkt. Den ganzen Nachmittag scheint hier die Sonne. Die Gärten aber einmal weggedacht und an ihrer Stelle eine höhere Bebauung? Ziemlich trostloser Gedanke!

Bild der Habichtstraße
Die Dieselstraße aus Richtung der Hochbahnstation Habichtstraße.
Links die Kleingärten, denen der Abriss droht. Ende einer ruhigen Zeit?

Es ist, wie gesagt, ein schöner Sommerabend, als ich an den Gärten entlang radle. Wie früher kommen viele Leute in ihren Garten, um dort ihren Feierabend zu genießen. Wie früher spielen Kinder in den Gärten. Und wie früher mischt sich Rosenpracht mit roten Johannisbeeren. Zwischen den geparkten Autos stehen die alten Eichen am Straßenrand - wie viele Körbe voller Eicheln wir Kinder wohl damals gesammelt haben? An einigen Stellen ist der Weg inzwischen ganz schmal neben den alten Bäumen - die älteste Eiche ist beeindruckende 110 Jahre alt, hat zwei Weltkriege, den ersten Sauren Regen und etliche Kletterpartien überstanden. An ihrem Fuß wurden mit dem Absatz Löcher für das Marmelspiel in den Boden gebohrt. Manche Jungs konnten nicht abwarten, bis die Eicheln von allein auf den Boden fielen. Mit dicken Knüppeln warfen sie nach den begehrten Früchten und holten damit meistens mehr Laub als Eicheln vom Baum. Anderswo werden solche alten Stadtbäume gehegt und gepflegt. Aber die Barmbeker sind einfache Leute. Ihnen "gehören" ihre Gärten nicht, sie haben keine Rechte an den angrenzenden Wegen, sie haben keine Lobby. Und wenn sie nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, werden ihre schönen alten Bäume wahrscheinlich gefällt werden. Dann wird ein stattlicher alter Baum, der über hundert Jahre gewachsen ist, in wenigen Minuten zu einem gesichtslosen Holzstapel verarbeitet sein, der bei Gelegenheit abtransportiert werden wird.

Baum
Die prächtige Eiche aus dem Jahr 1906 - Wie lange wird es sie hier noch geben?

Ich fahre weiter und freue mich, dass die schöne Buchenhecke um die Gärten herum noch immer ganz "altmodisch" über den Türen zu den Parzellen im Bogen geschnitten wird, diesen kleinen Türen in unterschiedlichen Farben und Formen mit der Parzellen-Nummer und dem Namensschildchen dran. Anders als früher gibt es hier heute auch Namensschilder mit Namen aus fernen Ländern. Viele Zugezogene haben hier ihr eigenes kleines Reich gefunden - Integration, sie scheint hier kein Fremdwort, keine leere Worthülse zu sein!

verschiedene Tore
Verschiedene Türen, Farben und Nationalitäten - ein ganz unspektakuläres friedliches Miteinander im Kleingarten.
Rechts im Hintergrund die Werkstätten der Hamburgischen Staatsoper, früher Schiffbau-Versuchsanstalt.

Heute sind die Gärten erfreulicherweise längst nicht mehr so aufgeräumt wie früher. Man findet schon mal ein aus rohen Brettern zusammengezimmertes Baumhaus oder auch etwas "schräge" Skulpturen neben den alteingesessenen Gartenzwergen. Sogar hölzerne Füchse machen ihnen Konkurrenz, aber die Zwerge halten tapfer die Stellung! Kein Kleingartenverein ohne Zwerge! Aber Kleingärten waren schon immer ein Ort der Vielfalt. Auch wenn sie heute etwas anders aussehen als früher, stellen sie nach wie vor so etwas wie kleine Fluchten dar, Fluchten aus einem genormten und oft grauen Alltag. Und wie früher sind es auch heute die einfachen, die "kleinen" Leute, die diese Fluchten suchen und brauchen. Leute, die kein Geld für ein Haus mit Garten haben, und die in ihren Gärten ein Stück Freiheit finden, sich selbst versorgen oder auf andere Art ihre Ideen verwirklichen. Die Ästhetik der Kleingärten ist vom Individualismus ihrer jeweiligen Bewohner geprägt und lässt sich nicht ikea-isieren! Und um diese Vielfalt tut es mir mindestens ebenso leid, wie um die alten Bäume und den freien Blick aus den Fenstern der Wohnungen!

Garten roter Fuchs und Imkerei
Ob Sägearbeit oder Klein-Imkerei - Kleingärten bieten Menschen Entwicklungsmöglichkeiten,
die in kleinen Wohnungen nicht zum Tragen kommen könnten.

In einer dieser Wohnungen wohnte damals meine Freundin Karin, zwei Jahre jünger als ich. Als ich ihr mein Poesie-Album gab, tat sie etwas, was wir "älteren Damen" uns gar nicht mehr getraut hätten: sie dichtete ein 08/15 - Gedicht auf unsere Straße um. Liebe Bettina, schrieb sie,
Wenn du einst in spät'ren Jahren
dieses Büchlein nimmst zur Hand,
denk daran, wie froh wir waren
in der kleinen Dieselstraße.
Recht hatte sie! Damals aber, das muss ich zugeben, störte mich der fehlende Endreim. Heute dagegen freue ich mich über dieses kleine, ganz besondere Gedicht! Vielleicht hätte ich Karin ohne dieses Gedicht längst vergessen? Nein, natürlich nicht, und ich werde auch vieles andere hoffentlich nicht so schnell vergessen. Das direkt hinter den Gärten liegende Gelände der Schiffbau-Versuchsanstalt zum Beispiel, auf dem wir alle das Radfahren lernten und übten, immer um "die Insel" herum!

Schiffbauversuchsanstalt
Die "Insel" war vor einem halben Jahrhundert noch nicht ganz so hoch bewachsen - sonst hat sich aber nicht viel verändert.Hier lernten die "Dieselstraßen-Kinder" das Radfahren - ohne Helm, aber auch ohne jeglichen Straßenverkehr! Auf der Rampe im Hintergrund musste man abwarten, bis das nächste Rad frei war, denn noch längst nicht jeder besaß ein eigenes Fahrrad!

Später rasten wir die Auffahrt zum Gelände hinunter - unten an der Dieselstraße stand immer einer Wache und gab ein Zeichen, falls ein Auto kam. Wir passten gut aufeinander auf! Der kleine Martin wurde bei einer anderen Gelegenheit dennoch einmal von einem Auto angefahren und trug schwere Verletzungen davon. In der Folge wurde die durch parkende Autos etwas unübersichtlich gewordene Dieselstraße einige Jahre lang zur Einbahnstraße. Inzwischen ist die enge Straße aber wieder in beide Richtungen befahrbar; schnell fahren kann man hier heute nicht mehr.

Auffahrt der SBVA
Fast verwunschen wirkt die alte Auffahrt, die zum Gelände der früheren Schiffbau Versuchsanstalt führt. Es kümmert sich wohl einfach niemand mehr um Hecken, die bald abgerissen werden sollen...

Heute gehört das ehemalige Schiffbau-Gelände zur Hamburgischen Staatsoper, die dort Probebühnen und Werkstätten unterhält. Angesichts meiner Abschiedsstimmung traue ich mich, über den Schlicksweg das Gelände hinter den Gärten zu erkunden. Der Pförtner dürfte mich wohl nicht hinein lassen, aber er sieht mich ja nicht...

Mit uns nicht
Ein Protestplakat, das nicht zur Dieselstraße, sondern zum Gelände der Hamburgischen Staatsoper hin ausgerichtet ist - oder ist es hier nur abgelegt worden?

Rund um die Werkstätten der Hamburgischen Staatsoper liegen etliche Bühnenteile herum, eine skurrile Landschaft. Ich frage mich, ob wohl auch das Gebäude der Hamburgischen Staatsoper vom Abriss bedroht ist. Ich weiß es nicht... Vielleicht ist es reiner Zufall, aber das Aufhängen gewisser Requisiten lässt den Gedanken irgendwie naheliegend erscheinen..

sculp
Beim Anblick der Totenköpfe muss ich plötzlich an den großen nächtlichen Brand denken, der das lang gestreckte Gebäude in den späteren 70er-Jahren im mittleren Abschnitt teilweise zerstörte. Mein Vater weckte mich damals mit dem unvergessenen Satz: "Willst du mal ein richtig großes Feuer sehen?" Ich wollte! Der Anblick war überwältigend. Und niemals zuvor hatte ich eine Ahnung davon gehabt, welch einen unglaublichen Lärm so ein Großfeuer macht. Bei jeder unsichtbar einstürzenden Innenwand fuhren wir erschrocken zusammen. Der ohnehin schwache Wind stand aber günstig, so dass wir nicht um unsere Häuser bangen mussten. Wir wohnten im dritten Stock, Logenplatz also! Dennoch trieb es mich bald zu den Freunden und Nachbarn nach draußen. Die Straße leerte sich erst nach Stunden, als es endlich hieß, niemand sei in den Flammen umgekommen. Erleichtert gingen die Bewohner der Dieselstraße zurück in ihre Wohnungen. Ich selbst nutzte die Gelegenheit für meinen ersten nächtlichen Besuch bei meinem damaligen Freund, der ebenfalls in der Dieselstraße wohnte, ganz am anderen Ende allerdings. Es gab ja noch kein Handy, mit dem meine Mutter mich hätte zurück beordern können! Die Welt war doch in mancher Hinsicht noch in Ordnung damals. Das kräftige Donnerwetter meiner Mutter am nächsten Morgen, es war ein Samstag, war im Zuge der allgemeinen Aufregung bald vergessen. Gegen Mittag wurde am Schlicksweg eine riesige Gulaschkanone für die Feuerwehrleute aufgestellt, die fast das gesamte Wochenende im Einsatz blieben. Genau an der Stelle, an der ich jetzt das Gelände der Hamburgischen Staatsoper verlasse, saßen die Feuerwehrleute gemütlich da und aßen in Schichten zu Mittag. Von Hektik keine Spur. Dieses Bild hat sich mir derart eingeprägt, dass ich meinem ältesten Sohn, als er im Alter von etwa vier Jahren vom Playmobil-Feuerwehr-Fieber gepackt wurde, davon erzählte. Von da an baute er zu seinen Feuerwehreinsätzen immer einen Tisch mit Essen und Trinken dazu auf. Er ist inzwischen 25. Ich muss ihm die Stelle wohl schnell noch einmal zeigen - bevor es zu spät ist!

Bettina Sattler-Holzky, geschrieben am 4. Juli 2016

 Barmbek Erinnerungen 3 von Peter Oebel

Ein Weihnachtsgeschenk von Walter Messmer

Auszug aus dem Buch Alex von Peter Oebel

Walter Messmer

Ganz in unserer Nähe, nämlich in der Hufnerstraße bei Walter Messmer, dem noblem Fachgeschäft, das feine Süßwaren, erlesenes Gebäck und spezielle Kaffee- und Teesorten verkauft, da gibt es für gewöhnlich – und das besonders um die Weihnachtszeit herum – so schöne Vorratsbehälter für den Kaffee. Runde oder eckige Blechdosen mit einem stramm sitzenden, fest schließenden Deckel, die ziemlich genau ein Pfund ungemahlenen Kaffee aufnehmen können. Rundum sind sie von jeher mit einem netten Motiv versehen – gelegentlich sogar nach einem romantischen Ölgemälde als Vorlage –, das die Dosen, diese Schmuckdosen! – ganz zweifellos zu einem wertvollen Geschenk macht. Darüber würde meine Mutter sich ganz bestimmt freuen. Auf jeden Fall werde ich versuchen, für sie so ein Prachtstück zu bekommen. Die Walter Messmer Filiale in der Hufnerstraße verschenkt jene Dosen in der Adventszeit an ihre Kunden. Eine wirklich nette Geste, die sich inzwischen herumgesprochen hat. Das wirklich Dumme ist nur, dass jenes schöne Präsent immer in Verbindung mit einer dort im Geschäft gekauften Ware – Kaffee, in der Regel – ausgegeben wird: ein Pfund Kaffee der Sorte "Mein Bester von Walter Messmer" – zum Beispiel –, und schon stellt einem eine der freundlichen Verkäuferinnen das Gewünschte einschließlich der begehrten Trophäe auf die gepflegte polierte Glasfläche der Ladentheke. Genau so läuft das ab. Jedenfalls für jeden, der das Geld für ein Pfund Kaffee in der Tasche hat, was bei mir eben nicht der Fall ist, nicht, wenn ich darüber hinaus noch weitere Geschenke besorgen muss. Vielleicht – ja, vielleicht kann ich eine der Verkäuferinnen überreden, dass sie mir eine Dose schenkt, ohne das ich Kaffee oder sonst irgendetwas dort einkaufe. Die Möglichkeit besteht immerhin. Ich denke, dass es mit geringstenfalls gelingen wird, einen Walter-Messmer-Jahreskalender für das kommende Jahr zu bekommen. Der liegt dort zwar auch nicht stapelweisefrei herum, sodass sich ihn jeder am Kalender interessierte kurz schnappen und unauffällig wieder fortgehen kann, das nun nicht, aber er wird gerne und ohne zu Zögern auf Anfrage ausgegeben. Das habe ich vom letzten Jahr noch gut in Erinnerung. Das Motiv auf dem Deckblatt des Kalenders, das ist ebenfalls ein sorgsam ausgewähltes, was ihn auch zu einem ganz passablen Geschenk macht.(...)

Walter Messmer

(...) Bis zur letzten Minute habe ich zwar kämpfen müssen, um all die geplanten Besorgungen zu erledigen, letztlich hat es dann aber noch ganz gut geklappt. Selbst die schöne Kaffeedose für meine Mutter habe ich bekommen. "Hier, mein Junge, kein Problem, die schenke ich Dir doch gerne!" Die nette junge Dame von Walter Messmer hat mir mit Ihrem Verständnis für meine Situation ziemlich aus der Patsche geholfen. "Einen Jahreskalender stecke ich die auch noch mit in die Tüte. Frohe Weihnachten!" Kaffee musste ich nicht kaufen.(…)

Hamburg, 2015 Peter Oebel

Weitere Informationen und Bilder zur Geschichte von Walter Messmer, sind auch in unserer aktuellen Ausstellung und Broschüre "Was Häser erzählen können" in der Bücherhalle Barmbek zu finden.

 Barmbek Erinnerungen 2 von Wolfgang Wulff

Die ersten Fernsehbilder – in der Nissenhütte

Kinder vor den Nissenhütten
Nissenhütten mit Kindergruppe, auf dem Mittelstreifen am Pfenningsbusch, Höhe Stückenstraße/Kraepelinweg. Aufnahme 1953. In der untersten Reihe, linksaußen: Wolfgang Wulff

Wir haben damals viele Nachmittage mit den Kindern aus der Nachbarschaft in dieser Hütte verbracht. Was uns alle lockte, war die Möglichkeit dort fernzusehen! Den Namen des Besitzers kenne ich heute nicht mehr. Er hatte die Hütte längs in der Mitte in zwei Räume geteilt. Den rechten Teil, durch den man auch die Hütte betrat, bewohnte er mit seiner Familie(?). Der linke Teil war das "Kino" mit dem Fernseher und einer Anzahl von Bänken - oder besser – Brettern, auf denen wir saßen. Ich glaube, er verkaufte auch Süßigkeiten. Doch dieses Nachmittagsvergnügen fand bald ein Ende. Von unseren Eltern hatten wir gehört, dass dort sonntags die Erwachsenen gegen kleines Entgelt auch Fußball geschaut haben. Dann wurde auch Bier verkauft - wohl ohne eine Konzession. Dies führte dazu, dass dem Besitzer alle seine "Veranstaltungen" polizeilich verboten wurden. Wir waren sehr traurig.

Wann dann die Hütten abgerissen wurden, erinnere ich nicht mehr, obwohl ich noch - nachher mit meiner eigenen Familie - lange im Kraepelinweg gelebt habe.

Hamburg, 2015 Wolfgang Wulff

 Barmbek Erinnerungen 1 von Günter Sohnemann

Bananen, ein Tretroller und vier Barmbeker Brieten

Erinnerungen an die frühen 1950er Jahre - von Günter Sohnemann

Ein Tretroller zum Geburtstag

Es war in der Nachkriegszeit. Die Währungsreform, die DM war auch nach Hamburg gekommen. Genauer gesagt nach Barmbek-Süd, in die „Wilhelm Adolph Passsage“. Wir schreiben das Jahr 1952: Abbruch von Ruinen, Nissenhütten und auch schon Neubauten prägen den Neuanfang nach dem Krieg. Ich war 10 Jahre alt, mein Freund Manfred hatte einen Tretroller mit Ballonreifen und Gepäckträger zum Geburtstag bekommen. Manfred war großzügig, wir, seine Freunde durften alle mal auf seinem Tretroller fahren. Einmal die Straße rauf und wieder runter. Wir lobten diesen Roller, Mensch Manfred, Glückwunsch zum Geburtstag und diesem Roller!

Roller mit Ballonreifen

Das war genau richtig. Für unseren Freund Manfred war das Lob, dass wir ihm und seinen Roller zollten, wohltuende Schmeicheleien, von denen er nicht genug kriegen konnte. Wir lobten die Stabilität und Qualität des Rollers. „Darauf kann man bestimmt zu zweit fahren!“, sagten wir ihm. Wir erklärten Manfred wie das gehen soll. Also, ich stelle meinen linken Fuß auf die Hälfte des Trittbrettes, fasse den Lenker mit den Händen ganz außen an und du stellst deinen rechten Fuß auf das Trittbrett neben meinen linken Fuß. Deine Hände fassen den Lenker links und rechts neben meinen Händen an. Dann treten wir gemeinsam, du und ich auf Kommando, ok?
Das ging ganz toll. Wir wechselten links und rechts. Nun waren wir schneller und ausdauernder. Das ganze war schön und gut, aber wir waren vier Freunde. Schade, dass zwei immer warten mussten bis die anderen zwei immer warten mussten, bis die anderen zwei wieder da wieder kamen. Einmal um den Häuserblock war abgemacht. Aber bald wurden es zwei Häuserblocks und so weiter. Das Warten auf den Roller dauerte immer länger. Da kam ich auf die Idee, eigentlich könnte man ja zu dritt, nein zu viert auf dem Roller fahren. Da kamen sie um die Ecke gerollert, strahlende Gesichter. Stolz und begeistert berichteten sie, wie sie im Barmbeker Nachbarstadtteil Winterhude bis in die Karlstraße und an die Aussenalster gefahren waren. Die beiden aufgeregten Erzähler Manfred und Kurt schauten ganz irritiert, als Erik und ich den beiden Vorwürfe machten, uns so lange warten zu lassen. Wir wollten ja schließlich auch mal Roller fahren. Uns fehlte jedwede Einsicht, dass ja Manfred Eigentümer und Besitzer des Tretrollers ist. Ich machte ihm klar, dass er sich seinen Tretroller sonst wo hin schieben kann. Dann sagte ich ihm, mit der überzeugenden Logik eines Zehnjährigen, mein Fußball macht doch auch nur Spaß , wenn wir alle zusammen spielen. Er soll seinen Roller nehmen und alleine damit spielen. „Schuftig“; dachte ich, das wird eine einsame Nummer. Wo Manfred ganz offensichtlich uns brauchte um anzugeben. Ein Angeber braucht ja Zuhörer und wenn wir drohten ohne ihn zu spielen? Mit dem Argument gruben wir ihm das Wasser ab. Verlegen sagte Manfred: „Nun könnt ihr doch fahren.“ „Ja, ja“, sagte ich: Und wenn wir dann zu lange weg sind, machst du ein lautes Geschrei um deinen Roller.“ So zankten wir noch eine Weile. Dann sagte ich: „ Du Manfred ich hätte da eine Idee. Ich weiß wie wir alle vier auf dem Roller fahren können.“ „Kommt überhaupt nicht in die Tüte“, sagte Manfred;“ nicht mit meinem Roller!“ Erik und Kurt wurden neugierig; „Wie denkst du dir das, erzähl es uns!“ So nett gebeten, ließ ich mich nun herab, meine Idee und mein Vorhaben in den schönsten Farben und der Leichtigkeit, mit der es zu machen ist zu erzählen. Also, ich denke, Kurt setzt sich auf das Trittbrett mit den Beinen nach vorne. Mit den Händen hält er sich an der Lenkerstange fest. Seine Beine legt er über Kreuz um die Lenkerstange auf dem Schutzblech vom Vorderrad ab. Nun stellen Erik und Manfred sich wie gehabt mit den Füßen je zur Hälfte auf das Trittbrett und die Füße ein bisschen unter den Po von Kurt. Die Arme über Kreuz mit den Händen am Lenker festhalten. „Und du, wie willst du mitkommen?“ „Ja“, sagte ich; „ ich setze mich auf den Gepäckträger, für meine Füße ist noch ein bisschen Platz hinter euch, auf dem Trittbrett. Festhalten werde ich mich an euren Hosenträgern und Gürtel.“ „Ausprobieren, Ausprobieren“, schrien Erik und Kurt begeistert. Manfreds Gejammer: „Mein Roller, mein Roller wird durchbrechen“, stoppte unsere Euphorie. "Dein Roller durchbrechen; du spinnst ja, der ist so stabil. Schau dir diese Eisenrohre an, wie stabil die verschweißt sind. Der Roller bricht niemals zusammen, der trägt uns vier mit Leichtigkeit."

Roller Sohnemann mit Freunden

„Der Jürgen Bruns hat doch auch so ein Roller“, sagte Kurt; „weißt Du, was ich gesehen habe, seine Mutter holt immer Kohlen von Schiller und Brooks. Einen Zentner Brikett stellt sie auf das Trittbrett des Rollers. Und wenn es da oben an der Straße leicht bergab geht, dann stellt sie sich auch noch auf den Roller und rollert die Straße runter.“ Das war zwar nur die halbe Wahrheit. Denn der Tretroller von Jürgen Bruns hatte seitdem einen Knick im Rahmen und das Trittbrett schleifte dann und wann auf dem Straßenpflaster. Auch der Lenker hatte nun eine neue Form angenommen. Aber all das musste Manfred nicht wissen. Also lobten wir wieder seinen Roller, seine Stabilität, seine Qualität. Seine Bedenken wurden von uns zerstreut. Unsere Zusage reichte ihm, wenn der Roller zusammenbricht, müssten wir ihn bezahlen. „Aber natürlich!“, sagten wir alle. Gedacht habe ich aber wovon? Meine Mutter und wir vier Kinder, wir waren arm. Die erste Probefahrt verlief sofort so gut, als ob wir das immer schon so gemacht hätten. So, nun musste keiner mehr auf die anderen warten. Es war toll, als ich zum ersten Mal unsere Straße Wilhelm Adolph Passage mit meinen Freunden auf dem Roller verließ.

Wilhelm Adolph Passage

Raus aus Barmbek

Die Fahrt ging über die Straßen Beim alten Schützenhof über die Bachstraße in die Heinrich-Hertz Straße an Trümmerfelder und Ruinen vorbei. Am gewaltigen Wasserturm im Winterhuder Weg, Ecke Heinrich Hertz Straße machten wir staunend eine kleine Pause. Diesen riesigen Backsteinturm hatten wir immer von Weitem in der Trümmer- und Ruinenwüste gesehen. Nun standen wir am Fuße dieses Wasserturms, staunten über dieses gewaltige und fast unbeschädigte Bauwerk.
Unbeschädigte Häuser aus dem Krieg gab es nicht all zu viele in Barmbek. Hier auf der Uhlenhorst sah es schon besser aus. Am Hofweg gingen wir in ein Teppenhaus, die Tür stand auf. Für unsere Kinderaugen, die nur Trümmerwohnungen und Nissenhütten gesehen hatten, was das hier ein Palast. Bunte Fliesen, reicher Stuck an der Decke und zwei große Spiegel im Flur des Hauses, die genau gegenüber an den Flurwänden waren. Wenn man hineinschaute, sah man seinen Hinterkopf und ganz viele davon im Spiegel bis in die Unendlichkeit, meinten wir. Unsere Bewunderung war wohl zu laut und wir wurden von einem Bewohner auf die Straße gejagt.
Weiter ging die Fahrt durch die Karlstraße an die Außenalster. Welch ein schöner Anblick. Mein erster See, den ich sah. Nun sahen wir alle das, was wir von den Älteren in der Straße gehört hatten. Fantastisch, es war schön, es war super schön. Begeistert rollerten wir zurück in unsere kleine Welt der Wilhelm Adolph Passage und erzählten lautstark den Kindern, die noch nie aus der Straße weg waren, unsere Eindrücke. In der Passage gab es zu der Zeit sehr viele Kinder, die mit ihren Eltern durch die Folgen des Krieges nach Hamburg geflohen waren. Die waren in Hamburg noch nicht weit rumgekommen. Wir fühlten uns als Entdecker, waren wir doch auch, oder? Dieser Ausflug war schön und unvergessen. Auf dem Roller ging es wunderbar, denn wir wechselten uns ab, im Treten oder Sitzen. Jeder von uns konnte jeden Platz einnehmen. Wir waren ein Rollerteam geworden. Bald war die nähere Umgebung erforscht, dann ging es in eine andere Himmelrichtung. Wir wollten nun einmal Hamm kennenlernen.
Unsere Neugier auf andere Stadtteile haben wir von den älteren Jungen in unserer Straße, die schon auf Fahrrädern im zerbombten Hamburg unterwegs waren, um aus den Ruinen Buntmetall zu bergen. Kupfer aus altem ausgeglühten Bergmannsrohr, das sind die Stromkabel in den Ruinen, das war eine gute Geldquelle. Die Schrotthändler zahlten gute Kilopreise. Auch wir wollten unser Glück versuchen. Die Erzählungen der älteren Jungen kam der Dichtung näher als der Wahrheit. Wir fanden kein Kupferkabel in den Ruinen, das hatten schon längst die Bewohner der Keller in den Ruinen eingesammelt. Aber das wussten wir noch nicht, als wir vier uns auf den Weg mit dem Roller machten. Wir fuhren von der Wilhelm Adolph Passage über die Hamburger Straße entlang dann ging es die Wagnerstaße bis zur Wandsbeker Chaussee in die Ritterstraße bis zur Sahling. Das fanden wir lustig, denn Manfred hieß mit Nachnamen auch Sahling. Auch dieser Stadtteil war im Krieg schwer getroffen. In den Straßen standen Nissenhütten, in den Ruinen lebten und wohnten Menschen. Es gab wenige Häuser, die noch heile waren. Aber die Aufbauarbeiten waren schon überall zu sehen. Wir rollerten nun nicht mehr, wir schoben den Roller, um nach Beute in den Trümmern zu schauen. Aber wir entdeckten und fanden keine Kupferleitungen mehr.

Nissenhütten in Trümmern

Was esst ihr da?

Uns fiel aber auf, dass viele Kinder in den Trümmern Steine kloppten. Und am Straßenrand standen viele aufgestapelte geputzte Steine. An einem dieser Steinstapel standen drei Jungen und machten Pause. Sie aßen etwas gelbes, wir fragten sie: „ Was esst ihr den da?“ „Bananen!“ Wir hatten von Bananen gehört, aber noch nie gesehen, geschweige gegessen. „Mann, wo habt ihr die denn her?“, fragten wir die Jungs. „Aus dem Freihafen.“ Nun erzählten sie stolz, wie man an die Bananen kommt. Bereitwillig und auch etwas stolz, dass sie schon pfiffig genug waren, sich wie selbstverständlich Bananen aus dem Freihafen zu holen. Wir müssen wohl sehr fragend aus der Wäsche geschaut haben. Nun klärten sie uns auf: Im Freihafen kämen so viele Dampfer mit Bananen aus Südamerika und Teneriffa an. Und dass die Bananen grün sind, wenn sie in Hamburg ankommen. Zwischen den grünen Bananen sind oft gelbe Bananen, also reife Bananen und die müssen da raus, sonst werden die grünen auch noch zu schnell reif. Und beim Transport durch Deutschland würden sie alle verfault beim Obsthändler ankommen. So, und diese gelben, schon reifen Bananen kann man sich vom Bananenschuppen holen. Wir ließen uns den Weg beschreiben. „Ganz einfach immer der Straßenbahn Linie fünfzehn folgen über die Elbbrücken bis zur Veddel, dann am Zoll vorbei in den Segelschiffshafen.“ Das reichte uns, diesen Tag rollerten wir zurück nach Barmbek. Auf dem Roller machten wir schon lautstark Pläne, in den Freihafen zu rollern, um uns jede Menge Bananen zu holen. Unsere Familien sollten Bananen kriegen und so viel essen, bis es ihnen aus den Ohren wieder rauskommt. Wir lachten uns schimmelig und vergaßen fast das Treten. Schweigend bogen wir in unsere Passage ein. Wir hatten ein Geheimnis, wir hatten einen Plan. Es waren schöne Sommertage und zu unserem großen Glück auch noch Schulferien. Wenn Manfred mit seinem Roller nicht da war, weil er mit seinen Eltern irgendeinen Besuch bei einer alten Tante machen musste, dann spielten wir in den Trümmern der Ruinen. Manchmal gruben wir in den Trümmern nach etwas Brauchbarem. Im Schutt und Geröll war so manches Stück Porzellan eingebacken. Ich fand beim Graben in diesem Schutt so manches brauchbares Porzellan. Das waren Eierbecher, Teller, Kaffeekannen und sogar eine große Zuckerdose aus Porzellan. Diese Porzellandose habe ich verschenkt an meine Tante Martha. Dort hat sie gute Dienste getan. Oft stand sie auf dem Tisch und wir Kinder haben uns daraus Zucker aufs Magarinenbrot gestreut. Köstliche Erinnerungen werden wach. All das hatte seinen Reiz verloren gegenüber unserem Plan, im Freihafen vom Bananenschuppen Bananen zu holen.

Freihafen

Mit dem Roller in den Freihafen

Wir wussten, so einfach wird das nicht. Die erste Hürde ist es, in den Freihafen zu kommen, am Zoll vorbei. Genau wo die Amerikastraße und das Amerikahöft ist, da sollte der Bananenschuppen sein. Es war eine uns unbekannte Gegend. Es war spannend, als wir eines Tages los fuhren. Wir hatten niemandem etwas davon erzählt. Wir hatten gelernt aus unseren Erfahrungen mit der Kupferdrahtsuche in Hamm. Wenn man alles erzählt, dann gehen wieder zu viele Kinder los und dann gibt es vielleicht keine Bananen mehr. Wir wollten in unserer Straße die Ersten sein. Nach dem Frühstück trafen wir vier uns. Unser Kunststück zu vier auf einem Tretroller zu fahren, war für unsere Eltern schon ein gewohnter Anblick. Wir sagten Ihnen, wir fahren ein bisschen rum und wollten nicht zum Mittagessen zurück sein. In den Ferien hatte meine Mutter dafür Verständnis und die Mütter meiner Freunde auch. Nun ging es auf große Fahrt Richtung Mundsburg und dann der Straßenbahnlinie Nummer fünfzehn nach. Über Berliner Tor, den großen Elbbrücken bis zur Veddel. Dort fragten wir gleichaltrige Kinder, wie wir zum Bananenschuppen gelangen könnten. Die erzählten uns, dass wir nicht alle zusammen an den Zollbeamten vorbeigehen sollten. Zu zweit sollten wir gehen und wenn wir gefragt werden, „Wohin?“, sollten wir sagen „Meine Tante wohnt in der Amerikastraße, wir sind da auf Besuch.“ So machten wir es. Im Abstand von fünf Minuten gingen wir am Zollbeamten vorbei. Wir wurden gar nicht beachtet, mein Herz bubberte und es gab keinen Grund Angst zu haben. Wir trafen uns circa hundert Meter hinter dem Zoll. Außer Sichtweite vom Zoll nahmen wir unsere Plätze auf dem Tretroller wieder ein. Mann - waren wir glücklich. Wir waren im Freihafen.

In uns sang das Lied der Cowboys yiipiee yaa yaa yiepiee yaa yaa. Was waren wir doch für tolle Kerle, wir zehnjährigen Barmbeker Brieten. Nun sahen wir, was der Krieg im Freihafen alles zerstört hatte: Kaimauern mit großen Bombentrichtern, abgebrannte Ladeschuppen, von denen nur die Verwaltungsgebäude stehen geblieben waren. In einigen wohnten Familien. Ich wusste da noch nicht, dass ich ganz dicht bei Onkel Fiete und Tante Anna in der Amerikastraße vorbei rollerte. Die waren auch ausgebombt und hatten in der Amerikastraße in so einem Verwaltungsgebäude am Ende eines ausgebrannten Schuppens eine Notwohnung bekommen. Auf diesen abgebrannten Schuppen wuchsen schon Büsche und Bäume. Auf den Eisenbahnschienen standen uralte Waggons. Das sahen wir alles, als wir Kinder diese unglaublich lange Amerikastraße entlang rollerten, immer weiter zum Amerikahöft. Wir sahen Schiffmasten, Schornsteine von qualmenden Dampfern, Kräne, die sich drehten und Ladung aus dem Schiffsbauch an Land setzten. Aber keine Bananen, wir rollerten weiter. Endlich ein großer Schuppen und ein schneeweißes Schiff.

Bananendampfer

Im Bananenschuppen

Wir hatten gehört, die Bananendampfer sind alle weiß angestrichen. Wir sahen viele Hafenarbeiter, die grüne Bananenstauden auf Karren in die Schuppen brachten. Alle liefen geschäftig durcheinander, alle arbeiteten. Nur zwei Männer mit einer Schirmmütze, einer mit einem dicken Goldrand und einer mit einem dünnen Goldrand, standen nur rum, sahen nur zu. Hin und wieder gab der eine oder andere Anweisungen an die Arbeiter. Die hatten wohl das Sagen, da trauten wir uns nicht hin. Also zogen wir uns erstmal zurück. Nun umrundeten wir den Bananenschuppen, wir hatten nur einen Gedanken, wie kommen wir da rein. Von der Straße kam auf einmal unsere Chance. Ein LKW verließ die Ladeluke vom Schuppen und in der Luke stand ein Arbeiter, der sah uns an:“Na, was macht ihr denn hier?“ Wir sagten ihm: „Wir wollen ein paar gelbe Bananen!“ „So, dann kommt mal mit“, forderte er uns auf. Wie die Blitze waren wir bei diesem Arbeiter in der Ladeluke vom Schuppen. Jetzt konnten wir gut in den Bananenschuppen sehen. Mann, war der groß, ich glaube zwei Fußballfelder reichen nicht, um die Größe zu beschreiben. Eine riesige Halle, in der Eisenbahnwaggons auf Eisenbahnschienen wie in einem Bahnhof eingefahren waren. An jedem Waggon waren Arbeiter damit beschäftigt, Bananen einzuladen. Es herrschte ein emsiges Treiben. Die Arbeiter sortierten an Fließbändern die Bananenstauden und schnitten die gelben, reifen Bananen ab.

Bilder Bananen im Freihafen

Mit Schwung flogen die reifen Bananen in eine stählerne Abfallkiste, die schon so voll war, dass die Bananen wieder auf den Hallenboden fielen. Dort wurden sie von den Elektrokarren, die mit Bananen beladen in der halle hin und her fuhren, breit gefahren. Schade um diese schönen Bananen, dachten wir. Der Arbeiter sah unser Staunen: „ Das muss sein!“ sagte er uns, „ Die gelben Bananen können keine Reise im Land per Eisenbahn antreten. Dann haben die Kaufleute großen Schaden und Verlust. Also weg damit.“ Aber wir vier waren an diesen gelben Bananen sehr interessiert. Bei uns brauchen sie keine Reise durch das Land machen. Nur eine kurze durch unseren Bauch und nach Barmbek, dachte ich. Uns lief das Wasser im Munde zusammen. Der Arbeiter, der uns in den Bananenschuppen hineingelassen hatte, stand neben uns. Lachend zeigte er auf die gelben Bananen. „Ihr wollt doch Bananen, nehmt soviel Hände wie ihr wollt.“ Was sollten wir nehmen? Wir verstanden nur noch Bahnhof. „Hände, Jungs“ , sagte er und klärte uns auf. Hände das sind die zusammengewachsenen Bananen am Stamm der Bananenstaude. Wenn sie gelb waren, wurden sie von der Bananenstaude abgeschnitten und weggeworfen, das waren denn mal eben ca.10 Bananen auf einmal. Mit einem Handgriff hatte jeder von uns zehn Bananen gegriffen. „Nehmt mehr!“, forderte uns der Mann auf; „Aber lasst euch nicht vom Schuppen-Vizen schnappen. Der mag nicht, dass hier Kinder herumlungern, wo so viele Karren hin und her rollen. Karren geschoben von Heerscharen von Hafenarbeitern, wie leicht kann es in diesem Gewühl zu einem Unfall kommen. Schnell packte sich jeder zwei Hände Bananen und nichts wie weg zu unserem Tretroller.

Alter Löschplatz

Zurück nach Barmbek

Da stand unser guter Tretroller und wir wie begossene Pudel davor. Wie sollten wir denn fahren mit all den „Händen“ Bananen in unseren Händen. Es war doch Sommer und sehr warm, wir hatten nur Turnhosen und ein Unterhemd und Sandalen an. An Beutel oder gar Rucksack hatte keiner von uns gedacht. Ich machte den Vorschlag: einer von uns schiebt den Roller und wir tragen seine Bananen mit. Ungefähr dreihundert Meter von hier hatte ich einen in Kriegstagen abgebrannten Schuppen gesehen. Der war schon ganz verwildert. Birken und Büsche hatten sich dort schon angesiedelt. Da gab es Schatten, dort werden wir eine Pause machen und Bananen „satt“ essen. Es war ein guter schattiger Platz , den wir fanden. Alte schrottreife Eisenbahnwaggons standen auf den Schienen vor den Resten dieses abgebrannten Schuppens, auch die mussten wir inspizieren. Die Waggons hatten alle ein „Bremser-Häuschen“. Die Bremskurbel war kinderleicht zu bedienen, es machte wirklich Spaß daran rumzukurbeln. Auf einmal merkten wir , dass die Waggons „gaaanz laangsam“ in Bewegung kamen. Geistesgegenwärtig drehten wir die Bremskurbel wieder zurück und die alten Güterwaggons standen wieder. Da hatten wir genug von diesem Abenteuer. Schnell liefen wir wieder zu unserem Roller und den Bananen. Wir hatten schon jeder eine Banane in den Händen beim Inspizieren der alten Güterwaggons und ließen sie uns schmecken. Aber nun setzten wir uns auf den Boden im Schatten einer Birke. Jeder von uns hatte so zwanzig Bananen vor sich liegen und nun aßen wir einige davon mit Genuss. Wir beteuerten uns gegenseitig, so etwas tolles noch nie gegessen zu haben. Beinahe gierig stopften wir sie in uns hinein. Festschmaus auf der Ruine eines alten ausgebrannten, ausgebombten Kaischuppens. Aber bei mir war nach der dritten Banane Schluss. Ich konnte nicht mehr. Nur der kleinste von uns, Kurt, der schaffte eine vierte Banane. Damals habe ich sehr gestaunt. Heute glaube ich, Kurt hat sich schlichtweg verzählt. Wir hatten einen guten versteckten Platz. Müdigkeit breitete sich aus und wir streckten uns im Schatten dieser Büsche und jungen Bäumen wohlig aus, dösten und schliefen in dieser sommerlichen Nachmittagssonne ein. Es war alles so friedlich, so ruhig. Wir waren so satt, wie lange nicht mehr. Der süße Geschmack auf der Zunge und das Bewusstsein, ein unvergessliches Abenteuer erlebt zu haben, gab uns das Gefühl von inniger Zufriedenheit. Volle Bäuche, erschöpft vom neu entdeckten, schliefen wir vier doch tatsächlich ein, bis wir wieder etwas fröstelnd wach wurden. Die Sonne hatte ihre Mittagskraft verloren. Nun hatten wir es aber eilig, nach Hause zu kommen. Wie nun aber die Bananen transportieren? Wir hatten doch nur Turnhose und Unterhemd an. Kurt, unser Kleinster und Jüngster, hatte in dem Waggon ein etwas dickeres und längeres Band gesehen. Er holte es. Mit einer Glasscherbe, von einem Fenster, teilten wir uns diesen Strick. Es war lang genug, für jeden von uns, daraus einen Strickgürtel zu machen. Jeder machte sich einen stramm sitzenden Gürtel über das Unterhemd aus diesem Strick. Die Bananenhände steckten wir von oben unter unsere Unterhemden. Die Bananen beulten unser Unterhemd gewaltig aus, jeder konnte sehen, was wir da unter unseren Unterhemden transportierten. So fuhren wir vier auf unseren Ballontretroller los. Etwas hinderlich waren die Bananen unter den Unterhemd und auf der Haut. Aber wir hielten öfters an, um den Sitz der Bananen zu verändern und zu sichern. So kamen wir am Zoll an. Ein älterer Zollbeamter stellte sich uns in den Weg: „Halt, Halt, habt ihr was zu verzollen?“, fragte er uns. Verzollen? Wir verstanden nicht, was er meinte, aber Angst hatten wir nun doch, dass er unsere Bananen haben wollte. Wir fragten ihn, was verzollen bedeutet? Dann klärte er uns auf, dass man nichts ohne Verzollen aus dem Freihafen bringen darf. Und das Verzollen kostet Geld. Und wer nicht verzollt und erwischt wird, ist ein Schmuggler. Und Schmuggler werden bestraft und kommen ins Gefängnis. Unser Herz rutschte uns in die Turnhose vor Schreck, wir sahen unsere Bananen schon verloren, da kam ein jüngerer Zollbeamter auf den älteren Kollegen zu. „Mensch Kuddel, de Jungs hebt doch nur gele Bananen, morgen sind die schlecht und vergammelt. Das ist doch nur Fegsel“, meinte der junge Zollbeamte mit einem Augenzwinkern zu dem altgedienten Zollbeamten. Der sagte mit hochgezogenen Augenbrauen zu uns: „So, so Fegsel habt ihr da, naja, dann will ich mal heute ein Auge zudrücken. Ab mit euch Brieten, ich will euch nicht noch mal erwischen!“ Lachend gab er uns den Weg frei. Vier Kinderherzen, eben noch zitternd, bubbernd, jubelten innerlich auf und ungeahnte Kräfte brachten uns von der Veddel mit dem Roller nach Barmbek, in die Wilhelm Adolph Passage.

Kindergruppe

Die Beute wird verteilt

Dort angekommen mit unserer Beute, unseren anderen Spielkameraden stolz die Bananen zeigend, aber nicht eine abgebend, habe ich meiner Mutter siebzehn Bananen auf den Küchentisch gelegt. Wir waren sechs Personen im Haushalt, die sich alle über diese Südfrüchte freuten. Da wurde die Klingel an der Tür gedreht. Unsere Nachbarin Frau Holze stand vor der Tür: „ Frau Sohnemann, ich habe gehört, Günter hat Bananen aus dem Freihafen geholt. Darf ich ihn fragen, wo und wie er das gemacht hat?“ Sie durfte und ich erzählte alles genau, was wir heute gemacht hatten. Nur vom Zoll erzählte ich nichts. Das klang ja alles sehr einfach. „Morgen schicke ich meinen Mann in den Feihafen mit dem Fahrrad zum Bananen holen.“ Dabei schaute sie auf den Küchentisch, wo meine, unsere Bananen lagen. „ Ach, Frau Sohnemann, können sie mir heute ein paar Bananen ausleihen? Sie bekommen sie morgen wieder, von den Bananen, die mein Mann morgen mit dem Fahrrad aus dem Freihafen holt.“ Meine Mutter zählte die Bananen durch und gab Frau Holze fünf Bananen. So hatte jeder von uns zwei Bananen zum Verzehr. Was ich so auch in Ordnung fand. Die Holzes waren fünf Personen. Für die Kinder waren es die ersten Bananen in ihrem Leben und nach dem Krieg. Was noch anzumerken ist: Am nächsten Tag war das Fahrrad von Herrn Holze kaputt, am nächsten Tag darauf auch. Dann war alles wieder heile, aber er hatte keine Zeit, in den Freihafen zu fahren, er hatte Arbeit bekommen. Und in den Geschäften bei den Grünhöckern waren sie jetzt regelmäßig im Angebot, die Bananen. Mir bleibt nur noch zu berichten, dass der Tretroller von Manfred bald auch so ausgesehen hat wie der von Jürgen Bruns, dessen Mutter mit dem Roller öfters Brikett vom Kohlenhöcker geholt hatte. Aber an Weihnachten war für uns alle ein Ballontretroller unter dem Weihnachtsbaum. Unsere Trittbretter waren alle gerade. Nur das von Manfred zeigte nach unten. Als er über dieses Aussehen jammerte, haben wir ihm erzählt: „Das sieht doch viel besser aus, als unsere gerade Bretter.“ Ich weiß bis heute nicht, ob er uns das abgenommen hat. Aber ein dufter Spielkamerad war Manfred allemal.

Hamburg, 2010 Günter Sohnemann