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	<title>Geschichtswerkstatt Barmbek, Geschichte lebendig erleben.</title>
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		<title>Barmbek Erinnerungen von Wolfgang Wunstorf</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gerd Radzinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 14:27:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>
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					<description><![CDATA[Barmbek Erinnerungen von Wolfgang Wunstorf Frühling mit 7 am Rübenkamp (1961) Die schwergängige Haustür stemmt er nur ein wenig auf, gerade weit genug, um sich aus dem dunklen Treppenhaus ins [&#8230;]]]></description>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Frühling mit 7 am Rübenkamp (1961)</h2>				</div>
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									<p>Die schwergängige Haustür stemmt er nur ein wenig auf, gerade weit genug, um sich aus dem dunklen Treppenhaus ins Freie zu winden. Hinter ihm liegt eine flinke Abfahrt am Treppengeländer aus dem 3. Stockwerk, so schnell und gewandt, wie es wohl kein anderer Siebenjähriger im ganzen Mietsblock vom Rübenkamp 80 a-c fertig bringen könnte. Er beherrscht das meisterhaft. Den angewinkelten Arm über den polierten Handlauf eingehängt, einen Fuß abstoßbereit gegen die Stufenkante gestemmt, noch einmal ruhig durchatmen, die Stille im Treppenhaus prüfen, und wenn die alten vergilbten Wände ihm dann aufmunternd zunicken, geht es schwungvoll hinunter bis zur ersten Wende. Die Richtungswechsel zwischen den Stockwerken verlangen besonderes Geschick, damit alle Bewegungen bis zum Parterre im Fluss bleiben.</p><p> </p><div align="left"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-66 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/1-Gelaenderhp.jpg" alt="Gebogener Treppenhandlauf aus Holz, modern geformt, in Schwarzweiß" width="222" height="318" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/1-Gelaenderhp.jpg 222w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/1-Gelaenderhp-200x286.jpg 200w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/1-Gelaenderhp-105x150.jpg 105w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/1-Gelaenderhp-209x300.jpg 209w" sizes="(max-width: 222px) 100vw, 222px" /></div><div align="left"><p>Geländer im Rübenkamp</p><p> </p><p>Heute hat er sicher eine Bestzeit erzielt. Niemand war ihm unterwegs begegnet, der zu grüßen gewesen wäre und damit die Rekordfahrt verdorben hätte. Es ging rasant durch alle Etagen, und sein schnellster Pullover garantierte wie schon so oft höchstes Tempo. Der blaugraue Pulli zeigte nicht mehr viel her, an den Ellenbogen war er schon mehrmals von der Oma gestopft worden, aber kein anderes Kleidungsstück glitt so wunderbar auf dem hölzernen Handlauf. Ganz sicher wäre er heute Sieger geworden, hätte sich ein Herausforderer mit ihm messen wollen, soviel stand fest. Also nahm sich Winfried etwas von dem stolzen Gefühl, das für die Gewinner bestimmt ist. Das Treppenhaus freute sich still mit ihm, er konnte es spüren. Nun entlässt es ihn in einen frischen und hellen Apriltag und wartet mit der Duldsamkeit betagter Gemäuer auf seine Rückkehr.</p></div><p>Er trabt zu der großen Linde auf dem Platz vor dem Haus, einem der beiden wichtigsten Treffpunkte aller Kinder der umliegenden Mietsblöcke. Tagsüber bietet der Platz eine freie Spielfläche. Die Mädchen spielen dort Geschichtenball und Gummitwist, die Jungen Fußball oder Messersteck, und alle zusammen spielen Kriegen, Verstecken oder Kippelkappel, eines der schönsten Spiele überhaupt. Erst abends parken dort einige Väter ihre Autos. Ein Opel Olympia, ein DKW und der graue Goliat der Nachbarn stehen dann dort. Auch Winfrieds Vater stellt jeden Tag nach der Rückkehr aus dem Büro seinen Wagen auf dem Lindenplatz ab. Vor zwei Wochen war er mit der neuen Arabella nach Hause gekommen. Alle haben sie bestaunt. Kein Vergleich mit dem Lloyd 600 zuvor, da war man sich einig.</p><p> </p><div align="left"><p><img decoding="async" class="alignnone wp-image-67 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/2-Arabellahp.jpg" alt="Front eines Oldtimers mit großem Scheinwerfer und glänzendem Kotflügel" width="258" height="318" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/2-Arabellahp.jpg 258w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/2-Arabellahp-200x247.jpg 200w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/2-Arabellahp-122x150.jpg 122w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/2-Arabellahp-243x300.jpg 243w" sizes="(max-width: 258px) 100vw, 258px" /></p></div><div align="left">Die Arabella</div><div align="left"> </div><div align="left"> </div><div align="left">Die zweite bevorzugte Anlaufstelle der Kinder und Ausgangspunkt der meisten Spiele ist die kleine plattenbelegte Fläche hinter der nächsten Ecke des Blocks, im Grögersweg vor den drei Ladengeschäften: Milchmann, Schlachter, und, von ganz besonderem Reiz, der Laden der Familie Dahlheim. Dort gibt es Zeitungen, Zigaretten, Schreibwaren, Naschkram aller Art und Fußballbilder zum Sammeln. Ein wundervoller Laden, in dem auch die jüngsten Kunden für voll genommen und mit Ernsthaftigkeit bedient werden. &#8222;Eine, zweie, dreie, …&#8220; Herrn Dahlheims Dialekt beim leisen Abzählen von Bonbons oder Papierbögen ist ihm bei jedem Einkauf eine friedvolle und wärmende Melodie. Hinter den Läden führt eine Treppe abwärts zum kleinen Friseursalon von Herrn Giese. Dort halten sich die Jungs weniger gern auf, aber von Zeit zu Zeit schicken die Mütter sie dorthin: &#8222;Ein Faconschnitt, bitte.&#8220;, heißt es dann, und um die Ohren herum wird gnadenlos rasiert.</div><div align="left"> </div><p><img decoding="async" class="alignnone wp-image-71 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/6-Ladenreihehp.jpg" alt="Ladenzeile mit mehreren Türen, Treppenstufen und auffälligem Backsteinmuster" width="318" height="232" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/6-Ladenreihehp.jpg 318w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/6-Ladenreihehp-300x219.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/6-Ladenreihehp-150x109.jpg 150w" sizes="(max-width: 318px) 100vw, 318px" /></p><p>Die Ladenzeile</p><p> </p><p>Winfried guckt sich am Lindenplatz und vor den Läden um, aber von den Spielkollegen zeigt sich niemand. Vielleicht liegt es daran, dass noch Mittagszeit ist. Er blickt suchend den Grögersweg bis zur Schule Fraenkelstraße herunter, er geht dort in die erste Klasse, bummelt dann zwischen Laden und Linde hin und her, sieht durch das Schaufenster des Milchmanns auf die große Uhr hinter dem Tresen, erwägt und verwirft den Gedanken, Uwe herauszuklingeln &#8211; seine Mutter lässt ihn immer deutlich merken, dass das mittags störend ist &#8211; und beginnt ein wenig zu frösteln. Die Aprilsonne kann erst am Nachmittag den Lindenplatz bescheinen, jetzt ist es dort noch schattig und kühl. Winfried steckt die Hände in die Taschen seiner Lederhose, fühlt die 20 Pfennig vom letzten Taschengeld und die Glasmarmeln, die er sich vorhin eingesteckt hat.</p><p> </p><div align="left"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-68 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/3-Schulehp.jpg" alt="Eingang einer Volksschule mit breiter Tür und Skulptur, Schrift über dem Portal" width="318" height="298" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/3-Schulehp.jpg 318w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/3-Schulehp-300x281.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/3-Schulehp-150x141.jpg 150w" sizes="(max-width: 318px) 100vw, 318px" /><br />Schulgebäude</div><div align="left"> </div><div align="left"> </div><div align="left">Mit dem Frühjahr beginnt die Zeit der Marmelspiele. Winfried freut sich nach dem doch eher langweiligen Gekuller im Winter, drinnen auf dem Teppich und oft allein, nun wieder auf spannende Partien um einen richtigen &#8222;Pott&#8220;: Um den verlockenden Inhalt einer mit den eingesetzten Marmeln gefüllten Erdmulde. An den Wegrändern vor den Mietshäusern hatte er schon vor ein paar Tagen die ersten Mulden gesehen. Da hatten wieder harte Hackenabsätze als Erdbohrer gedient und kundige Hände die Ränder glatt geklopft. Um wieviel mag gespielt worden sein? Um 3 oder 5 Marmeln? Oder gar um 10? Wenn drei Jungs um 5 Marmeln spielen, liegen am Ende 15 im Pott. Eine überaus spannende Sache. Und anders als beim Fußball kommt es dabei nie auf Körpereinsatz an, nein, hier ist Geschicklichkeit gefragt.</div><div align="left"> </div><div align="left"> </div><div align="left"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-69 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/4-Marmelnhp.jpg" alt="Mehrere Glasmurmeln liegen auf sandigem Boden vor einer Mauer, Nahaufnahme" width="318" height="203" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/4-Marmelnhp.jpg 318w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/4-Marmelnhp-300x192.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/4-Marmelnhp-150x96.jpg 150w" sizes="(max-width: 318px) 100vw, 318px" /></div><div align="left">Marmeln</div><div align="left"> </div><div align="left">Winfried behält die Hand in der rechten Hosentasche und ertastet die unterschiedlichen Marmelgrößen. Er hat einige Einer und Zweier, aber auch eine Dreier eingesteckt. Oben in seiner Zigarrenkiste lagern noch weitere Marmeln, genug, um mehrmals die Hosentaschen zu füllen. Eine tiefblaue Fünfer ist seine schönste und größte, niemals würde er diese Prachtmarmel im Spiel einsetzen. Kürzlich konnte er seinen Bestand auf ganz besondere Weise aufstocken: Einer der großen Jungen aus der Nachbarschaft, dem Alter des Marmelspiels entwachsen, entleerte auf dem Lindenplatz seine prall gef¨llten Jacken- und Hosentaschen auf den Erdboden und übergab auf diese Weise seine Marmeln dem Nachwuchs. Was für eine großartige Aktion!</div><p>Winfried schaut den Plattenweg entlang, der von seiner Haustür 80 c bis zum Rübenkamp führt, doch im Augenblick ist kein Mitspieler zu finden. Er lässt sich vom alten Dahlheim Salmis für 10 Pfennig abwiegen und geht mit der gefüllten Spitztüte in der Hand zum Lindenplatz zurück. Einige Salmis presst er mit der Zunge unter den Gaumen, wo sie sich langsam auflösen. Der Tüteninhalt wird bis zum Nachmittag reichen.</p><p>Mit Schlenderschritt nun zu Milchmann Willing ans Fenster, zuschauen, wie er Butter auf Vorrat abpackt. Klack klack, die hölzernen Spatel stechen und schlagen zackig die abgewogenen Butterportionen in Form, ruckzuck sind sie eingewickelt und aufgestapelt. Dabei die Augenbrauen gewichtig hochziehen und Erklärungen aller Art abgeben, ja, Herr Willing weiß Bescheid, und dass mag er den Hausfrauen auch zeigen. Seine Frau lächelt dazu und bedient die Kunden. Solange ihr Mann im Laden zu tun hat, sagt sie kaum etwas.</p><p>Jetzt kommt Frau Malchow vom zweiten Stock mit gefüllter Einkaufstasche aus dem Laden, wie immer mit ihrem Hütchen auf dem leicht geneigten Kopf. Im Gehen lächelt sie zu Winfried herüber. Er mag sie gern und schaut ihr nach, bis sie im Hauseingang verschwindet. Die Feder auf ihrem Hütchen wippt mit jedem Schritt.</p><p>Noch einmal zurück zum Lindenplatz. Zusammen mit dem Baum auf andere Kinder warten. Wieder Salmis an den Gaumen kleben. Schuhband ist auf. Neue Schleife binden. Erster Versuch ist nichts geworden, also nochmal. Salmitüte in die Tasche stecken. Mal eine Marmel vor das Auge halten: wie wird der bunte Farbstreifen im Innern wohl gemacht?</p><p> </p><div align="left"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-70 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/5-Lindenplatzhp.jpg" alt="Innenhof mit Baum und Backsteinmauer umgeben von mehrstöckigen Wohnhäusern" width="318" height="209" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/5-Lindenplatzhp.jpg 318w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/5-Lindenplatzhp-300x197.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/5-Lindenplatzhp-150x99.jpg 150w" sizes="(max-width: 318px) 100vw, 318px" /></div><div align="left">Lindenplatz</div><div align="left"> </div><div align="left"> </div><div align="left">&#8222;Na Winni, wartest auf wen?&#8220; Winfried hat Gerdi gar nicht kommen sehen. Er ist ein feiner Kerl, schon vier Jahre älter als Winfried, immer fair und fröhlich und in der ganzen Nachbarschaft anerkannt. Er scheint Winfried gern zu haben, denn oftmals sorgt er dafür, dass Winfried mit ihm und den anderen älteren Jungs mitspielen kann. &#8222;Du hast Marmeln dabei?&#8220; Gerdi hat auch Marmeln mit rausgenommen, noch fühlt er sich dafür nicht zu alt. Einen ganzen Beutel voll trägt er bei sich, spielbereit wie Winfried. Doch es fehlen weitere Mitspieler, zu zweit bringt es nicht genug Spaß, eine Partie ist dann zu schnell fertig. Es sei denn, man spielt um viele Marmeln. Ja. Oder um sehr viele. Hm. Um zwanzig Marmeln vielleicht. Genau! Oder um dreißig? Das wäre ein enorm großer Pott. Und hoch spannend. Und der Gewinner, der könnte sich freuen. Eine Riesensache, das müsste man wirklich einmal machen.</div><div align="left"> </div><p>Gerdi grinst. &#8222;Wollen wir …?&#8220; Schlagartig ist Winnfried von begeisterter Erregung erfüllt. Der große Gerdi will ein tolles Spiel machen und nimmt ihn, den so deutlich jüngeren, als vollwertigen Partner an. Von der Partie würde man auf den Straßen tagelang sprechen. Habt ihr gehört, Gerdi und Winni haben um einen Riesenpott gespielt, ja, wirklich! Und Winni hat gewonnen. Oder verloren. Egal, darauf kommt es nun gar nicht an. Natürlich könnte die Partie verloren gehen, es ist sogar wahrscheinlich. Das wäre dann tapfer wegzustecken, dem wäre man gewachsen. Und habt ihr das gehört? Winni hat ohne zu zucken bezahlt. Ja, der hat Format!</p><p> </p><p>Um dreißig also. Abgemacht! Gleich kann’s losgehen. Nur eben schnell hoch und Marmeln nachholen. Bin gleich wieder da.</p><p>Im Laufschritt zur Haustür, rein ins Treppenhaus, hallo, ihr Stufen, da bin ich schon wieder, hab’ was tolles vor, eine Riesenpartie, muss jetzt im höchsten Tempo nach oben, klingeln, Mama, mach auf, muss schnell Marmeln holen, Gerdi spielt mit mir um dreißig, jawohl, staune nur, das wird ne spannende Sache, kannst mir Glück wünschen, und wenn ich doch verlier, ist’s nicht weiter schlimm. Jetzt nur schnell sein, Gerdi wartet unten auf mich &#8211; was für ein Tag!</p><p>Die Mutter schält Kartoffeln und schaut nur kurz auf. Sie hat ihre Sorgen, die er nicht kennen kann und ist heute unerreichbar für seine Begeisterung. &#8222;Nein, ich will nicht, dass Du das spielst.&#8220; Ratscht, das Messer fährt durch eine Kartoffel, die Hälften plumpsen ins Wasser. Die Ablehnung ist endgültig.</p><p> </p><p>Aus. Zerschnitten die Freude mit einem Satz. Der Schreck friert den Bauch ein, danach bohrt stille Verzweiflung. Und unten wartet Gerdi, oder nein: der ganze Frühling wartet auf Winfried. Er soll doch spielen, wagen und wachsen. Eine kleine senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen setzt sich fest und will nicht mehr verschwinden.</p><p>Was nun zu Gerdi sagen? Das Treppenhaus fühlt Winfrieds geknickten Schritt, den zusammengezogenen Blick und kann ihn doch nicht aufhellen. Das einladend glänzende Geländer bleibt unbeachtet. Winfried beugt sich über die Brüstung und schaut durch den breiten Mittelspalt des Geländers in die Tiefe bis zum gefliesten Boden im Erdgeschoss. Ganz ruhig hält er den Kopf, holt tief Luft und nimmt Maß. Dann lässt er einen Klacks Spucke runtertropfen. Und wenn der schnurgerade fällt, nicht am Geländer hängen bleibt und vollständig unten ankommt, dann &#8211; er überlegt kurz die Wette &#8211; ja, dann wird er eines Tages der netten Silke vom Nebenhaus nahe sein können. Vielleicht schon vor dem Winter. Während die Spucke fällt, halten die alten Wände bereitwillig still. Wenn es nach ihnen geht, so soll es glücken. Und verpetzen werden sie ihn auch nicht.</p><p> </p><p>Ein leises, aber deutlich vernehmbares &#8222;klatsch&#8220; aus dem Parterre verkündet den Erfolg seines Wettspiels. Dann dreht Winfried sich um, klingelt ohne viel nachzudenken noch einmal an der Haustür, murmelt zur Mutter etwas von &#8222;Ball aus dem Zimmer holen&#8220;, stopft dort ganz still beide Hosentaschen mit Marmeln voll, hält sich den Ball vor den Bauch und verlässt rasch die Wohnung. Hängt seinen Arm über den Handlauf und startet eine gleichmäßige Rutschpartie bis zum ersten Treppenabsatz. Das Geländer spürt, dass er an Gewicht gewonnen hat seit der Abfahrt vorhin. Und das liegt nicht nur an den Marmeln in den Taschen. Wagen und wachsen. Gerdi, gleich kann’s losgehen!</p><p>Wolfgang Wunstorf, 2018</p>								</div>
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		<title>Barmbek Erinnerungen von Wolfgang Wulff</title>
		<link>https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/barmbek-erinnerungen-von-wolfgang-wulff/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Gerd Radzinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 14:26:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>
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					<description><![CDATA[Barmbek Erinnerungen von Wolfgang Wulff Die ersten Fernsehbilder – in der Nissenhütte Nissenhütten mit Kindergruppe, auf dem Mittelstreifen am Pfenningsbusch, Höhe Stückenstraße/Kraepelinweg.Aufnahme 1953. In der untersten Reihe, linksaußen: Wolfgang Wulff. [&#8230;]]]></description>
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		<title>Barmbek Erinnerungen von Heinrich T.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gerd Radzinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 14:23:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>
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					<description><![CDATA[Barmbek Erinnerungen von Heinrich T. &#8222;Die Kristallnacht&#8220; Die Pose zuckte, rüttelte: Da, jetzt der Biss, die Pose verschwand im naturtrüben Alsterwasser in die Tiefe. Der Anschlag mit der Angelrute folgte. [&#8230;]]]></description>
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					<h1 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Barmbek Erinnerungen von Heinrich T.</h1>				</div>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">"Die Kristallnacht"</h2>				</div>
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									<p>Die Pose zuckte, rüttelte: Da, jetzt der Biss, die Pose verschwand im naturtrüben Alsterwasser in die Tiefe. Der Anschlag mit der Angelrute folgte. „Nichts!“ Heinrich T. war enttäuscht. Diesmal war ihm sicherlich ein großer Brasse entkommen. „Schade!“ Heinrich T. saß schon lange auf dem blechernden, alten, umgedrehten Marmeladeneimer, mit seiner Angelrute aus Bambus, an der Buchtstrasse am Löschplatz am Wasserviereck, welches durch einen kurzen Kanal mit dem Wasser der Außenalster verbunden ist. Hin und wieder wurde die Stille durch Klingeln, Rumpeln und Quietschen der Straßenbahnen gestört, wenn sie vom Mundsburger Damm in die Buchtstrasse abbogen, um nach kurzem Halt, Richtung Lange Reihe zum Hauptbahnhof weiter zu fahren, oder umgekehrt vom Hauptbahnhof kommend bis zur Mundsburger Brücke fuhren.<br />Auf der Mundsburger Brücke gab es eine Weiche. Sie wurde vom Straßenbahnfahrer, der direkt auf der Brücke anhielt, bedient. Dafür musste er sich weit aus seinem Fahrstand lehnen, Um mit einer Eisenstange die draußen am Fahrstand hing, die Weiche zu stellen, je nachdem in welche Richtung die Straßenbahn fahren musste. Heinrich T. hörte schon gar nicht mehr das Quetschen und Rumpeln der Räder der Bahn. Seine Gedanken waren weit weg, er hatte Hunger, zu Hause warteten die Geschwister auf einen leckeren Fisch aus der Alster. Brassen und Rotaugen hatten zwar viele Gräten, aber das Fleisch dieser Fische war sehr schmackhaft und lecker. Gerade dann besonders, wenn man wie er auch am Hunger litt.<br />So trieben seine Gedanken in die Gegenwart, in eine Zeit, in der „ER“ lebte. Dieser Hitler seine Braunhemden, diese Kommunisten, diese politischen Strömungen, die mit ihrem Hass, mit Feindbildern und Parolen das ganze Volk vergifteten.<br />All das stank ihm zum Himmel, dass der Hitler Hilfspolizisten ernannt hatte, die nie den tiefen Teller erfunden hätten. Die haben nun das sagen und die Macht. Diese 16jährigen treten alten Leuten in den Hintern, wenn diese um leiseres Absingen von Marschliedern nachts um 24 Uhr bitten. Die alkoholisierten, jungen Hilfspolizisten halten jeden Einspruch gleich als Widerstand gegen ihren Führer. Das gehört ausgemerzt. Fanatisch wird jeder bekämpft und angezeigt. Ja, es geht die Angst um bei den Menschen, die nicht für den Maler, Tapezierer und Gefreiten sind. Die Macht dieser Hilfspolizisten ist groß und die Angst unter der Bevölkerung ist es auch, Die Juden sind in akuter Lebensgefahr, nichts ist deutlicher als das NSDAP- Programm.</p><p> </p><p>So laufen Heinrichs Gedanken durch den Kopf. Im Geiste hört er die SA- Horden grölen, als er einen neuen Wurm auf seinen Haken zieht, mit lässigem und gekonnten Schwung wirft er seinen Köder gezielt an die Stelle, wo er einen Biss hatte. Dann setzt er sich auf seinen mitgebrachten Blecheimer um auf den nächsten Biss zu warten und seinen Gedanken nach zuhängen. Immer noch hört er lärmenden SA-Horden. Hassparolen gegen die Juden klingen durch die Luft. Es sind, das merkt er schnell, nicht seine Gedanken im Kopf, die den bekannten Lärm erzeugen. Nein es kommen immer mehr Stimmen mit lautem Gebrüll näher. Er dreht sich um und sieht schon viele Braunhemden vor den Häuser wohlhabender Juden in der Buchtstrasse in die Stadthäuser eindringen. Aus dem Mundsburger Damm kommt um die Ecke noch eine im Gleichschritt marschierende und Nazilieder ab singende Gruppe. Was folgt: Kommandos, Schreie, Lachen und Gläser klirren. Ein Hagel von Steinen, begleitet von Hassparolen fliegt in die Fenster. Bei irgendwelchen Zerstörungserfolgen jubelt die Menge grölend laut auf. Heinrich T. kann es nicht ertragen. Seine Wut über die Dummheit der Massen und seine eigene Machtlosigkeit machen ihn traurig.<br />Er dreht sich zurück zu seiner Angel. Auf einmal kommen die Stimmen der Braunhemden näher, schon fliegen Mäntel, Wäsche, Stühle und sogar eine Kommode mit lautem Hallo und Jubel links und rechts von Heinrich T. ins Wasser. In einer Pause hatten wir wiederum einen netten Small-Talk, und er konnte sich wohl nicht mehr an mich, aber doch noch an den Auftritt im historischen Jazz-Keller in Neuburg erinnern. Es war wieder ein unvergesslicher Abend!<br />Nun platzt es aus ihm heraus und er brüllt ohne Überlegung: „Was soll das denn?“ Schlagartig war es still. Der Anführer der SA baut sich vor ihm auf. Mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme, fragte er Heinrich T.: „Was soll was? Hast Du was dagegen? Hast du was gegen uns?“ Die Gruppe rückte immer näher der Kreis wurde immer enger. Da rettet Heinrich, was man heute emotionale Intelligenz nennt, aus dieser gefährlichen Situation. Mit lachender Stimme sagte er: „Nee, nee ich hab nichts gegen Euch. Aber ihr verjagt mir die Fische, wenn ihr alles neben meiner Angel in die Alster werft!“ „Oh wir verjagen ihm die Fische, der Arme!“ So entspannte sich für Heinrich die Situation. Der Anführer der SA brüllte an seine Leute einen kurzen Befehl: „An die Arbeit, Männer!“ Die Gruppe der Braunhemden verschwand grölend über die Straße, um in den Häusern der Juden ihr Zerstörungswerk zu vollenden. Heinrich T. packte seine Angel, nahm seinen alten Marmeladeneimer und war erleichtert davon gekommen zu sein. Er zog hinüber zur Schwanenwik, um dort in der Alster sein Anglerglück zu versuchen.</p><p> </p><p>Heinrich T. hatte nach dem zweiten Weltkrieg eine Bosch-Auto-Elektrik-Werkstatt im Holsteinischen Kamp unter den Hochbahnkasematten. Sein Sohn Manfred J. führte das Unternehmen weiter, als Heinrich T. in den Ruhestand ging. Heinrich T. ließ es sich nicht nehmen, jeden Tag in den Betrieb zu kommen und sich irgendwie nützlich zu machen. Ich wartete auf mein repariertes Auto und er vertrieb sich die Zeit, mir aus seinem Erleben und Überleben des 1000jährigen Reiches zu erzählen. So bin ich zur obigen Geschichte gekommen. Beiden, Vater und Sohn, zeichnete eine Unaufgeregtheit und Gelassenheit in besonders schwierigen Situationen aus. Möge das von nachfolgenden Generationen auch zu sagen und zu schreiben sein. Das wünsche ich von ganzem Herzen meinem Jugendfreund und seiner Familie Manfred J.</p>								</div>
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		<title>Barmbek Erinnerungen von Günter Sohnemann</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gerd Radzinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 14:22:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>
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					<description><![CDATA[Barmbek Erinnerungen von Günter Sohnemann Weihnachtsstrapse Endlich die Kirche war aus. Ich, Günter, fast 8 Jahre alt, hab die ganze Zeit in der Kirche gelitten. Das Datum damals: Weihnachten, den [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="18944" class="elementor elementor-18944" data-elementor-post-type="post">
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					<h1 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Barmbek Erinnerungen von Günter Sohnemann</h1>				</div>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Weihnachtsstrapse</h2>				</div>
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									<p>Endlich die Kirche war aus. Ich, Günter, fast 8 Jahre alt, hab die ganze Zeit in der Kirche gelitten. Das Datum damals: Weihnachten, den 24.12.1948.</p><p>Vor eintausendneunhundertachtundvierzig Jahren war der Befreier und Menschenfreund in der Krippe gelegen. Ein Baby, nichts dolles, war ich doch auch mal, so sind wir doch alle einmal angefangen, um in das Leben zu gehen.<br />Toll, dass es für seine Geburt Geschenke gibt, auf die alle Kinder der Welt ungeduldig warten. In der festlich geschmückten Kirche, mit zwei Tannenbäumen und elektrischen Kerzen behangen, verfolgte ich nicht das Geschehen des Gottesdienstes. Meine Gedanken waren schon lange zu Hause in der guten Stube, mit dem Weihnachtsbaum der unter den zwölf Wachskerzen und der Lamettalast stöhnte.</p><p>In den schmalen Lamettastreifen spiegelte sich das Licht der brennenden Wachskerzen, als kleine glitzernde Blitze. Die zwölf Kerzen brachten ein warmes Licht in die weihnachtliche Stube. In Gedanken sah ich einen roten Tretroller unter dem Weihnachtsbaum und viele kleine Matchboxautos. Bunte Päckchen und Pakete für mich und meine Geschwister. Ich wollte sie gerade öffnen, als mich ein leichter Knuff in die Seite in das Hier und Jetzt zurückbrachte.<br />Der Gesang der Gemeinde war verstummt. Im Mittelgang des Gotteshauses waren die Kirchengänger dabei, sich unter weihnachtlicher Orgelmusik langsam und von der frohen Botschaft erfüllt, zu dem Ausgang der Kirche zu bewegen. Auf dem Kirchvorplatz sammelten sich kleine Grüppchen der Gemeinde, um sich gegenseitig ein „gesegnetes Weihnachtsfest&amp;qout; bei Nieselregen zu wünschen.</p><p>Ich träumte mir einen Winter zum Heiligabend. Mir war sehr kalt, ein erster leiser Schneefall setzte ein. Die Schneeflocken blieben auf den Hüten, Mützen und auf den Schultern der Kirchenbesucher liegen. Auch die schwach brennenden Barmbeker Gaslaternen setzten sich die weißen Mützen des Winters auf. Die Linden am Straßenrand mit ihrem schwarzen Geäst boten dem leisen fallenden Schnee Asyl auf ihren gefrorenen Zweigen. Mein Traum endete. Es war um die blaue Stunde, ich nahm es wahr im Nieselregen. Viel Gemurmel unter den Kirchenbesuchern. „Wollten die denn nicht nach Hause gehen, zu ihrem Weihnachtsbaum und den Geschenken?“, dachte ich. Ich zerrte ungeduldig an den Ärmeln meiner Eltern. Ich wollte nach Hause, zu den Geschenken, ja auch zu dem Weihnachtsbaum.</p><p>Endlich ja, endlich machte sich unser Familientross auf den Heimweg, durch die kühle, frostige, beginnende Abenddämmerung. Die nasse Kälte kroch mir die bestrumpften Beine hoch, bis unter meine kurze Hose. Dort biss sie mich gemein, in das der Kälte ausgesetzte Stück des Oberschenkels. Zwischen den langen Strümpfen unter meiner kurzen Hose. Dort schützte mich nichts vor der nassen Kälte, außer ein paar dünnen Strapsen, die von einem Leibchen gehalten die Strümpfe am Runterrutschen hinderten. Auf dem Heimweg hatte meine Schwester Gertrud die Idee, in den wenigen bewohnten Häusern Barmbeks, zwischen den Ruinen, die beleuchteten Weihnachtsbäume zu zählen. Das war ja wie eine Schatzsuche, an dem nasskalten Abend draußen das Licht in den Fenstern, der wärmenden Kerzen an den Weihnachtsbäumen zu zählen. Dabei vergaß ich die Kälte, die mich zwickte.</p><p>Bis nach Hause zählte ich achtzehn Weihnachtsbäume mit ihren brennenden Wachskerzen hinter den Gardinen der Fenster, wo mit Sicherheit die Familien schon bei der Bescherung waren. Ich als Kind dachte nur, die haben es gut, die haben ihre Zeit nicht in der Kirche verbracht. Ich sehnte mich in die gute Stube zu unseren Geschenken unter dem Weihnachtsbaum.</p><p>In der ausgekühlten Wohnung angekommen, wurde erstmal in der Küche, um den ovalen, schon mit den unterschiedlichsten Porzellantellern und Bestecken gedeckten Tische Platz genommen. Wir, ich und meine Familie, waren ausgebombt worden. Das größte unterschiedliche Porzellansamelsurium der Familiengeschichte hatten wir. Heute kann ich erzählen, dass dieses Porzellan noch gute Dienste, auf Polterabenden in der Wirtschaft-Wunderzeit machte.</p><p>Während Oma den kalt gewordenen Küchenofen anheizte. Und Opa es geheimnisvoll mit dem Stubenofen in der Weihnachtsstube tat.</p><p>Dann wurde eine riesige Schüssel mit Kartoffelsalat in die Mitte des Tisches gestellt. Bald brannten im Küchenofen auch die Briketts. Eine große Menge Wiener Würstchen wurde in das heiße Wasser, welches in einem Topf auf dem Küchenofen stand, gelegt. Als die Würstchen dampfend in einer Schüssel neben einem Korb Brötchen auf dem Tisch standen, holte Opa noch schnell ein Glas Mostrich aus der Speisekammer.</p><p>Es war wieder warm geworden in der Küche.<br />Opa sprach noch ein kurzes Dank-Tischgebet für die guten Gaben. Ich vergaß für einen Moment die Weihnachtsgeschenke. Würstchen satt, hatte ich noch nie in meinem Leben gegessen. Ich habe, glaube ich heute sagen zu können, drei Würstchen mit Kartoffelsalat gegessen, lecker und die guten Brötchen.</p><p>Endlich eine Ewigkeit war vergangen seit der Kirchenzeit. Die Erwachsenen verschwanden alle in der Weihnachtsstube, um etwas vorzubereiten, wie sie sagten.<br />Erst beim Läuten der Glocke sollten wir, ich und mein kleiner Bruder, die Tür aufmachen und in die Weihnachtsstube kommen. Meine Gedanken waren: Die haben die Weihnachtsglocke verlegt, jetzt suchen sie diese.</p><p>Unser durch die geschlossene Tür Fragen, ob wir die Glocke überhört hätten, wurde mit einem, „noch einen Augenblick“, beantwortet. Endlich der silberne Klang eines Glöckleins ertönte. Andachtsvoll drückte ich die Klinke der Weihnachtsstubentür herunter. Die sich nun öffnende Tür lief uns in eine von gedämpftem Licht erfüllte, warme Stube schauen.</p><p>Da saßen Oma, Opa, Mama, Papa, Gertrud, Martha und Hermann mit feierlich angestrahlten Gesichtern. Die Lichtquelle, der Weihnachtsbaum mit seinen brennenden Wachskerzen stand in der Ecke hinter der Tür. Diesen sahen wir erst, als wir ganz in die Stube traten.</p><p>So feierlich die Großen auch waren, uns, die beiden kleinen Kinder interessierte das nicht. Uns interessierten nur die Pakete unter dem Weihnachtsbaum. Mein Tagtraum in der Kirche war nicht in Erfüllung gegangen, das sah ich auf den ersten Blick. Kein Ballon-Tretroller, aber ein Kran mit vier Rädern mit weitem Ausleger und Kurbel zum rauf und runterlassen der Lasten, war dabei.<br />Ein energisches „Halt erst ein Weihnachtsgedicht aufsagen!““, kam von den Erwachsenen auf dem Sofa. Unsere großen Schwestern Gertrud und Martha hatten mit uns je ein Gedicht eingeübt. Meins hatte ich schon wieder vergessen, aber mein Bruder Gerhard sagte brav “ Drauß‘ vom Walde komm ich her“ auf. Mein Gedicht brachte ich nur mit Hilfe meiner Schwester Gertrud zu Ende. Endlich durften wir an die Geschenke.</p><p>Der Kran war von Opa im Keller mit vielen kleinen Nieten auf einem Stück Hamburger U-Bahnschiene als Amboss zusammen genietet worden. Eine alte Nähgarnrolle mit einer Kurbel, voll mit Paketband aufgerollt, war die Seiltrommel des Kranhakens. Mit grauer Farbe angestrichen, wurde es mein Lieblingsspielzeug.<br />Der dazu gehörende hölzerne LKW auch grau angemalt. Dann kam der Satz von Oma : „Aber den Kran und den LKW, müsst ihr Euch teilen.“ Die anderen Geschenke zum Anziehen interessierten mich nicht mehr. Ich wollte nur das Spielzeug. Oma und meine Mutter machten mich darauf aufmerksam, da lägen noch mehr Weihnachtsgeschenke unter dem Tannenbaum für mich. Erst mit ihrer energischen Hilfe wurde mir die selbstgestrickte, hässliche braun-weiße Pudelmütze mit Bommel aufgesetzt. Dann kam ein gruseliges Teil, von Oma ausgepackt. Mit warmen Worten wollten sie mir das Praktische eines Leibchens erklären.</p><p>Ich hasste und hasse diese Leibchen für Jungen bis auf den heutigen Tag. Der Tag der Befreiung nahte, einen Monat später, Ende Januar. Da hatte ich Geburtstag und bekam meine erste, lange Hose. Eine sogenannte Skihose, mit Bündchen zum Zuknöpfen am Unterschenkel am Knöchel. Diese Weihnachten ging in meine Erinnerung ein. Als frostige Weihnachten, als Weihnachtsstrapsen-Weihnacht 1948</p><p>Günter Sohnemann,26.12.2015</p>								</div>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Bananen, ein Tretroller und vier Barmbeker Brieten.Erinnerungen an die frühen 1950er Jahre</h2>				</div>
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									<p>Es war in der Nachkriegszeit. Die Währungsreform, die DM war auch nach Hamburg gekommen. Genauer gesagt nach Barmbek-Süd, in die „Wilhelm Adolph Passsage“. Wir schreiben das Jahr 1952: Abbruch von Ruinen, Nissenhütten und auch schon Neubauten prägen den Neuanfang nach dem Krieg. Ich war 10 Jahre alt, mein Freund Manfred hatte einen Tretroller mit Ballonreifen und Gepäckträger zum Geburtstag bekommen. Manfred war großzügig, wir, seine Freunde durften alle mal auf seinem Tretroller fahren. Einmal die Straße rauf und wieder runter. Wir lobten diesen Roller, Mensch Manfred, Glückwunsch zum Geburtstag und diesem Roller!</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-130 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Roller_1.png" alt="Links Junge mit Roller allein, rechts drei Kinder auf Roller vor Häuserfassade" width="593" height="226" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Roller_1.png 593w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Roller_1-300x114.png 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Roller_1-150x57.png 150w" sizes="(max-width: 593px) 100vw, 593px" /></p><p> </p><p>Das war genau richtig. Für unseren Freund Manfred war das Lob, dass wir ihm und seinen Roller zollten, wohltuende Schmeicheleien, von denen er nicht genug kriegen konnte. Wir lobten die Stabilität und Qualität des Rollers. „Darauf kann man bestimmt zu zweit fahren!“, sagten wir ihm. Wir erklärten Manfred wie das gehen soll. Also, ich stelle meinen linken Fuß auf die Hälfte des Trittbrettes, fasse den Lenker mit den Händen ganz außen an und du stellst deinen rechten Fuß auf das Trittbrett neben meinen linken Fuß. Deine Hände fassen den Lenker links und rechts neben meinen Händen an. Dann treten wir gemeinsam, du und ich auf Kommando, ok?</p><p>Das ging ganz toll. Wir wechselten links und rechts. Nun waren wir schneller und ausdauernder. Das ganze war schön und gut, aber wir waren vier Freunde. Schade, dass zwei immer warten mussten bis die anderen zwei immer warten mussten, bis die anderen zwei wieder da wieder kamen. Einmal um den Häuserblock war abgemacht. Aber bald wurden es zwei Häuserblocks und so weiter. Das Warten auf den Roller dauerte immer länger. Da kam ich auf die Idee, eigentlich könnte man ja zu dritt, nein zu viert auf dem Roller fahren. Da kamen sie um die Ecke gerollert, strahlende Gesichter. Stolz und begeistert berichteten sie, wie sie im Barmbeker Nachbarstadtteil Winterhude bis in die Karlstraße und an die Aussenalster gefahren waren.</p><p>Die beiden aufgeregten Erzähler Manfred und Kurt schauten ganz irritiert, als Erik und ich den beiden Vorwürfe machten, uns so lange warten zu lassen. Wir wollten ja schließlich auch mal Roller fahren. Uns fehlte jedwede Einsicht, dass ja Manfred Eigentümer und Besitzer des Tretrollers ist. Ich machte ihm klar, dass er sich seinen Tretroller sonst wo hin schieben kann. Dann sagte ich ihm, mit der überzeugenden Logik eines Zehnjährigen, mein Fußball macht doch auch nur Spaß , wenn wir alle zusammen spielen.</p><p>Er soll seinen Roller nehmen und alleine damit spielen. „Schuftig“; dachte ich, das wird eine einsame Nummer. Wo Manfred ganz offensichtlich uns brauchte um anzugeben. Ein Angeber braucht ja Zuhörer und wenn wir drohten ohne ihn zu spielen? Mit dem Argument gruben wir ihm das Wasser ab. Verlegen sagte Manfred: „Nun könnt ihr doch fahren.“ „Ja, ja“, sagte ich: Und wenn wir dann zu lange weg sind, machst du ein lautes Geschrei um deinen Roller.“ So zankten wir noch eine Weile.</p><p>Dann sagte ich: „ Du Manfred ich hätte da eine Idee. Ich weiß wie wir alle vier auf dem Roller fahren können.“ „Kommt überhaupt nicht in die Tüte“, sagte Manfred;“ nicht mit meinem Roller!“ Erik und Kurt wurden neugierig; „Wie denkst du dir das, erzähl es uns!“ So nett gebeten, ließ ich mich nun herab, meine Idee und mein Vorhaben in den schönsten Farben und der Leichtigkeit, mit der es zu machen ist zu erzählen. Also, ich denke, Kurt setzt sich auf das Trittbrett mit den Beinen nach vorne.</p><p>Mit den Händen hält er sich an der Lenkerstange fest. Seine Beine legt er über Kreuz um die Lenkerstange auf dem Schutzblech vom Vorderrad ab. Nun stellen Erik und Manfred sich wie gehabt mit den Füßen je zur Hälfte auf das Trittbrett und die Füße ein bisschen unter den Po von Kurt. Die Arme über Kreuz mit den Händen am Lenker festhalten. „Und du, wie willst du mitkommen?“ „Ja“, sagte ich; „ ich setze mich auf den Gepäckträger, für meine Füße ist noch ein bisschen Platz hinter euch, auf dem Trittbrett. Festhalten werde ich mich an euren Hosenträgern und Gürtel.“Ausprobieren, Ausprobieren“, schrien Erik und Kurt begeistert. Manfreds Gejammer: „Mein Roller, mein Roller wird durchbrechen“, stoppte unsere Euphorie. „Dein Roller durchbrechen; du spinnst ja, der ist so stabil. Schau dir diese Eisenrohre an, wie stabil die verschweißt sind. Der Roller bricht niemals zusammen, der trägt uns vier mit Leichtigkeit.“</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-113 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Kinder_1.png" alt="Zwei Fotos: Kinder stehen vor verputztem Haus mit Backsteinrahmen an den Fenstern" width="600" height="342" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Kinder_1.png 600w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Kinder_1-300x171.png 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Kinder_1-150x86.png 150w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p><p> </p><p>„Der Jürgen Bruns hat doch auch so ein Roller“, sagte Kurt; „weißt Du, was ich gesehen habe, seine Mutter holt immer Kohlen von Schiller und Brooks. Einen Zentner Brikett stellt sie auf das Trittbrett des Rollers. Und wenn es da oben an der Straße leicht bergab geht, dann stellt sie sich auch noch auf den Roller und rollert die Straße runter.“ Das war zwar nur die halbe Wahrheit. Denn der Tretroller von Jürgen Bruns hatte seitdem einen Knick im Rahmen und das Trittbrett schleifte dann und wann auf dem Straßenpflaster. Auch der Lenker hatte nun eine neue Form angenommen. Aber all das musste Manfred nicht wissen. Also lobten wir wieder seinen Roller, seine Stabilität, seine Qualität. Seine Bedenken wurden von uns zerstreut. Unsere Zusage reichte ihm, wenn der Roller zusammenbricht, müssten wir ihn bezahlen. „Aber natürlich!“, sagten wir alle. Gedacht habe ich aber wovon? Meine Mutter und wir vier Kinder, wir waren arm. Die erste Probefahrt verlief sofort so gut, als ob wir das immer schon so gemacht hätten. So, nun musste keiner mehr auf die anderen warten. Es war toll, als ich zum ersten Mal unsere Straße Wilhelm Adolph Passage mit meinen Freunden auf dem Roller verließ.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-127 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Passage_1.jpg" alt="Kinder spielen in Trümmerlandschaft vor langer Reihe alter Wohnhäuser" width="418" height="175" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Passage_1.jpg 418w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Passage_1-300x126.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Passage_1-150x63.jpg 150w" sizes="(max-width: 418px) 100vw, 418px" /></p><p> </p><p><strong>Raus aus Barmbek</strong></p><p>Die Fahrt ging über die Straßen Beim alten Schützenhof über die Bachstraße in die Heinrich-Hertz Straße an Trümmerfelder und Ruinen vorbei. Am gewaltigen Wasserturm im Winterhuder Weg, Ecke Heinrich Hertz Straße machten wir staunend eine kleine Pause. Diesen riesigen Backsteinturm hatten wir immer von Weitem in der Trümmer- und Ruinenwüste gesehen. Nun standen wir am Fuße dieses Wasserturms, staunten über dieses gewaltige und fast unbeschädigte Bauwerk.<br />Unbeschädigte Häuser aus dem Krieg gab es nicht all zu viele in Barmbek. Hier auf der Uhlenhorst sah es schon besser aus. Am Hofweg gingen wir in ein Teppenhaus, die Tür stand auf. Für unsere Kinderaugen, die nur Trümmerwohnungen und Nissenhütten gesehen hatten, was das hier ein Palast. Bunte Fliesen, reicher Stuck an der Decke und zwei große Spiegel im Flur des Hauses, die genau gegenüber an den Flurwänden waren. Wenn man hineinschaute, sah man seinen Hinterkopf und ganz viele davon im Spiegel bis in die Unendlichkeit, meinten wir. Unsere Bewunderung war wohl zu laut und wir wurden von einem Bewohner auf die Straße gejagt.<br />Weiter ging die Fahrt durch die Karlstraße an die Außenalster. Welch ein schöner Anblick. Mein erster See, den ich sah. Nun sahen wir alle das, was wir von den Älteren in der Straße gehört hatten. Fantastisch, es war schön, es war super schön. Begeistert rollerten wir zurück in unsere kleine Welt der Wilhelm Adolph Passage und erzählten lautstark den Kindern, die noch nie aus der Straße weg waren, unsere Eindrücke. In der Passage gab es zu der Zeit sehr viele Kinder, die mit ihren Eltern durch die Folgen des Krieges nach Hamburg geflohen waren. Die waren in Hamburg noch nicht weit rumgekommen. Wir fühlten uns als Entdecker, waren wir doch auch, oder? Dieser Ausflug war schön und unvergessen. Auf dem Roller ging es wunderbar, denn wir wechselten uns ab, im Treten oder Sitzen. Jeder von uns konnte jeden Platz einnehmen. Wir waren ein Rollerteam geworden. Bald war die nähere Umgebung erforscht, dann ging es in eine andere Himmelrichtung. Wir wollten nun einmal Hamm kennenlernen.<br />Unsere Neugier auf andere Stadtteile haben wir von den älteren Jungen in unserer Straße, die schon auf Fahrrädern im zerbombten Hamburg unterwegs waren, um aus den Ruinen Buntmetall zu bergen. Kupfer aus altem ausgeglühten Bergmannsrohr, das sind die Stromkabel in den Ruinen, das war eine gute Geldquelle. Die Schrotthändler zahlten gute Kilopreise. Auch wir wollten unser Glück versuchen. Die Erzählungen der älteren Jungen kam der Dichtung näher als der Wahrheit. Wir fanden kein Kupferkabel in den Ruinen, das hatten schon längst die Bewohner der Keller in den Ruinen eingesammelt. Aber das wussten wir noch nicht, als wir vier uns auf den Weg mit dem Roller machten. Wir fuhren von der Wilhelm Adolph Passage über die Hamburger Straße entlang dann ging es die Wagnerstaße bis zur Wandsbeker Chaussee in die Ritterstraße bis zur Sahling. Das fanden wir lustig, denn Manfred hieß mit Nachnamen auch Sahling. Auch dieser Stadtteil war im Krieg schwer getroffen. In den Straßen standen Nissenhütten, in den Ruinen lebten und wohnten Menschen. Es gab wenige Häuser, die noch heile waren. Aber die Aufbauarbeiten waren schon überall zu sehen. Wir rollerten nun nicht mehr, wir schoben den Roller, um nach Beute in den Trümmern zu schauen. Aber wir entdeckten und fanden keine Kupferleitungen mehr.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-154 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Truemmer.png" alt="Zwei Ansichten zerstörter Stadtteile mit Trümmern und Ruinen nach dem Krieg" width="677" height="226" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Truemmer.png 677w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Truemmer-300x100.png 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Truemmer-600x200.png 600w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Truemmer-150x50.png 150w" sizes="(max-width: 677px) 100vw, 677px" /></p><p> </p><p><strong>Was esst ihr da?</strong></p><p>Uns fiel aber auf, dass viele Kinder in den Trümmern Steine kloppten. Und am Straßenrand standen viele aufgestapelte geputzte Steine. An einem dieser Steinstapel standen drei Jungen und machten Pause. Sie aßen etwas gelbes, wir fragten sie: „ Was esst ihr den da?“ „Bananen!“ Wir hatten von Bananen gehört, aber noch nie gesehen, geschweige gegessen. „Mann, wo habt ihr die denn her?“, fragten wir die Jungs.</p><p>„Aus dem Freihafen.“ Nun erzählten sie stolz, wie man an die Bananen kommt. Bereitwillig und auch etwas stolz, dass sie schon pfiffig genug waren, sich wie selbstverständlich Bananen aus dem Freihafen zu holen. Wir müssen wohl sehr fragend aus der Wäsche geschaut haben.</p><p>Nun klärten sie uns auf: Im Freihafen kämen so viele Dampfer mit Bananen aus Südamerika und Teneriffa an. Und dass die Bananen grün sind, wenn sie in Hamburg ankommen. Zwischen den grünen Bananen sind oft gelbe Bananen, also reife Bananen und die müssen da raus, sonst werden die grünen auch noch zu schnell reif. Und beim Transport durch Deutschland würden sie alle verfault beim Obsthändler ankommen. So, und diese gelben, schon reifen Bananen kann man sich vom Bananenschuppen holen. Wir ließen uns den Weg beschreiben. „Ganz einfach immer der Straßenbahn Linie fünfzehn folgen über die Elbbrücken bis zur Veddel, dann am Zoll vorbei in den Segelschiffshafen.“ Das reichte uns, diesen Tag rollerten wir zurück nach Barmbek. Auf dem Roller machten wir schon lautstark Pläne, in den Freihafen zu rollern, um uns jede Menge Bananen zu holen. Unsere Familien sollten Bananen kriegen und so viel essen, bis es ihnen aus den Ohren wieder rauskommt. Wir lachten uns schimmelig und vergaßen fast das Treten. Schweigend bogen wir in unsere Passage ein.</p><p>Wir hatten ein Geheimnis, wir hatten einen Plan. Es waren schöne Sommertage und zu unserem großen Glück auch noch Schulferien. Wenn Manfred mit seinem Roller nicht da war, weil er mit seinen Eltern irgendeinen Besuch bei einer alten Tante machen musste, dann spielten wir in den Trümmern der Ruinen. Manchmal gruben wir in den Trümmern nach etwas Brauchbarem. Im Schutt und Geröll war so manches Stück Porzellan eingebacken. Ich fand beim Graben in diesem Schutt so manches brauchbares Porzellan. Das waren Eierbecher, Teller, Kaffeekannen und sogar eine große Zuckerdose aus Porzellan. Diese Porzellandose habe ich verschenkt an meine Tante Martha. Dort hat sie gute Dienste getan.</p><p>Oft stand sie auf dem Tisch und wir Kinder haben uns daraus Zucker aufs Magarinenbrot gestreut. Köstliche Erinnerungen werden wach. All das hatte seinen Reiz verloren gegenüber unserem Plan, im Freihafen vom Bananenschuppen Bananen zu holen.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-102 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Freihafen.png" alt="Zwei Männer befestigen Seile an einem Schiff, rechtes Bild Menschenmenge auf Brücke" width="668" height="226" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Freihafen.png 668w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Freihafen-300x101.png 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Freihafen-600x203.png 600w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Freihafen-150x51.png 150w" sizes="(max-width: 668px) 100vw, 668px" /></p><p> </p><p><strong>Mit dem Roller in den Freihafen</strong><br />Wir wussten, so einfach wird das nicht. Die erste Hürde ist es, in den Freihafen zu kommen, am Zoll vorbei. Genau wo die Amerikastraße und das Amerikahöft ist, da sollte der Bananenschuppen sein. Es war eine uns unbekannte Gegend. Es war spannend, als wir eines Tages los fuhren.</p><p>Wir hatten niemandem etwas davon erzählt. Wir hatten gelernt aus unseren Erfahrungen mit der Kupferdrahtsuche in Hamm. Wenn man alles erzählt, dann gehen wieder zu viele Kinder los und dann gibt es vielleicht keine Bananen mehr. Wir wollten in unserer Straße die Ersten sein.</p><p>Nach dem Frühstück trafen wir vier uns. Unser Kunststück zu vier auf einem Tretroller zu fahren, war für unsere Eltern schon ein gewohnter Anblick. Wir sagten Ihnen, wir fahren ein bisschen rum und wollten nicht zum Mittagessen zurück sein. In den Ferien hatte meine Mutter dafür Verständnis und die Mütter meiner Freunde auch. Nun ging es auf große Fahrt Richtung Mundsburg und dann der Straßenbahnlinie Nummer fünfzehn nach. Über Berliner Tor, den großen Elbbrücken bis zur Veddel.</p><p>Dort fragten wir gleichaltrige Kinder, wie wir zum Bananenschuppen gelangen könnten. Die erzählten uns, dass wir nicht alle zusammen an den Zollbeamten vorbeigehen sollten. Zu zweit sollten wir gehen und wenn wir gefragt werden, „Wohin?“, sollten wir sagen „Meine Tante wohnt in der Amerikastraße, wir sind da auf Besuch.“ So machten wir es.</p><p>Im Abstand von fünf Minuten gingen wir am Zollbeamten vorbei. Wir wurden gar nicht beachtet, mein Herz bubberte und es gab keinen Grund Angst zu haben. Wir trafen uns circa hundert Meter hinter dem Zoll. Außer Sichtweite vom Zoll nahmen wir unsere Plätze auf dem Tretroller wieder ein.</p><p>Mann – waren wir glücklich. Wir waren im Freihafen. In uns sang das Lied der Cowboys yiipiee yaa yaa yiepiee yaa yaa. Was waren wir doch für tolle Kerle, wir zehnjährigen Barmbeker Brieten. Nun sahen wir, was der Krieg im Freihafen alles zerstört hatte: Kaimauern mit großen Bombentrichtern, abgebrannte Ladeschuppen, von denen nur die Verwaltungsgebäude stehen geblieben waren. In einigen wohnten Familien.</p><p>Ich wusste da noch nicht, dass ich ganz dicht bei Onkel Fiete und Tante Anna in der Amerikastraße vorbei rollerte. Die waren auch ausgebombt und hatten in der Amerikastraße in so einem Verwaltungsgebäude am Ende eines ausgebrannten Schuppens eine Notwohnung bekommen. Auf diesen abgebrannten Schuppen wuchsen schon Büsche und Bäume. Auf den Eisenbahnschienen standen uralte Waggons.</p><p>Das sahen wir alles, als wir Kinder diese unglaublich lange Amerikastraße entlang rollerten, immer weiter zum Amerikahöft. Wir sahen Schiffmasten, Schornsteine von qualmenden Dampfern, Kräne, die sich drehten und Ladung aus dem Schiffsbauch an Land setzten. Aber keine Bananen, wir rollerten weiter. Endlich ein großer Schuppen und ein schneeweißes Schiff.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-83 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bananendampfer.jpg" alt="Bananendampfer liegt im Hafen, umliegende Kräne und Speichergebäude im Hintergrund" width="541" height="198" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bananendampfer.jpg 541w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bananendampfer-300x110.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bananendampfer-150x55.jpg 150w" sizes="(max-width: 541px) 100vw, 541px" /></p><p> </p><p><strong>Im Bananenschuppen</strong></p><p>Wir hatten gehört, die Bananendampfer sind alle weiß angestrichen. Wir sahen viele Hafenarbeiter, die grüne Bananenstauden auf Karren in die Schuppen brachten.</p><p>Alle liefen geschäftig durcheinander, alle arbeiteten. Nur zwei Männer mit einer Schirmmütze, einer mit einem dicken Goldrand und einer mit einem dünnen Goldrand, standen nur rum, sahen nur zu. Hin und wieder gab der eine oder andere Anweisungen an die Arbeiter. Die hatten wohl das Sagen, da trauten wir uns nicht hin. Also zogen wir uns erstmal zurück.</p><p>Nun umrundeten wir den Bananenschuppen, wir hatten nur einen Gedanken, wie kommen wir da rein. Von der Straße kam auf einmal unsere Chance. Ein LKW verließ die Ladeluke vom Schuppen und in der Luke stand ein Arbeiter, der sah uns an:“Na, was macht ihr denn hier?“</p><p>Wir sagten ihm: „Wir wollen ein paar gelbe Bananen!“ „So, dann kommt mal mit“, forderte er uns auf. Wie die Blitze waren wir bei diesem Arbeiter in der Ladeluke vom Schuppen. Jetzt konnten wir gut in den Bananenschuppen sehen. Mann, war der groß, ich glaube zwei Fußballfelder reichen nicht, um die Größe zu beschreiben. Eine riesige Halle, in der Eisenbahnwaggons auf Eisenbahnschienen wie in einem Bahnhof eingefahren waren. An jedem Waggon waren Arbeiter damit beschäftigt, Bananen einzuladen. Es herrschte ein emsiges Treiben. Die Arbeiter sortierten an Fließbändern die Bananenstauden und schnitten die gelben, reifen Bananen ab.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-80 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bananen_1_2.png" alt="Arbeiter sortieren Bananen auf Förderbändern in zwei Bildern, Innenaufnahme" width="680" height="226" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bananen_1_2.png 680w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bananen_1_2-300x100.png 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bananen_1_2-600x199.png 600w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bananen_1_2-150x50.png 150w" sizes="(max-width: 680px) 100vw, 680px" /></p><p> </p><p>Mit Schwung flogen die reifen Bananen in eine stählerne Abfallkiste, die schon so voll war, dass die Bananen wieder auf den Hallenboden fielen. Dort wurden sie von den Elektrokarren, die mit Bananen beladen in der halle hin und her fuhren, breit gefahren. Schade um diese schönen Bananen, dachten wir. Der Arbeiter sah unser Staunen: „ Das muss sein!“ sagte er uns, „ Die gelben Bananen können keine Reise im Land per Eisenbahn antreten. Dann haben die Kaufleute großen Schaden und Verlust. Also weg damit.“ Aber wir vier waren an diesen gelben Bananen sehr interessiert. Bei uns brauchen sie keine Reise durch das Land machen. Nur eine kurze durch unseren Bauch und nach Barmbek, dachte ich.</p><p>Uns lief das Wasser im Munde zusammen. Der Arbeiter, der uns in den Bananenschuppen hineingelassen hatte, stand neben uns. Lachend zeigte er auf die gelben Bananen. „Ihr wollt doch Bananen, nehmt soviel Hände wie ihr wollt.“ Was sollten wir nehmen? Wir verstanden nur noch Bahnhof. „Hände, Jungs“ , sagte er und klärte uns auf. Hände das sind die zusammengewachsenen Bananen am Stamm der Bananenstaude. Wenn sie gelb waren, wurden sie von der Bananenstaude abgeschnitten und weggeworfen, das waren denn mal eben ca.10 Bananen auf einmal.</p><p>Mit einem Handgriff hatte jeder von uns zehn Bananen gegriffen. „Nehmt mehr!“, forderte uns der Mann auf; „Aber lasst euch nicht vom Schuppen-Vizen schnappen. Der mag nicht, dass hier Kinder herumlungern, wo so viele Karren hin und her rollen. Karren geschoben von Heerscharen von Hafenarbeitern, wie leicht kann es in diesem Gewühl zu einem Unfall kommen. Schnell packte sich jeder zwei Hände Bananen und nichts wie weg zu unserem Tretroller.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-100 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bruecke.png" alt="Links Blick auf Kanal mit Brücke, rechts zwei Kinder vor Hauswand, alte Aufnahme" width="700" height="300" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bruecke.png 700w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bruecke-300x129.png 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bruecke-600x257.png 600w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Bruecke-150x64.png 150w" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" /></p><p> </p><p><strong>Zurück nach Barmbek</strong></p><p>Da stand unser guter Tretroller und wir wie begossene Pudel davor.</p><p>Wie sollten wir denn fahren mit all den „Händen“ Bananen in unseren Händen. Es war doch Sommer und sehr warm, wir hatten nur Turnhosen und ein Unterhemd und Sandalen an. An Beutel oder gar Rucksack hatte keiner von uns gedacht. Ich machte den Vorschlag: einer von uns schiebt den Roller und wir tragen seine Bananen mit. Ungefähr dreihundert Meter von hier hatte ich einen in Kriegstagen abgebrannten Schuppen gesehen.</p><p>Der war schon ganz verwildert. Birken und Büsche hatten sich dort schon angesiedelt. Da gab es Schatten, dort werden wir eine Pause machen und Bananen „satt“ essen. Es war ein guter schattiger Platz , den wir fanden. Alte schrottreife Eisenbahnwaggons standen auf den Schienen vor den Resten dieses abgebrannten Schuppens, auch die mussten wir inspizieren. Die Waggons hatten alle ein „Bremser-Häuschen“. Die Bremskurbel war kinderleicht zu bedienen, es machte wirklich Spaß daran rumzukurbeln.</p><p>Auf einmal merkten wir , dass die Waggons „gaaanz laangsam“ in Bewegung kamen. Geistesgegenwärtig drehten wir die Bremskurbel wieder zurück und die alten Güterwaggons standen wieder. Da hatten wir genug von diesem Abenteuer. Schnell liefen wir wieder zu unserem Roller und den Bananen. Wir hatten schon jeder eine Banane in den Händen beim Inspizieren der alten Güterwaggons und ließen sie uns schmecken.</p><p>Aber nun setzten wir uns auf den Boden im Schatten einer Birke. Jeder von uns hatte so zwanzig Bananen vor sich liegen und nun aßen wir einige davon mit Genuss.Wir beteuerten uns gegenseitig, so etwas tolles noch nie gegessen zu haben.</p><p>Beinahe gierig stopften wir sie in uns hinein. Festschmaus auf der Ruine eines alten ausgebrannten, ausgebombten Kaischuppens. Aber bei mir war nach der dritten Banane Schluss.</p><p>Ich konnte nicht mehr. Nur der kleinste von uns, Kurt, der schaffte eine vierte Banane. Damals habe ich sehr gestaunt. Heute glaube ich, Kurt hat sich schlichtweg verzählt.</p><p>Wir hatten einen guten versteckten Platz. Müdigkeit breitete sich aus und wir streckten uns im Schatten dieser Büsche und jungen Bäumen wohlig aus, dösten und schliefen in dieser sommerlichen Nachmittagssonne ein. Es war alles so friedlich, so ruhig.</p><p>Wir waren so satt, wie lange nicht mehr. Der süße Geschmack auf der Zunge und das Bewusstsein, ein unvergessliches Abenteuer erlebt zu haben, gab uns das Gefühl von inniger Zufriedenheit. Volle Bäuche, erschöpft vom neu entdeckten, schliefen wir vier doch tatsächlich ein, bis wir wieder etwas fröstelnd wach wurden. Die Sonne hatte ihre Mittagskraft verloren. Nun hatten wir es aber eilig, nach Hause zu kommen. Wie nun aber die Bananen transportieren? Wir hatten doch nur Turnhose und Unterhemd an.</p><p>Kurt, unser Kleinster und Jüngster, hatte in dem Waggon ein etwas dickeres und längeres Band gesehen. Er holte es. Mit einer Glasscherbe, von einem Fenster, teilten wir uns diesen Strick. Es war lang genug, für jeden von uns, daraus einen Strickgürtel zu machen. Jeder machte sich einen stramm sitzenden Gürtel über das Unterhemd aus diesem Strick. Die Bananenhände steckten wir von oben unter unsere Unterhemden.</p><p>Die Bananen beulten unser Unterhemd gewaltig aus, jeder konnte sehen, was wir da unter unseren Unterhemden transportierten. So fuhren wir vier auf unseren Ballontretroller los. Etwas hinderlich waren die Bananen unter den Unterhemd und auf der Haut. Aber wir hielten öfters an, um den Sitz der Bananen zu verändern und zu sichern. So kamen wir am Zoll an. Ein älterer Zollbeamter stellte sich uns in den Weg: „Halt, Halt, habt ihr was zu verzollen?“, fragte er uns. Verzollen? Wir verstanden nicht, was er meinte, aber Angst hatten wir nun doch, dass er unsere Bananen haben wollte. Wir fragten ihn, was verzollen bedeutet? Dann klärte er uns auf, dass man nichts ohne Verzollen aus dem Freihafen bringen darf. Und das Verzollen kostet Geld. Und wer nicht verzollt und erwischt wird, ist ein Schmuggler. Und Schmuggler werden bestraft und kommen ins Gefängnis.</p><p>Unser Herz rutschte uns in die Turnhose vor Schreck, wir sahen unsere Bananen schon verloren, da kam ein jüngerer Zollbeamter auf den älteren Kollegen zu. „Mensch Kuddel, de Jungs hebt doch nur gele Bananen, morgen sind die schlecht und vergammelt. Das ist doch nur Fegsel“, meinte der junge Zollbeamte mit einem Augenzwinkern zu dem altgedienten Zollbeamten. Der sagte mit hochgezogenen Augenbrauen zu uns: „So, so Fegsel habt ihr da, naja, dann will ich mal heute ein Auge zudrücken.</p><p>Ab mit euch Brieten, ich will euch nicht noch mal erwischen!“ Lachend gab er uns den Weg frei. Vier Kinderherzen, eben noch zitternd, bubbernd, jubelten innerlich auf und ungeahnte Kräfte brachten uns von der Veddel mit dem Roller nach Barmbek, in die Wilhelm Adolph Passage.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-146 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sohnemann_02.jpg" alt="Gruppe von Kindern posiert draußen für ein Foto, Häuser im Hintergrund" width="466" height="227" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sohnemann_02.jpg 466w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sohnemann_02-300x146.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sohnemann_02-150x73.jpg 150w" sizes="(max-width: 466px) 100vw, 466px" /></p><p> </p><p><strong>Die Beute wird verteilt</strong></p><p>Dort angekommen mit unserer Beute, unseren anderen Spielkameraden stolz die Bananen zeigend, aber nicht eine abgebend, habe ich meiner Mutter siebzehn Bananen auf den Küchentisch gelegt. Wir waren sechs Personen im Haushalt, die sich alle über diese Südfrüchte freuten. Da wurde die Klingel an der Tür gedreht. Unsere Nachbarin Frau Holze stand vor der Tür: „ Frau Sohnemann, ich habe gehört, Günter hat Bananen aus dem Freihafen geholt. Darf ich ihn fragen, wo und wie er das gemacht hat?“</p><p>Sie durfte und ich erzählte alles genau, was wir heute gemacht hatten. Nur vom Zoll erzählte ich nichts. Das klang ja alles sehr einfach. „Morgen schicke ich meinen Mann in den Feihafen mit dem Fahrrad zum Bananen holen.“ Dabei schaute sie auf den Küchentisch, wo meine, unsere Bananen lagen. „ Ach, Frau Sohnemann, können sie mir heute ein paar Bananen ausleihen? Sie bekommen sie morgen wieder, von den Bananen, die mein Mann morgen mit dem Fahrrad aus dem Freihafen holt.“</p><p>Meine Mutter zählte die Bananen durch und gab Frau Holze fünf Bananen. So hatte jeder von uns zwei Bananen zum Verzehr. Was ich so auch in Ordnung fand. Die Holzes waren fünf Personen. Für die Kinder waren es die ersten Bananen in ihrem Leben und nach dem Krieg. Was noch anzumerken ist: Am nächsten Tag war das Fahrrad von Herrn Holze kaputt, am nächsten Tag darauf auch. Dann war alles wieder heile, aber er hatte keine Zeit, in den Freihafen zu fahren, er hatte Arbeit bekommen.</p><p>Und in den Geschäften bei den Grünhöckern waren sie jetzt regelmäßig im Angebot, die Bananen. Mir bleibt nur noch zu berichten, dass der Tretroller von Manfred bald auch so ausgesehen hat wie der von Jürgen Bruns, dessen Mutter mit dem Roller öfters Brikett vom Kohlenhöcker geholt hatte. Aber an Weihnachten war für uns alle ein Ballontretroller unter dem Weihnachtsbaum. Unsere Trittbretter waren alle gerade. Nur das von Manfred zeigte nach unten. Als er über dieses Aussehen jammerte, haben wir ihm erzählt: „Das sieht doch viel besser aus, als unsere gerade Bretter.“ Ich weiß bis heute nicht, ob er uns das abgenommen hat. Aber ein dufter Spielkamerad war Manfred allemal.</p><p> </p><p>Hamburg, 2010 Günter Sohnemann</p>								</div>
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		<title>Barmbek Erinnerungen von Hermann Schulz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gerd Radzinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 14:20:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>
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					<description><![CDATA[Barmbek Erinnerungen von Hermann Schulz Meine Jugendjahre in Barmbek Es sind wohl mehr oder weniger prominente Leute, die an ihrem Lebensabend ihre Memoiren schreiben. Ich kann mich keinesfalls zu ihnen [&#8230;]]]></description>
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									<p>Es sind wohl mehr oder weniger prominente Leute, die an ihrem Lebensabend ihre Memoiren schreiben. Ich kann mich keinesfalls zu ihnen zählen. Wenn ich trotzdem mit 74 Jahren meinen Lebensweg schildere, so weniger weil er besonders sensationell verlief, sondern weil meine Söhne meine gelegentlichen Erzählungen immerhin so interessant fanden, dass sie meinten, sie seien einer Aufzeichnung wert.<br />Wie für alle meine Altersgenossen des Jahrgangs 1900 waren die vergangenen 73 Jahre auch für mich interessant, aufregend und ereignisreich im Vergleich zu den fast eintönigen Lebensläufen meiner Vorfahren. (…)</p><p> </p><p>Als ich 5 Jahre alt war, gaben meine Eltern die Terrassenwohnung in der Gärtnerstraße auf und zogen nach Barmbek in eine im vierten Stock gelegene Zweizimmerwohnung des neugebauten Wohnblocks der „Produktion“. Hier wohnten wir in der Ortrudstraße Nr. 37 bis zu meinem 28. Lebensjahr – also 23 Jahre. Derzeit lag der Wohnblock fast an der Grenze Nordbarmbeks und war von drei Seiten von Wiesen umgeben. Diese Wiesen, die Parkanlage Schleidenplatz (heute Biedermannplatz) und der damalige „Redder“ (heutiger Stadtpark) waren im Gegensatz zu der baumlosen Terrasse in der Gärtnerstraße ein wahres Eldorado zum Austoben für uns Kinder, abgesehen von dem Spielplatz mit Turngeräten innerhalb des quadratischen Wohnblocks. Man konnte in den ersten Jahren von unserem Balkon aus bis zum Barmbeker Bahnhof und bis zur Volksschule Lohkoppelstraße sehen. Erst später wurde das freie Gelände dazwischen mit Wohnhäusern bebaut.<br />Verständlicherweise war ich wegen der vielen neuen Spielmöglichkeiten begeistert von diesem Wohnungswechsel. Weniger mein Vater, der bis dahin als Stellmacher in der Werkstatt der Hamburger Straßenbahn am Falkenried tätig war und per Fahrrad nun einen einen sehr viel weiteren Weg hatte. Er wechselte bald darauf die Arbeitsstätte und war alsdann in verschiedenen Branchen der Holzverarbeitung – als Fenster- und Türenbauer, Anschläger, Mühlenbauer und Möbeltischer – tätig. (…)</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-72" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/10-29.jpg" alt="Gruppenfoto mit über 20 Kindern vor Ziegelwand, einige schauen ernst" width="365" height="261" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/10-29.jpg 429w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/10-29-300x215.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/10-29-150x107.jpg 150w" sizes="(max-width: 365px) 100vw, 365px" /></p><p> </p><p>Meine Mutter, mehr als mein Vater auf Gelderwerb bedacht, wünschte oft, dass er sich selbständig machen sollte, wozu ihm aber der Mut fehlte, insbesondere wohl deshalb, weil das erforderliche Kapital dazu nicht vorhanden war. Um diesem Mangel zu begegnen, nahm meine Mutter nach meiner Einschulung eine „Morgenstelle“ als Putzfrau in der Villa eines Weinagenten und später in gleicher Eigenschaft im „Haerlein-Stift“ an der Alster an. Von nun an wuchs ich als „Schlüsselkind“ auf. Ich musste selbst darauf achten, dass ich morgens rechtzeitig zur Schule kam und mir nach meiner Rückkehr das vorbereitete Essen warm machen. Neben den obligatorischen Schularbeiten hatte ich dann noch bestimmte Hausarbeiten zu verrichten. Dazu gehörte das Herauftragen von Kohlen und Kartoffeln von unserem Keller auf den vierten Stock, das Putzen der Messingteile an unserem Küchenherd, das Reinigen der Schuhe vom vorigen Tag sowie das „Einholen“ – also die Besorgung von Lebensmitteln nach einem Einkaufszettel. (…)</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-74" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/65-15a-300x210.jpg" alt="Großer Festsaal mit vielen Kindern an langen, gedeckten Tafeln" width="365" height="255" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/65-15a-300x210.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/65-15a-150x105.jpg 150w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/65-15a.jpg 429w" sizes="(max-width: 365px) 100vw, 365px" /></p><p> </p><p>Unter diesen Umständen wuchs ich auf und entwickelte mich – zu oft auf mich allein gestellt – zum „Barmbeker Brieten“, der keinen Streichen und Raufereien aus dem Weg ging. (…)</p><p> </p><p>Es fanden oft Schlägereien zwischen den Jungens verschiedener Straßenzüge statt, wie sie schon in dem 1967 erschienenen Buch „Barmbek – vom Dorf zur Großstadt“ in den Kapiteln „Barmbek-Uhlenhorster Grenzkampf“ und „Barmbeker Jugend – einst wie heute“ anschaulich beschrieben wurden. Ergänzend kann ich noch berichten, dass auf diesem Gebiet wir Jungens aus dem Wohnblock der „Produktion“ besonders angefeindet wurden. Wir galten als besonders rote „Sozis“, weil der Gebäudekomplex fast nur von Sozialdemokraten bewohnt wurde. Wir duldeten keine „Fremden“ auf dem im Innern des viereckigen Wohnblocks befindlichen Spielplatz, auf dem sich außer zwei Sandkisten auch Kletterstangen und ein Reck befanden. Um unsere „Burg“ zu erobern, rotteten sich die „Fremden“ oft zusammen. Wenn es uns gelang, sie in die Flucht zu jagen, zogen wir anschließend – zum Beispiel – mit dem Ruf „Sentastroot (Sentastraße) hätt een Morsfull kregen – rou, rou, rou“ unsere Stöcke und Latten schwingend durch deren Straße, bis ein „Udl“ (Schutzmann) uns auseinanderscheuchte. Dabei waren diese „Waffen“ nicht ganz ungefährlich, weil an deren Enden oft Nägel oder mit einem Stein beschwerte Töpfe befestigt waren. Hierbei möchte ich erwähnen, dass derzeit unser späterer Senator und Bürgerschaftspräsident Adolph Schönfelder auf dem Saal des Wohnblocks „Produktion“, das von dem Lokal „Mause“ bewirtschaftet wurde, als relativ junger Mann seine ersten Reden hielt. Mein gleichaltriger Vater als ständiger Besucher dieser Versammlungen meinte jedenfalls, Schönfelder hätte sich hier im Redehalten geübt. Vorausgreifend – weil bezeichnend für das frühere, rauhe, politische Klima in Barmbek – sei hier noch eingefügt, dass bei dem Aufstand der Kommunisten 1923 die Polizeiwache am Barmbeker Markt als erste in Hamburg von ihnen erstürmt und bis zuletzt verteidigt wurde.<br />Für uns Volksschüler waren die Realschüler der Osterbekstraße – erkennbar an ihren derzeit traditionell rot-schwarz-gestreiften Sweaters – ein rotes Tuch. Sobald sie in unsere Nähe kamen, und das war auf deren Schulweg fast täglich der Fall, wurden sie von uns angerempelt und sofern sie reagierten auch tätlich angegriffen. Zu unserer Ehre muss ich allerdings sagen, dass wir darauf achteten, dass die Streithähne den Kampf unter sich austragen mussten. Obgleich in der Überzahl mischten wir uns auch nicht ein, wenn einer der unsrigen dabei unterlag – gemäß unserem Motto: „Twee op eenen is feige“ (Zwei auf einen ist unfair).</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-76" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/410-22-300x201.jpg" alt="Historisches Postkartenbild eines großen Jugendstilgebäudes in Hamburg-Barmbek" width="365" height="245" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/410-22-300x201.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/410-22-150x101.jpg 150w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/410-22.jpg 429w" sizes="(max-width: 365px) 100vw, 365px" /></p><p> </p><p>Der „Redder“ (heutiger Stadtpark) war in seinem damaligen Zustand ein ideales Gelände für unser Kriegsspiel „Insche (Indianer)“ und „Trapper“, ein bei den Jungens beliebtes Spiel, wobei die Mädchen als Krankenschwestern fungierten. Die Bäume und Sträucher boten sich direkt an, um sich als Indianer an den Feind – die Trapper – heranschleichen zu können und sie mit Pfeil und Bogen oder dem Tomahawk zu bekämpfen. Den Abschluss bildete dann ein Freudenfeuer, um das wir herumtanzten und sangen. Die Melodie und den vollständigen Text des Indianerliedes, das mit den Worten: „Tsching – tschang – gulla – gulla – gulla“ begann, habe ich noch heute im Gedächtnis. Hin und wieder muss ich dieses Lied jetzt noch meinen vier Enkelkindern vorsingen.</p><p> </p><p>Hermann Schulz</p>								</div>
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		<title>Barmbek Erinnerungen von Freddy Schnoor</title>
		<link>https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/barmbek-erinnerungen-von-freddy-schnoor/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Gerd Radzinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 14:19:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>
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					<description><![CDATA[Barmbek Erinnerungen von Freddy Schnoor Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit in der Sentastraße Auch ich, Friedrich-Karl, wurde geboren und zwar 1938, im Barmbeker Krankenhaus, als zweites Kind meiner Eltern [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="18872" class="elementor elementor-18872" data-elementor-post-type="post">
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					<h1 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Barmbek Erinnerungen von Freddy Schnoor</h1>				</div>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit in der Sentastraße</h2>				</div>
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									<p>Auch ich, Friedrich-Karl, wurde geboren und zwar 1938, im Barmbeker Krankenhaus, als zweites Kind meiner Eltern Friedrich Schnoor, geb. 1879 und W. Schnoor. Meine Schwester wurde 1933 geboren. Wir alle kamen in Hamburg zur Welt. Unser Wohnort war immer Sentastraße 31. Unsere Großeltern wurden in den 1875er Jahren Hamburger.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-141 size-full alignnone" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Schnoor-Kinderbild.jpg" alt="Altes Porträtfoto eines kleinen Jungen mit Latzhose, neutraler Hintergrund" width="174" height="170" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Schnoor-Kinderbild.jpg 174w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Schnoor-Kinderbild-150x147.jpg 150w" sizes="(max-width: 174px) 100vw, 174px" /><br />Freddy Schnoor im Kindesalter</p><p> </p><p>Ich fand früher schon, dass man nicht nur im Haus bleiben soll. Also spazierte ich mit ca. zwei Jahren Richtung Barmbeker Bahnhof. Aber sehr weit kam ich nicht. Am Osterbekkanal war der Ausflug bereits zu Ende.<br />Dann kam der 2. Weltkrieg. Meine Schwester kam mit der Kinderland-Verschickung nach Rückerstorf in Sachsen. Den Anfang des Krieges, September 1939, spürte man in Hamburg nicht, nur dass überall Bunker gebaut wurden, z.B. Turmbunker wie am Barmbeker Bahnhof. Ab Mai 1940 erreichte der Krieg mit Luftangriffen dann auch Hamburg. Da wir im Haus keinen Luftschutzbunker hatten, wurde der niedrige, kleine Keller im Haus (Erwachsene konnten dort nicht aufrecht stehen) mit Holzbalken abgestützt und der Lichtschacht mit einer Eisentür (auch als Notausstieg gedacht) verschlossen. Wenn da eine Bombe getroffen hätte…</p><p> </p><p>Bei Alarm musste sofort der Keller aufgesucht werden. Wir Kinder waren so gedrillt, dass wir unseren kleinen, immer gepackten Koffer nehmen und schnell runtergehen mussten, oft nur in Nachtzeug. Man muss sich das so vorstellen, dass im Keller ein paar Kerzen brannten, alle anderen Räume aber kein Licht hatten. Es durfte kein Licht nach draußen dringen, es musste überall die Verdunkelung an den Fenstern dicht geschlossen sein. Wenn das nicht der Fall war, kam umgehend der zuständige Blockwart und es kam zu einer Anzeige.<br />Ich erinnere mich, trotz meiner Kindheit, an einige Details, die sich irgendwie eingebrannt haben. Z.B. holten meine Eltern immer ihre Zeitung in einem kleinen Laden, der auf der Seite des Paloma Platzes war. Ich ging immer mit, es gab immer ein Bonbon. Eines Morgens ging ich mit meiner Mutter hin und der Laden war zertrümmert. Die Scheibe war zerbrochen. Die Besitzerin begrüßte meine Mutter und gab mir eine Handvoll Bonbons. Ich bekam dort nie wieder welche. Meine Eltern sagten, die mussten &#8222;umziehen&#8220;. Später erzählten sie noch oft davon.<br />Da ich zu klein war, musste meine Mutter mit mir 1942 aus Hamburg raus. Mein Vater blieb zunächst in der Wohnung. Zuerst kamen wir &#8211; es war Winter &#8211; in Duvenstedt bei einer Tante unter, aber nicht im Haus, obwohl da Platz war, sondern im &#8222;Gartenhaus&#8220;. Das war eine fünfeckige Gartenlaube mit dünnen Fenstern und Bretterwänden, ohne Tür. Also nur für den Sommer geeignet. Irgendwie kam ein Vorhang als provisorische Tür davor, das war’s. Ohne jede Heizung und es zog überall. Essen durften wir wohl im Haus, aber Aufenthalt und Schlafen nur in der &#8222;Villa&#8220;, mit dünnen Decken und Eiszapfen an der Nase und überall Frostbeulen. Das war die liebe Verwandtschaft (oder zumindest doch ein Teil davon).<br />Durch Bekannte, die ein Gemüsegeschäft in der Sentastraße hatten und dort gleich zu Beginn der Angriffe ausgebombt wurden, kamen wir zum Glück aber bald nach Lauenburg/Elbe.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-107 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Hamburgerstr.jpg" alt="Verschneite Dorfstraße mit kleinen Häusern, kahlen Bäumen und ruhiger Stimmung" width="450" height="253" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Hamburgerstr.jpg 450w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Hamburgerstr-300x169.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Hamburgerstr-150x84.jpg 150w" sizes="(max-width: 450px) 100vw, 450px" /><br />Die Hamburger Straße in Lauenburg</p><p> </p><p>Aber noch war ja Krieg. Wenn über Hamburg die Angriffe waren und die Flugzeuge nachts mit den Flakscheinwerfern gesucht und beschossen wurden, schmissen diese Alustreifen ab, um die Ortung zu erschweren. Wir standen dann auf der Straße und beobachteten das &#8222;Schauspiel&#8220;. Hin und wieder flogen auch bei uns in Lauenburg Flugzeuge wohl in Richtung Hamburg und warfen die Aluminiumstreifen ab. Da meine Mutter eine sehr praktische Frau war, sammelten wir diese Streifen und schnitten sie der Länge nach nochmals durch. Fertig war unser Lametta. Was über war, wurde Weihnachten verschenkt, denn zu kaufen war ja nichts.<br />Hin und wieder fuhr meine Mutter mit mir nach Hamburg. Das war immer eine kleine Weltreise. Bei einer dieser &#8222;Heimreisen&#8220; kamen wir in einen Bombenalarm &#8211; weit weg vom Bunker in Barmbek und von unserer Wohnung. Da sahen wir viele schreiende und brennende Menschen umherirren und viele in den Osterbekkanal springen. Ein anderes Mal kamen wir in die Sentastraße und sahen, dass unser Nachbarhaus Nr. 33 ausgebombt war. Nur noch ein paar Wände und die Decken standen. Im 1. oder 2. Stock hing noch ein Vogelbauer mit einem lebenden Vogel an der Wand. Davor stand noch ein Küchentisch, unter dem noch eine Frau hockte, die wohl durch den Luftdruck ums Leben gekommen war. Meine Mutter versuchte zwar, mich abzulenken, ich war aber viel zu neugierig und habe leider doch hingesehen. Ich sehe solche Bilder in Gedanken immer noch vor mir.</p><p> </p><p>Aber wir haben ja trotz allem großes Glück gehabt. Wir sind noch mehrmals &#8211; zum Teil auf abenteuerlichen Wegen &#8211; nach Hamburg gekommen. So weit wie möglich mit der Bahn, eventuell nur bis Bergedorf. Den Rest dann zu Fuß oder mit dem Raddampfer von Lauenburg Richtung Hamburg. Wenn man Glück hatte &#8211; bis in den Hafen oder auch nur irgendwo vorher, je nach Kriegslage. Den Rest des Weges dann zu Fuß durch die Trümmerlandschaften. Egal von wo man kam, durch Rothenburgsort und Hammerbrook mussten wir ja immer und das waren die am häufigsten bombardierten Stadtteile in Hamburg, weil dort viel Industrie war. Eine gute Erinnerung an die Besatzungssoldaten habe ich auch noch. Ich glaube, es waren Engländer, denen wir auf einem unserer Hamburg Besuche, kurz nach dem Waffenstillstand 1945, irgendwo in der Nähe des Hafens in der Trümmerlandschaft begegneten. Sie riefen mich, ich solle zu ihnen kommen. Aber ich klammerte mich an meine Mutter. Da kamen sie zu uns und sprachen mit uns. Ich verstand ja kein Wort und als sie mir etwas geben wollten, habe ich es nicht genommen (man darf ja von Fremden nichts annehmen). Wir waren so gedrillt, nichts anzunehmen und aufzuheben. Es hätte ja vergiftet oder Sprengstoff sein können.<br />Meine Mutter hat mich dann doch überredet und ich bekam ein paar kleine eingepackte Tafeln. Da die Soldaten aber wohl sehen wollten, wie ich reagiere, wenn ich sie auspacke, blieben sie bei uns. Meine Mutter hat eine Tafel aufgemacht und mir ein Stück in den Mund gesteckt. Den Geschmack kannte ich nicht, fand ihn wohl gut und hörte von meiner Mutter, dass es Schokolade war. Das war die erste Schokolade in meinem Leben, da war ich schon ca. 7 Jahre alt.</p><p> </p><p>Meine Eltern haben so oft wie möglich versucht, auf irgendeinem Weg nach Hamburg zu kommen, weil sie unsere Wohnung &#8211; bis auf ein Zimmer &#8211; Nachbarn aus der Sentastraße überlassen hatten, die sie kannten. Wenn meine Eltern zurückkämen &#8211; so die Absprache &#8211; sollte die Familie die Wohnung sofort räumen, was natürlich nicht geschah. Sie benutzten dann die ganze Wohnung mit unseren Möbeln. Meine Eltern haben sie dann von 1951 &#8211; 1953 rausgeklagt. Die meisten Möbel nahmen sie aber mit.<br />Die Häuser Sentastraße 29 und 31 sind im Krieg von der Zerstörung verschont geblieben, weil großes Glück im Spiel war. Bei dem größten Angriff auf Barmbek hatten zufällig zwei Bewohner des Hauses 31 Heimaturlaub und waren so im Haus. Sie kannten die Front. Ihnen war es egal, wo sie starben, so hörten wir später des Öfteren. Also stiegen sie aufs Dach der Häuser und fingen die langsam heruntersegelnden Brandbomben mit aufgespannten Wolldecken ab und drückten sie über den Dachrand auf die Straße. Alle Bewohner konnten sich bei den Beiden bedanken, dass alles &#8211; bis auf zersprungene Scheiben &#8211; heil blieb.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-8322" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2024/05/Sentastrasse-300x208.jpg" alt="Mehrstöckige Häuserreihe mit Bäumen und Autos, Schwarzweißaufnahme" width="424" height="294" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2024/05/Sentastrasse-300x208.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2024/05/Sentastrasse-150x104.jpg 150w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2024/05/Sentastrasse.jpg 425w" sizes="(max-width: 424px) 100vw, 424px" /><br />Die Sentastraße</p><p> </p><p>Die Häuser von der Ecke Sentastraße (Gaststätte Hauenschild) bis Nr. 31 und 29 und dahinter bis zur Ecke Lohkoppelstraße waren alle zerstört, genau wie die gegenüberliegende Straßenseite ausgebrannt ist und nach dem Krieg unter Verwendung der Außenmauern wieder ausgebaut wurde.</p><p> </p><p>Freddy (Friedrich-Karl) Schnoor, 2021</p>								</div>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">"Vörspruch to dat 27 (30) jährig Stiftungsfest</h2>				</div>
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									<p>Diesen Vortrag hat mein Vater 1929 und 1932 mit leichten Änderungen gehalten vun`n Vereen &#8222;De Plattdütschen&#8220; vun 1902 to Hamborg (Vereenslokol Fründ Rudolf Hauenschildt &#8222;Sentahalle&#8220;) verfoot vun Friedrich Schnoor</p><p>O scheune Tied, wenn Lenz de Knospen weckt,<br />So fien opbleuht wie lebendige Gedanken.<br />Wenn mit Gesang de Wannerburschen treckt,<br />In Feld un Goorn de lütten Blomen ranken.<br />Wenn Smetterlinge ehre Flünken streckt,<br />Vun Tweig to Tweig de lütten Vagels sweewten.</p><p>Wenn alls Farw un Duft un Melodie,<br />Insmeichelnde- Musik un Poesie.<br />Doch nu de wiede Heben grau in grau,<br />Bald Winterfrost, denn wedder Regenschuur,<br />De Wannervagel fleet den`n nord`schen grau`,<br />Un heuchstens singt een Vagel noch in`n Buur.</p><p>As Seltenheit een Stückchen Hebenblau,<br />Dat dröge Loow verwelkt in stumme Truur.<br />Vun Licht un Farw un Duft ok nich een Spoor,<br />Dor singt allöberall keen Vagelschor.<br />Un doch sünd hier veel froh Gesichter<br />Wenn buten ok de Winter störmen deiht.</p><p>De scheune wiede Festruum strohlt vun Lichter,<br />Un öberall sünd sünd Minschen, de sick freit.<br />Dat drängt sick in den`n Sool hier dicht un dichter<br />De Oogen glänzt för helle Fröhlichkeit.<br />All de wi swöört hebbt op de plattdütsch Fohn,<br />Wi doht jo hüt uns Stiftungsfest begohn.</p><p>Vör 27(30) Johr is`t west, in`n Februor<br />(In „Eilbeck“ weerd, vör söbenuntwindig Johr,)<br />Dor keum`n wi „Plattdütschen“ toers tosoom.<br />Un weer ok lütt man doormols noch de Schoor,<br />Se meuken Ehr` doch ehrn plattdütschen Noom`n.</p><p>Keen Arbeit vörn Vereen weer ehr to swoor,<br />Un so wüß van uns` „Eek“, uns plattdütsch Boom.<br />So wör se stark dörch Leew un Fliet un Meuh<br />Uns Vereen „De Plattdütschen vun 1902“.<br />Doch vun Bestand is nicks op düsse Eer.<br />Un ok wi Plattdütschen dehn dit erleben.</p><p>Et keum een Tied, un de weer bös un swoor;<br />De Krieg harr uns All uteenanner dreben.<br />Vun den`n Vereen, dor bleew ok gornicks mehr.<br />In frömde Eer is Mancher vun uns` bleben.!-<br />As wi trüchkeum`n no uns Woderkant<br />Hebbt frisch wi unsen Eekboom wedder plannt.</p><p>Is se ok stark nich, as se freuher weer,<br />So lot wi uns de Meuh doch nich verdreeten.<br />För uns Eek stoht wi as Plegers dor,<br />Mit unsen` Haddbloot dot wi se begeeten.<br />Dat bald se greun`n mög as in freuher Johr<br />Un wi mit Stolz uns „De Plattdütschen“ köönt heeten.</p><p>As wi de Olln streewt wi för unse Sook,<br />För unse Heimoot (uns Vereen) un unse Moodersprook!<br />Un hüt hebbt wi uns nu tosoomenfun`n<br />Hier in de „Sentahall“, mit unse leewen Doom`n.<br />Üm to verleben`n poor vergneugte Stün`n.<br />Uns`Stiftungsfest to fiern, sünd wi hier koom`n.</p><p>Dat plattdütsch Wort, dat geiht vun Mund to Mun`n,<br />Et hett jo holln uns ümmer noch tosoom`n.<br />So wölt ok hüt uns Modersprok wi ehrn,<br />Bi Vürdrag un Musik uns amüseern.</p><p>Willkom`n denn Ji Alltosoom`n loot uns nich rohn,<br />Treckt ok op`d Nee`e wedder kräfdig an,<br />Een Kraft mutt dorch de anner wiedergoon,<br />Nich alls alleen kann jo de enkelt Mann.<br />Dat wat wi köönt, dat möt wi ümmer dohn,<br />Een Jeder deiht soveel he irgend kann.</p><p>De Arbeit sie een Lust uns, nie een Last!<br />Wat ok mag koom`n:<br />Plattdütsche Jungs un Deerns;<br />„Holt fast, Holt fast, Holt fast!“</p><p>Friedrich Schnoor, 1902<br />geb.1879 – gest.1966</p><p> </p><p> </p>								</div>
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									<p>Herr Schnoor schickte uns ein weiteres Gedicht seines Vaters in dem die Sentahalle in Barmbek erwähnt ist und das im Moment gut in die Zeit passt.</p><p> </p><p>Der Flieder blüht!- An Hecken und an Wegen<br />Sehn wir ihn steh’n in seiner vollen Pracht<br />Allüberall leuchtet er uns entgegen<br />So frisch und bunt, daß uns das Herze lacht<br />Nun wird zu eng es uns in unserem Hause<br />Der Flieder blüht, da ziehen wir hinaus</p><p> </p><p>Wir fahren mit der Bahn weit in die Ferne,<br />Im Rucksack Eier, Butterbrot und Wurst,<br />Nach Poppenbüttel, Quellental und Berne,<br />und komm’n wir dort an, haben wir schon Durst,<br />im ersten Wirtshaus kehren wir gleich ein,<br />oh kinners wat is de Natur so scheun!</p><p> </p><p>Hier wird nun erstmal kräftig ein gehoben,<br />denn solche Bahnfahrt strengt auch an,<br />wir trinken hier, da müssen wir uns loben,<br />nicht Schnaps und Bier, nein heut bloß Fliedertee.</p><p> </p><p>Doch dieser Tee, der schmeckt verdammt nach Spriet,<br />mir ist als wenn er in die Beine zieht.<br />Doch nun wirds Zeit, jetzt müssen wir auch laufen<br />wir wollen erfreuen uns an der Natur<br />wir wollten uns ja nur auch mal verschnaufen<br />und vorwärts geht es nun durch Wald und Flur.</p><p> </p><p>Der Flieder blüht, wir riechen mal daran,<br />und jeder klaut soviel er tragen kann,<br />ja schön ists in der Fleiderzeit zu wandern,<br />denn wo im Dorf nen Krug man wird gewahr,<br />da schieben wir rein einer hinterm andern,<br />der Flieder ist so schwer das ist doch klar.<br />Mit leerem Portemonnaie kom wir nach Haus.<br />Doch was macht uns das? – Wir haben ja einen Fliederstrauß.</p><p> </p><p>Doch warum immer in die Ferne schweifen,<br />wo doch das gute liegt so gar nicht weit.<br />Wir brauchen nicht im Quellental rumzustreifen<br />und können spar’n viel an Geld und Zeit<br />denn wie es jeder hier heute abend sieht,<br />in der Sentahalle auch der Flieder blüht.</p><p> </p><p>Es sind hier heut geladen Freund und Gäste,<br />von unserem Wirt und dem plattdeutschen Verein,<br />dass sich hier alle auf dem Fliederfeste<br />bei Tanz und Vortrag sollen mal erfreuen.</p><p> </p><p>Un de sien Modersprook noch god versteiht,<br />de weet ook gliek: hier herrscht Gemütlichkeit.<br />un nun roop ik Jug to denn Alltosoomen,<br />de hier vereinigt in de Sentahall<br />vun ganze hadden sünd uns hüt willkoomen!<br />Recht veel vergneugen wünscht wi jug nu all!<br />Denn unse Wirtslüüd geewen sick veel Möh.<br />Un wölt ji duhn warrn, bestellt man Fleedertee.</p><p> </p><p>Friedrich Schnoor, 1902<br />geb.1879 – gest.1966</p>								</div>
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		<title>Barmbek Erinnerungen von Bettina Sattler &#8211; Holzky</title>
		<link>https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/barmbek-erinnerungen-von-bettina-sattler-holzky/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Gerd Radzinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 14:17:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>
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					<description><![CDATA[Barmbek Erinnerungen von Bettina Sattler &#8211; Holzky Abschiedsbesuch in einem sterbenden Idyll? Zu Besuch im &#8222;Dieselstraßenland&#8220; In der vergangenen Woche war ich endlich mal wieder mit etwas Zeit in meiner [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="19078" class="elementor elementor-19078" data-elementor-post-type="post">
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					<h1 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Barmbek Erinnerungen von Bettina Sattler - Holzky</h1>				</div>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Abschiedsbesuch in einem sterbenden Idyll? Zu Besuch im "Dieselstraßenland"</h2>				</div>
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									<p>In der vergangenen Woche war ich endlich mal wieder mit etwas Zeit in meiner Geburtsstadt Hamburg und bin mit dem Rad in meine &#8222;alte Heimat&#8220;, die Dieselstraße in Barmbek Nord gefahren. Ich (Jahrgang 58) bin in der Dieselstraße (Nr. 58) aufgewachsen und habe dort eine ziemlich glückliche Kindheit verbracht &#8211; nicht zuletzt wegen der Kleingärten gegenüber. Jeder kannte damals jemanden, der so einen Garten sein eigen nannte, in dem man herrlich spielen, seine eigenen Beete anlegen und frisches Obst naschen konnte. Im Herbst gab es immer irgendwo ein &#8222;Apfelfeuer&#8220;, und im Winter spielten wir Kinder bei der Weihnachtsfeier des Kleingartenvereins im Vereinshaus beim Weihnachtsmärchen mit &#8211; auch Kinder wie ich, deren Eltern dort weder Mitglied waren noch einen Garten hatten. Das war ganz selbstverständlich. Der Verein und die Gärten hatten damals viele Funktionen für die dort lebenden Familien: Sie waren ein sicherer Spielplatz für die Kinder, boten Selbstversorgung mit frischem Obst und Gemüse sowie Gelegenheit zum kurzen Schnack am Gartenzaun, wenn man von der Schule, der Arbeit oder vom Einkaufen nach Hause kam. Und sie vermittelten, ganz wichtig, ein kleines bisschen das Gefühl von Freiheit für die Bewohner der eher kleinen, engen Barmbeker Mietwohnungen. Von der Funktion der Gärten als &#8222;grüne Lungen&#8220; sprach man damals noch kaum. Eher hat man im Schutz der Hecken heimlich die ersten Zigaretten geraucht! Doch jeder wird sich gern an die warmen Sommerabende erinnern, wenn man nach einem heißen Tag die kühler werdende, nach Sommerblumen duftende Gartenluft durch das offene Wohnzimmerfenster hereinließ! Auch an diesem Sommerabend, der zwar nicht heiß ist, aber immerhin ein Sommerabend im Juni 2016, haben viele Mieter ihre Fenster weit geöffnet.</p><p>Das Gebiet, das heute so nett &#8222;Dieselstraßenland&#8220; genannt wird, stand in den vergangenen Jahrzehnten schon öfter auf dem &#8222;Hamburger Abrissplan&#8220;. Zum ersten Mal, als ich gerade von meinen Eltern ausgezogen war, also vor knapp 40 Jahren. Es hat sich aber immer halten können. Umso erschrockener bin ich, als ich jetzt erneut die vielen Plakate sehe, und auf der dort genannten Homepage der &#8222;Bürgerinitiative Dieselstraßenland&#8220; erfahre, dass der Abriss bereits beschlossene Sache ist.</p><p>Mit beklommenem Gefühl radle ich meine alte Straße entlang und versuche mir vorzustellen, wie sie ohne das freundliche Gegenüber wohl aussehen würde. Wohnblock reiht sich in der relativ langen Straße hier an Wohnblock, eine &#8222;Architektur&#8220;, die nur durch die schönen Gärten gegenüber weder hart noch kalt wirkt. Den ganzen Nachmittag scheint hier die Sonne. Die Gärten aber einmal weggedacht und an ihrer Stelle eine höhere Bebauung? Ziemlich trostloser Gedanke!</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-132 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_01.jpg" alt="Straße mit parkenden Autos, Bäumen und Häuserfassade bei Sonnenschein" width="301" height="226" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_01.jpg 301w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_01-200x150.jpg 200w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_01-150x113.jpg 150w" sizes="(max-width: 301px) 100vw, 301px" /></p><p>Die Dieselstraße aus Richtung der<br />Hochbahnstation Habichtstraße.<br />Links die Kleingärten, denen der<br />Abriss droht. Ende einer ruhigen Zeit?</p><p> </p><p>Es ist, wie gesagt, ein schöner Sommerabend, als ich an den Gärten entlang radle. Wie früher kommen viele Leute in ihren Garten, um dort ihren Feierabend zu genießen. Wie früher spielen Kinder in den Gärten. Und wie früher mischt sich Rosenpracht mit roten Johannisbeeren. Zwischen den geparkten Autos stehen die alten Eichen am Straßenrand &#8211; wie viele Körbe voller Eicheln wir Kinder wohl damals gesammelt haben? An einigen Stellen ist der Weg inzwischen ganz schmal neben den alten Bäumen &#8211; die älteste Eiche ist beeindruckende 110 Jahre alt, hat zwei Weltkriege, den ersten Sauren Regen und etliche Kletterpartien überstanden. An ihrem Fuß wurden mit dem Absatz Löcher für das Marmelspiel in den Boden gebohrt. Manche Jungs konnten nicht abwarten, bis die Eicheln von allein auf den Boden fielen. Mit dicken Knüppeln warfen sie nach den begehrten Früchten und holten damit meistens mehr Laub als Eicheln vom Baum. Anderswo werden solche alten Stadtbäume gehegt und gepflegt. Aber die Barmbeker sind einfache Leute. Ihnen &#8222;gehören&#8220; ihre Gärten nicht, sie haben keine Rechte an den angrenzenden Wegen, sie haben keine Lobby. Und wenn sie nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, werden ihre schönen alten Bäume wahrscheinlich gefällt werden. Dann wird ein stattlicher alter Baum, der über hundert Jahre gewachsen ist, in wenigen Minuten zu einem gesichtslosen Holzstapel verarbeitet sein, der bei Gelegenheit abtransportiert werden wird.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-133 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_02.jpg" alt="Grüner Weg entlang eines Baums, Fahrrad lehnt am Stamm, Autos rechts im Bild" width="226" height="301" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_02.jpg 226w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_02-200x266.jpg 200w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_02-113x150.jpg 113w" sizes="(max-width: 226px) 100vw, 226px" /></p><p>Die prächtige Eiche aus dem<br />Jahr 1906 &#8211; Wie lange wird es<br />sie hier noch geben?</p><p> </p><p>Ich fahre weiter und freue mich, dass die schöne Buchenhecke um die Gärten herum noch immer ganz &#8222;altmodisch&#8220; über den Türen zu den Parzellen im Bogen geschnitten wird, diesen kleinen Türen in unterschiedlichen Farben und Formen mit der Parzellen-Nummer und dem Namensschildchen dran. Anders als früher gibt es hier heute auch Namensschilder mit Namen aus fernen Ländern. Viele Zugezogene haben hier ihr eigenes kleines Reich gefunden &#8211; Integration, sie scheint hier kein Fremdwort, keine leere Worthülse zu sein!</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-134 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_03.png" alt="Links blaues Holztor, rechts Lattenzaun in grüner Hecke, jeweils mit Hausnummer" width="600" height="301" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_03.png 600w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_03-300x151.png 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_03-150x75.png 150w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><br />Verschiedene Türen, Farben und Nationalitäten &#8211; ein ganz unspektakuläres<br />friedliches Miteinander im Kleingarten. Rechts im Hintergrund die Werkstätten<br />der Hamburgischen Staatsoper, früher Schiffbau-Versuchsanstalt.</p><p> </p><p>Heute sind die Gärten erfreulicherweise längst nicht mehr so aufgeräumt wie früher. Man findet schon mal ein aus rohen Brettern zusammengezimmertes Baumhaus oder auch etwas &#8222;schräge&#8220; Skulpturen neben den alteingesessenen Gartenzwergen. Sogar hölzerne Füchse machen ihnen Konkurrenz, aber die Zwerge halten tapfer die Stellung! Kein Kleingartenverein ohne Zwerge! Aber Kleingärten waren schon immer ein Ort der Vielfalt. Auch wenn sie heute etwas anders aussehen als früher, stellen sie nach wie vor so etwas wie kleine Fluchten dar, Fluchten aus einem genormten und oft grauen Alltag. Und wie früher sind es auch heute die einfachen, die &#8222;kleinen&#8220; Leute, die diese Fluchten suchen und brauchen. Leute, die kein Geld für ein Haus mit Garten haben, und die in ihren Gärten ein Stück Freiheit finden, sich selbst versorgen oder auf andere Art ihre Ideen verwirklichen. Die Ästhetik der Kleingärten ist vom Individualismus ihrer jeweiligen Bewohner geprägt und lässt sich nicht ikea-isieren! Und um diese Vielfalt tut es mir mindestens ebenso leid, wie um die alten Bäume und den freien Blick aus den Fenstern der Wohnungen!</p><p> </p><p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-135 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_04.png" alt="Links Garten mit Pflanzen und rotem Deko-Tier, rechts Zaun mit Schild Honig aus eigener Imkerei" width="600" height="301" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_04.png 600w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_04-300x151.png 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_04-150x75.png 150w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></strong><br />Ob Sägearbeit oder Klein-Imkerei &#8211; Kleingärten bieten Menschen<br />Entwicklungsmöglichkeiten, die in kleinen Wohnungen nicht zum Tragen<br />kommen könnten.</p><p> </p><p>In einer dieser Wohnungen wohnte damals meine Freundin Karin, zwei Jahre jünger als ich. Als ich ihr mein Poesie-Album gab, tat sie etwas, was wir &#8222;älteren Damen&#8220; uns gar nicht mehr getraut hätten: sie dichtete ein 08/15 &#8211; Gedicht auf unsere Straße um. Liebe Bettina, schrieb sie,<br />Wenn du einst in spät&#8217;ren Jahren<br />dieses Büchlein nimmst zur Hand,<br />denk daran, wie froh wir waren<br />in der kleinen Dieselstraße.<br />Recht hatte sie! Damals aber, das muss ich zugeben, störte mich der fehlende Endreim. Heute dagegen freue ich mich über dieses kleine, ganz besondere Gedicht! Vielleicht hätte ich Karin ohne dieses Gedicht längst vergessen? Nein, natürlich nicht, und ich werde auch vieles andere hoffentlich nicht so schnell vergessen. Das direkt hinter den Gärten liegende Gelände der Schiffbau-Versuchsanstalt zum Beispiel, auf dem wir alle das Radfahren lernten und übten, immer um &#8222;die Insel&#8220; herum!</p><p> </p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-136 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_05.jpg" alt="Asphaltierter Weg zu Lagerhalle mit Bäumen links und rechts, sonniger Tag" width="301" height="226" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_05.jpg 301w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_05-200x150.jpg 200w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_05-150x113.jpg 150w" sizes="(max-width: 301px) 100vw, 301px" /></p><p> </p><p>Die &#8222;Insel&#8220; war vor einem halben Jahrhundert noch nicht ganz so hoch bewachsen &#8211; sonst hat sich aber nicht viel verändert.Hier lernten die &#8222;Dieselstraßen-Kinder&#8220; das Radfahren &#8211; ohne Helm, aber auch ohne jeglichen Straßenverkehr! Auf der Rampe im Hintergrund musste man abwarten, bis das nächste Rad frei war, denn noch längst nicht jeder besaß ein eigenes Fahrrad!</p><p> </p><p>Später rasten wir die Auffahrt zum Gelände hinunter &#8211; unten an der Dieselstraße stand immer einer Wache und gab ein Zeichen, falls ein Auto kam. Wir passten gut aufeinander auf! Der kleine Martin wurde bei einer anderen Gelegenheit dennoch einmal von einem Auto angefahren und trug schwere Verletzungen davon. In der Folge wurde die durch parkende Autos etwas unübersichtlich gewordene Dieselstraße einige Jahre lang zur Einbahnstraße. Inzwischen ist die enge Straße aber wieder in beide Richtungen befahrbar; schnell fahren kann man hier heute nicht mehr.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-138 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_08.jpg" alt="Gesperrter Weg mit Kette und Betonfuß, dicht bewachsene Hecken an den Seiten" width="301" height="226" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_08.jpg 301w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_08-200x150.jpg 200w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_08-150x113.jpg 150w" sizes="(max-width: 301px) 100vw, 301px" /></p><p>Fast verwunschen wirkt die alte Auffahrt,<br />die zum Gelände der früheren<br />Schiffbau Versuchsanstalt führt.</p><p> </p><p>Es kümmert sich wohl einfach niemand<br />mehr um Hecken, die bald abgerissen werden sollen&#8230;</p><p>Heute gehört das ehemalige Schiffbau-Gelände zur Hamburgischen Staatsoper, die dort Probebühnen und Werkstätten unterhält. Angesichts meiner Abschiedsstimmung traue ich mich, über den Schlicksweg das Gelände hinter den Gärten zu erkunden. Der Pförtner dürfte mich wohl nicht hinein lassen, aber er sieht mich ja nicht&#8230;</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-137 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_07.jpg" alt="Schild mit handgeschriebenem Text ‚Mit uns nicht‘ hinter Maschendrahtzaun" width="301" height="226" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_07.jpg 301w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_07-200x150.jpg 200w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_07-150x113.jpg 150w" sizes="(max-width: 301px) 100vw, 301px" /></p><p>Ein Protestplakat, das nicht zur Dieselstraße,<br />sondern zum Gelände der<br />Hamburgischen Staatsoper hin ausgerichtet ist &#8211;<br />oder ist es hier nur abgelegt worden?</p><p> </p><p>Rund um die Werkstätten der Hamburgischen Staatsoper liegen etliche Bühnenteile herum, eine skurrile Landschaft. Ich frage mich, ob wohl auch das Gebäude der Hamburgischen Staatsoper vom Abriss bedroht ist. Ich weiß es nicht&#8230; Vielleicht ist es reiner Zufall, aber das Aufhängen gewisser Requisiten lässt den Gedanken irgendwie naheliegend erscheinen..</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-139 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_09.jpg" alt="Kunstschädel auf Pfahl im Gebüsch, wirkt wie eine Warnung oder Dekoration" width="226" height="301" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_09.jpg 226w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_09-200x266.jpg 200w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Sattler_09-113x150.jpg 113w" sizes="(max-width: 226px) 100vw, 226px" /></p><p> </p><p>Beim Anblick der Totenköpfe muss ich plötzlich an den großen nächtlichen Brand denken, der das lang gestreckte Gebäude in den späteren 70er-Jahren im mittleren Abschnitt teilweise zerstörte. Mein Vater weckte mich damals mit dem unvergessenen Satz: &#8222;Willst du mal ein richtig großes Feuer sehen?&#8220; Ich wollte! Der Anblick war überwältigend. Und niemals zuvor hatte ich eine Ahnung davon gehabt, welch einen unglaublichen Lärm so ein Großfeuer macht. Bei jeder unsichtbar einstürzenden Innenwand fuhren wir erschrocken zusammen. Der ohnehin schwache Wind stand aber günstig, so dass wir nicht um unsere Häuser bangen mussten. Wir wohnten im dritten Stock, Logenplatz also! Dennoch trieb es mich bald zu den Freunden und Nachbarn nach draußen. Die Straße leerte sich erst nach Stunden, als es endlich hieß, niemand sei in den Flammen umgekommen. Erleichtert gingen die Bewohner der Dieselstraße zurück in ihre Wohnungen. Ich selbst nutzte die Gelegenheit für meinen ersten nächtlichen Besuch bei meinem damaligen Freund, der ebenfalls in der Dieselstraße wohnte, ganz am anderen Ende allerdings. Es gab ja noch kein Handy, mit dem meine Mutter mich hätte zurück beordern können! Die Welt war doch in mancher Hinsicht noch in Ordnung damals. Das kräftige Donnerwetter meiner Mutter am nächsten Morgen, es war ein Samstag, war im Zuge der allgemeinen Aufregung bald vergessen. Gegen Mittag wurde am Schlicksweg eine riesige Gulaschkanone für die Feuerwehrleute aufgestellt, die fast das gesamte Wochenende im Einsatz blieben. Genau an der Stelle, an der ich jetzt das Gelände der Hamburgischen Staatsoper verlasse, saßen die Feuerwehrleute gemütlich da und aßen in Schichten zu Mittag. Von Hektik keine Spur. Dieses Bild hat sich mir derart eingeprägt, dass ich meinem ältesten Sohn, als er im Alter von etwa vier Jahren vom Playmobil-Feuerwehr-Fieber gepackt wurde, davon erzählte. Von da an baute er zu seinen Feuerwehreinsätzen immer einen Tisch mit Essen und Trinken dazu auf. Er ist inzwischen 25. Ich muss ihm die Stelle wohl schnell noch einmal zeigen &#8211; bevor es zu spät ist!</p><p> </p><p>Bettina Sattler-Holzky, geschrieben am 4. Juli 2016</p>								</div>
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		<title>Barmbek Erinnerungen von Uwe Preuß</title>
		<link>https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/barmbek-erinnerungen-von-uwe-preuss/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Gerd Radzinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 14:16:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>
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					<description><![CDATA[Barmbek Erinnerungen von Uwe Preuß Vorfall an der Langenfortschule (1951/52) Schule Langenfort 1960 Mein Bericht beinhaltet keine Heldentat, ist nicht weltbewegend, nicht lustig, nicht traurig, sondern steht für sich. Vielleicht [&#8230;]]]></description>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Vorfall an der Langenfortschule (1951/52)</h2>				</div>
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									<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-142 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/SchulefuerHP.jpg" alt="Backsteinbau mit vielen weißen Fenstern und Vorgarten, sonniger Tag" width="533" height="400" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/SchulefuerHP.jpg 533w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/SchulefuerHP-300x225.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/SchulefuerHP-150x113.jpg 150w" sizes="(max-width: 533px) 100vw, 533px" /></p><p>Schule Langenfort 1960</p><p><br />Mein Bericht beinhaltet keine Heldentat, ist nicht weltbewegend, nicht lustig, nicht traurig, sondern steht für sich. Vielleicht ist er sogar langweilig, verwirrend und uninteressant. Meiner Meinung nach wirft er ein kleines Licht auf die Nach-Nazizeit.</p><p>Es muss nach meiner Erinnerung 1951/52 gewesen sein, als wir aus beengten Untermieterverhältnissen in der Sierichstraße nach Barmbek in das Haus in der Steilshooper Straße Nr. 191 in die &#8222;eigene&#8220; Mietwohnung gezogen waren. Besuchte ich vorher 1 Jahr lang die Grundschule in der Voßstraße am Stadtpark, so war ab jetzt die Schule in der Langenfortstraße meine Grundschule (2. Klasse, Klassenlehrerin Frau Günzel). Das ist mein Bezugspunkt zu Barmbek.</p><p>In der Schule herrschte die Regel, dass nach der Pause im Schulhof nach dem Klingelzeichen die Jungen in das rechte Tor und die Mädchen in das linke Tor gingen. Die Treppe hoch zu den Klassenräumen müsse &#8222;gesittet&#8220; und langsam benutzt werden. Soweit die Theorie! In der Praxis aber war es so, dass vor und nach dem Tor und die Treppe hinauf immer eine Drängelei und Schieberei stattfand.</p><p>Zu Beginn meiner Schulzeit, als ich in der Langenfortschule noch neu war, steckte ich in solch einem Geschiebe auf der Treppe, nachdem die Schulhof- klingel getönt hatte. Oben auf dem Treppenabsatz stand die Pausenaufsicht, eine ältere Lehrerin (deren Namen ich nicht genau erinnere; ich nenne sie hier Frau Meier). Sie winkte mich aus der Menge heraus zu sich. Ich, -eingedenk der Ermahnungen meiner Mutter, den Anweisungen der Lehrer immer nachzukommen &#8211; kämpfte mich durch zur Lehrerin. Ich biss aber, als ich mich ihr näherte, noch schnell von meinem Schulbrot ab, das ich von zu Hause mitbekommen hatte. Ich kaute das Brot, als ich vor ihr stand. Da fing sie an zu schimpfen, etwa so, dass ich kein Benehmen hätte, in ihrer Gegenwart zu essen. Und ehe ich mich versah, hatte ich eine Ohrfeige weg. Mir ist jetzt nicht in Erinnerung, ob ich noch weitere Belehrungen bekam, z.B. wie man die Treppe zu benutzen habe. Zu solchen Hinweisen wäre ja -rückblickend betrachtet-Anlass gewesen. Ich muss dann in den Klassenraum geschickt oder gelassen worden sein und wie ich den Unterricht in der Klasse hinter mich gebracht habe, ist mir auch entfallen.</p><p>Mittags nach der Schule berichtete ich den Vorfall meiner Mutter. Sie sagte nichts dazu. Sie muss ihn aber meinem Vater mitgeteilt haben, der immer abends von der Arbeit nach Hause kam; denn mein Vater fragte mich zu dem Vorfall aus. Er regte sich ganz fürchterlich auf. Er wollte darüber mit dem Schulleiter sprechen. Heute würde ich sagen, er wollte eine Dienstaufsichtsbeschwerde einlegen. Damals kannte ich natürlich den Begriff und die Sache nicht. Ich konnte keinen Zusammenhang zwischen der Ohrfeige und dem Schulleiter sehen, war froh, dass ich nicht das Ziel des Unmuts meines Vaters war.<br />Am nächsten oder übernächsten Tag in der Schule erklärte mir ein größerer Schüler, der den Vorfall wohl mitbekommen hatte, dass &#8222;die alte Frau Meier im ‚Kaazett‘ gewesen wäre&#8220;. Er sagte es so, als sei das ein Makel der Lehrerin, jedenfalls hatte ich ihn so verstanden. Ich konnte mit der Information des Mitschülers eigentlich nichts anfangen, hatte aber ein neues Wort gelernt. Und dieses Wort, das ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht kannte, überbrachte ich mittags meiner Mutter mit dem Bemerken, dass Frau Meier im &#8222;Kaazett gewesen wäre&#8220;.</p><p>Wenn ich gedacht hätte, dass meine Mutter durch meine Nachricht wie mein Vater explodieren würde, so hatte ich mich sehr getäuscht. Meine Mutter verhielt sich wiederum indifferent. Und auch mein Vater fragte mich nicht nach Frau Meier. Als ich ihm dann von mir aus von dem &#8222;Kaazett&#8220; erzählte, war er nicht daran interessiert. Für ihn war die Sache erledigt, für mich ganz unerklärlich und plötzlich. Wir erwähnten das Ereignis aber auch nie wieder in der Familie. Erst jetzt, nach 70 Jahren taucht die Erinnerung wieder auf.</p><p>Nach allem glaube ich, dass mich die ganze Angelegenheit irgendwie beeindruckt hat, sonst wäre sie nicht wieder nach so langer Zeit erschienen. Wenn ich jetzt auf mein Leben zurückschaue, dann vermute ich sogar, dass mich der Vorfall auch ein wenig geprägt hat.<br />Ansonsten ist mir von der Schulzeit in der Langenfortschule wenig im Gedächtnis geblieben.</p><p> </p><p>Uwe Preuß, 2021</p>								</div>
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		<title>Barmbek Erinnerungen von Peter Oebel</title>
		<link>https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/barmbek-erinnerungen-von-peter-oebel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Gerd Radzinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 14:15:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>
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					<description><![CDATA[Barmbek Erinnerungen von Peter Oebel Ein Weihnachtsgeschenk von Walter Messmer. Auszug aus dem Buch Alex von Peter Oebel   Ganz in unserer Nähe, nämlich in der Hufnerstraße bei Walter Messmer, [&#8230;]]]></description>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Ein Weihnachtsgeschenk von Walter Messmer. Auszug aus dem Buch Alex von Peter Oebel</h2>				</div>
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		<title>Barmbek Erinnerungen von Kai Krause</title>
		<link>https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/barmbek-erinnerungen-von-kai-krause/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Gerd Radzinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 14:13:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>
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					<description><![CDATA[Barmbek Erinnerungen von Kai Krause   In den Jahren nach dem Kriege war es aufgrund der großen Wohnungsnot in Hamburg den Schrebergärtnern von behördlicher Seite erlaubt, in ihrem Garten die [&#8230;]]]></description>
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									<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-112 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Kay-Krause.jpg" alt="Mann mit Bart sitzt an Tisch mit Kürbissen, schreibt in ein Buch, maritimes Dekor" width="333" height="226" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Kay-Krause.jpg 333w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Kay-Krause-300x204.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Kay-Krause-150x102.jpg 150w" sizes="(max-width: 333px) 100vw, 333px" /></p><p> </p><p>In den Jahren nach dem Kriege war es aufgrund der großen Wohnungsnot in Hamburg den Schrebergärtnern von behördlicher Seite erlaubt, in ihrem Garten die vorhandene Laube für Wohnzwecke zu erweitern bzw. ein kleines Wohnhaus zu bauen. Mein Stiefvater entschied sich zu Letzterem.<br />Ort des Geschehens: Kleingartenverein „Am Grenzbach e.V.“ in der Dieselstraße, Parzelle 21. Vaddern begann damit 1949, selbstverständlich nach einem langen Arbeitstag und am Sonntag. Muttern verbrachte trostlose 3 Jahre in einer Lungenheilstätte in Wintermoor, wurde morgens mit dem Liegestuhl in die Sonne geschoben und abends wieder hereingeholt, das war die ganze Therapie für TBC-Kranke. Sie hat’s überlebt, die meisten ihrer Bettnachbarn sind gestorben.<br />Ich – 6 Jahre alt – war bei diesem Versuch der hamburger Bürger, den Schutt der Bomben wegzuräumen und neu aufzubauen, quasi das 5 Rad am Wagen und total überflüssig. So verbrachte ich meine Kindheit bei verschiedenen Verwandten und zuletzt im Kinderheim Neugraben, wo ich auch zur Schule kam.<br />Am Sonnabend Nachmittag ging ich dort zum Bahnhof, fuhr mit der Bahn bis HH-Hauptbahnhof, von da mit der Straßenbahn bis Hellbrookstraße, und die restlichen 15 Minuten zu Fuß zur Dieselstraße. Dort war Vaddern schon am Werken und wartete auf mich. Mit der hölzernen Schiebkarre und einem Maurerhammer ausgerüstet zog ich los, auf die andere Straßenseite, in die Trümmer.<br />Die Dieselstraße ist vom Schlicksweg bis zum Elligersweg ca. 500 Meter lang, links die Schrebergärten, rechts stand vor dem Krieg eine ebenfalls fast 500 Meter lange Reihe von drei- bis viergeschossigen Wohnhäusern. Vom Erzählen der Nachbarn weiß ich, dass englische Flieger mit Brandbomben diese ganze Häuserzeile mitsamt den Bewohnern platt gemacht haben. Stehengeblieben ist nur der u-förmige Ziegelbau am Ende zwischen Dieselstraße und Oertzweg.<br />Diese Trümmer waren nun mein Arbeitsfeld. Meine Aufgabe war es, alte Mauersteine vom Putz zu befreien, auf die Schiebkarre zu laden und zum Neubau zu fahren. Ja, lieber Leser, Du hast recht: es gibt keinen Maurerhammer für sechsjährige Kinder, es gab damals auch keine Arbeitshandschuhe für Kinder. Meine Hände waren zerschunden, Muskeln und Knochen taten weh, und trotzdem hat’s Spaß gemacht! Ich bin am Sonntag Abend glücklich und zufrieden nach Neugraben zurückgefahren. Vaddern hat sich über jeden Stein gefreut, den ich ihm sauber abgeklopft brachte, den er nicht kaufen mußte; ich weiß noch, dass ich über’s Wochenende an die 100 Steine geschafft habe. Pro Stein habe ich 1 (in Worten: einen) Pfennig bekommen. Ein neuer Kalksandstein kostete damals 7 Pfennig, soviel wie ein Brötchen. Es war mein Taschengeld für die ganze Woche. Andere Kinder hatten gar kein Taschengeld.<br />1951 kam Muttern aus der Klinik, das Häuschen war fertig und wir zogen zusammen mit meiner Tante ein. Die Wände waren noch nicht verputzt, roher Zementfußboden, aber Fenster und Türen waren drin, jedes der 3 kleinen Zimmer hatte einen Ofen, und letztlich war auch noch Geld übrig für Holz und Kohlen.<br />Ein paar Jahre später wurde nach und nach auch die gegenüberliegende Häuserzeile wieder aufgebaut. Nun waren nicht mehr die Trümmer, sondern die Baugerüste unser Spielplatz. Mein Elternhaus wurde nach dem Tod meiner Mutter im Jahre 2001 als eines der letzten verbliebenen Wohnhäuser in dieser Gartenkolonie abgerissen. Parzelle 21 ist nun wieder ein ganz normaler Schrebergarten.</p><p>Kay Krause 30. November 2016</p>								</div>
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									<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-129 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/ROLLER.jpg" alt="Junge mit Roller auf leerer Straße, Wiese und Wohnhäuser im Hintergrund" width="429" height="283" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/ROLLER.jpg 429w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/ROLLER-300x198.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/ROLLER-150x99.jpg 150w" sizes="(max-width: 429px) 100vw, 429px" /></p><p> </p><p>Ick wär wedder mit mien Luxusroller ünnerwegens as jeden Nomiddach, wull mien Oma inne Humboldtstroot besöken.<br />Eers den Schlicksweg lang, und denn säh‘ ick all dat Mallör op de grote Krüzung Habichtstroot – Steilshoperstroot: een olen „Tempo“ Dreerad-Lieferwogen stunn man blots noch op de twee Achterbeen, datt Vorderbeen wär em wechknickt, harr woll Athrose, oder sowatt. Ick kann ju vertellen: datt säh man bannich unglücklich ut. Ober datt beste wär: de hett Eier oploden hatt! Nu wär de ganze Krüzung vull mit Röhreiers, und ’n poor Eiers wärn ok noch ganz, und de Lüüd kääm mit Tüten und Taschen und sammelt in, watt noch to bruken wär.</p><p>Na ja, ick hebb mi datt ’n Tiedlang mit ankeken und bin denn wiederfohrt, de Steilshoper Stroot lang und denn rechts inne Hellbrookstroot, noch’n poor hunnert Meters und denn wär links anne Eck vonne Schwalbenstroot een groten freien Platz, schrääch gegenöber vonne Post. Op düssen Platz stunn nu een Wogen, weest, so’n Wogen as de Lüüd von Zirkus hebbt, för de Viecher, för all de Utensilien, und ok to’n Wohnen mit de Artisten und de Familie. Twee Meter föftich breet, acht oder neegn Meter lang, mit’n Dachwölbung und Flügldöörn an beide Sieden. De een Flügldöör stunn op, door wär een Mann bien Rumpütschern, und ick kunn in den Wogen rinkieken. Glieks achter de Döör wär op’n Boden een Stüerrad montiert, dor achter stunn een Stohl. Inne Mitt von den Wogen wär een Wand. Anne Front ’ne Trepp to’n op- und doolklappen.</p><p> </p><p>De Mann wär dorbi, anne föftein Klappstöhl in den Wogen in Reih und Glied optostelln. Ick frooch em, wat dat war’n sall, und he vertellt mi, datt he Film-Theoter mookt för Kinners. Und nu säh ick ok een Leinwand an de Mittelwand, und he wär dorbi, een lütten Projektor mit Handkurbel optostelln. Ick froch em, watt datt kost, und he seggt: „Zwanzig Pfennig, mein Jung&#8217;“. Ick segg to em, datt ick ober keen twintich Penn gor nich hebb. Door kümmt he de Trepp dool, leggt mi de Hann op de Schuller und seggt: „Denn fohrst du nu mit dien Roller gau no Huus und seggst dien Modder, sei sall mi ’n poor belegte Brote moken, und denn kümmst wedder her und kannst di den Film ankieken“. Ick bün afsuust as’n Rakete. As ick wedder öber de Krüzung Habichtstroot kumm, wär de Füerwehr all dorbi, den ganzen Eiermatsch in’n Gulli to speueln. De Fisch inne Alster ward sick wunnert hebben öber dat nahrhaftige Fudder.<br />Een Abschleppwogen nähm dat kranke Dreerad all huckepack, ober ick harr keen Tied too’n Kieken.</p><p> </p><p>To Huus hebb ick Moddern de ganze Geschicht vertellt. Se hett veer Schieben Brot afsneeden, Margarine opsmeert, Wurst und Kääs good oppackt, tosomklappt, in Pergamentpapier inpackt, und ick bün wedder tröchsuust. De Mann hett sick bedankt und ick döff mi een Stünn lang ole Filme ankiecken, swatt-witte Stummfilme mit Buster Keaton und Dick und Doof. As de Filmkiekerei to Enn wär, hett de fründliche Mann mi noch sien ganzes lüttes Riek wiest. In dat achtere Stück von den Wogen leeft he mit sien Fru und twee lütte Kinners, op tein Quadratmeters. Ober dat wär allns gemütlich und harr Hann und Foot: inne een Eck ’n lütten Ofen too’n Heizen un Kooken, anne Sied ’n Klappsofa för de Öllern too’n Sloopen, inne anner Eck ’n lütt Etagenbett för de Kinners. Inne Mitt wär grood noch Platz för’n lütten Tisch und twee Stöhl. Und datt hett he sick allns sölben utdacht un sölben tosombastelt!</p><p> </p><p>Und dat beste wär: ünner den Boden, glieks neben de achterliche Achse, hett he een olen Volkswogen-Motor montiert, de hett der Achterräders antreben. De harr ober blots een Gang. Wenn he nun von een frei’n Platz to den nächsten dörch Hamborg ünnerwegens wär, denn mokt he de Flügldöörn vorn op, sett sick op sien Stohl achter dat Stüerrad, kuppelt in und fohrt mit veeruntwintich PS un fief Kilometers inne Stünn dörch den Verkehr. Man blots: Verkehr gääv dat eben dormols noch nich! Süh, und watt datt in de dormolige Tied för een Abenteuer wär, datt kannst doran sehn, datt ick datt nich vergeeten hebb. Nu stell di mol för, du geihst hüt no de Kinokass mit dien Deern, leggst ’n Botterbrotpaket op’n Tresen und seggst to de schnieke Lady op de anner Siet: „Twee mol letzte Reihe bitte!“ Kann woll good angohn, datt se di afholt und ünnersöken lot von een Fachmann.</p><p> </p><p>Kay Krause 09. Dezember 2016</p>								</div>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Barmbeker Jung und der Jazz</h2>				</div>
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									<p>Das Barmbeker Leben findet zwar – zugegeben – in Barmbek statt, doch das bedeutet nun noch lange nicht, dass jeder Barmbeker Jung‘, jede Barmbeker Deern auch den Rest des Lebens in Barmbek zu verbringen hat, quasi bis zum bitteren Ende. Ohne dass ich mir damals dessen bewußt wurde, gab es doch einen Anlass, der dafür sorgte, dass ich mich mehr für die große weite Welt interessierte. Mein gleichaltriger Lehrkollege Ernst Hänsgen schleppte mich nach Feierabend an einem Donnerstag zur Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark. Bisher hatte ich mich sehr für klassische Musik interessiert,jedoch dieses hier erste erlebte Jazzkonzert hat mich derart begeistert, dass mein Freund und Kollege Ernst zukünftig nicht mehr alleine dorthin gehen mußte. Donnerstags war einfach Jazz angesagt. Es war eine wunderbare Atmosphäre: man lauschte der Life-Musik, unterhielt sich aber nebenbei auch zwanglos und trank sein Alsterwasser. Hier und da wurde zwischen den Bänken auch ein Tänzchen gewagt.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-152" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Stadtpark-300x185.jpg" alt="Jazzband spielt im Freien auf Bühne, viele Menschen sitzen im Park davor" width="395" height="243" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Stadtpark-300x185.jpg 300w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Stadtpark-150x92.jpg 150w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Stadtpark.jpg 486w" sizes="(max-width: 395px) 100vw, 395px" /></p><p> </p><p>Eines Donnerstags war „Papa Bues Viking Jazzband“ angesagt. Hatte ich noch nie gehört. Allein der kleine „Papa Bue“, ca. 1,60 Meter dänischer Nationalstolz, war mit seiner Posaune schon sehenswert.<br />Er muß damals um die 30 Jahre alt gewesen sein und galt in Jazzmusiker-Kreisen bereits alt „alter Mann“, daher die Bezeichnung „Papa“, so wurde mir erklärt. Ich durfte für 50 Pfennig Eintrittgeld 2 Stunden Jazzmusik vom Allerfeinsten genießen, war mir damals aber nicht darüber im Klaren, dass ich eine Legende erleben durfte. Nach meiner Lehrzeit wurde ich Monteuer im Kraftwerksbereich und installierte 10 Jahre lang Wärmetauscher in fast allen bundesdeutschen Kraftwerks-Neubauten. Irgendwann blieb ich dabei in Bayern hängen und verbrachte in Neuburg an der Donau ebenfalls fast 30 Jahre meines Lebens. Hier entdeckte ich einen kleinen, aber feinen Jazz-Club, welcher nach mehrjähriger Pause gerade wiederbelebt und durch seine Konzerte mit Spitzenmusikern schnell im Umkreis bekannt wurde. 1991 konnte der Club den Gewölbekeller der alten Hofapotheke für sich gewinnen, und ich durfte bei der Renovierung und dem Umbau zum Jazz-Keller dabei sein. Inzwischen ist dieser Jazz-Club mit seiner einmaligen Räumlichkeit einer der beliebtesten in Deutschland geworden, und das gilt auch für die auftretenden Musiker. Eines Samstag-Abends große Überraschung: wer steht auf der Bühne? Mein großer Freund Papa Bue mit seiner Viking Jazz-Band! Ein Wiedersehen nach über 30 Jahren. In der Pause tranken wir zusammen am Tresen ein Bier, und er erinnerte sich noch gut an den Auftritt im Hamburger Stadtpark. Es war ein unvergesslicher Abend, und diesesmal war ich mir durchaus bewußt, mit einer Jazz-Legende „Skal“ sagen zu dürfen.</p><p> </p><p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-109 size-full" src="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Jazz-1975.jpg" alt="Plakatreihe für Jazzkonzerte im Stadtpark, gezeichnete Figur am Klavier" width="283" height="395" srcset="https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Jazz-1975.jpg 283w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Jazz-1975-200x279.jpg 200w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Jazz-1975-107x150.jpg 107w, https://geschichtswerkstatt-barmbek.de/wp-content/uploads/2023/10/Jazz-1975-215x300.jpg 215w" sizes="(max-width: 283px) 100vw, 283px" /></p><p> </p><p>Aber nun, lieber Leser, ist die Geschichte ja noch nicht fertig erzählt. Ein paar Jahre später unternahmen meine Ewa und ich eine Motorradtour über Mecklenburg, Rügen, setzten mit der Fähre über nach Bornholm, und fuhren von dort nach Kopenhagen, um uns ein paar Tage bei der Kusine meiner Frau schadlos zu halten. Nun waren wir schon einmal in Kopenhagen, und wenn man ein paar Tage Zeit hat, dann gehört ein Besuch des „Tivoli“ einfach dazu. Während wir also zusammen durch diesen wirklich schönen und interessanten Amüsierpark pilgerten, klangen plötzlich von Ferne Jazz-Klänge in mein geschultes Ohr. Ohne darüber zu diskutieren schlugen wir die Richtung ein, aus der diese Musik kam. Wer steht auf der Bühne: mein großer (kleiner) Freund Papa Bue, inzwischen über 70 Jahre alt, mit seiner weltberühmten Viking Jazz-Band, und er blies nach wie vor alle seine vorhandene Atemluft in die Posaune, um ihr wunderschöne weiche Klänge zu entlocken. In einer Pause hatten wir wiederum einen netten Small-Talk, und er konnte sich wohl nicht mehr an mich, aber doch noch an den Auftritt im historischen Jazz-Keller in Neuburg erinnern. Es war wieder ein unvergesslicher Abend! Anno 2011 hat Papa Bue uns Freunde der Jazzmusik im Alter von 81 Jahren verlassen. Ich habe alle Alben von ihm, und er wird immer einen Platz in meinem Herzen behalten.<br />Und dieses erzähle ich dem Forum der Barmbeker Geschichtenwerkstatt, weil ein Barmbeker eben nicht alle seine Abenteuer nur in Barmbek erleben kann. Manchmal muß man auch äber den Tellerrand hinausschauen, und auch wenn ich heute in Polen lebe, so bleibe ich doch ein „Barmbeker Jung“ !</p><p> </p><p>Kay Krause am 12. März 2017</p>								</div>
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