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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 7.2: Lauter Backstein – harmonisch oder monoton?

Die Bebauung am Habichtsweg mit ihren Putzfassaden ist untypisch für das Barmbek-Nord der „Schumacher- Ära“. Es waren die Backsteinblocks, die dem Stadtteil sein Gesicht gaben. Die Backsteinhaut trug wesentlich zu der gleichmäßigen Gesamtwirkung bei, die die Hamburger Wohnquartiere aus den 20er Jahren kennzeichnet. So großräumig-einheitliche Viertel wurden damals in keiner anderen deutschen Stadt gebaut.

Die ästhetische Funktion des Backsteins

Seit Schumacher nach Hamburg gekommen war, hatte er eine Vorliebe für Backsteinbau. Im Backstein glaubte er norddeutsche Bautradition mit Modernität versöhnen zu können. Solch ein Ausgleich schien ihm erstrebenswert. Gleich in den ersten Hamburger Jahren ließ er alle Stadtpark-Bauwerke in Backstein ausführen. In den 20er Jahren kam Schumachers Vorliebe für den Backstein in den neu entstehenden Wohnvierteln voll zur Geltung. Nun schrieb er dem Backstein vor allem eine vereinheitlichende Kraft zu, Zitat: „Es liegt eben im Wesen einer gesunden Behandlung des Backsteins, dass er aus sich selbst heraus zu verwandtem Ausdruck führt, mit anderen Worten, dass er nicht nur äußerlich verbindendes Baumaterial bleibt, sondern unwillkürlich eine verbindende Bauweise wird.“ Daneben blieb ihm die ausgleichende Wirkung nach wie vor wichtig, Zitat „Er dämpft alle neuartigen Wirkungen durch einen leisen Einschlag von Überlieferung, der sich aus dem Wesen seiner Struktur ergibt.“ Schumacher hat sicher recht mit seiner Behauptung, manche Hamburger Backsteinblocks würden mit Putzfassaden wesentlich moderner (im damaligen Sinne) wirken. Schumacher plädierte und warb für die Backsteinverkleidung, aber er brauchte sie in der Regel gar nicht vorzuschreiben, weil die führenden Hamburger Architekten, die in den neu entstehenden Vierteln bauten, in der Mehrzahl den Backstein genauso schätzten wie er selber.
Die Backsteinfassaden der 20er Jahre unterscheiden sich sehr von den Backsteinfassaden der Nachkriegsjahrzehnte. Nach dem Kriege: ein Stein wie der andere, die Wände wirken tot. In den 20ern: Steine mit unzähligen Unregelmäßigkeiten, in der Form, in der Farbe (zwischen rot und bläulich changierend), in der Oberflächenbeschaffenheit (rau/glatt, stumpf/anglasiert) – die Wände haben Leben, selbst ohne dekorative Elemente. Schumacher bemühte sich selber darum, dass solche „unregelmäßigen“ Steine produziert und verwendet wurden.

Heute werden Fassaden wieder öfter mit unregelmäßigen Backsteinen verkleidet, so zum Beispiel am Haus der Haspa Ecke Hufner-/Fuhlsbüttler Straße. Wirkungsvoll belebt wurden die meisten Fassaden zudem durch die Sprossenfenster. Leider hat man sie in den Nachkriegsjahrzehnten nicht selten entfernt.
Schumacher versprach sich von der planvoll-vereinheitlichenden Gestaltung ganzer Quartiere eine heilsame Gemütswirkung: „Wesentlich ist (auch) der Versuch, diesen neuen Bauquartieren eine gewisse äußere Harmonie zu geben. Für den gehetzten Menschen unserer Zeit dürfte auch darin ein Stück Hygiene liegen, Hygiene der Nerven.“ Heute wird die Einheitlichkeit der Backsteinquartiere unterschiedlich empfunden. Die einen empfinden sie in Schumachers Sinne als wohltuende Harmonie. Andere aber – gerade auch viele Jüngere – empfinden sie als monoton, trotz aller Abwechslung in den Blockformen und trotz aller Verlebendigung im Detail. Wer freilich den Backsteinfronten Putzfassaden aus der Kaiserzeit vorzieht, womöglich mit konfektionsmäßigem Palais-Zierrat, folgt einer auch recht anfechtbaren Geschmacksrichtung, bei der sicherlich Nostalgie im Spiel ist (meinen wir).

Schumachers Lenkungsinstrumente

Um den Backstein zum Standard zu machen, bedurfte es wohl keines Druckes. Ansonsten aber brauchte Schumacher eine Handhabe, um bei der Gestaltung eines neuen Viertels seine Vorstellungen annähernd zu verwirklichen. Die Beleihungskasse bot ihm die Handhabe. Faktisch war es wohl so, dass die Kasse Baudarlehen nicht ohne Schumachers Zustimmung zu den Entwürfen vergab. Das praktische Verfahren, mit dem sich Schumacher sein „Zustimmungsrecht“ zunutze machte, nannte er „modellmäßiges Bauen“. In Plastilinmodellen, die jeweils großen Ausschnitten eines Viertels entsprachen, ließ Schumacher darstellen, was er anstrebte. Die Modelle zeigten keine Einzelheiten, sondern nur die Formen der Blocks (der Baukörper). Wahrscheinlich wurde vor den Modellen mit den jeweiligen Bauherren und deren Architekten nach einvernehmlichen Lösungen gesucht. Erwogene oder diskutierte Varianten konnten sogleich versuchsweise einmodelliert werden, so dass die Auswirkung aufs Ensemble gemeinsam begutachtet werden konnte.
Dies Verfahren scheint höchsteffektiv gewesen zu sein und hat tatsächlich Viertel wie „aus einem Guß“ entstehen lassen. Funktionieren konnte das Verfahren allerdings auch nur, weil nicht mit einer Vielzahl „kleiner“ Bauherren zu verhandeln war, sondern mit relativ wenigen „großen“. Wie diese Grundbesitzstruktur (große Flächen in der Hand weniger Bauherren) sich zum Beispiel in Barmbek-Nord herausgebildet hat, wäre noch zu untersuchen. Jedenfalls dürfte sie auch Voraussetzung für die Abwandlung des alten Bebauungsplans gewesen sein. Auch diese musste in Verhandlungen mit den einzelnen Bauherren erreicht werden. Immer nach dem Prinzip: gleiche Grundstücksausnutzung bei verändertem Grundriss und geringerer Bauhöhe. Auch hierbei kann die Darlehensvergabe die Rolle eines möglichen Druckmittels gespielt haben, das die Bauherren einigungsbereiter machte. Es ist gut vorstellbar, dass Durchgestaltung der Quartiere und Umwandlung des Bebauungsplans ineinandergriffen, also bei jedem größeren Objekt in einem Zuge ausgehandelt wurden.

Zahlenmäßig war das Ergebnis der Wohnungsbauförderung in Hamburg beachtlich. Gebaut:

1925 = 4.126 Wohnungen

1926 = 7.899 „

1927 = 10.641 „

1928 = 9.960 „

1929 = 10.280 „

1930 = 10.643 „

1931 = 3.361 „

Die nicht geförderten Wohnungen fielen daneben kaum ins Gewicht. 1925 z. B. waren es 124. – Ganz unbefriedigend war das Ergebnis allerdings gemessen an der Zahl der Wohnungssuchenden: 1926 über 30.000, 1927 weit über 40.000. Unbefriedigend war das Ergebnis auch deshalb, weil zu wenig kleine (allenfalls noch für die unteren Schichten bezahlbare) Wohnungen gebaut wurden. Hinzu kam, daß die verfügbaren Fördermittel schrumpften.

Wie versucht wurde, die Krise des Wohnungsbaus 1927 zu überwinden, ist auf der Tafel am Hinblicksplatz dargestellt. Hier nur zwei Stichworte: verstärkte Förderung staatlich kontrollierter Baugesellschaften, Forcierung des Kleinstwohnungsbaus (unter 45 qm).

Als Werk der Politik – speziell sozialdemokratischer Politik – gesehen, ist die Hamburger Wohnungsbauförderung der 20er Jahre noch ungünstiger zu beurteilen. Ganz am Anfang war als Ziel genannt worden, den „Minderbemittelten“ zu einer Wohnung zu verhelfen. Dies Ziel wurde nicht konsequent verfolgt. Ohnehin war die Wohnungsbauförderung zwar eine staatsinterventionistische, aber beileibe keine sozialistische Politik. Und den Wunsch, damit etwas für den sozialen Frieden zu tun, hatte nicht nur die SPD-Führung, sondern ihn konnten auch manche bürgerlichen Politiker teilen. Während die SPD 1919 die absolute Mehrheit in der Bürgerschaft erzielt hatte, mußte sie 1926 neben der „linksliberalen“ DDP auch noch die weiter rechts stehende DVP in die Regierungskoalition aufnehmen. Deren Senator Chapeaurouge (Finanzen) war für die Beleihungskasse zuständig. Aber es lag nicht an ihm allein, daß die „Minderbemittelten“ das Nachsehen hatten. Vielmehr vermochte die SPD selber entschlossenen-vielfersprechende Programmatik und gemäßigt-kompromißbestimmte Praxis nicht miteinander in Einklang zu bringen.

Was aber wäre anders zu machen gewesen?

Um die Mieten zu senken, hätten die Neubauwohnungen höher subventioniert werden können. („Woher die Mittel nehmen?“ Bei welchen Haushaltsposten, bei welchen Aufgaben der Stadt Abstriche machen? Oder die Althausbesitzer noch stärker belasten?) Oder die Kosten mußten verringert werden. Das wurde ab ’27 (auf Kosten der Wohnqualität) versucht. Nicht ganz erfolglos, bis die Wirtschaftskrise alles durchkreuzte. Eigener Wohnungsbau der Stadt (wie in Wien) hätte natürlich erst recht enorme Mittel erfordert.

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