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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 8: Wahrzeichen der Backsteinmoderne

Auffällig sind an Karl Schneiders 1927/28 gebautem Doppelblock vor allem die gerundeten weißen Balkone zum Habichtsplatz hin. Zeitgenossen sahen in dem Block mit seiner fotogenen Ecke anscheinend ein markantvorbildliches Beispiel des modernen Wohnungsbaus in Hamburg. Wiederholt wurde Schneiders Bau in programmatischem Zusammenhang abgebildet.
In Fachkreisen wurde der Doppelblock vor allem deshalb gelobt, weil Schneider auf ungünstig geschnittenem Grundstück eine phantasievolle und abwechslungsreiche Komposition der Baukörper geglückt war: mit unregeläßigen, zum „Angelpunkt“ hin offenen Höfen und betont symmetrisch gestaltetem „Tor-Vorhof“. Dass der Block von sozialdemokratischer Seite benutzt wurde, um die Wohnungsbaupolitik zu illustrieren, hatte noch einen zusätzlichen Grund. Bauherr war die Kleinwohnungsbaugesellschaft Groß-Hamburg, auf die manche Sozialdemokraten und Gewerkschafter besondere Hoffnungen setzten.

Karl Schneider: Ein Meister der Moderne

Karl Schneider, 1892 in Mainz geboren, legte 1911 an der dortigen Kunstgewerbeschule sein Examen ab. Er arbeitete danach bei verschiedenen Architekten, eine Zeitlang auch bei Gropius in Berlin. 1920 heiratete er, zog nach Hamburg und richtete sich hier ein eigenes Büro ein. Bis Ende der 20er Jahre baute er viele Gebäude unterschiedlicher Zweckbestimmung (hauptsächlich in Hamburg), die ihm internationales Ansehen eintrugen. 1926 gewann er den Wettbewerb für die Jarrestadt und baute auch das zentrale Karree, musste allerdings eine Veränderung seines Entwurfs hinnehmen. 1930 wurde er Professor an der Landeskunstschule: bei dem jähen Rückgang der Bautätigkeit eine sehr erwünschte Existenzsicherung.
Als Exponent eines auffallend modernen (und internationalen) Stils hatte Schneider auch Gegner. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 betrieben die Nationalsozialisten erfolgreich seine Entlassung. 1938 wanderte Schneider in die USA aus, wo er als Industriedesi-gner arbeitete. Bauen durfte er nicht, weil er nicht in die US-amerikanische Standesorganisation aufgenommen war. Anfang 1945 endlich erlangte er die Zulassung als Architekt. Im August starb er. Erst Jahrzehnte später wurde Schneider die Anerkennung zuteil, die er verdient. Die Hamburger Ausstellung 1992 stellte seine Bedeutung auch einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen. Auf dem Plakat war die „balkonbewehrte“ Ecke des Habichtsplatzblocks abgebildet. Leider sind die meisten Bauten Karl Schneiders zerstört oder – bald mehr, bald weniger – entstellt.
Schumacher und Schneider, das waren Gegensätze. Schumacher: ein Mann der Traditionsanklänge, auf Harmonie bedacht. Schneider: ein entschiedener Neuerer, aber auch fähig, sich einzufügen. Wie Schneider über die Zusammenarbeit mit Schumacher gedacht hat, wissen wir nicht. Schumacher sagte 1931, es sei für ihn als verantwortlichen Städtebauer zwar nicht immer bequem, eine so starke künstlerische Individualität gegenüber zu haben, aber das Gesicht der Stadt erhalte dadurch lebendige Züge. Es waren Worte aus der Eröffnungsrede, die Schumacher bei Schneiders erster Ausstellung hielt. Sie fand im von Schneider umgebauten Kunstvereinsgebäude statt.

Die Ehrenteit-Gesellschaften

1926 wurde ein für Hamburg neuer Typus der Wohnungsbaugesellschaften geschaffen. Er verband sich mit dem Namen John Ehrenteits. Ehrenteit war Gewerkschaftsvorsitzender (ADGB) in Hamburg und 1929 bis 1933 Senator. Was Ehrenteit eigentlich wollte, war wohl ein gewerkschaftlich getragenes, von der Stadt kontrolliertes und vorrangig gefördertes gemeinnütziges Großunternehmen, das eine führende Rolle in der Hamburger Wohnungswirtschaft spielen und auch die Bedürfnisse der Minderbemittelten befriedigen konnte. Die „Gemeinnützige Kleinwohnungsbaugesellschaft Groß-Hamburg“ war eine gewerkschaftliche Gründung. Bezeichnend für ihren Status war, dass Staatsvertreter im Aufsichtsrat saßen und dass sie Staatsgrund in Erbpacht erhalten sollte. Eine beherrschende Stellung erlangte „Groß-Hamburg“ keineswegs. 1927/28 wurde sechs weiteren, nicht- gewerkschaftlichen, Gründungen der Status sogenannter Ehrenteit-Gesellschaften zugesprochen. Die „Freie Stadt“ zum Beispiel stand der mitregierenden konservativen DVP nahe, „Wichern“ kirchlichen Kreisen. Die sieben teilten nun das für „Ehrenteit-Gesellschaften“ reservierte Drittel der Fördermittel unter sich auf.

Aus der Not geboren: Der Kleinstwohnungsbau

1927 war offensichtlich, dass in Hamburg an dem dringlichsten Bedarf vorbeigebaut wurde. Vielfältige politische Vorschläge und Beratungen führten nicht zu einer grundlegenden Reform, auch nicht zur Konzentration aller Mittel und Kräfte auf den Kleinstwohnungsbau. Da die regierende Koalition in Hamburg sowohl höhere Subventionen als auch eine weitgehende Verstaatlichung ablehnte, blieben vor allem nur zwei Möglichkeiten, die Neubaumieten zu senken: Einsparungen bei Gestaltung und Ausstattung zum einen, Verkleinerung der Wohnungen zum andern. Beide Möglichkeiten wurden erprobt, mit unterschiedlicher Konsequenz und unterschiedlichem Erfolg. Einsparen hieß, dass das Äußere der Blocks karger und schmuckloser wurde und dass im Inneren auf Qualitätsstandards, die erst kürzlich festgesetzt worden waren, teilweise wieder verzichtet wurde. So wurden wieder mehr als zwei Wohnungen pro Hausgeschoss zugelassen, mit der Folge, dass die immer wieder geforderte Quer- oder Durchgangslüftung nicht mehr bei allen Wohnungen möglich war. Stellenweise wurde für die Fassaden auch statt Backstein der billigere Verputz gewählt (auf der Hofseite oft auch vorher schon). Die Verkleinerung der Wohnungen bedeutete zum Beispiel, dass vielköpfige Familien nun wieder auf engem Raum zusammengedrängt wurden. Unter Kleinstwohnungen wurden Wohnungen bis 45 Quadratmeter verstanden. Vielfach wurde versucht, mangelnden Komfort in den Wohnungen durch Gemeinschaftseinrichtungen in den Blocks zu ersetzen. Teils wurde auch die Flurfläche der Wohnungen aufs Äußerste verknappt, zum Beispiel in den Frankschen Laubenganghäusern.
Noch 1928 hatten sich die Hamburger Baugenossenschaften und auch die Ehrenteit-Gesellschaften gegen eine entschiedene Priorität für den Kleinstwohnungsbau ausgesprochen. Aber schon in ihrer Planung für das Jahr 1929 beugten sich die Ehrenteit-Gesellschaften dem Zwang der Verhältnisse. Sie erstellten knapp 2.500 Kleinstwohnungen; das war der größte Teil ihrer knapp unter 3.000 liegenden Gesamtleistung dieses Jahres. Alle anderen Bauherren zusammen allerdings erstellten 1929 keine 100 Kleinstwohnungen.
Hamburgs Oberbaudirektor Schumacher, der beredte und tatkräftige Anwalt vorbildlichen Bauens, sträubte sich weder gegen die Verkleinerung der Wohnungen noch gegen die anderen Sparmaßnahmen. Dem obersten Ziel – erschwinglichen Wohnraum zu schaffen – ordnete er manch anderes Wünschbares unter. So kam er trotz allem zu einer positiven Bewertung: „Dieser Kampf um den Quadratmeter ist eine der wichtigsten sozialen Aufgaben, die wir architektonisch zu lösen haben. Das Ziel ist nicht, eine Menschenschicht in Verhältnisse herabzudrücken, die unwürdig sind, sondern das Ziel ist im Gegenteil, diese Verhältnisse, so gut es geht, würdiger zu machen.“

Die vier in der Skizze nummerierten Blocks gehörten alle der „Kleinwohnungsbau Groß-Hamburg“. Block 1a/1b ist der im Titel gemeinte, von Schneider entworfene. An der Bauausführung waren Berg und Paasche beteiligt. Block 2 wurde von Schneider allein geplant, 4 von Berg und Paasche allein, Block 3 von Schneider und H. Hoger. Einzig Block 4 wurde in der Phase des verstärkten Kleinstwohnungsbaus errichtet, enthielt aber nur zum Teil Kleinstwohnungen (wenn überhaupt). 1 und 2 wurden vor 1929 gebaut, 3 teilweise. Die Wohnungen dieser drei Blocks waren im Durchschnitt größer als 50 Quadratmeter.
Gleichwohl wohnten 1932 in Block 1a und 2 (die wir in eine größere Auswertung einbezogen haben) überwiegend Angehörige der „unteren Schichten“. Anders z. B. im „Funhofblock“ (Warmwasser, Zentralheizung) zwischen Funhofweg, Elligersweg und Lorichsstraße. Arbeiter waren allerdings auch in Block 1a und 2 nur mit 8-9 % vertreten. Auch hier waren die Wohnungen offenbar für ausgesprochen „Minderbemittelte“ zu teuer. Unsere Auswertung (siehe Graphik) stützt sich auf die Berufsangaben im Adressbuch.
Die Ergebnisse der Reichstagswahl Juli 1932 spiegeln die unterschiedlichen Anteile sozialer Schichten wider. In den Stimmbezirken 458/9, zu denen die Blocks östlich von Habichts- und Schwalbenplatz gehorten, erreichte die SPD ca. 54 %, die KPD ca. 12,5 %, die NSDAP 22 %. Im Stimmbezirk 467, der vom Elligersweg bis zur Fuhlsbüttler Straße reichte und den Funhofweg einschloß, ergab sich in ganz anderes Bild: SPD 24%, KPD 6%, NSDAP 48,5%.

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