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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 11: Werden einer Wohnstadt

Um die Jahrhundertwende gab es hier beidseits der Fuhlsbüttler Straße fast keine Bebauung. Erst in den 1920er Jahren entstand auf immer noch weithin freiem Gelände das neue Wohnquartier. Barmbek-Nord ist also rund 40 Jahre jünger als der Süden. Und anders als der Süden hat es, über Zerbombung und Wiederaufbau hinweg, sein Gesicht behalten. So wie das Franksche Laubenganghaus gleich hierneben. Barmbek-Nord wurde nicht so gebaut, wie es der Bebauungsplan vorsah. Durch viele Änderungen im Kleinen realisierte Schumacher faktisch einen anderen, besseren, Plan.

Das alt-neue Gesicht Barmbek Nords

Wenn wir einmal das jüngere Barmbek-Nord (zwischen Hellbrookstraße und Meister-Bertram-Straße) für sich nehmen, so war der Zerstörungsgrad hier bei Kriegsende erheblich niedriger als in Barmbek Süd. Der amtliche Schadensplan vom Sommer 1945 verzeichnet, grob geschätzt, bei einem Drittel der Häuser Totalschaden. Zirka zwei Drittel waren leicht bis schwer beschädigt oder unbeschädigt. Der Eindruck, den viele Straßenzüge Barmbek Nord heute machen, täuscht. Gebäude, die aus der Vorkriegszeit, zumeist den 20er Jahren, zu stammen scheinen, waren bei Kriegsende in Trümmer gesunken oder völlig ausgebrannt. Sie wurden nach den alten Plänen wiederaufgebaut. (Teils wurden alte, aus dem Schutt herausgeholte Steine verwendet. Wer aufmerksam hinschaut, entdeckt oft „Nahtstellen“ zwischen altem und erneuertem Mauerwerk. Das Foto von 1943 zeigt ein stehengebliebenes Stück Rückwand (Hochbahnseite) des Laubenganghauses.

Das Franksche Laubenganghaus

Laubenganghaus nannten die Brüder Frank einen von ihnen entwickelten Haustyp, den sie erstmals 1927 hier am Heidhörn parallel zur Hochbahn bauten. Paul A. R. Frank war Architekt, sein Bruder Kaufmann. Das Laubenganghaus war ein Versuch, den Wohnungsbau zu verbilligen, ohne die Wohnungsqualität allzu sehr zu verschlechtern. Da alle Wohnungseingänge auf einem Stockwerk am langen Laubengang lagen, konnten Treppenhäuser eingespart werden. Trotzdem war bei jeder Wohnung die Querlüftung zwischen dem Laubengang und der anderen Hausseite gewährleistet. Die Raumaufteilung war bei meist ca. 55 Quadratmetern äußerst rationell. Vom Laubengang her betrat man durch einen kleinen Windfang hindurch gleich die relativ große Wohnküche, an die sich zwei Zimmer anschlossen. Nur 12 der 133 Wohnungen im Haus hatten ein Zimmer mehr. Die Miete, zwischen 40 und 45 Reichsmark, war für damalige Neubauten ziemlich niedrig. Die ersten Mieter mussten allerdings, nach Auskunft eines früheren Bewohners, auch einen Baukostenzuschuss aufbringen, der ihnen im Laufe von etwa dreißig Jahren in kleinen Beträgen zurückgezahlt werden sollte. Gemeinschaftseinrichtungen sollten den fehlenden Komfort der Wohnungen teilweise ersetzen. Dachgarten und Sonnenbad mit Duschen und Turngeräten auf dem Flachdach, ferner Waschküche und Bäder. Aber diese Einrichtungen waren nicht nur ein Notbehelf, sondern sie begünstigten auch ein Gemeinschaftsleben, das seinerzeit anscheinend mehr gepflegt und geschätzt wurde als heute. Auch der Laubengang kam einer engen Nachbarschaftlichkeit entgegen. Im Laubengang konnten Kinder spielen, er konnte als gemeinsamer Balkon benutzt werden. Wer allerdings dies Beieinander nicht so mochte, konnte sich ihm dennoch schwer entziehen. Nach dem Kriege wurde das Laubenganghaus, von dem die Bomben kaum etwas übriggelassen hatten, so wiederhergestellt, dass es von außen kaum als Nachbau zu erkennen ist.

Lebensdaten Fritz Schumacher, Architekt und Städtebaumeister

Fritz Schumacher wurde 1869 in Bremen geboren. Er war Hochschulprofessor für Architektur in Dresden, als er 1909 nach Hamburg berufen wurde. Ihm war zwar nur die Leitung des Hochbauwesens übertragen, aber er setzte sich auch mit wichtigen Fragen des Städtebaus und der Landesplanung auseinander. Dass Schumachers ausgreifender Tatendrang auch Rivalitäten erzeugte, war nur natürlich. Nachdem er 1919 den Kölner Wettbewerb zur Bebauung des früheren Festungsvorfelds (Innerer Rayon) gewonnen hatte, bewog Oberbürgermeister Konrad Adenauer ihn, einen Generalbebauungsplan für Köln auszuarbeiten. Schumacher ließ sich deshalb für drei Jahre von Hamburg beurlauben. 1923 trat er seinen Dienst wieder an, nun als Oberbaudirektor mit erweiterter Zuständigkeit. Die Wohnkomplexe und -viertel der 1920er Jahre trugen seine Handschrift unter dem Motto „ein Gürtel um Hamburgs alten Leib’“. 1933, nach der NS-Machtübernahme, wurde Schumacher entlassen. 1942 vertauschte er sein Haus An der Alster 39 mit einer Etagenwohnung in der Maria-Louisen-Straße. 1943, nach der Ausbombung, zog er nach Lüneburg, wo er 1947 starb.

Wirkung und Nachwirkung in Hamburg

Angesichts der Verwüstungen, die der Bombenkrieg in Hamburg angerichtet hatte, glaubte Schumacher, dass seine Arbeit größtenteils zunichte gemacht sei. Wie sehr er hierin irrte, konnte er leider nicht mehr erfahren. Die Spuren seines Wirkens sind in Hamburg so unübersehbar, wie sie es vor dem Kriege waren. Viel Beschädigtes ist instand gesetzt worden, viel Zerstörtes wiederaufgebaut worden. Schumachers faktischer Einfluss reichte noch über die Amtskompetenz hinaus. Sucht man nach einer Erklärung, so lässt sich an seinen überragen- den Sachverstand denken und an sein ungewöhnliches Geschick, in Rede und Schrift die eigenen Vorstellungen zu propagieren. Aber vielleicht können einzelne Eigenschaften seinen Einfluss überhaupt nicht hinlänglich erklären, sondern nur jenes Zusammenspiel verschiedener Eigenschaften, das man etwas hilflos Wirkung der Persönlichkeit zu nennen pflegt.
Selbst ein Schumacher allerdings konnte heutzutage der baulichen Entwicklung einer Stadt nicht in dem Maß seinen Stempel aufdrücken, wie er es in den 1920er Jahren vermochte. Die komplizierter gewordenen Beratungsprozeduren und Entscheidungsmechanismen würden ihn daran hindern. Komplizierter heißt in diesem Fall zugleich: demokratischer. Leider teils wohl auch: bürokratischer.) Gewiss, Teilhabe, Mitsprache, Kontrolle sind demokratische Werte. Anderseits zeigt Schumachers Wirken in Hamburg, was der weite Gestaltungsspielraum eines Einzelnen positiv ermöglichen kann.
Schumacher war ein Konservativer. Ein Konservativer, der den Problemen seiner Zeit zugewandt war, der soziales Verantwortungsbewusstsein hatte und nach Harmonie strebte. So wurde der Massenwohnungsbau (preiswert und bewohnerfreundlich) für ihn zur wichtigsten städtebaulichen Aufgabe der 20er Jahre. Als Lenker der Entwicklung trachtete er zwischen auseinandergehenden Interessen zu vermitteln und unterschiedliche architektonische Richtungen dem großen Ganzen unterzuordnen. Dem Backstein, bzw. der Backsteinverkleidung, schrieb er harmonisierende Kraft zu.

Der Architekt

Schumacher war auch als bauender Architekt kein Moderner, entschloss sich aber in den späteren 1920er Jahren in vielen Fallen zu wesentlich modernerer Gestaltung. Eine Art Stilumbruch, in einem Alter, wo andere sich zur Ruhe setzen. An den weit über hundert städtischen Bauten, die Schumacher in den neunzehn Jahren seiner Hamburger Tätigkeit entworfen hat, sind sowohl ein allmählicher Stilwandel als auch dieser Stilumbruch abzulesen. Die Notwendigkeit, an den Baukosten zu sparen war es, die Schumacher zu einer gestalterischen Vereinfachung veranlasste, mit der er sich der Neuen Sachlichkeit annäherte. Weder aber scheint Schumacher dies als Selbstverleugnung empfunden zu haben, noch wird das stilistische Gepräge dieser Bauten durch den äußerlichen Sachzwang irgendwie abgewertet. Wir zählen manche Bauten dieser Phase, wie z.B. die Schule Uferstraße, Ecke Wagnerstraße, zu den gelungensten und zeitlosesten Schöpfungen Schumachers, jedenfalls was das äußere Erscheinungsbild betrifft.

Der Kunstförderer und Schriftsteller

Wenn irgendwo, dann hat Schumachers Hang zur „Dämpfung‘ der Modernität am ehesten bei der Auswahl mitwirkender Künstler manchmal zu fragwürdigen Ergebnissen geführt. Wir denken hier insbesondere an Richard Kuöhls Plastiken an Gebäuden und im öffentlichen Raum. Zum Beispiel Relief und Schmied am Von-Elm-Hof, sowie den Rattenfängerbrunnen. War Kuöhl auch technisch-handwerklich versiert, so ist seine Kunst doch recht hausbacken, was bei ornamentalen Erzeugnissen weniger auffällt als bei figürlichen. Auch Schumachers fachliterarisches Schaffen ist nach Gehalt und Umfang, zumal als Nebenprodukt eines höchst arbeitsreichen Lebens, bewundernswert. Zu seinen wichtigsten Schriften gehört „Das Werden einer Wohnstadt“, Resümee und Rechenschaft seiner Arbeit als Städtebauer in Hamburg. Der Titel bezieht sich natürlich auf die gesamte Stadt. Wir haben uns erlaubt, ihn auf Barmbek anzuwenden.

Hundert Jahre Wohnungsbau und ein verwandelter Plan

Der älteste Mietshaustyp in Barmbek Nord waren die „Langen Jammer“. Es handelt sich um sehr einfache und langgestreckte eingeschossige Häuser, die vereinzelt ins offene Gelände gestellt wurden (z. B. am Langenfort, an der Steilshooper Strafle). 1914, beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs, war die geschlossene Bebauung vom Süden her bis zur Hellbrookstraße vorgedrungen. Erst in den 1920er Jahren wurde weitergebaut, in größerem Umfang ab 1925, als die Inflation überwunden war und die staatliche Förderung Wirkung zeigte. Während für Dulsberg 1919 ein neuer Bebauungsplan anstelle des vorher gültigen beschlossen wurde, musste die Umformung des Planes für Barmbek Nord in vielen Einzelschritten mosaikartig vollzogen werden. In vielen Einzelverhandlungen wurden die jeweiligen Bauherren und ihre Architekten bewogen, veränderte Bedingungen für ihre Bauvorhaben zu akzeptieren. So erreichte Schumacher es, dass sich die Einzelplanungen mehr oder weniger in sein Gesamtkonzept für Barmbek-Nord einschmiegten.

Vom alten Bebauungsplan unterschied sich dies Konzept vor allem in zweierlei Hinsicht. Das Häusermeer wurde nun durch mehrere Grünzüge unterbrochen. Und die Grundflächen der Häuserblocks waren so verkleinert, dass mit einer reinen Randbebauung ohne Hinterhäuser eine ausreichende Grundstücksnutzung erzielt werden konnte. Außerdem wurde die Höhe der Häuser begrenzt, und zwar abflachend‘ in Richtung der Stadtgrenze zum preußischen Bramfeld/Steilshoop hin.
Barmbek-Nord wurde eine Wohnstadt. So wollte es Schumacher. Sicher, Fabriken, die mit ihren Emissionen die Menschen belästigen, gehören nicht in Wohnviertel. Aber die prinzipielle Trennung von Wohn- und Arbeitsort kann nicht, jedenfalls nicht mehr, Richtschnur der Stadtplanung sein, erzeugt sie doch zu einem gut Teil die Verkehrsströme, an denen unsere Städte zu ersticken drohen. Einige große Arbeitsstätten waren freilich schon da, als die Wohnstadt wuchs. So die Ichthyolfabrik am Suhrsweg, die 1896 vom Flachsland hierher und 1931 noch weiter hinaus verlegt wurde. Auch Ortmann und Herbst (Alte Wöhr bis 1994), die Abdeckerei (Steilshooper Strafle bis 1930), die alte Schiffsbauversuchsanstalt (Schlicksweg) und das Krankenhaus (1913 eröffnet) standen schon.

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