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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 20.2: Von der Kirche zum Wohnturm

Der alte Barmbeker Dorfplatz war von 1903 bis 2008 Standort der Heiligengeistkirche. Das dort zuvor gelegene Herrenhaus hatte man abgerissen und so Platz für den damals dringend benötigten Kirchenneubau geschaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die Entscheidung, die stark zerstörte Kirche, die eigentlich nur noch eine Ruine war, in einfacher Form wieder aufzubauen. Das so erneut zum Leben erweckte Gotteshaus wurde am 6. November 1955 geweiht und erfüllte über viele Jahre seinen Zweck. Die stark abnehmende Zahl der Gemeindemitglieder sowie die hohen Kosten für den Erhalt des Bauwerks führten zu dem Beschluss, den Kirchenstandort aufzugeben. Nach dem Verkauf des Grundstücks wurde die Heiligengeistkirche bis auf einen kleinen Rest abgerissen und durch das jetzt dort stehende Turmhaus-Ensemble ersetzt

Die Oberalten

Nachdem sich auch in Hamburg die Reformation durchgesetzt hatte, wurden die ehemals katholischen Strukturen durch neue abgelöst. Die bis dahin durch das ‚Hospital zum Heiligen Geist‘ verwalteten kirchlichen Besitzungen kamen 1530 unter die Oberhoheit des protestantischen Gremiums der Oberalten. Dieses bestand aus den ältesten Diakonen der damaligen vier Hauptkirchen St. Petri, St. Jacobi, St. Katharinen und St. Nikolai. Da aus jedem der sogenannten Kirchspiele drei Männer ausgewählt wurden, gab es insgesamt 12 Oberalte. Die Barmbeker Bauern waren den Oberalten zu Abgaben verpflichtet. Dabei wurden hauptsächlich die Ablieferung von Getreide und die Erfüllung von Arbeitsleistungen für die Oberalten eingefordert. Im Laufe der Zeit gelang es den Bauern jedoch, die ungeliebten Arbeitsleistungen, wie das Pflügen oder Mähen von weit entfernt gelegenen Äckern, durch Geldzahlungen zu ersetzen. Die so aus den Dörfern Barmbek, Eilbek und anderen Besitzungen erzielten Einnahmen wurden von den Oberalten für die Armenfürsorge innerhalb der Stadt Hamburg verwandt.

Die Heiligengeistkirche

In den Jahren 1902/03 wurde die Heiligengeistkirche nach den Plänen des Architekten Hugo Groothoff im damals beliebten neugotischen Stil erbaut. Nachdem die Kirche am 1. Dezember 1903 geweiht worden war, mussten die Barmbeker nicht mehr jeden Sonntag zur Kirche St. Gertrud am Kuhmühlenteich fahren oder laufen, die bis dahin auch Heimstätte der Barmbeker Gemeinde gewesen war. Einige Jahre später wurde etwas westlich der Heiligengeistkirche das dazugehörige Gemeindehaus errichtet.

Zerstörung und Wiederaufbau

Bei den Luftangriffen der britischen und amerikanischen Bomberverbände im Juli 1943 wurden auch die Heiligengeistkirche und das Pastorat vollständig zerstört. Das Pastorat konnte man bis 1954 unter Nutzung der stehengebliebenen Außenmauern wieder aufbauen. Für das ebenfalls ausgebrannte Kirchenschiff sowie den niedergebrannten Kirchturm wurde bei der Wiederherstellung eine vereinfachte Form gewählt. Anstelle der ehemals schlanken hohen Kirchturmspitze von ca. 60m wurde eine verkürzte Spitze von nur noch 35m auf den ausgebrannten Turmstumpf aufgesetzt. Das Kirchenschiff mit dem Altarraum hat man in einem eher sachlichen Stil wiederhergestellt.

Abriss und Turmbau zu Barmbek

Durch die nach wie vor im Mauerwerk vorhandenen Kriegsschäden verschlechterte sich ab den 1990er Jahren der bauliche Zustand der Kirche zusehends. Ein Gutachten von 2003 bezifferte die notwendigen Sanierungskosten auf 2,8 Millionen Euro. Da sich die Landeskirche nicht in der Lage sah, diese Summe aufzubringen und die Heiligengeistkirche auch nicht als denkmalschutzwürdig eingestuft war, beschloss man erstmals in Deutschland den Verkauf und Abriss eines protestantischen Gotteshauses. Diese Entscheidung und die als ‚Turmbau zu Barmbek‘ bezeichneten Neubaupläne führten sogleich zu Protesten von Kirchenmitgliedern und Anwohnern. Mit Unterschriftensammlungen und Informationsveranstaltungen wurde versucht, den Abriss der Heiligengeistkirche sowie die massive Hochhausbebauung zu verhindern. Letztendlich blieb die Resonanz in der Hamburger Öffentlichkeit jedoch gering. Der Abbruch dieser ehemals die Barmbeker Silhouette prägenden Landmarke begann im Frühjahr 2008.

Das Barmbeker Turmhaus

Unter dem Namen ‚Barmbeker Turmhaus‘ begann bereits während der Planungsphase die Vermarktung der dort entstehenden Wohnungen. In den beiden Wohntürmen mit 12 und 8 Geschossen, sowie einem Verbindungsgebäude, entstanden 49 Eigentumswohnungen mit einer Größe von 57 bis 153 Quadratmetern. Für den Kauf der Wohnungen wurde, je nach Größe, ein Preis zwischen 200.000 und 350.000 Euro angesetzt. Innerhalb kurzer Zeit waren alle Wohnungen verkauft. Zusätzlich wurde, an Stelle des abgerissenen Gemeindehauses, das sogenannte ‚Gartenhaus‘ mit 17 Wohneinheiten gebaut.

Den ehemaligen Ostflügel des Kirchenschiffs hatte man erhalten. Nach seiner Instandsetzung sollte der dort, getrennt von der Wohnbebauung, entstandene Konferenzraum als ‚Osterbek Forum‘ genutzt werden. Dieses Konzept konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Heute wird der ehemalige Ostflügel der Heiligengeistkirche anderweitig genutzt.

Das Barmbeker Herrenhaus

Am nördlichen Ende des alten Dorfplatzes ließen die Oberalten im Jahre 1671 ein schlichtes Fachwerkgebäude errichten, das sie als ‚Herrenhaus‘ bezeichneten. Dort fand einmal pro Jahr ein großes Fest mit den Dorfbewohnern statt. Auf diese Weise wollten sich die Oberalten einerseits die Loyalität der Bauern sichern und andererseits ihren Herrschaftsanspruch auf das Dorf Barmbek unterstreichen. Um eine Verwaltung in ihrem Sinne vor Ort sicherzustellen, übertrugen sie die Verantwortung für das Dorf auf einen Vogt. Da dieser stets aus einer der Barmbeker Bauernfamilien stammte, gab es auch immer wieder Interessenkonflikte zwischen dem Vogt und den anderen Bauern. Aber auf diesem Weg war es den Oberalten möglich, sich aus den dörflichen Auseinander-setzungen weitgehend herauszuhalten.

Im Jahre 1830 ging die Herrschaft der Oberalten zu Ende. Alle von Hamburg abhängigen Landgebiete wurden jetzt einer einheitlichen Verwaltung, der Landherrenschaft, unterstellt. Im Senat hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es sinnvoll sei, den Blick über die Kernstadt Hamburg und den Hafen hinaus zu richten. Das bis dahin bereits zeitweise als Schule genutzte Herrenhaus hatte nun endgültig seine Funktion verloren. Es wurde durch einen Anbau ergänzt und diente bis zum Bau der ersten regulären Schule als Barmbeker Dorfschule.

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