Tafel 22.1: Barmbeks Lebensader – die Hamburger Straße
Wenn wir Leben als etwas Reges, sich Entfaltendes, Pulsierendes verstehen, dann war der Straßenzug Hamburger Straße / Markt bis zum Ende der 30er Jahre Barmbeks Lebensader. Seit dem Mittelalter städteverbindender Verkehrsweg, seit den 1870er Jahren Ausstrahlungsachse der Verstädterung, seit den 1890er Jahren Geschäfts- und Einkaufsstraße, seit den 1920er Jahren gar mit einem weltstädtischen Anflug. — Und heute?
Die Landstraße
Der Straßenzug Hamburger Straße / Markt war Jahrhunderte hindurch Teil einer Landstraße von Hamburg nach Lübeck. Wer nach Norden Richtung Bramfeld weiterwollte, musste den Osterbekbach durch eine Furt passieren. Erst 1836 wurde dort im Auftrag der Hamburger Landherrenschaft eine solide Fahrbrücke errichtet. Die Landstraße wird die Barmbeker ständig in losen Kontakt mit der Welt jenseits ihrer Feldergrenzen gebracht haben. Am Südbarmbeker Teil der Straße siedelten sich im 19. Jahrhundert in größerer Zahl Gastwirte, andere Gewerbetreibende und Handwerker an.
Die Nahverkehrsroute
Ab 1841 gab es eine Personenbeförderung im Linienverkehr zwischen Hamburg und Barmbek-Markt. Die Pferdeomnibusse fuhren selbstverständlich durch die sogenannte Hauptstraße (ab 1862 amtlich Hamburger Straße). 1867 wurden die Pferdeomnibusse durch die Pferdeeisenbahn abgelöst, und ab 1895 wurden die Straßenbahnen elektrisch angetrieben. Die Straßenbahn behielt – neben S- und U-Bahn – ihre Bedeutung als Massenverkehrsmittel in Hamburg bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Die nebenstehende Skizze zeigt das Barmbeker Straßenbahnnetz Ende der 30er Jahre. Durch die Hamburger Straße fuhren vier (plus zwei) Linien, d. h. in beiden Richtungen alle paar Minuten eine Bahn.
Der Wandel der Hamburger Straße
Ganz am Anfang der Verstädterung, um 1870, war die Bebauung entlang der Hamburger Straße überwiegend recht einfacher Art, sie war lückenhaft, zusammengewürfelt und niedrig. In den folgenden Jahrzehnten wurde abgerissen und neu gebaut: meist vier- bis fünfgeschossige Mietshäuser, die im Erdgeschoß gewöhnlich gewerblich genutzt wurden und des öfteren auch im ersten Stock. 1914, vorm Ausbruch des Ersten Weltkriegs, waren nicht nur die Lücken geschlossen, sondern auch von der frühen Bebauung nur noch wenige Reste übriggeblieben. In dem Male, in dem die Bevölkerung in Barmbek-Süd und im damals noch bis zur Bachstraße reichenden Uhlenhorst zugenommen hatte, hatten sich die Ladengeschäfte in der Hamburger Straße vermehrt. Schon in den 1890er Jahren war sie eine städtische Einkaufsstraße geworden.
In den 20er Jahren wurde an der Hamburger Straße weiter erneuert und modernisiert, wenn auch in geringerem Umfang. Der Bau des neuen Karstadt-Warenhauses 1928 wirkte wie ein Signal. Nach dem Empfinden nicht nur der Barmbeker hatte die Hamburger Straße mit diesem hochmodernen „Konsumtempel“ endgültig den Rang einer großstädtischen Haupteinkaufsstrafle erreicht. (Eine der attraktivsten in Hamburg sei sie gewesen, gleich nach der Mönckebergstraße, schrieb ein alter Barmbeker im „Wochenblatt‘.) Eine Straße voller Leben war sie: „’Viele Leute gingen am Abend dort noch spazieren und sahen sich die Schaufenster an.“
Der Verkehr – von Fußgängern, Karrenschiebern, Radfahrern, Pferdefuhrwerken, Straßenbahnen und Automobilen – war zwar insgesamt schwächer als heute, aber vielfältiger und bunter. Nach der Kriegszerstörung wurde entlang der Hamburger Straß verspätet und insgesamt wenig planvoll neu aufgebaut. Das Straßenbild ist sehr uneinheitlich und unansehnlich, und verglichen mit den 20er, 30er Jahren, ist die Hamburger Straße heute – sieht man vom Autoverkehr und vom Einkaufszentrum ab – regelrecht verödet.
Früher – heute: von 290 zu 76
Was es heißt, dass die Hamburger Strafe eine Haupteinkaufsstraße war, lässt sich anhand der Zahlen klarmachen. Nach dem Adressbuch von 1938 haben wir, ziemlich gleichmäßig über die ganze Länge verteilt, rund 290 Ladengeschäfte und Gastwirtschaften gezählt. (Dabei haben wir in der Regel nur Erdgeschoßlage und ausnahmslos Hausnummern der Hamburger Straße berücksichtigt.) In fast 80 dieser Geschäfte wurden Lebensmittel und für den Magen bestimmte Genussmittel verkauft (Gastwirtschaften hier nicht mitgezählt). Heute (Ende 1994) bestehen an der Straße 76 Ladengeschäfte und Gastwirtschaften. (Dabei sind vom Einkaufszentrum Außenfront Parterre und – anders als 1938 – die Oberaltenallee mitgerechnet.) Auch dieses Zahlenverhältnis erklärt, warum heute weniger „Leben“ in der Hamburger Straße ist.
Der Vorstadtcharme des Markts
Dem Markt bekam die Verstädterung weniger gut als der Hamburger Straße. Von den 1870er Jahren bis nach der Jahrhundertwende war der Markt eine eher beschauliche, noch halb ländliche Vorstadtstraße. Auf den um 1900 entstandenen Fotos wirkt er freundlich, gepflegt, mit baumbestandener Promenade in der Mitte und niedriger Bebauung an den Seiten, die vereinzelt sogar aus dem 18. Jahrhundert oder noch älterer Zeit stammte.
Liebevoll beschrieben hat den Markt der 1870er Jahre Michaelis-Pastor Schwieger, der dort einen Teil seiner Kindheit verlebte. 1816 wurde auf dem Markt erstmals Jahrmarkt abgehalten, ab 1825 regelmäßig zweimal im Jahr, später dann wohl nur noch einmal jährlich. Der Brauch wurde bis in die 1890er Jahre beibehalten und lebte dann – kriegsbedingt – noch einmal Anfang der 40er Jahre für kurze Zeit auf. Der 1910/11 errichtete Hochbahnviadukt veränderte den Markt von Grund auf. Die Mittelpromenade verschwand, und das neue Bauwerk zerschnitt die Straße der Länge nach. Auch am Markt begannen nun vier- und fünfgeschossige Häuser die niedrige Altbebauung zu verdrängen, und bald wirkten die Überbleibsel aus vorstädtischer Zeit – nach den Fotos aus den 20er und 30er Jahren zu urteilen – weniger idyllisch als deplaziert. Zum Schaufensterbummel lud der Markt sehr wahrscheinlich auch in der Zwischenkriegszeit nicht ein. Immerhin konnte man damals unter dem Hochbahnviadukt, dem „Barmbeker Regenschirm“, noch entlanggehen; Verkaufsstände konnten darunter aufgeschlagen werden. Heute sind da die Tauben mit ihrem Dreck allein.
