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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 22.2: Das war „Barmbek basch“

Wären Hamburger in den 20er Jahren gefragt worden, welcher Ausdruck ihnen zu Barmbek einfalle, hatten die meisten sicher geantwortet: „basch“. „Barmbeck basch“ war ein geläufiger Begriff schon seit dem vorigen Jahrhundert. Auf Mittelniederdeutsch bedeutet „basch’’ in etwa stark, scharf, kräftig von Geschmack; übertragen: eifrig, heftig, trotzig, stolz. – Was von Nicht-Barmbekern als Schimpf gemeint war, deuteten die Barmbeker ins Positive um: Für sie hieß „basch“ auch forsch, kess, gewitzt. Er stempelte Barmbek zum unfeinen, zum Unterschichtviertel. Aber oft schwang doch wohl die Vorstellung mit, dass dort Leute wohnten, die „sich nicht unterkriegen“ ließen. – Bedeutete „Barmbeck basch“ etwas Ähnliches wie im alten Berlin „Zilles Milljoh?“ Vielleicht, ja.

Wohnverhältnisse

Die Wohnverhältnisse in Barmbek-Süd ließen vom Beginn der Verstädterung bis zur Zerbombung ’43 viel zu wünschen übrig. Weithin mangelte es an Grundqualitäten, die von Wohnreformern schon vor dem Ersten Weltkrieg gefordert wurden und dann in den Neubauten der 20er Jahre – in Barmbek-Nord und Dulsberg z. B. – Standard wurden. Der freie Zutritt von Licht und Luft wurde durch die dichte Bebauung behindert, in den 20er Jahren dagegen durch Zeilenbauweise oder reine Randbebauung der Karrees gewährleistet. Ein anderer Punkt: die „Querlüftung‘, die Durchlüftung der Wohnungen von vorn nach hinten. Sie war oft nicht möglich, weil drei oder vier Wohnungen auf einem Stockwerk lagen. (Freilich gab es Viertel in Hamburg, wo die Verhältnisse noch schlechter waren. Der Anteil der Hinterhauswohnungen – wenn auch kein eindeutiges Gütemerkmal – war z. B. in einigen Stadtteilen etwa doppelt so hoch; in Barmbek lag er 1910 bei 15 Prozent.)

Gaststätten

Seit der frühen Bebauung gab es Gaststätten entlang der Hamburger Strafße. Bis Anfang der 1890er Jahre hatten einige den Charakter von Ausflugslokalen. In den folgenden Jahrzehnten kamen sogenannte Gesellschaftshäuser einem Bedürfnis der Stadtteilbewohnerschaft entgegen. Ihr großer Saal konnte für ganz verschiedenartige Veranstaltungen genutzt werden, vom Tanzvergnügen über politische Versammlungen bis zu Turnübungen. In der Hamburger Straße bestanden wenigstens zwei dieser Gesellschaftshäuser, sie verschwanden in der Zwischenkriegszeit. Das am Markt Ecke Stückenstralle Anfang der 1870er Jahre gegründete „Barmbeker Gesellschaftshaus‘ (auch dem Namen nach erstes am Platze) erhielt sich – später als Café Classen – bis zur Zerbombung 1943. Dem Zeitgeschmack in den 30er Jahren entsprachen vor allem die Tanzcafés (mit Live-Musik), am Markt bei der Dehnhaide z. B. das Café Columbus und in der Fuhlsbüttler Straße beim Wiesendamm das Café König.

Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl war die Zahl der Gaststätten in Barmbek um die Jahrhundertwende gar nicht so sehr groß. Von insgesamt rund 180 im Jahr 1906 kam eine auf rund 400 Einwohner. (In Berlin war es 1898 eine auf 135 Einwohner.) Die allermeisten dieser Gaststätten waren natürlich einfache Kneipen: für die Arbeiter damals unentbehrliche Orte der Begegnung, des Gesprächs, des Meinungsaustauschs, und zwar gerade auch des politischen Meinungsaustauschs. In den kleinen, überbelegten Wohnungen konnten sie nicht zusammensitzen. Nicht wenige Kneipen waren auch Versammlungslokale und Beitragszahlstellen für die örtlichen Mitgliedergruppen der SPD. Ihrer politischen Funktion wegen wurden Hamburger Kneipen zum „Arbeitsfeld’ der sogenannten Vigilanzbeamten. (Vigilanz = Wachsamkeit, Überwachung.)

Die „Vigilanz“ der Hamburger Polizei

Nach der Cholera 1892 begann die politische Abteilung der Hamburger Polizei auszukundschaften, was das Volk wohl „Unrechtes“ denke. (In gleicher Absicht wie die Stasi, nur mit weit geringerem Aufwand.) Zuvor waren nur öffentliche Versammlungen beobachtet worden. Die bei der Epidemie zutage getretenen Versäumnisse und Missstände der Hamburger Verwaltung einerseits und die (zumindest zahlenmäßige) Stärke der hiesigen Sozialdemokratie anderseits: das waren gewichtige Gründe für die Regierenden der Stadt, Unruhen und „Umtriebe“ zu fürchten, ja in letzter Konsequenz einen Umsturz der bestehenden Herrschaftsverhältnisse. Die Vigilanz sollte verborgene Gefahren erkennen helfen.
Gewöhnlich war nur eine Handvoll Polizisten im Einsatz. In sechzehn ausgewählten Stadtbezirken mischten sie sich als Arbeiter verkleidet unter die Leute, um die Stimmung zu erkunden und Hin-weise auf etwaige „Machenschaften“ aufzuspüren. Mit Vorliebe suchten sie Kneipen auf. Was sie Erwähnenswertes gehört hatten, schrieben sie dann in ihre Berichte. (Heute sind sie eine Fundgrube für Historiker, die die Auffassungen und Lebensumstände der Arbeiterschaft erforschen wollen. Auch für Barmbekforscher sind sie ergiebig, denn das Gebiet um die Hamburger Straße war einer der sechzehn Bezirke. Eine Auswahl der Berichte ist unter dem Titel „Kneipengespräche im Kaiserreich“ 1989 als Taschenbuch erschienen. Verwertbare Schlüsse wurden aus all den Berichten nicht gezogen. Deshalb wurde die regelmäßige Spitzelei ab 1905 vernachlässigt und 1910 eingestellt.

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