Tafel 24.1: Vom Vogelgezwitscher zum Leinwandgeflimmer
Die Straßennamen in der Umgebung erinnern an einen wald- und vogelreichen Park, der sich im 19. Jahrhundert von der Hamburger Straße bis zur Von-Essen-Straße erstreckte. Hier lag auch das beliebte Ausflugslokal „Von Essen‘s Garten“, das später von einer neuen Vergnügungsstätte, dem „Victoria Garten“ abgelöst wurde. Mit der zunehmenden Bebauung der Hamburger Straße musste nach 1910 auch dieses Lokal weichen, zugunsten von mehrgeschossigen Etagenmietshäusern. Der erhalten gebliebene Tanzsaal an der Wohldorfer Straße wurde 1923 in das Kino „Welt-Lichtspiele“ umgewandelt. Bereits zuvor hatte es in der Umgebung mehrere Kinos gegeben, die sich bei der Barmbeker Bevölkerung großer Beliebtheit erfreuten. Die Bombenangriffe der Alliierten verwandelten 1943 das südliche Barmbek in eine Trümmerwüste, das in der Nachkriegszeit nur langsam und in völlig veränderter Form wieder aufgebaut wurde.
Trümmerwüste Barmbek
Am nächsten Morgen wurde überall in der Hansdorfer Straße aufgeräumt. Trümmer wurden zusammengekehrt. Es war unmöglich, in die Hansdorfer Straße hineinzufahren, es wäre nicht einmal möglich gewesen, zu Fuß weiterzukommen, so hoch waren die Berge aus Schutt und Asche. Die Hansdorfer Straße gab es nicht mehr. Barmbek gab es nicht mehr. Barmbek, der von Schutt begrabene Stadtteil. Barmbek, der versunkene Stadtteil. Barmbek, die verbrannte, verlorene Heimat.
Von Essen’s Garten
An der Hamburger Straße, zwischen Wohldorfer- und Volksdorfer Straße, hat sich lange Zeit eine grüne Oase erhalten. Sie reichte bis zur Von-Essen-Straße, die 1862 angelegt wurde, benannt nach dem Hamburger Vogelforscher Gerhard Hinrich von Essen, der in seinem großen Garten mit Teichen und lauschigen Spazierwegen auch zahlreiche Nist- und Brutplätze für Vögel angelegt hatte. Auf seinen Namen ging auch das beliebte Garten- und Ausflugslokal „Von Essen‘s-Garten“ zurück. Idyllisch gelegen, inmitten eines großen waldähnlichen Parks, ein Paradies für Ruhe suchende Stadtbewohner.
Victoria-Garten
1885 fiel der schöne Baumbestand der städtischen Bebauung zum Opfer. Auf der Fläche des Gartenlokals wurde 1889 ein neues Vergnügungslokal eröffnet – der „Victoria-Garten“, im Volksmund auch „Fietje Goarn“ genannt. Hier wurde nicht nur zum Tanz aufgespielt, auch Versammlungen, Konzerte und Theateraufführungen wurden in den großen Sälen abgehalten. Auch der „Barmbeker Bürgerverein von 1859“ hatte hier zeitweilig seinen Sitz. Auf der Festwiese des „Victoria-Gartens“ hielten am 1. Mai die Arbeiterorganisationen ihre Massenkundgebungen ab. Auf der Wiese hatte auch „Miss Elvira“ ihren großen Auftritt. Die Luftakrobatin stieg mit ihrem Ballon überall dort auf, wo die Bauwut der Spekulanten noch genügend Freifläche für ihre waghalsigen Kunststücke gelassen hatte.
Abriss und Bebauung
Der Besitzer des „Victoria-Gartens, die Barmbeker Brauerei, verkaufte um 1900 das Gelände an Carl Dänecke, dem das Lokal mit seinem eingeschossigen Bau nicht profitabel genug war und der das Grundstück um 1910 mit mehrgeschossigen Wohn- und Geschäftshäusern bebauen ließ. Barmbeks letztes Naturparadies ging endgültig verloren. Verschwunden sind auch die Vögel, geblieben sind ihre Namen: Nachtigallenstraße, Zeisigstraße, Amselstraße, Vogelweide.
Barmbek – einst eine Kinohochburg
Barmbeks Flohkisten: Nach 1900 entstanden auch in Barmbek eine Reihe von Kinokneipen und Ladenkinos, z.B. an der Ecke Vogelweide 20/Hansdorfer Straße oder am Holsteinischen Kamp 76/Ecke Von-Essenstraße. Diese Kinos nannten sich damals „Lebende Photographien“. Das Publikum rekrutierte sich vor allem aus den unteren Schichten: Arbeiter, Arbeiterfrauen, häufig auch Kinder, verbotener Weise.
Zitat von Gretel Mellmann: „Ich durfte selten ins Kino, sollte lieber draußen in der Sonne spielen, aber heimlich ging ich doch ab und zu hin. In der Ecke saß ein Klavierspieler und machte laute Musik. Der Film riss des Öfteren, dann ging die Musik umso lauter. Die Kinder schrieen und pfiffen.“
Zitat von Hugo Eckert: An der Ecke Nachtigallenstraße – mit Eingang von der Von-Essen-Straße – war früher ein Flohkino, so genannt wegen der winzigen Größe. Hier wurden vorwiegend billige Stummfilme gezeigt, wobei in den durch den Filmhandwechsel entstehende Pausen ein Stehgeiger mit verstärktem Fiedeln die Lücken füllen musste.
Traum-Theater (Odeon)
1912/13 eröffnete Wilhelm Bustorff an der Ecke Hamburger Straße 181/ Berthastraße das Kino „Traum-Theater“. In Wirklichkeit eher eine „Flohkiste“, wie Zeitzeugen berichten, mit zwei im 45-Grad Winkel auf die Leinwand zulaufenden Sitzreihen. Wo man sich auch hinsetzte, man hatte immer ein schräges Bild vor sich. Trotzdem war das Kino (rund 300 Plätze), das wiederholt seinen Besitzer wechselte und um 1927 in „Odeon“ umbenannt wurde, bei den Barmbekern sehr beliebt. Zitat von Günther Radach: „Für mich spielte damals dieses Kino eine entscheidende Rolle in meinem Leben. Im Jahre 1938 – ich war gerade 14 Jahre alt – sah ich hier den Paramount-Film „Die Dschungel-Prinzessin“ mit der entzückenden Dorothy Lamour. Dreimal sah ich diesen Film und meine Begeisterung ließ in mir den Wunsch wachrufen, später einmal als Export-Kaufmann ins Ausland zu gehen. Aber es blieb eben nur ein kindlicher Traum.“
Das Kino wird gesellschaftsfähig
Aus den Kinokneipen und Flohkisten wurden bald eigenständige Kinos, sogenannte Lichtspieltheater, die durch ihre Größe und bessere Ausstattung nicht mehr nur die „kleinen Leute“ anlockten. Im Jahre 1913 verfügte Barmbek bereits über sieben Kinos mit insgesamt rund 4000 Plätzen und lag damit in der Kinorangliste nach den Stadtteilen St. Georg und St. Pauli an dritter Stelle.
Balkes Lichtspiele: An der Ecke Hamburger Straße 170/Wohldorfer Straße wurde 1913 „Balkes Lichtspiele“ eröffnet – mit rund 600 Sitzplätzen damals bereits ein Kino mittlerer Größe. In dem viergeschossigen Eckwohnhaus war bereits 1906 das Restaurant „Balke“ eröffnet worden, in dessen Betrieb auch eine Art Kino integriert war. Der Besitzer Balke war zugleich auch Vorstandsmitglied des „Lokalverbands der Kinematographen-Interessenten“. Einige Jahre später wurde die Ladenfront umgebaut und aus dem Kinorestaurant wurde ein richtiges, eigenständiges Kino, dessen Leitung Balke Junior übernahm.
Welt-Lichtspiele: 1923 bekam „Balkes Lichtspiele“ Konkurrenz, als in der Wohldorfer Straße 4 die „Welt-Lichtspiele“ ihren Betrieb aufnahmen, die mit rund 1000 Plätzen wesentlich größer waren. Das Kino war aus einem Tanzsaal des „Viktoria-Gartens“ hervorgegangen. Inhaber war die Lichtspieltheatergesellschaft J. Carl und Max Dänecke. Beide Kinos wurden bei den Bombenangriffen 1943 zerstört und nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut.
In den 1950er Jahren erlebte Barmbek mit neun Lichtspielstheatern eine neue Kinoblüte. In der Umgebung des Standorts entstanden zwei neue Kinos: Das „Bali-Theater“ an der Hamburger Straße 192 (beim U-Bahnhof Dehnhaide) und das Kino „Melodie Dehnhaide“ im Stuvkamp 20. Das allgemeine Kinosterben in den 1960er Jahren, im Zeitalter des Fernsehens, ging auch an Barmbek nicht spurlos vorbei. Heute gibt es im Stadtteil nur noch ein Kino im Mundsburger Einkaufszentrum.
