Tafel 26.2: Einkaufen und Haushalten
Alte Barmbeker sagen häufig: Was die Fuhlsbüttler Straße heute ist, als Barmbeks Einkaufsstraße, war die Hamburger Stra9e damals, vor dem Krieg. Mit nackten Zahlen lässt sich diese Aussage nicht ohne weiteres erhärten. In der Hamburger Straße gab es 1938 rund 290 Läden (plus Gastwirtschaften). In der Fuhlsbüttler Straße zwischen Pestalozzi- und Dennerstraße (gleich der Länge der Hamburger Straße) waren es rund 240. Kein großer Abstand!
Auffällig ist allerdings die erheblich höhere Zahl von Möbelgeschäften, Gastwirtschaften sowie Bank- und Sparkassenfilialen in der Hamburger Straße. Andrerseits erreichten die Lebensmittelgeschäfte in der Fuhlsbüttler Straße einen Anteil von ca. 37 Prozent, in der Hamburger Straße nur einen Anteil von ca. 27 Prozent. Geldangelegenheiten erledigen, einkehren, Anschaffungen „fürs Leben“ machen, das alles konnte man also besser in der Hamburger Straße.
Das Angebot in der Fuhlsbüttler Straße konnte mehr der Versorgung mit Gütern des Alltagsbedarfs entgegengekommen sein. Käufer und Schaulustige wurden zudem natürlich durch die drei Kaufhäuser in der Hamburger Straße angezogen (Karstadt, „Niederelbische“ (ab ’36, vorher „PRO“) und Toedt — Woolworth um die Ecke in der Bartholomäusstraße nicht mitgerechnet).
Nicht zu unterschätzen ist schließlich die Wirkung der Tradition: die Hamburger Straße war 1938 schon seit bald fünfzig Jahren „eine Einkaufsstraße, die Fuhlsbüttler Straße gerade einmal seit einem Dut-zend Jahren. – So lassen sich wohl die Eindrücke erklären, die kurzerhand im Begriff „die Einkaufsstraße“ zusammengefasst werden.
Karrenmarkt in Barmbek
Seit 1911 die Märkte vom Meßberg und vom Hopfenmarkt beim Deichtor zusammengelegt waren, hatte Hamburg nur noch diesen einen Wochenmarkt, der hauptsächlich Großmarkt war. Aber schon in den 1890er Jahren war der Karrenhandel in Hamburg stark verbreitet: Ambulante Kleinhändler verkauften ihre Ware von den Karren herunter, die meist mit Menschenkraft bewegt wurden. Im August 1894 beklagten sich zwei Uhlenhorster: „Gegen Abend in der Herderstraße standen nicht weniger als zehn Karrenhändler fast alle auf einem Haufen und riefen ihr Waren dort aus. Infolgedessen hatte sich eine Unmenge Kinder angesammelt, so dass man annehmen konnte, es finde Markt statt. Bei diesem immerwährenden Ausschreien konnte man verrückt werden, namentlich in den Terrassen. Kaum ist der eine raus, fängt der andere an … die reine Landplage.“
Wahrscheinlich schon vor dem Ersten Weltkrieg, spätestens aber in den 20er Jahren war der sogenannte Barmbeker Ring zu einer Institution geworden. Das war eine lange Reihe von Karren (angeblich an die dreihundert), die jeden Werktag um das Karree Wohldorfer Straße, Hamburger Straße, Volksdorfer Straße, Vogelweide herum standen. Für bestimmte Branchen des Ladenhandels – zumal Obst und Gemüse – bedeutete der Karrenmarkt natürlich eine harte Konkurrenz.
Von der Hand in den Mund
Das Warenangebot in der Hamburger Straße war vielfältig und sicher auch verlockend. Aber wer von der Hand in den Mund lebte, konnte meist nur das Nötigste kaufen und manchmal selbst das nicht. In Barmbek-Süd wohnten arme Leute. Nehmen wir das Jahr 1910: Da lag Barmbek (und das war bevölkerungsmäßig der Süden) mit seinem Pro-Kopf-Einkommen unter allen Hamburger Stadtteilen an vorletzter Stelle (nur noch gefolgt vom Billwerder Ausschlag). Die Harvestehuder hatten den fast neunmal so hohen Spitzenwert, das verdeutlicht die gesellschaftliche Kluft.
Die Not der Haushaltsführung unter solch dürftigen Umständen drückte natürlich vor allem die Frauen. Sie mussten mit dem wenigen Geld so einzukaufen versuchen, dass die Familie satt wurde. Sie mussten immerfort „knapsen“ und oft genug bei den Kaufleuten anschreiben lassen, bisweilen vielleicht ohne zu wissen, wann die Schuld beglichen werden konnte.
Die Bürde der Frauen
Was verlangte der Haushalt den Barmbekerinnen ab, in der Zwischenkriegszeit und erst recht in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg? Die Familien waren größer als heute, elektrische Geräte und Zentralheizung waren nicht bzw. fast nicht vorhanden, gekocht wurde meist bzw. oft noch auf dem Herdfeuer, Kleidungsstücke wurden – wieder und wieder – geflickt und gestopft. (Soviel nur, um die Phantasie der Leser anzuregen.) Gleichwohl mussten viele Frauen außerdem noch einer Lohnarbeit nachgehen. Im Jahr 1910 z.B. waren 25 Prozent aller Erwerbstätigen in Barmbek Frauen. Dabei sind Gelegenheitsarbeiten nicht berücksichtigt, somit zum Teil auch nicht die schlechtbezahlte Heimarbeit, wie sie beispielsweise manche Barmbekerinnen für die Bürstenmacherei Schröder (gegründet 1866) verrichteten. (Da wurden die paar „Mußestunden“ nach dem Abendbrot mit Borsteneinziehen ausgefüllt.)
Als Menschen wegsaniert werden sollten
Dass große Gebiete Barmbek-Süds baulich saniert wurden, war durch den Bombenkrieg erzwungen. Zuvor schon war in der NS-Zeit empfohlen worden, das ganze Quartier zwischen Winterhuder Weg und Weidestraße zu sanieren. Auf perverse Weise freilich, wie nationalsozialistische Ideologie es verlangte. Nicht beengende, ungesunde Baukörper sollten saniert werden, sondern für „krank“ gehaltene Teile des „Gesellschaftskörpers“ sollten wegsaniert werden.
A. Walther, ein Soziologe der Hamburger Universität, wollte unter „wissenschaftlichen“ Gesichtspunkten die „gemeinschädlichsten“ und deshalb vordringlich sanierungsbedürftigen Hamburger Stadtgebiete bestimmen. Hervorstechend gute Wahlergebnisse von SPD und KPD nahm Walther als ersten Verdachtsgrund. Zu finden gedachte er eine „Zusammenhäufung von politisch destruktiver Haltung, jugendlicher Gefährdung, hoffnungsloser Lebensuntüchtigkeit, intellektueller und psychopathischer Minderwertigkeit und vielen Arten asozialen und kriminellen Verhaltens.“
1934/35 untersuchte eine Projektgruppe, die aus arbeitslosen Akademikern gebildet worden war, ausgewählte Gebiete. Finanziert war das Projekt, das von Walther und zwei anderen Fachleuten geleitet wurde, als eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (‚“Notarbeit 51“). Auch das Quartier zwischen Hamburger Strafße und Herderstraße, Winterhuder Weg und Weidestraße war Gegenstand der Studie. Der „Gemeinschädlichkeitskern“ wurde um Humboldt- und Bachstraße ausgemacht.
Tod im Schutzraum
Der Luftangriff in der Nacht vom 29. zum 30. Juli 1943 verwüstete Barmbek wie kein anderer davor und danach. Auch das Karstadt-Gebäude stürzte in sich zusammen. Viele Menschen hatten in den beiden Kellern Zuflucht gesucht. Aus dem sogenannten Personalbunker wurden etwa 1.200 Menschen gerettet. Die im sogenannten öffentlichen Luftschutzraum Verschütteten starben, und zwar an Kohlenoxydvergiftung, verursacht durch einen brennenden Koksvorrat. Etwa 370 Leichen wurden aus dem Keller geborgen (viele nicht identifizierbar). Das war etwa ein Drittel der Todesopfer, die bei den Julibombardements in ganz Barmbek zu beklagen waren.
Wie eine riesige Kulisse
Die stehengebliebene Rückwand des Karstadtgebäudes war eine der markantesten Ruinen in Hamburg. Manche sahen in ihr wohl ein Wahrzeichen der Zermalmung. Dem Maler und Grafiker Alexander Friedrich erschien sie wie eine riesige Theaterkulisse: „Von den vier Wänden des stadtübergipfelnden Hauses steht nur die Rückwand, nicht Dach, nicht Zwischengeschoß; nicht ein Schein der verschwundenen anderen drei Betonwände ist zu erblicken! … Das Gerücht über diesen Karstadtkeller in Barmbek und die Zahl der darin umgekommenen Menschen geistert in der Stadt, eine ungriffig schillernde Chimäre. … Die Fahrstuhlschächte mit ihren mancherlei Eisendrahtzügen und die quadratischen Einteilungen von Nebenräumen wurden nur flüchtig angedeutet. Es ist das alles etwas verzeichnet und absichtlich ungeschickt gemalt, aber man erkennt doch, was der Theatermaler gemeint hat, und man bewundert die ungeheuren Ausmaße des Bühnenraumes.“ (Geschrieben 1943.)
Ein Wohlfahrtsunterstützte im Jahr 1932
Erst nach dem Ende des Kaiserreichs wurde eine gesetzliche Arbeitslosenunterstützung und -versicherung eingeführt. Zuvor war Arbeitslosigkeit eine immer gefürchtete Existenzbedrohung (im buchstäblichen Sinne). Aber auch nach dem Weltkrieg in den Zeiten der Massenarbeitslosigkeit Anfang der 20er und Anfang der 30er Jahre kamen die Menschen in Not, trotz aller Vorkehrungen von Staat und Gemeinden. Die Hilfsmittel der öffentlichen Hand waren in heute kaum vorstellbarem Grade erschöpft, und die Not der Arbeitslosen war weitaus krasser als heute.
Von seiner Wohlfahrtsunterstützung (gleich heutiger Sozialhilfe) konnte sich März 1932 ein alleinstehender Erwerbsloser in Hamburg, z. B. an Lebensmitteln kaufen: pro Woche 3 kg Brot, 5 kg Kartoffeln, 1/2 kg Margarine, 1/2 kg Fleisch, Fleischwaren oder Fisch, 750 g Reis, Mehl o. Hülsenfriichte, 250 g Zucker, 250 g Kornkaffee und 1 Liter Milch. Dann blieben 5 Mark für die Miete (was nur im Glücksfall für eine Wohnung reichte), 50 Pfennig für Kochgas, Feuerung und Licht (viel zu knapp), 1 Mark schließlich für alles übrige (Anschaffungen, Bahnfahrten, Briefmarken usw. – ein Witz).
