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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 31.2: Zwei Kirchen im Arbeiterviertel

Zwei Kirchen stehen beim Schleidenpark

Die 1900 geweihte katholische Sophienkirche, die auch ohne ihren im Krieg zerstörten Turmhelm nicht verstümmelt wirkt. Und die Bugenhagenkirche, im Baujahr ein Wahrzeichen der Backsteinmoderne. „Ein feste Burg“ sollte sie sein (so der Name des Entwurfs), die sich augenscheinlich und sinnbildlich behauptete, sowohl gegen Sabkt Sophien als auch gegen die Hochburg der Arbeiterbewegung, den Pro-Block.

Sankt Sophien

An der Südseite des Biedermannplatzes — an der Ecke Elsastraße / Weidestraße — steht die katholische Sophienkirche. Sie wurde zusammen mit einer katholischen Schule in den Jahren 1899/1900 gebaut. Der Architekt Heinrich Beumer hatte sie als dreischiffige Hallenkirche in neugotischem Stil entworfen, nach dem Vorbild der Kirche in Saerbek bei Münster. Mit der Backsteinverkleidung wurde sie den Hamburger Kirchen angeglichen. Der Turmhelm, auf den beim Wiederaufbau 1949-51 verzichtet wurde, erreichte eine Höhe von 60 Metern.

Unter Barmbeker Katholiken war schon um 1890 der Gedanke aufgekommen, Barmbek brauche eine eigene katholische Kirche. Der Weg zur Marienkirche in St. Georg wurde als allzu weit empfunden. Der 1892 gegründete „Verein der Geselligkeit von Barmbek und Umgebung“ trat eifrig für das Vorhaben ein. Eine erste Sammlung erbrachte 3,18 Mark. Das war eine klägliche Summe, und es hätte wohl noch viel Zeit bis zur Erreichung des Zieles vergehen müssen, wenn sich nicht im Ehepaar Sophie und Wilhelm Riedemann Stifter gefunden hätten, die den Bau samt Inventar finanzierten. Wilhelm Riedemann war einer der Gründer der Deutsch-Amerikanischen Petroleumgesellschaft (heute ESSO). — Um die Stifterin zu ehren, wurde die Kirche der heiligen Sophie geweiht. Sankt Sophien war der erste große Kirchenbau Barmbeks; die kleine katholische Gemeinde war den Protestanten zuvorgekommen.

In den 20er Jahren hatte die Gemeinde etwa 10.000 Mitglieder. An Sonntagen sollen zwischen 1.600 und 2.200 Menschen die Kirche besucht haben. (Das heißt in mehreren Gottesdiensten, denn an Sitzplätzen waren nur 650 vorhanden.) Ein solches Zahlenverhältnis – ca. 2.000 zu 10.000 – lag für die protestantischen Kirchen Barmbeks gar nicht im Bereich des Vorstellbaren. Es zeugt von einer Verbundenheit, wie sie häufig religiöse Minderheiten auszeichnet.

Hinter der St.-Sophien-Kirche wurde 1964-66 für den Konvent der 1962 nach Hamburg gerufenen Dominikaner das Kloster St. Johannis errichtet, das auch Gemeinderäume für St. Sophien enthielt. Das Gemeindegebiet wird heute im Norden vom Goldbekkanal, im Süden vom Eilbekkanal begrenzt, reicht im Westen bis an die Alster und schließt im Osten das Krankenhaus Eilbek ein.

Die Entstehung der Bugenhagenkirche

Etwa an derselben Stelle, wo heute die Bugenhagenkirche steht, an der Westseite des Platzes, wurden schon 1907/8 ein Pastorat und ein Gemeindesaal gebaut. Nur fünf Jahre nach der Heiligengeistkirche also: Mühsam versuchte die evangelische Kirche mit dem rasanten Bevölkerungswachstum in Barmbek Schritt zu halten. Weltkrieg und Inflation trugen dazu bei, dass die seit 1919 bestehende Gemeinde Westbarmbek erst Mitte der 20er Jahre darangehen konnte, den Bau ihrer Kirche zu planen. Ein Wettbewerb mit vier Teilnehmern wurde veranstaltet. Ausgewählt wurde der Entwurf von Emil Heynen. Heynen hatte die Uhlenhorster Heilandskirche gebaut, sich aber unter den Hamburger Architekten der Zeit keinen wirklich großen Namen gemacht. Heynen wandelte seinen Entwurf während der Planungszeit und noch in der Bauphase mehrfach ab. Dadurch erst wurden die Klarheit und Strenge der Gestaltung erreicht, die die Kirche auszeichnen. Bei der Grundsteinlegung 1927 wurde die Kirche im Hinblick auf das 400jahrige Hamburger Reformationsjubiläum 1929 nach dem Hamburger Reformator Bugenhagen benannt

Heute ein Baudenkmal

Als erste in Hamburg wurde die Bugenhagenkirche aus armiertem Beton und in der Formgebung des „Neuen Bauens‘ errichtet. Erstmals auch wurde der Andachtsraum über den Gemeindesaal gebaut: eine Anordnung, die als großstadtgemäß galt, weil sie Grundstücksfläche sparte und die „Anwesenheit“ der Kirche im Stadtbild betonte. Die Wettbewerbsbedingungen hatten einige Merkmale des Gebäudes vorweggenommen. Deutlich drückt sich in ihnen der Wunsch aus, der Sophienkirche ein — in wörtlichem und übertragenem Sinne — herausragendes Bauwerk gegenüberzustellen. Tatsächlich ist die Bugenhagenkirche noch jetzt, selbst vor der unförmigen Kulisse der sogenannten Alster-City, die städtebauliche Dominante des Platzes.

Ein Kulturzentrum im „Missionsgebiet“

In der Bugenhagenkirche wurden auf ungewöhnliche Weise Räume für verschiedene Nutzungen zusammengefasst. In den Turmgeschossen z.B. wurden Räume für Jugendgruppen eingerichtet. So bildete die Bugenhagenkirche eine Art Kulturzentrum — wie auf ihre Art auch die Sophienkirche und der Pro-Block Ecke Lohkoppelstraße. Während sich der Wettstreit mit der Sophienkirche wohl eher aufs Erscheinungsbild, aufs Repräsentative, beschränkte, war das Kulturzentrum der Arbeiterbewegung ein Konkurrent um die Herzen und Hirne. In Barmbek mit seinen vielen zuziehenden Menschen, die oft eine unkirchliche Einstellung mitbrachten, fühlte sich die protestantische Kirche vor dem Ersten Weltkrieg gleichsam im Missionsgebiet. Nehmen wir zum Beispiel die Jugendarbeit. Im Pro-Block fand der SPD-nahe Jugendbund kurz nach 1906 seine erste Heimstatt. Pastor Bohme von der Heiligengeistkirche begann schon Anfang des Jahrhunderts seinen Jugendbund um sich zu scharen. Nach Bohmes Pensionierung wanderte der Jugendbund zur Bugenhagengemeinde zu Pastor Manshardt ab. Manshardt war – eine Rarität unter Hamburgs Pastoren – SPD-Mitglied, seiner Haltung nach christlicher Sozialist. Vielleicht war er gerade deshalb besser als die meisten seiner Kollegen befähigt, in der Konkurrenz mit der „Arbeiterkultur“ zu bestehen.

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