Tafel 32.2: „Mit uns zieht die neue Zeit“
„Mit uns zieht die neue Zeit.“ Viele Sozialdemokraten – zumal die jüngeren – empfanden diese Liedzeile in den 20er Jahren als Ausdruck ihrer Zuversicht. Dieselbe Zuversicht erfüllte viele Bewohner des Pro-Blocks von Beginn (1906) an. Aus der Gemeinschaft schöpften sie Kraft. Sie waren eine Art proletarische Elite und machten ihren Block zu einer Experimentierwerkstatt der Hamburger Arbeiterbewegung.
Alle „Wohnungsinhaber“ waren natürlich Genossenschaftsmitglieder und standen der SPD zumindest nahe. Der Vorsitzende des SPD-Distrikts lud die Blockbewohner ins Ecklokal ein. „Er fragte: ‚Wer ist in der Partei?‘ und rief die ganzen Einwohner einzeln auf. Wer ‚nein’‘ sagte, wurde gefragt: ‚Wollen Sie nicht Mitglied werden?‘ Und da er nun schon einmal da war, sagte er ‚ja‘. In diesem Block gehörten hernach siebenundneunzig Prozent zur SPD.“ (Erzählte Schönfelder 1960.) Manche haben es später in Gemeinwirtschaft, Verwaltung, Politik zu Rang und Namen gebracht. So Adolph Schönfelder, „Barmbeker Jung“, 1907-26 Mieter im Block, 1926-33 Polizeisenator; 1946-60 Bürgerschaftspräsident.
Die Gemeinschaft und das Geflecht der Organisationen
Sicherlich war die Gemeinschaft von der Mehrzahl der Mieter gewollt. Widerstrebende oder Gleichgültige wurden von den führenden Köpfen wohl auch mehr oder weniger sanft gedrängt, sich in sie einzufügen.
Hauspflege
Die „Vereinigung für genossenschaftliche Hauspflege“ war nach Johannes Schult als Instrument der Gemeinschaftserziehung gegründet. Sie sollte zu pfleglichem Umgang mit Wohnung und Haus anhalten, die ja nun nicht mehr einem Kapitalisten, sondern den Genossenschaftern selber gehörten.
Mauses Lokal
Eine „Gemeinschaftseinrichtung“ des Pro-Blocks war in ganz Barmbek bekannt: Gustav Mauses Gastwirtschaft Ecke Lohkoppel-/Schleidenstraße. Sie war das sozialdemokratische Versammlungslokal im Stadtteil. Im Saal, der in den Hof hineingebaut war, fanden auch (im engeren Sinne) kulturelle Veranstaltungen statt. Von den Nazis terrorisiert, musste sich Mauses Sohn 1933 aus der Wirtschaft zurückziehen.
Elterngemeinschaft
Vor dem Ersten Weltkrieg kam im Pro-Block zu zwei Zusammenschlüssen, die im Hamburger Rahmen eine gewisse Bedeutung erlangten. Die erste sozialdemokratische Elterngemeinschaft strebte Mitsprache an der Doppelschule Lohkoppel-/Hinrichsenstrafie an. Mit geringem Erfolg. Dennoch fand sie bald Nachahmer im Umkreis vieler anderer Schulen und war eine Vorbereitung auf die nach dem Krieg gebildeten Elternräte. Der Ausschuss zur Förderung der Jugendspiele organisierte vielerlei sportliche und die Kreativität anregende Betätigungen und nahm sich besonders der Ferienerholung an. (Wer konnte damals schon verreisen?) Nach dem Krieg übernahm er die Ferienkolonie am Köhlbrand, 1923 ging er in den „Kinderfreunden“ auf.
Gemeinschaftsschulen
An der Gründung des „Ausschusses“ waren im Block wohnende Pädagogen maßgeblich beteiligt. So hatten die reformpädagogischen Bestrebungen hier gleichsam Wurzeln geschlagen, und es war nur folgerichtig, dass die Initiative von „Pro-Block-Eltern“ 1920 zur Einrichtung der Gemeinschaftsschule Tieloh-Süd führte. Die Anerkennung der drei anderen Hamburger Gemeinschaftsschulen wurde von Reformpädagogen (wie zum Beispiel William Lottig) durchgesetzt. An diesen Schulen wurde eine von Lehrplanfesseln befreite Pädagogik „vom Kinde aus“ praktiziert, wie sie heute an staatlichen Schulen schwerlich vorstellbar, aber von alternativen „freien“ Schulen vor allem in den siebziger Jahren (freilich nach anderen Vorbildern, wie zum Beispiel Summerhill) wiederaufgenommen worden ist. Die Bezeichnung der Schulen meinte eigentlich „Lebensgemeinschaftsschulen“, und damit ist etwas benannt, was wohl auch den Wegbahnern im Pro-Block vorschwebte: eine Lebensgemeinschaft zu schaffen, die für eine künftige andere Gesellschaft tauglich machen sollte, indem sie diese in Ansätzen vorwegnahm. (Ein Trainingsprogramm, wenn man so will.)
Jugendbund
In loserer Verbindung mit dem Pro-Block standen der Volkschor Barmbeck (heute Hamburger Oratorienchor) und der Jugendbund für Barmbeck, Uhlenhorst und Umgegend. Beide waren 1904/5 aus dem Fortbildungsverein für Barmbeck-Uhlenhorst (von 1881) hervorgegangen. Der Jugendbund bildete bald „Ableger“ in anderen Stadtteilen und wurde in Hamburg zu einer der wichtigsten organisatorischen Wurzeln der Arbeiterjugend, die sich nach dem Ersten Weltkrieg als S A J (Sozialistische Arbeiterjugend) formierte. Ehemalige Mitglieder des Jugendbunds übernahmen nun Aufgaben in der staatlichen Jugendpflege, Heinrich Eisenbarth wurde Senator und Leiter der Jugendbehörde. An der Lohkoppelstraße konnte der Jugendbund übrigens sein allererstes „Heim“ einrichten, an der östlichen Ecke des Blockeinschnitts.
Arbeiterbildung
Der Barmbek-Uhlenhorster Fortbildungsverein wendete sich in erster Linie an Arbeiter. Bildung zu vermitteln – in nichtschulisch zwangloser Form und grundsätzlich von parteilichem Standpunkt aus – war auch ein Hauptziel des Jugendbunds. Dass der Jugendbund keinen massenhaften Zulauf fand, sondern seine Mitgliedschaft doch eher eine Elite blieb, lag wohl gerade an dem, was andererseits seine Stärke ausmachte: er „nahm den ganzen Menschen in Anspruch“ (Schult). Gleiches gilt für die S A J.
Der Arbeiterbildung dienten auch die Echo Buchhandlungen, von denen es in Barmbek zeitweilig drei Stück gab: in der Diederichstraße (heute Beethovenstraße) 30, in der Fuhlsbüttler Straße 269 und in der Poppenhusenstraße 13. Diese Buchhandlungen, die den Namen des Hamburger Parteiblatts aufnahmen, waren Ende der 20er Jahre eingerichtete Filialen des „Auer“-Buchvertriebs, der der 1875 gegründeten sozialdemokratischen Druckerei „Auer & Co.“ angegliedert war. Neben der sozialistischen Literatur wurde auch anderer billiger und gehaltvoller Lesestoff angeboten. Ein Ansparsystem sollte den Erwerb von Büchern erleichtern.
Unterdrückung und Terror
Die Nationalsozialisten machten der sozialistisch gefärbten Arbeiterkultur ein Ende. Was nicht aufgelöst wurde, wurde übernommen und bestand nur dem Namen nach fort. Im welthistorischen Maßstab ist die „Arbeiterkultur“ kaum mehr als eine – vier Jahrzehnte währende – Episode. Und es war wohl nur eine zahlenmäßig kleine Elite, die sie wahrhaft trug und von ihr geprägt wurde.
Gleich ’33 erfolgten die ersten Verhaftungen. Für die Familien inhaftierter Genossen wurde gesammelt. Hier und dort zog ein Hitleranhänger ein, der eine oder andere Bewohner wechselte wohl auch die Fronten. Die Gemeinschaft der Blockbewohner, in die schon durch die Spaltung der Arbeiterbewegung ein Riff gekommen war, begann zu bröckeln. Dennoch wagten es 26,7 % bei der sogenannten Reichstagswahl 1936 im Stimmbezirk 377 (der zu mehr als der Hälfte aus dem Pro-Block bestand), gegen die Liste des „Führers“ zu stimmen. In den Augen der Machthaber ein unerhörtes Ergebnis. Die Wohlfahrtsstelle VI (Hufnerstraße) schrieb, zur Stellungnahme aufgefordert: „Das ganz außergewöhnlich schlechte Ergebnis von 26 % gegen den Führer wird mir allerdings verständlich, da gerade in diesen Bezirken die großen Produktionsblöcke wie Hinrichsenstr. 21-35, Ortrudstr. 37-39, Ortrudstr. 32 38 und Schleidenstr. liegen – die Einwohner dieser Häuserblöcke sind mehr oder weniger Menschen, die Jahre hindurch Mitglieder der SPD gewesen sind und die aus dieser, in ihnen offenbar fest verankerten Idee, unsere Weltanschauung ablehnen. — Wenn sie es auch nicht offen zur Schau tragen, so lässt aber die Reserviertheit, mit denen sie die Erfolge unserer Regierung beobachten, erkennen, dass sie den Anschluss noch nicht gefunden haben und auch offenbar gar nicht suchen.“
Willi Häusler
Als im Pro-Block aufgewachsener Mann des Widerstands ist Willi Häussler bekannt geworden. Er war Mitglied des Reichsbanners, jener 1924 gegründeten S P D nahen Organisation zur Verteidigung der Republik. Die Hamburger Reichsbannerabteilung 10 – eine von drei Barmbeker Abteilungen – traf sich im Pro-Block bei „Mause“. 1932 löste das Reichsbanner seine „Schutzformationen“‚ auf, um ein Verbot der ganzen Organisation abzuwenden. Nach Hitlers Machtübernahme begannen Mitglieder der Schufo 10 illegale Arbeit gegen das Regime. Willi Häussler wurde zum Leiter bestimmt. Die Aktionen mögen heute nicht gerade spektakulär erscheinen, doch sie brachten Willi Häussler nach langer Untersuchungshaft 1938 ins Zuchthaus. Als er die Strafe 1944 verbüßt hatte, kam er dennoch nicht frei. Zuletzt war er zwecks sogenannter Arbeitserziehung im Ausländerlager Wilhelmsburg, wo er Ende Mirz ’45 noch umgebracht wurde.
Eine andere „Neue Zeit“
Wenn auch eine ganze Reihe ehemaliger Bewohner 1950 in den PRO-Block wieder einzog, die früheren Gemeinschaftsaktivitäten lebten nicht wieder auf. Wieder wurde ein Mause Wirt hier im Ecklokal, aber der Saal wurde nicht wiederaufgebaut. Die „Arbeiterkultur“ war versunken. Die alte Hoffnung auf die „Neue Zeit“, in den frühen Nachkriegsjahren noch einmal erwacht, verlor in der Adenauer-Ära ihre Kraft. Die „Wirtschaftswunder“-Jahre waren gewiss auch eine „Neue Zeit“, von der ehdem erstrebten indes unterschied sie sich sehr. Die „Produktion“ fungierte seit dem Wiederausbau des Wohnblocks bis in die 80er Jahre nur noch als Hausverwalterin.
