Tafel 34.2: Zwangsarbeiterlager rund um den Hamburger Stadtpark
Firmenlager
Rund um den Stadtpark gab es auch einige private Unternehmen, die meist auf ihrem Betriebsgelände eigene, kleinere Lager errichteten, in denen ausländische Arbeitskräfte untergebracht waren, die für die Firmen Zwangsarbeit verrichten mussten. In der Nähe des Winterhuder Marktplatzes hatten die Vereinigten Lackfabriken Grau-Relius (Inhaber Wilhelm Carstens & Co) ein Lager für Frauen aus der damaligen Sowjetunion, ebenso die Norddeutsche Nickel- und Silberwarenfabrik Brimmekamp & Co, die auf ihrem Betriebsgelände Barackenunterkünfte für 60 sowjetische Arbeiterinnen bauen ließ. Private Firmenlager gab es im Stadtpark von den Betrieben Schacht und Schmidt, in denen 60 italienische Militärinternierte lebten.
Lager Kleinkaliber Schießstand
Am Schlageterring (heute Südring), östlich der Kegelsporthalle, befand sich von 1942 – 1944 ein Gemeinschaftslager der städtischen Bauverwaltung und des Aufräumungsamtes. Das Lager wurde unter Verwendung des zu Beginn des Krieges stillgelegten, halbfertigen Kleinkaliber Schießstandes errichtet. Ein Teil des Zwangsarbeiterlagers wurde in dem massiven Gebäude des Schießstandes untergebracht. Das Freigelände der Schießanlage wurde benutzt, um drei zusätzliche Wohnbaracken aufzustellen, und zwar Reichsarbeitsdienst-Baracken des Arbeiterlagers der Firma H. Walter (Kiel) und des Luftverteidigungsministers. Die Baukosten wurden mit 175.000 Reichsmark beziffert. Die Bauleitung lag beim Amt für kriegswichtigen Einsatz. Die im Lager untergebrachten ausländischen Arbeitskräfte (bis zu 851) wurden bei Aufräumungsarbeiten (Bombenschäden) und im Rahmen der Bau- und Wohnungswirtschaft eingesetzt (Bunker- und Wohnbarackenbau).
Lager Kegelsporthalle
Große Sport-, Schul- und Kirchengebäude wurden von den Nationalsozialisten nicht selten für Kriegszwecke beschlagnahmt oder umfunktioniert. So wurde auch die 1930 in Betrieb genommene Kegelsporthalle am Schlageterring 36 (heute Südring) von 1942 bis 1945 als Kriegsgefangenenlager (Bau- und Arbeitsbataillon 39) genutzt. Die vorhandenen Räumlichkeiten wie Kücheneinrichtung, Luftschutzräume, sanitäre Anlagen, konnten übernommen werden. Die großen Kegel- bahnen wurden durch Abdeckungen mit Holz zu Schlaf- und Aufenthaltssälen umgewandelt. Kostenträger des Lagers war der Polizeipräsident. Untergebracht waren hier rund 150 Wachmannschaften und 600 Kriegs- gefangene (z.B. aus Frankreich und Italien), die vor allem für Aufräumungsarbeiten eingesetzt wurden.
Stadtparklager Alsterdorf
An der heutigen Hindenburgstraße/Ecke Möringbogen, nahe der U-Bahnstation Alsterdorf, befand sich von 1942 bis 1945 ein großes Zwangsarbeiterlager, damals „Stadtparklager Alsterdorf“ oder auch „Fremdarbeiterlager Stadtpark“, genannt. Mit zehn Baracken, auf einer Fläche von 5,50 ha, und einem Fassungsvermögen von fast 1000 Menschen zählte es zu den größten Lagern im Barmbeker und Winterhuder Raum. In den Jahren 1942/43 war das Lager mit durchschnittlich 800 Menschen belegt. Baubeginn war der 1. April 1941. Die Baukosten wurden mit 1.140.000 Reichsmark veranschlagt. Bauträger war die Gemeindeverwaltung, die Bauleitung lag beim Hochbauamt. Die Bewirtschaftung und Betreuung der Lagerbewohner erfolgte durch die Deutsche Arbeitsfront (DAF) auf Kosten der Gemeindeverwaltung. Die DAF war in der Zeit des Nationalsozialismus der Einheitsverband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, nachdem 1933 die freien Gewerkschaften aufgelöst worden waren. Beim Bau des Anfang 1942 fertiggestellten Lagers wurde auf gebrauchte Holzbaracken der Luftwaffe zurückgegriffen. Neben den eigentlichen Wohnbaracken enthielt das nach den Vorschriften der DAF errichtete Lager auch Küchen, Gemeinschaftsräume, Vorratsschuppen, Lazarett- und Verwaltungsbaracken, Wasch- und Abortbaracken sowie Luftschutzräume.
Das Amt für kriegswichtigen Einsatz (AkE) hatte für das Lager auch eine sogenannte B-Baracke vorgesehen, d.h. eine Bordellbaracke mit 10 Frauen. Dadurch sollte die Zahl der unehelich geborenen Kinder von „Fremdvölkischen“ eingedämmt werden. Die Kosten für diese Baracke wurden von der DAF bereitgestellt. Untergebracht waren in dem Stadtparklager Kriegsgefangene, die dem Dachdecker Bataillon III zugeordnet waren, sowie Zivilarbeiter aus verschiedenen Ländern (z.B. aus den Niederlanden), die für die Deutsche Arbeitsfront und verschiedene Firmen arbeiten mussten (z.B. für Blohm & Voss). Sie wurden vor allem beim Ersatzwohnungsbau und bei der Instandsetzung von Bombenschäden eingesetzt.
Treffpunkt Stadtpark
Nach den Bombenangriffen 1943 auf Hamburg und insbesondere als das Ende des Krieges abzusehen war, bekamen die Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen die Erlaubnis, das Lager in der freien Zeit zu verlassen. Kontakte, Gespräche mit Deutschen blieben jedoch verboten. Zwangsarbeiter aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Polen mussten das Zeichen „Ost“ bzw. „P“ tragen, damit sie sofort zu erkennen waren. Ein besonders beliebtes Ausflugsziel war der Hamburger Stadtpark, der den Zwangsarbeitern als Treffpunkt diente und es ihnen ermöglichte, der Enge und Bewachung im Lager zu entgehen, zumindest für kurze Zeit.
Zeitzeugen
Alexandra Paramonowna Waitkus, 2002
Ich hatte einen russischen Freund, später wurde er mein Mann. Er arbeitete bei Kampnagel, war im Lager Poßmoorweg untergebracht. Wir gingen zusammen in den Stadtpark, wenn alle Russen frei hatten. Dort hatten wir so eine Art Treffen für zwei Stunden. Dort haben wir uns natürlich geküsst. Wozu ein Geheimnis machen. Als ich dabei etwas verspätet nach Hause kam, sagte die Hausherrin, bei der ich als Kindermädchen und Haushaltshilfe arbeitete, zu mir: ‚Alexandra, ich lasse dich nicht mehr hingehen. Sonst wird mir noch ein Baby gebracht‘. Es war uns egal, ob die Bomben vom Himmel herunterfielen oder nicht, wir hätten uns trotzdem getroffen. Ohne diese Liebe, vielleicht hätte es gar nichts gegeben. Wir genossen jeden einzelnen Tag. Morgen wirst du tot sein, und du wirst niemanden mehr küssen können.
Wladimir Jegorow, 2004
Einmal gingen wir im Sommer im Stadtpark spazieren. Er war nicht weit von unserem Lager entfernt. An diesem Tag führte die Gestapo eine Razzia im Stadtpark durch. Festgenommen wurden alle, die kein „Ost“-Zeichen auf der Kleidung getragen hatten. Ich ging auch ohne es spazieren, aber an diesem Tag hatte ich das „Ost“ getragen. Fast zwanzig Menschen, alle russische Zwangsarbeiter, wurden festgenommen und in einen Raum gesperrt. Ich war auch unter den Verhafteten, aber nachdem sie festgestellt hatten, dass ich das „Ost“ auf meiner Kleidung trug, wurde ich freigelassen.
