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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 13: Die Giordanos – Eine Barmbeker Familie

In der Hufnerstraße 113 wohnte bis zur Ausbombung 1943 die Familie Giordano. In dem Roman „Die Bertinis“ hat Ralph Giordano das Schicksal seiner Familie verarbeitet. Seine jüdische Mutter wurde vor der Deportation bewahrt, weil Grete Schulz, eine frühere Nachbarin, die Familie in einem Kellerraum in der Alsterdorfer Straße vor der nationalsozialistischen Verfolgung versteckte.

Sandkiste

Nach der Schule – die Sandkiste. Das war ein mauerumschlossenes Dreieck zwischen Rübenkamp und Bahndamm, mit einem abgesonderten Altenteil, einem Pinkelwinkel – Nur für kleine Kinder (woran sich niemand hielt), zwei Schaukeln, einer Wippe und Sand, Sand, Sand. Da wurde gegraben und gehäufelt – Schlösser, Burgen, Wolkenkratzer, Höhlen gar, Tiergestalten, kleine und große. Es muss in den Sommerferien 1935 gewesen sein. Ich betrete vormittags die Hufnerstraße und gehe in Richtung Sandkiste, um dort meine Spielgefährten zu treffen. In dem Moment kommen mir drei von ihnen entgegen. Ich sehe in drei Gesichtern, die mich anders anschauen als bisher. Da ist irgend etwas Neues drin. Dann bleibt mein bester Freund kurz vor mir stehen und sagt: „Ralle, mit dir spielen wir nicht mehr, du bist Jude!“ (Ralph Giordano)

Der Liegende Panther im Stadtpark

Der Vater hatte sich angewöhnt, sie (die Bertini-Brüder) in die Nähe des Planschbeckens zu führen, vor einen Panther aus Stein, eine ruhende Majestät mit mächtigem, glatten Schädel, tiefliegenden, dreieckigen Augenhöhlen und dickem Schweif. Unter ihrer atemlosen Anteilnahme begann Alf den Stein zu streicheln, ‚Ei du liebes, ei du gutes Tier‘ zu raunen, und den Panther immer sanfter zu tätscheln. Plötzlich aber versetzte er ihm mit der flachen Hand eine derbe Ohrfeige, sprang, wie um sich vor der Wut des getäuschten Raubtiers zu schützen, weit zurück, packte seine jubelnden, bebenden Söhne und lief mit ihnen in die Sicherheit eines beträchtlichen Abstandes. Für Cesar und Roman gab es kein größeres Vergnügen als diese väterlichen Vorstellungen. (Ralph Giordano)

Grete Schulz

Grete Schulz war das, was in der Alltagssprache eine ‚einfache Frau‘ genannt zu werden pflegt, aber nicht in der Variante eines abschätzigen Untertons, sondern im Sinne stillschweigender Bewertung eines Menschen, der sich nicht durch hohe Schulbildung, sondern durch die seines Herzens auszeichnet. Ich sehe sie noch vor mir, in der blauen Uniform ihrer Dienstverpflichtung bei der Reichsbahn, eine attraktive Frau, hellwach, absolut irdisch und voller Verachtung für alles, was mit dem Hakenkreuz zu tun hatte. Wir Giordanos werden das Andenken dieser Frau ehren bis an unser Ende. (Ralph Giordano)

Volksschule Bramfelder Straße

In der Volksschule Bramfelder Straße waren die Gebrüder Giordano Ausnahmeerscheinungen. Die innere Selbstverständlichkeit, mit der der Vater das Wunderkind sich von der profanen Umgebung abheben wollte, hatte seinen sichtbaren Ausdruck in der Frisur der Söhne gefunden – unsere Haare waren mal pagen-, mal bubikopfhaft geschnitten, auf jeden Fall mädchenhaft lang. Einen solchen Kopfschmuck wies kein anderer der etwa fünfhundert Schüler auf. Die Hänseleien, denen wir deshalb ausgesetzt waren, trugen wir zwar mit einem gewissen Trotz, aber doch auch mit dem innigen Wunsch, möglichst bald von der äußeren Abhebung befreit zu werden. (Ralph Giordano)

Gelehrtenschule Johanneum

Ich hatte auf dem Johanneum nie über meine Verhaftung durch die Gestapo gesprochen. Aber natürlich war die Schulleitung davon unterrichtet worden. So einer konnte, so einer durfte nicht mehr Johanniter sein. Und wer zweimal das Klassen- ziel nicht erreichte, musste ohnehin gehen. Nach sieben Jahren verließ ich, mitten aus der letzten Unterrichtsstunde heraus, abschiedslos das Johanneum. Ecke Maria-Louisen-Strasse/Dorotheenstrasse drehte ich mich noch einmal um und warf einen Blick zurück auf das massige, imponierende Gebäude. Mir war weh, mir war sehr weh ums Herz. (Ralph Giordano)

Ralph Giordano – Elternhaus und Geschwister

Seine Kindheit und Jugend verbrachte Ralph Giordano in der Hufnerstraße 113, wo er mit den Eltern und seinen beiden Brüdern, Egon und Rocco, in bescheidenen Verhältnissen bis zur Ausbombung 1943 lebte. Die Eltern hatten zuvor in Barmbek-Süd, in der Heitmannstraße gewohnt. Der Vater, Alfons Giordano (1896–1972) war Pianist, Akkordeonist, Kapellenmeister. Als „Mann am Klavier“, als Bar- und Kinopianist versuchte er durch das Leben zu kommen. Er trat unter anderem im Alsterpavillon und im Stadtpark-Restaurant auf.

Ralph Giordanos Mutter, Lilly Giordano (1897– 1980), geborene Seligmann-Lehmkuhl, war Klavierlehrerin. Mit den Klavierstunden, die sie in der Mietwohnung in der Hufnerstraße 113 gab, trug sie wesentlich zum Lebensunterhalt der Familie bei. Dass die Mutter jüdischer Herkunft war, blieb lange Zeit ohne größere Bedeutung. Es spielte im Stadtteil Barmbek, in dem der jüdische Bevölkerungsanteil gering war, keine Rolle. Bis 1933, als die nationalsozialistische Propaganda auch in Barmbek nicht ohne Wirkung blieb und die zahlreichen Einschränkungs- und Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes auch die Barmbeker Juden wie auch die „Mischfamilien“ trafen. 1935 wurde Lilly Giordano aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen und durfte nicht mehr Musik unterrichten, weil sie Jüdin war. 1943 wurde auch Ralph Giordanos Vater, „Nichtjude“, aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen, wodurch sich seine Verdienst- und Auftrittsmöglichkeiten als Musiker weiter verschlechterten.

Ralph Giordano besuchte zunächst die Volksschule am Zoll, nördlich der Bramfelder Brücke gelegen. Im März 1933 gelang es den Eltern, ihre Söhne Egon und Ralph in der Hamburger Gelehrtenschule des Johanneums in Winterhude unterzubringen und von der Zahlung des Schulgeldes befreien zu lassen, obgleich sie als „Halbjuden“ eingestuft wurden. Hier erlebte Ralph Giordano die ersten Schikanen und Demütigungen durch Nazi-Lehrer, begleitet von Ausgrenzungen auf der Straße und den Spielplätzen: „Ralle, mit dir spielen wir nicht mehr, du bist Jude.“
1940 musste Ralph Giordano mit 16 Jahren die Schule verlassen, ebenso sein Bruder. Es folgte eine Zeit, die von Hunger, Flucht, Furcht und Selbstmordabsichten geprägt war. Zweimal wurde Ralph Giordano im Stadthaus von der Geheimen Staatspolizei verhört, gedemütigt und gefoltert. Die Angst vor dem jederzeit möglichen Tod wurde für ihn zu einem Schlüsselerlebnis seines Lebens.

Vom 29. auf den 30. Juli 1943 erfolgte die Ausbombung und Zerstörung des Wohnhauses in der Hufnerstraße. Der Familie gelang es, sich in Richtung Stadtpark in Sicherheit zu bringen und nach Bösdorf zu fliehen. Auf Befehl der Gestapo musste sie jedoch wieder nach Hamburg zurück, wo die Deportation der Mutter ins KZ drohte. Auf der Suche nach einem illegalen Versteck traf Ralph Giordano im Herbst 1944 die ehemalige Nachbarin, Grete Schulz wieder, die Mitte der 1930er Jahre in die Hufnerstraße 113 eingezogen war und zu den wenigen Menschen zählte, denen die Familie vertrauen konnte. Grete Schulz hatte sich nach der Ausbombung in den Ruinen der Alsterdorfer Straße 470 einen Waschkeller als Unterkunft provisorisch ausgebaut. Hier entdeckte Ralph Giordano einen Kellerraum – feucht, kalt, dunkel und dreckig. Die Zustimmung der ehemaligen Nachbarin, sich hier zu verstecken, rettete den Giordanos das Leben.

Ralph Giordano – Schriftsteller und Filmautor

Am 10. Dezember 2014 ist der 1923 in Hamburg-Barmbek geborene und auf- gewachsene Schriftsteller, Journalist und Filmautor Ralph Giordano im Alter von 91 Jahren gestorben. Unermüdlich hat er gegen Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und gegen das Vergessen angeschrieben. Einem größeren Publikum wurde Ralph Giordano bekannt durch seinen Roman „Die Bertinis“, der 1982 erschien und 1988 auch verfilmt wurde. In dem Roman verarbeitet Giordano das Schicksal seiner Familie, seine Kindheit und Jugend in Hamburg-Barmbek, wie auch in seiner späteren Biographie „Erinnerungen eines Davongekommenen“ (2007).

Unvergessen bleiben seine zahlreichen Besuche und Lesungen in Barmbek, insbesondere auch sein gemeinsamer Besuch mit dem ebenfalls aus Barmbek stammenden Jugendfreund Hans-Jürgen Massaquoi, Autor des Buches „Neger, Neger, Schornsteinfeger“, in der Geschichtswerkstatt Barmbek, bei der Ralph Giordano seit 1986 Mitglied war. Unvergessen bleiben auch seine Auftritte bei der alljährlichen Verleihung des Bertini-Preises im Ernst Deutsch Theater – ein Wettbewerb, mit dem junge Menschen gewürdigt werden sollen, die sich mit der NS-Vergangenheit, mit Rechtsradikalismus und Zivilcourage kritisch auseinandersetzen.

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