Tafel 15: Gummifabrik-Kulturinsel
Zum Osterbekkanal hin sind die Reste einer alten Fabrik zu sehen. In den 1980er Jahren hat das Museum der Arbeit begonnen, sich darin einzurichten. Die ersten Gebäude der Fabrik entstanden 1871/72 auf freiem Feld. Lange Zeit war die “New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie’’ Barmbeks größter Arbeitgeber. Ein Teil der Beschäftigten wohnte seit der Jahrhundertwende gleich neben der Fabrik in den Werkswohnungen des „Maurienstifts“.
Bei der „New-York Hamburger“ entstand aus Rohkautschuk Hartgummi, ein Material, das den Siegeszug der Kunststoffe ankündigte. Erstmals konnten hochwertige Gebrauchsgegenstände, die vorher aus wertvollem Naturmaterial (z.B. Horn oder Elfenbein) handwerklich hergestellt worden waren, als Massenartikel billig erzeugt werden: hier in Barmbek u.a. Kämme, Raucherartikel, Schreibutensilien. Vielfältig verwendet wurde Hartgummi als stabiler Nichtleiter im Zuge der Elektrifizierung. Die Osterbek war bis 1888 eine Zollgrenze. Die Fabrik lag nördlich des Baches nicht in der Hamburger Freihandelszone, sondern schon im Zollinland des Deutschen Reiches. Dies hatte den Vorteil, dass die Fertigprodukte beim Vertrieb im Reich nicht mehr verzollt zu werden brauchten. Die mehrfach vergrößerte Fabrik stand um 1915 schon mitten im Wohngebiet. Die von ihr ausgehende Umweltbelästigung, vor allem der brandige Gummigeruch, machte sich nun unangenehmer bemerkbar. Im Zweiten Weltkrieg verarbeitete die Barmbeker Fabrik fast nur synthetischen Kautschuk (Buna). Auf dem Turm des Stammgebäudes war eine Flak aufgestellt. Bei den Bombenangriffen 1943/44 wurde das Barmbeker Werk so stark getroffen, dass es 1944 stillgelegt werden musste. Nach Kriegsende wurde die Produktion von den Beschäftigen mühsam wieder in Gang gebracht. 1954 wurde sie jedoch verlegt ins Harburger Werk (einst „Gummi-Kamm“, dann „Traun’’, 1930 mit der „New-York Hamburger“ vereinigt). Das Gelände wurde an die Stadt verkauft, In die erhalten gebliebenen Gebäude zogen andere Firme ein, z.B. „Möbel Schulenburg.“
Werkswohnungen: Das Maurienstift
Die New-York Hamburger engagierte sich – was damals bei Betrieben in Hamburg selten vorkam – auch im Wohnungsbau und auf sozialem Gebiet. Direktion und Aufsichtsrat waren bemüht, die Beschäftigten durch verschiedene soziale Einrichtungen und Vereine an ihren Betrieb zu binden, sich so ihre Firmentreue und Folgsamkeit zu sichern. Eine indirekt auf den Firmengründer Maurien zurückgehende Stiftung stellte 1900 einen Gebäudekomplex mit 81 Werkswohnungen fertig. Diese waren qualifizierten Kräften und „Bedürftigen“ (z.B. kinderreichen Familien und Witwen) vorbehalten. 1943 brannte das Maurienstift bei den Bombenangriffen aus. Nach 1945 verkaufte die Maurienstiftung fast das ganze Grundstück und baute vom Erlös zwei neue Häuser am Osterbeksweg, die heute von „Ehemaligen“ der Gummifabrik bewohnt sind.
… zur Kulturinsel
Nach der Verlagerung der NYH 1954 nach Harburg vermochte die Stadt mit dem Fabrikgelände lange Zeit nichts Vernünftiges anzufangen. Zwar wurden viele Pläne erwogen (z.B. Einkaufszentrum, Kulturhaus, Veranstaltungshalle, Bezirksamtsbeäude), doch realisiert wurde davon nichts. So bekam Anfang der 1990er Jahre die Museumsinitiative ihre Chance. 1997 wurde das Museum der Arbeit offiziell eröffnet. In den Räumen der alten Zinnschmelze der ehemaligen Gummifabrik befindet sich der Verein „Theater Jugend Hamburg“ und das Stadtteilkulturzentrum „Zinnschmelze“, das 2013/14 einen Erweiterungsanbau erhielt. Im Gebäude über der Bücherhalle Barmbek ist die Volkshochschule eingezogen, im südlichen Teil der ehemaligen Fabrikgebäude befindet sich das Bar-Restaurant „Trude“. Die „Kulturinsel“ in der Mitte Barmbeks nimmt langsam Gestalt an. Das Projekt der Geschichtswerkstatt Barmbek, im Turmbunker an der Ecke Wiesendamm/Poppenhusenstraße ein Heimatmuseum einzurichten, musste aufgrund der Kürzungen der Finanzierung der Geschichtswerkstätten im Jahre 2003 vorerst aufgegeben werden.
Mein Leben mit der NYH – Zeitzeugen erinnern sich
Hans Lübkert
„Da war das doch so, da wurden Sie mit dem Kinderwagen reingeschoben und mit dem Sarg wieder raus. Der Vater verhalf dem Sohn oder der Tochter, dass sie da anfangen konnten.“
Alfred Dürkop
„Ich denke, wir waren ein Betrieb, der von der ganzen Grundstimmung her friedlich war. Da war jeder froh, dass er Arbeit hatte und dass er Geld kriegte und dass er damit was anfangen konnte. Meine Wahrnehmung.“
Hermann Scharf
„Ich will mal so sagen: Gute Behandlung, niedrige Löhne.“
Hans Lübkert
„Das stimmt nicht. Da kann ich Ihnen das Gegenteil beweisen. 1951 bin ich weggegangen. Da hatte ich einen Stundenlohn von 1,94 oder 1,96 Mark, das war damals ein Spitzenlohn.“
Hildegard Wittenburg
„Es waren überwiegend Männer, die da gearbeitet haben – in der Verwaltung. Die Frauen, das waren mehr Schreibkräfte. In der Buchhaltung war ich nur mit einer Kollegin zusammen. Im Sekretariat waren auch ein paar Frauen, aber sonst waren das überwiegend männliche Angestellte. Und die Vorgesetzten sowieso. Ich weiß überhaupt keine Abteilungsleiterin, das gab es einfach nicht, das waren Männer.“
Karl Boysen
„Als ich 1945 wieder anfing, da war hier ja alles in Schutt und Asche. Da haben wir die Maschinen erst einmal aus dem Dreck rausgeholt, sauber gemacht und repariert.“
Herr v. H.
„Das einzige was noch bestand, war das Kesselhaus, da waren die Kessel noch drin. Das war eine der Voraussetzungen, die Fabrikation wieder in Gang zu bringen.“
Hans Boysen
„Wenn die Kessel geöffnet wurden, das war mörderisch. Das stank nach faulen Eiern, das ganze Gelände rund um Barmbek.“
Ernst A. Wolffson
„Ich bin hier als Fabrikationsingenieur 1946, im Herbst, angetreten. Ich musste mich damals beim technischen Vorstand vorstellen und der sagte zu mir: ‚Sie sind zwar Ingenieur, aber Sie kriegen zunächst noch keinen Schreibtisch, sondern Sie kriegen verschiedene Stellungen in den Werkstätten. Sie müssen erst einmal lernen, was Gummi überhaupt ist, und das dauert im Allgemeinen fünf Jahre.‘“
