Tafel 16.1: Marke „Zombeck“
Was ist dies runde turmartige Gebäude ursprünglich gewesen? Ein Wasserturm? Ein Teil der Gummifabrik? Tatsächlich war es ein Luftschutzbunker, einer der ersten, die in Hamburg gebaut wurden. Die Form sollte das Gefühl von Sicherheit und Geborgen heit vermitteln. Im verwüsteten und brennenden Barmbek Ende Juli 1943 konnte jedoch auch kein ‚trutziger’ Turmbunker die Siegeszuversicht der Nationalsozialisten stärken.
Mit Kriegsbeginn 1939 wurde der Luftschutz in Hamburg planmäßig ausgebaut. Für rund 22% der in Hamburg lebenden Bewohner standen Schutzraumplätze zur Verfügung, in Barmbek-Uhlenhorst für etwa 15%. Hier waren ca. 270 Schutzbauten (Röhrenbunker, Rundbunker, Kasematten, Torwege), 4 Hochbunker, 1 Turmbunker und ca. 125 ausgebaute Keller als Schutzraum für die Bevölkerung registriert. Zu den ersten öffentlichen Luftschutzbauten gehörten die Turmbunker, die an Hauptverkehrspunkten, in der Nähe von Bahnhöfen errichtet wurden. Zu dieser Reihe von insgesamt 12 Rundbunkern vom Typ „Zombeck“ gehörte das turmartige Gebäude an der Ecke Wiesendamm/Poppenhusenstr., das unmittelbar nach Kriegsbeginn in Hamburg gebaut worden war.
Die Aufenthaltsfläche des Turmbunkers war als Spirale konzipiert. Die Schutzsuchenden gelangten auf einer schiefen Ebene nach oben. Das Kegeldach aus Beton sollte Direkttreffer abweisen. Das offizielle Fassungsvermögen war auf 600 Personen festgesetzt. In der Praxis fand aber die dreifache Zahl in dem Turm Schutz. Der Rundbunker war durch Klinker verkleidet, das Dach mit Pfanne. Das von den Nationalsozialisten häufig verwendete Hochheitszeichen des Adlers hängt noch heute – ohne Hakenkreuz – über dem Eingang des in den letzten Jahren gewerblich genutzten Bunkers.
Es war ein Traum
1988 entwickelte die Geschichtswerkstatt Barmbek die Idee, im Turmbunker ein Heimatmuseum für Barmbek einzurichten, ergänzt mit einem Anbau für Arbeitsräume und Archiv der Werkstatt. Pläne dafür waren bereits detailliert ausgearbeitet. Aufgrund der Kürzung der institutionellen Förderung der Geschichtswerkstätten im Jahre 2003 und mangels alternativer Finanzierungsmöglichkeiten musste die Idee vorläufig aufgegeben werden.
Zehn Tage im Juli
Die Luftangriffe der englischen und amerikanischen Bomberverbände legten im Zweiten Weltkrieg große Teile der Stadt Hamburg in Schutt und Asche. Die Angriffe sollten die Hamburger Rüstungsindustrie vernichten und die Bevölkerung kriegsmüde machen. Die Zerstörung Hamburgs sollte zugleich eine Antwort auf den Angriffskrieg der Nationalsozialisten sein, die bei ihren Bombenangriffen auf London, Warschau, Coventry und Rotterdam ebenfalls keine Rücksicht auf die dortige Zivilbevölkerung genommen hatten.
Der Stadtteil Barmbek als Arbeiterwohnquartier und Standort wichtiger Versorgungs- und Industriebetriebe wurde bei den Angriffen besonders schwer getroffen. Mehr als 70% aller Gebäude waren völlig vernichtet, 15% waren stark beschädigt, nur 5% blieben erhalten. Von den ehemals 232.00 Bewohnern waren im August 1943 nur noch rund 15.000 zurückgeblieben. Ca. 1.000 bis 1.500 Menschen kamen bei den Angriffen in Barmbek ums Leben. Ein Großteil war bereits vor den Großangriffen aus Barmbek geflohen.
Barmbek wird evakuiert – Mittwoch, 28.7.1943 – Zitat von Bürgermeister Krogmann
Kreisleiter Fromm gibt Befehl, alle Menschen des Kreises 6 haben den Stadtteil bis 6 Uhr abends zu räumen. Große Aufregung. Dienststellen ohne meinen Befehl geschlossen. Die Bevölkerung verlässt fluchtartig die Stadt. Eine geregelte Verwaltung unmöglich, da ein großer Teil der Beamten mit ihren Familien Hamburg verlassen hat.
Im Dunkeln – Zitat von Herbert Eisenhauer
Den großen Angriff am 30. Juli 1943 habe ich mit meinen Eltern und Geschwistern im Luftschutzkeller am Barmbeker Bahnhof erlebt, den meine Mutter am sichersten fand, weil darüber nur die Gleise waren. Es gab ja auch noch diesen Rundbunker, mit dem Turm, in den meine Mutter nicht rein wollte. Sie sagte: „Wenn es da einen Volltreffer gibt, sind wir alle weg.“ Als es abends Alarm gab, sind wir wieder rüber. Wir haben auf Bänken gesessen, die in verschiedenen Räumen standen. Irgendwann fiel das Licht aus. Wir saßen im Dunkeln. Die Eisentore, die den Treppeneingang abschließen sollten, ließen sich nicht mehr schließen. Das war schlimm, denn so hörten wir um uns herum diese fürchterlichen Bomben detonieren. Die Leute schrien und beteten im Dunkeln zusammen, bis es zu Ende war. Im Nebenkeller wurde in dieser Nacht auch noch ein Kind geboren.
Richtung Turm – Zitat von Heiner Wiewald
Von Haus zu Haus fraß sich das Feuer weiter. Vor der Brücke Fuhlsbüttler Straße teilten sich die glitzernden Schienen in Weichen und Zusammenführungen. Max stieg eine Treppe empor auf den menschenleeren Bahnsteig: Durchgang verboten. Von hier war der Blick frei über die Fuhlsbüttler, über den Kinderspielplatz in die wehenden Flammen der Schwalbenstraße. Fast nicht wahrnehmbar zwischen all der Mächtigkeit der Gewalt, schleppten Hastende ihre Habe unter die Brücken. Und wie prächtig: In ganz besonderen Farben auf der anderen Seite die brünstigen Feuer aus den alten Gebäuden der „New-York Hamburger“. Unberührt in diesem Chaos allein der Turm! Der runde Turm vorm Barmbeker Bahnhof. Um ihn herum häuften sich Möbelberge und aufgeschichtete Bündel. Auf einer der Wartebänke des Bahnhofs ließ Max sich erschöpft fallen.
Alles vernichtet – Zitat von Lisa Witt
Unsere Schicksalsstunde schlug in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 1943. Wenn wir auch gewöhnlich im Luftschutzkeller unseres Hauses in der Hufnerstraße Zuflucht fanden, so schien es nach den letzten schweren Angriffen auf Barmbek nicht sicher genug, und mein Vater und ich eilten, als Alarm ertönte, nach dem Rundbunker am Barmbeker Bahnhof, in den von allen Seiten die Leute mit ihrem Luftschutzgepäck strömten. In einem Raum dieses Bunkers half eine Rote-Kreuz-Abteilung den Verletzten. Stundenlang verlebten wir in Angst und Sorge. Als endlich das Entwarnungszeichen gegeben wurde, eilten wir hinaus ins Freie. Doch o Schrecken – lichterloh brannte alles ringsumher – die ganze Hufnerstraße, auch unser Haus. Entmutigt und hoffnungslos sahen wir, dass alles vernichtet war. Wohin?
Ulla – Liebe 1943 – Zitat von Heiner Wiewald
Ein Hau-Ruck-Kommando hatte für die Leute vom Roten Kreuz vor dem Barmbeker Bahnhof eine Baracke aufgestellt. Morgens begonnen, konnten sie nachmittags schon ans Einrichten gehen. Ein Herd zum Kochen musste her und ein schöner Bullerofen. Alles fand sich in den Ruinen der umliegenden Häuser. Für zwei große Räume mussten Möbel beschafft werden. Zweistöckige Betten, Schränke, Stühle. Neben dem Windfang das Sanitätszimmer mit einfachen medizinischen Geräten. Der größere Raum wurde als Schlafraum eingerichtet, im anderen gekocht, gegessen, gewohnt. Links die Männer, auf der anderen Seite des Raumes die Frauen. Das Trinkwasser wurde von den jungen Männern aus dem Luftschutzturm drüben mit Eimern herangetragen. Ulla war wegen einer Erkältung tagsüber im Bett geblieben und Max, der nur mal schnell reinguckte, erkundigte sich nach ihrem Befinden. Allerdings setzte er sich dabei auf Ullas Bettkante. Sie waren allein, es war Sommer – es musste wohl so kommen. Eine Woge überspülte Max. Er versuchte sogar, diesem unbekannten Gefühl zu entfliehen. Zu warm, zu weich jedoch dieser Mund, zu verlangend beider Neugier.
Heimaturlaub – Zitat von Walter Driesch
Was ist mit Barmbek? – „Nur noch ein Schutthaufen.“ Auf der Herfahrt hatte mir einer erzählt, dass der Turmbunker beim Barmbeker Bahnhof heil geblieben wäre. Mit Sorge um die Eltern, mit Hunger, Durst und Wut im Bauch, machte ich mich auf den Weg. Als ich dann Wiesendamm einbog, hörte ich Stimmen vom Bunker und sah ein kleines Orientierungslicht. Na endlich Menschen. Da war dann auch eine Rotkreuzschwester. Endlich was Trinkbares, Schnitte Brot und drei Zigaretten. Legte mich so wie ich war auf so ein Feldbett. Wie heißt es so schön? Wir sind noch einmal davongekommen. Aber bitte, hoffentlich nie wieder Krieg!
