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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 26.1: Heilbuth, Karstadt und drumherum

Seit Anfang des Jahrhunderts gab es in der Hamburger Straße ein Kaufhaus: bei der heutigen Adolph-Schonfelder-Straße. 1927/28 wurde „Heilbuth“ abgerissen und durch den hochmodernen Karstadt-Bau ersetzt. Karstadt war von dichter Wohnbebauung umgeben: lichtarme Höfe, kaum Grünflächen, viele Menschen auf engem Raum. Der Bombenkrieg hinterließ von Karstadt und den meisten umstehenden Häusern nur Trümmer und Ruinenreste. Freie Bahn insofern für die Stadtplaner! Die neue Wohnbebauung zum Alten Schützenhof hin, überwiegend Ende der 50er Jahre entstanden, hat zumindest einen Vorzug gegenüber der alten: sie ist wesentlich aufgelockerter.

Konkurrenz für die Ladeninhaber

Heilbuth rühmte sich seiner niedrigen Preise. Vielleicht waren sie auch deshalb so niedrig, weil die Personalkosten unbarmherzig gedrückt wurden. Jedenfalls scheint die schlechte Bezahlung der Verkäuferinnen – auch in anderen Hamburger Warenhäusern – fast sprichwörtlich gewesen zu sein. Die kursierenden Angaben (Monatslöhne noch unter dem durchschnittlichen Wochenlohn eines Arbeiters) können allerdings höchstens für einen Teil des Personals zutreffen.

Für viele Ladenbesitzer mag Heilbuth – und erst recht später Karstadt – eine bedrohliche Konkurrenz gewesen sein. Dennoch haben sich in und neben der Hamburger Straße kleine Geschäfte in großer Zahl behauptet. Dass die von Heilbuth ausgehende Gefährdung in der Barmbeker Bevölkerung ein Gesprächsthema war, lässt folgender Bericht eines Polizeispitzels aus dem Jahr 1903 vermuten: „Von 9.15 – 10 Uhr wurde die Wirtschaft von Michel, Hamburgerstraße 162, besucht. Daselbst waren einige Arbeiter anwesend, die sich unterhielten. Ein Arbeiter sagte: „Man muss sich wundern, dass bei den vielen Warenhäusern, die zur Zeit schon in Hamburg existieren, immer noch neue Warenhäuser gebaut werden. Den Bau, den Heilbuth in die Hamburgerstraße gesetzt hat, übertrifft an Größe alle bisher ausgeführten Warenhäuser. Dass auf einem so großen Geschäft aber noch viel größere Lasten ruhen, ist doch sicher und darf man gespannt sein, wie Heilbuth sich in diesem Geschäft schadlos halten will. Für die Barmbeker Geschäftswelt ist das Heilbuthsche Warenhaus der Nagel zum Sarg, denn bekanntlich sind es gerade die kleinen Leute, welche ihre Einkäufe in den Warenhäusern decken und am allerersten von den kleinen Geschäftsleuten (abspringen).’“

Der Glanzpunkt der Hamburger Straße

Karstadt mit seiner auffälligen Architektur, seinen 32 Schaufenstern und fast 250 Metern Straßenfront, seinem Dachgarten, der eleganten Innenausstattung und den 1928 noch ungewöhnlichen Rolltreppen war eine Attraktion. Eine Attraktion für Schaulustige und Käufer, die wohl aus großem Umkreis kamen, also auch aus Hohenfelde, Eilbek, Uhlenhorst, Winterhude. Eine Attraktion nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder. Die anschließend wiedergegebenen Erinnerungen können für viele ähnliche stehen. (Bestätigt werden sie durch eine Studie der Psychologin Martha Muchow, die 1932 „Spielorte“ Barmbeker Kinder beobachtete, darunter auch Karstadt.)

Zitat 1: „Das Hineinkommen in das Kaufhaus war für Kinder nicht einfach. Vor dem Eingang stand ein uniformierter Portier und ließ Kinder ohne Erwachsene nicht in das Haus.Wir fragten deshalb immer Frauen, ob sie uns mit hineinnehmen würden – fast alle machten es.“

Zitat 2: „Dieses phantastische neue Ding – Rolltreppe … War echt Spitze, nur raufstellen und schon ging es auf- oder abwärts. War jedenfalls problemloser als Fahrstuhlfahren. Da war immer so einer in Uniform, der auch die einzelnen Stockwerke und ihre Abteilungen runterleierte; ich hab mich oft gefragt, ob der zu Hause auch so leierig spricht, den ganzen Tag von 8 – 19 Uhr Fahrstuhl rauf und runter und jedes Stockwerk das gleiche: Hosen, Trikotagen … USW. USW. … Endlich konnte er mal etwas Amtliches loslassen: Seid ihr alleine? Manchmal hatten wir Glück und konnten unsere kleine Hand irgendeiner netten ‚Tante‘ in die ihre schieben, dann war die Sache gelaufen … Vom Dachgarten ließen wir gerne selbstgemachte Papierschlangen runtersegeln.“

Zitat 3: „Wenn in den Schaufenstern bewegliche Märchenbilder gezeigt wurden, drückten wir uns oft die Nasen an den Scheiben platt. Viele Wünsche hatten wir – erfüllt wurden sie selten, und so blieben ein Roller oder ein Fahrrad oft nur Träume.“ (Leserzuschriften ans Barmbeker Wochenblatt)

Das Nachkriegs-Wohnquartier „hinter“ dem Einkaufszentrum

Das heutige Wohnquartier zwischen Bostelreihe und Mozartstraße/Imstedt weist Merkmale auf die typisch sind für den Neuaufbau der 50er Jahre. (Barmbek-Nord dagegen ist größtenteils so wiedererstanden, wie es vor der Zerbombung war.) In „Hamburg und seine Bauten“ (Erscheinungsjahr 1968) wird der Neuaufbau folgendermaßen charakterisiert: „In der ersten Phase der Stadtbaugestaltung (in Hamburg), dem Aufbau zerstörter Stadtgebiete, knüpfte man an die in den 20er Jahren entwickelten Prinzipien modernen Wohnungsbaues an, bei dem hygienische Forderungen – also insbesondere eine einwandfreie Besonnung und Durchlüftung – als Reaktion auf den Wohnungsbau der Gründerzeit im Vordergrund standen. Auf den vorgegebenen Baublöcken entstanden anstelle der geschlossenen Bebauung Zeilen in der wirtschaftlichen viergeschossigen Bauweise mit der traditionellen roten Ziegelverblendung. Man reservierte dabei mehr Platz für die Folgeeinrichtungen und gliederte die großen Quartiere durch öffentliche Grünzüge.“

Auf den Stadtteil bezogen hatte Ortsamtsleiter Plothe 1956 erklärt: „Der Aufbau in Barmbek-Süd … kann sich nicht so einfach wie in (Barmbek-Nord und Dulsberg) vollziehen. Die früher hier bestandenen Schlitzbauten und Hinterhöfe (Terrassen) dürfen nicht wieder erstehen. Eine Auflockerung … unter Bevorzugung des Zeilenbaus muss erfolgen. Daraus wird sich häufig die Zusammenlegung mehrerer Grundstücke als notwendig erweisen. Ein langsameres Voranschreiten des Wiederaufbaus hier ist daher verständlich.“

Das (Un-)Gesicht der Hamburger Straße heute

Dass der Aufbau an der Hamburger Straße selbst sich so lange verzögern würde, hatte wahrscheinlich auch Ortsamtsleiter Plothe nicht gedacht. 1970 wurde das Einkaufszentrum mit seinen Aufbauten fertiggestellt (nach Plänen von Hoffmann, H. und K. Kruse). 1972 folgten zwei der drei „Mundsburg-Türme’“ (entworfen von Garten, Kahl und Bargholz). Vom Geländestreifen zwischen Hamburger Straße und Oberaltenallee verschwanden die letzten Gebäude; er wurde zur – leider unbetretbaren – Grünfläche.
Ist es gut geworden, was so lange gewährt hat? Die Meinungen mögen geteilt sein. Wir meinen: nein. Die Hamburger Straße im ganzen hat kein „Gesicht“.

Vor dem Kriege war sie voller Leben:
„Voller Leben, voller Verkehr! Aber irgendwie anders als heute. Bunter, lebhafter, geschäftiger. Straßenbahnen, einige Linien, die bimmelnd versuchten, sich Platz zu machen, Autos, so viele verschiedene Typen, wirklich verschiedene, heute sind es doch Uniformen. Aber damals! Wirklich!“

Heute fehlt dem Straßenraum jede gut proportionierte Einfassung. Eigentlich ist er nur das Bett des Verkehrsstroms, der auch am aufgetürmten Riff des Einkaufszentrums beziehungslos vorbeizufließen scheint. Gewiß, das Einkaufszentrum für sich genommen ist attraktiv, ähnlich wie seinerzeit Karstadt. Die Renovierung 1986/87 hat zwar kaum das Äußere, aber die Passage erheblich verschönert (gläsernes Tonnengewölbe von M. v. Gerkan, V. Marg und Partnern). Aber die Straße? Draußen Ödnis, drinnen Glamour: kann dies das Ziel der Stadtgestaltung sein?

 

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