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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 27.2: Emily Ruete Sayyida Salme bin Said ibn Sultan – bewundert und umstritten

Kolonialpolitische Verwicklungen

Emily Ruete stand in den 1880er Jahren der deutschen Kolonialpolitik zunächst wohlwollend gegenüber. „Von Anfang an habe ich zu dem kleinen Häuflein von Menschen gehört, welche mit warmenm Interesse die Kolonialbestrebungen Deutschlands verfolgte”. (Emily Ruete) Immer wieder versuchte Emily Ruete ihre Erbansprüche in Sansibar, die sie durch ihre Flucht und die Beziehung zu einem Andersgläubigen verloren hatte, geltend zu machen und hoffte dabei auf die Hilfe der britischen und deutschen Regierung, insbesondere auf die Unterstiüzung des Reichskanzlers Otto von Bismarck. Dieser versprach sich von ihrem Besuch auf Sansibar, die Kolonialinteressen Ostafrika wirksamer durchsetzen zu können. „Das Erscheinen der Dame wird sich in der einen oder anderen Weise in unserem Interesse verwerten lassen”. (Reichskanzler Otto von Bismarck) An Bord des deutschen Marinegeschwaders kehrte Emily Ruete 1885 erstmals wieder in ihre Heimat zurück, gemeinsam mit ihren Kindern. Ihr Bruder, der Sultan Bargasch, lehnte jedoch ab, sie zu empfangen, womit ihre Versöhnungsabsichten und die Klärung ihrer Erbansprüche erfolglos bleiben. Als Sultan Bargasch kurze Zeit später die Anerkennung der deutschen Eroberungen auf dem ostafrikanischen Festland akzeptierte, hatte Bismarck sein Ziel erreicht und ließ Emily Ruete fallen, die Sansibar wieder verlassen musste. „Für das Schicksal der Frau Ruete und ihre beaux yeux (schöne Augen) können wir die Reichsinteressen nicht einsetzen. Wir werden die für Deutschland zu erstrebende Freundschaft des Sultans nicht um seiner Schwester willen gefährden.“ (Reichskanzler Otto von Bismarck) Emily Ruete musste erkennen, dass sie zum Spielball und Opfer europäischer Kolonialpolitik geworden war und nirgendwo willkommen war.

lhre Bücher und Geschichte – weltweite Verbreitung

Emily Ruetes „Memoiren einer arabischen Prinzessin” gelten in der Literaturgeschichte als erste veröffentlichte Autobiographie einer arabischen Frau – eine Mischung aus lebensgeschichtlichen Erinnerungen und volkskundlichen Beobachtungen, mit vielen Details über das alltägliche Leben in Sansibar und Deutschland. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und erreichte weltweite Verbreitung. Mit ihren Memoiren wollte Emily Ruete der falschen Darstellung ihrer Geschichte in den Boulevardmedien entgegentreten. Dem damals vorherrschenden romantisierenden Afrikabild und den Vorurteilen gegenüber dem Islam setzte sie ein eigenes Bild über die muslimische Welt entgegen, um so Verständnis für die Menschen und Sitten ihrer Heimat zu wecken. Ihre Lebens- und Liebesgeschichte fand Eingang in Märchenromanen zeitgenössischer Illustrierter, wurde in späterer Zeit bis heute auch Gegenstand von zahlreichen Romanen, Filmen, Musik- und Theaterstücken sowie wissenschaftlichen Publikationen.
Spätere Schriften wie „Syrische Sitten und Bräuche” und „Briefe nach der Heimat” fanden weniger und spiä Beachtung und Verbreitung. Ihre „Briefe” sind eine Art fiktives, persönliches Tagebuch, aber auch eine Beschreibung ihrer Diskriminierungserfahrungen und schwierigen Integration in Deutschland. Nicht zuletzt sind sie auch eine persönliche Anklage gegen die deutsche und britische Kolonialpolitik.

Gescheiterte Rückkehr in die Heimat

Auch eine zweite Sansibar-Reise (1888) auf eigene Faust und gegen den Willen der deutschen Regierung blieb erfolglos, ebenso ihre Bemühungen, über die englische Regierung Kontakt mit dem Sultan aufzunehmen. Enttäuscht und verbittert verlasst Emily Ruete 1888 Deutschland, zieht nach Jaffa und 1892 nach Beirut, wo ihr Sohn als Beamter am deutschen Konsulat arbeitete. Hin- und hergerissen zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen fühlte sie sich nirgendwo mehr zugehörig. „Ich habe keine Heimat mehr auf dieser Erde (…). Ich verließ meine Heimat als vollkommene Araberin und als gute Mohammedanerin und was bin ich heute? Eine schlechte Christin und etwas mehr als eine halbe Deutsche”. (Emily Ruete) Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges (1914) kehrt sie nach Deutschland zurück zu ihrer Tochter Rosalie, wo sie am 29. Februar 1924, mit 79 Jahren, in Jena stirbt. Emily Ruetes Urne wurde in der Gruft der Hamburger Familie Ruete auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet.

Stein des Anstoßes – Fragwürdige Ansichten

Lage Zeit blieben die politischen Ansichten Emily Ruete in ihren Büchern geäußert hatte, ausgeblendet. Erst Ende der 1990er Jahre, als ihr zweites Buch veröffentlicht und ihre Geschichte wiederentdeckt wurde, gerieten die Schattenseilen ihrer Ansichten ins Blickfeld, insbesondere zur Sklaverei, Prügelstrafe und schwarzen Bevölkerung. Emily Ruetes Haltung entsprach der kolonialen Mentalität ihrer Zeit, die die Afrikaner zu einem europäischen Arbeitsethos bekehren und zwingen wollte. Zwar missbilligte Emily Ruete den Sklavenhandel, verteidigte aber die Sklavenhaltung. Ihr Wertesystem blieb orientalisch geprägt, sichtbar im folgenden Zitat: „Die Sklaverei ist eine uralte Institution der orientalischen Völker; ob man sie je wird ganz beseitigen können, bezweifle ich, jedenfalls ist es eine Thorheit, so alte Sitten mit einem Male umstürzen zu wollen.“ (Emily Ruete) Gleichzeitig kritisierte sie die Doppelmoral der Europäer, die in ihren Kolonien und Handelsgesellschaften lange Zeit selbst Sklaven kauften und als Arbeitskräfte nutzten.

Gleichwohl bleibt Emily Ruete in ihren Schriften nicht frei von europäischen Vorurteilen. „Der Neger liebt vor allem die Bequemlichkeit und geht nur zur Arbeit, wenn er muss; so bedarf es der strengsten Kontrolle.“ (Emily Ruete) Insbesondere ihre Haltung zur schwarzen Bevölkerung wurde zum Stein des Anstoßes und brachte ihr den Vorwurf des Rassismus ein, obwohl sie in ihren Büchern auch eine genaue Beobachterin und Kritikerin des alltäglichen Rassismus und kolonialen Blicks in Deutschland war, von dem sie selbst betroffen war.

Kontroverse Erinnerungskultur

Bereits 2007 wurde im „Garten der Frauen” auf dem Ohlsdorfer Friedhof ein Erinnerungsstein aufgestellt, der den Namen Emily Ruete trägt und darauf aufmerksam machen soll, Zuwanderinnen nicht zu diskriminieren. Zwei Jahre späer war im Hamburger Rathaus eine Ausstellung ihrer Lebensgeschichte gewidmet, begleitet von einer intervenierenden Performance der Künstlerin Hannimari Jokinen, die eine Ehrung von Emily Ruete ablehnte, da sie „die Dienste von Sklaven als normal annahm und von ihnen profitierte.”

Seit 2012 gab es immer wieder Versuche, mit Straßen- oder Parkbenennungen an Emily Ruetes Geschichte und Verdienste zu erinnern. 2019 beschloss die Bezirksversammlung Hamburg-Nord, einen Platz im neuen Finkenau-Quartier nach Emily Ruete zu benennen und mit einer Geschichtstafel zu versehen. Doch bereits ein Jahr nach der Einweihung der Schilder wurde die Platzbenennung rückgängig gemacht, nachdem Emily Ruetes Ansichten über Sklaverei und Schwarzafrikaner den politischen Entscheidungsgremien bekannt wurden und die Namensvergabe in der kolonialkritischen Geschichtsbewegung zu Protesten geführt hatte. Die Rücknahme der ursprünglichen Namensbenennung führte in den Medien und der Politik zu heftigen und kontroversen Diskussionen, deren Problematik bis heute aktuell ist: „Die Vergangenheit zu Grabe tragen?“ oder „Die Vergangenheit in die Gegenwart eindringen lassen?“ (Klaus Newmann)

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