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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 28: Schüsse, Badewasser und ein Lord

1862 war der Schützenhof hier auf freiem Gelände eröffnet worden. In den 1890er Jahren – nun schon halb von Mietshäusern umgeben – waren die Schießstände eine Belästigung und eine Gefahr für die Anwohner. Darum die Verlegung zur Bramfelder Grenze. Hochst nützlich war die Folgeeinrichtung: das Bartholomäusbad mit der Bücherhalle. Denn wer hatte schon ein Bad in der Wohnung und wer konnte sich gediegenen Lesestoff kaufen? – Selber die Literatur „bereichert“ hat der legendäre “Lord von Barmbeck“, Hamburgs Einbrecherkönig um 1920. – Ecke Bartholomäusstraße hatte er sich vorübergehend als Wirt versucht.

Nachdem 1898 ein unbeteiligter Arbeiter von Nagel & Kaemp tödlich getroffen worden war, wurde die Benutzung 1900 endgültig eingestellt. Der neue Schützenhof wurde an der Bramfelder Straße beim Grenzbach (heute: Seebek) angelegt, wo heute die Schiffsbauversuchsanstalt ist. Auf dem alten Gelände blieb nur das Restaurant stehen (der vorderste Gebäudeteil im Bild). Luftbild um 1930. In der Mitte das Bartholomäusbad (in dem übrigens auch ein Standesamt eingerichtet war). Der baumbestandene Gelädndestreifen, der sich zur linken Bildecke hinunterzieht, gehörte vordem zum Schützenhof. Schräg über der Badeanstalt der Sportplatz des SV Uhlenhorst-Herta.

Sportvereine

Die Geschichte des Vereins geht bis ins Jahr 1911 zurück (Gründung des Uhlenhorster Fußball Klubs). Auf dem Platz an der damaligen Diederichstraße spielten natürlich auch andere Vereine Fußball (und Schlagball!). So z.B. der Uhlenhorster Sport-Club Paloma, der 1909 in dem Kellerlokal Humboldtstraße 123 (noch vorhanden) „aus der Taufe gehoben“ wurde. „Herta“ ist seit 1991 mit dem SC Adler vereinigt, nun unter dem Namen SV Uhlenhorst-Adler. „Adler“ (von 1925) war ein Arbeitersportverein. Die Arbeitersportbewegung war bis 1933 völlig von der bürgerlichen Sportbewegung getrennt. Andere bekannte Barmbeker Arbeitersportvereine waren „Hamburg 93″ (heute VFL 93) und der Kraftsportverein BKSV (heute „Goliath“), wo der in Fachkreisen unvergessene Amandus Spitzkopf boxte. Nach dem vom NS-Regime verhängten Verbot ’33 gingen viele Barmbeker Arbeitersportler zu „Paloma“. Nach dem Kriege wurde die – zuerst erzwungene – Einheit der deutschen Sportbewegung beibehalten.

In puncto Hygiene entwicklungsbedürftig

… war Barmbek wie die meisten ärmeren Viertel in den großen Städten (zumal den Industriestädten) bis in unser Jahrhundert hinein. In Barmbek hatten 1890 4,2 Prozent der Wohnungen und 1910 auch erst 14,8 Prozent ein Bad (in Hohenfelde dreimal soviel). Immerhin war in Hamburg seit 1882 bei Neubauten ein separates Wasserklosett für jede Wohnung vorgeschrieben. Lindley, der Konstrukteur des Wasserwerks und der Kanalisation in Hamburg, hatte in den 1850er Jahren eine offentliche Badeanstalt für 50.000 Einwohner gefordert. Dementsprechend hätten es in den 1890er Jahren zwölf sein müssen, vorhanden waren drei. Viele Menschen nahmen den Schmutz von der Arbeit mit nach Haus und konnten sich auch dort nicht gründlich von ihm befreien.Üble hygienische Verhältnisse begünstigten die Ausbreitung von Seuchen. Robert Koch wird nachgesagt, er habe bei der Choleraepidemie ’92, als er das Gängeviertel besichtigte, ausgerufen: „Meine Herren, ich vergesse, dass ich in Europa bin.“ (Hauptgrund der Epidemie war die Verunreinigung des Trinkwassers. Der Senat hatte die Erstellung einer Sandfilteranlage verschleppt.) Der Bau des Bartholomäusbades mit seinen zwei Schwimmbhallen, 30 Brause- und 77 Wannenbädern befriedigte also ein unabweisbares Bedürfnis. Und bald war das „Badlo“, wie die Barmbeker salopp sagten, ein Stück Barmbek geworden. Nach schweren Bombenschäden konnte die große Schwimmhalle (vorher Frauenhalle) schon kurz nach dem Kriege wieder benutzbar gemacht werden, nun für beide Geschlechter. 1956 war auch die kleine wiederhergestellt, die 1969 zur reinen Sportschwimmbhalle wurde. — Im Mittelteil ist das Gebäude gegenüber früher erheblich verändert.

Geistige Nahrung für Barmbek

Mitglieder der Patriotischen Gesellschaft gründeten 1898 die Stiftung Hamburger Bücherhallen. Die Bücherhallen sollten „breiten Volksschichten … guten, einwandfreien Lesestoff zugänglich machen und dadurch veredelnd und fordernd auf die Leser wirken“. Die 1909 im ersten Stock des Bartholomäusbads eröffnete Bücherhalle war die vierte in Hamburg. 12.600 Bände standen für die Lesehungrigen bereit. Der Bestand stieg auf 30.000 Bände 1918 und sank wieder bis auf weit unter 20.000 Bände in den 30er Jahren. So ging auch die Zahl der Entleihungen zurück: 1916 waren es 450.000, 1936 nur 103.000. Vielgelesene Bücher zerschlissen bald, und seit dem Krieg fehlte es wahrscheinlich an Geld für nötige Nachkäufe. Auf Vergleichsbasis lässt sich für 1916 eine Leserzahl von vielleicht 10.000 annehmen. Das waren freilich bei schätzungsweise 150.000 Bewohnern im Einzugsbereich nicht sehr viele. Aber wiederum gar nicht so wenige, wenn man bedenkt, dass die Barmbeker durch häusliche und schulische Bildung wohl in relativ geringem Maße auf anspruchsvolle Lektüre eingestimmt wurden. Die männlichen Leser überwogen, und von ihnen waren 1938 beachtliche 65,4 Prozent Arbeiter, Handwerker und Lehrlinge. Insofern also wurde die Barmbeker Bücherhalle ihrer Bestimmung als Volksbibliothek gerecht.
In der belletristischen Abteilung waren neben Klassikern der Weltliteratur neuere Autoren und gehobene Unterhaltungsliteratur vertreten. Selbstverständlich waren auch Kinder- und Jugendbücher aufgenommen. (Nach welchen Kriterien mögen die Bücher angeschafft worden sein? Inwieweit mögen die Kriterien ideologisch-politisch beeinflusst gewesen sein? — Interessante, doch für uns offene Fragen.)

Im Juli ’43 wurde die Bücherhalle durch Bomben zerstört. Im Mai ’49 lehnten die Wasserwerke eine etwaige Rückkehr der Bücherei ab: der erste Stock werde für die Wiederherstellung der Dienstwohnungen gebraucht, die sich früher im zweiten Stock befunden hatten. An den Wiederausbau des zweiten Stocks war zu dem Zeitpunkt nicht zu denken. Schon 1950 aber hatte Barmbek wieder eine Bücherhalle, und zwar am Reyesweg.
1958 dann wurde – in der Mitte Barmbeks – die Bücherhalle Poppenhusenstraße eröffnet. Julie Hansen, von 1919 bis ’43 Leiterin der Barmbeker Bücherhalle, schrieb nach dem Kriege: „(Durch) den geringen Wechsel in Leitung und Personal entstand allmählich ein schönes Vertrauensverhältnis. In Barmbek waren von 1909 bis 1943 ganze Generationen ständige Besucher: Großeltern, Eltern und Kinder wurden unsere guten Freunde und teilten mit uns alle Freuden und Kümmernisse. … Es sei hier einmal darauf hingewiesen, dass die Büchereiarbeit mit der gelernten Arbeiterschaft ganz besonders erfreulich und dankbar ist. Mit großem Ernst arbeiten sie sich in ihre Interessengebiete hinein, und wenn sie erst Vertrauen gefasst haben, ergibt sich ein schönes verständnisvolles Zusammenarbeiten. Eine Arbeiterin besprach mit mir immer ihr Programm für ihren Arbeiterinnenverein, und ein intelligenter Arbeiter schrieb mir: „Ich habe Sie 2 Jahre lang beobachtet und glaube jetzt, dass Sie mir auch helfen und raten können.“

Der Lord von Barmbeck

Auf der schiefen Bahn

Adolf Petersen, dem anscheinend das Hamburger Fremdenblatt diesen Titel anhängte, stammte aus armseligen Verhältnissen. Als Dreizehnjiähriger zog er 1896 mit seinen Eltern in die Heitmannstraße. Im selben Jahr begann er seine kriminelle „Laufbahn“. Er hatte bereits eine mehrjährige Haftstrafe hinter sich, als er Wirt in der Kellerkneipe hier schräg gegenüber wurde. (Nach 1904, Genaueres ist nicht zu ermitteln.) In der Kneipe verkehrten Einbrecher, die Petersen Gelegenheit gaben, seine „Ausbildung“ zu verbessern, speziell als Geldschrankknacker. In Petersens Kaschemme (ein Lieblingsausdruck von ihm) werden manche Raubzüge geplant und vorbereitet worden sein. Nach einigen Jahren hängte Petersen das Wirtsgewerbe an den Nagel, fortan lebte er nur vom Verbrechen. Im Krieg wurde er, weil als Berufsverbrecher angesehen, 1916/17 für ein Jahr interniert. Wahrscheinlich aus demselben Grunde wurde er nicht eingezogen.

Große Karriere

Nach der Entlassung schwang sich Petersen zum Anführer einer grofferen Aktionsgemeinschaft auf, „Barmbecker Einbrechergesellschaft“ oder“Petersen-Konzern“genannt. Insgesamt gehörten siebzig teils fester, teils loser mit Petersen verbundene Männer dazu. Ein Großteil war in Barmbek zu Hause, und die“Gesellschaft“ hatte zwei ihrer wichtigsten Treffpunkte in Barmbek. Nach einer erneuten Freiheitsstrafe 1919/20 setzte Petersen zu einem aufsehenerregenden, wenn auch kurzen Höhenflug an. Bis Mitte ’21 erbeutete er mit seinen Leuten neben wertvollem Gut rund 800.000 Mark Bargeld. Im Juni ’21 kam Petersen für lange Zeit hinter Schloss und Riegel. Die Sonderkommission der Polizei verfügte über keine Geständnisse, verstand es aber, die gleichzeitig verhafteten „Gesellschaftsmitglieder“ – samt Chef – gegeneinander auszuspielen und einem nach dem Geständnisse zu entlocken.

Barmbeker Unterwelt

Trotz großer Beute lebten Petersen und seine engsten Kumpane während ihrer Erfolgsjahre keineswegs in Saus und Braus. Aber großzügiger war ihr Lebensstil schon, als ein legaler Broterwerb ihresgleichen ermöglicht hätte. Die meisten legten Wert auf gepflegte Kleidung, und ganz besonders tat das Petersen selbst. Auch daher rührt sein „Ehrentitel“. Petersen und der engere Kreis arbeiteten nicht nur gemeinsam, sondern hatten auch familiären Umgang miteinander: eine Subkultur im Kleinen. In mancher Hinsicht unterschieden sich ihre Umgangsformen und Schicklichkeitsbegriffe überraschenderweise gar nicht allzusehr von denen der bürgerlichen Gesellschaft.
Ob Petersen und die Seinen sich wie Fische im Wasser in einem weit mehr Menschen einschließenden Milieu bewegten, ob es in Barmbek größere Bevölkerungsteile mit einer Anfälligkeit für kriminelle Abwege gab, das ist sehr schwer zu beurteilen. Gewiss, im Krieg kam es 1916 und ’17 bei sogenannten Hungerunruhen in Barmbek zu Ladenplünderungen, und dann vielleicht noch einmal im Krisenjahr ’23, als die Geldentwertung viele Menschen in bitterste Not stürzte. Aber aus solchen Ausnahmesituationen können weitreichende Schlüsse kaum gezogen werden.

Dichtung und Wahrheit

Petersen war den anderen wohl weniger durch seine „handwerklichen“ Fertigkeiten überlegen als durch Umsicht, Mut und Weitblick. Mit Hilfe seines Bruders in Amerika z. B. bewerkstelligte er schon eine Geldwäsche. Seine Beuteanteile waren mit Abstand die höchsten, und er verwendete sein Geld für legale und halblegale Geschäfte. So kaufte er seiner Freundin eine Pension in den Colonnaden. Vielleicht stand er kurz davor, wohlversorgt in eine bürgerliche Existenz überzuwechseln. Petersens noch heute lebendiges populäres Image des edlen, robinhoodhaften Ganoven ist fern der Wirklichkeit. Weder mied er konsequent lebensgefährdende Gewaltanwendung, noch war er immer fair seinen Kumpanen gegenüber, noch war er ein Wohltäter der Armen. Auch in seinen 1927 geschriebenen Memoiren (veröffentlicht 1973) mischen sich Dichtung und Wahrheit. Obwohl der Text von Klischees des Kolportageromans nur so strotzt, ist ein gewisses erzählerisches Talent unverkennbar. 1932 kam Adolf Petersen wieder frei. 1933 abermals festgenommen, erhängte er sich am 22. November im Untersuchungsgefängnis. (Angelehnt an eine Anfang ’95 noch unveröffentlichte Untersuchung Patrick Wagners.)

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