Tafel 31.1: Ein Park im Arbeiterviertel
Als dieser Park 1903/04 (10 Jahre vor dem Stadtpark) angelegt wurde, war er noch von offenem Gelände umgeben. Gleich danach begann die Bebauung, auch die Mitte Barmbeks wurde von der Verstädterung erfasst. Um so wichtiger der Park: es war der erste öffentliche Park in einem Hamburger Arbeiterstadtteil.
Gestaltung
Wie der Plan zeigt, wurde der Platz mit zwei Teichen und einem großen, runden „Kindertummelplatz“ angelegt. Der Tummelplatz war grasbewachsen, die Teiche waren durch einen kleinen Wasserfall miteinander verbunden und boten Kindern die Möglichkeit zum Planschen. Bei schönem Wetter im Sommer war der Park bis in den Zweiten Weltkrieg stets gut besucht. Unterm Aspekt der Stadtentwicklung markiert der Schleidenpark den Wandel, den die Mitte Barmbeks um die Jahrhundertwende erfahren hat. Nur ein Stückchen entfernt floss noch bis 1900 der Osterbekbach zwischen Wiesen und Äckern. Hier fanden die Kinder noch ein „wildes“ Spielgelände vor, das als solches nicht angelegt war, aber vielleicht gerade deshalb um so mehr Reiz besaß. Dagegen war der neue Park ein kleines, von zwei Straßen eingegrenztes Arrangement von Wasser und Grün, eine Spiel- und Erholungsfläche vom Reißbrett sozusagen.
Namensgeber
Benannt wurde der Park nach dem Hamburger Botaniker Matthias Jacob Schleiden. Die Straßen an den Längsseiten des Parks hießen Schleidenplatz. 1947 erhielten sie den Namen des sozialdemokratischen Bürgerschafts- und Reichstagsabgeordneten Adolf Biedermann, der längere Zeit in der Nähe des Schleidenplatzes gewohnt hat. Biedermann, gelernter Schlosser, kam im Mai 1933 bei der Rückkehr aus dem Rheinland ums Leben. Viele vermuteten, dass er von nationalsozialistischen Totschlägern ermordet und dann aus dem Zug geworfen wurde. Offiziell hat der Park heute überhaupt keinen Namen mehr. Für viele Barmbeker und auch in der Literatur heißt er weiterhin Schleidenpark.
Veränderungen
Der Schleidenpark wirkt heute nüchterner als auf manchen Fotos aus der frühen Zeit, die den Eindruck einer tändelnden Landschaftsinszenierung auf kleinstem Raum erwecken. Die Veränderung hat nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Schon Fotos aus den 30er (oder 20er) Jahren zeigen anstelle des zweiten Teichs ein Planschbecken, ungefähr an derselben Stelle wie heute. Seit den 60er Jahren hat der immer mehr angewachsene Autoverkehr dem Schleidenpark viel an Erlebnis- und Erholungswert genommen.
Eine Erinnerung an die Frühzeit des Schleidenparks
Der Schleidenpark war eine herrliche Anlage mit riesigen uralten Bäumen, die nach dem Krieg (dem Zweiten Weltkrieg), der Not gehorchend, gefällt und verheizt wurden. Es gab dort zwei Kleine Teiche. Der eine war für die Kinder zum Waten freigegeben. Schuhe und Strümpfe wurden ins Gras gelegt, die Jungs krempelten die Hosen um, wir Mädchen rafften die Röcke, und hinein ging es ins erfrischende Nass. Hinterher lagerten wir auf dem Rasen und verzehrten den mitgenommenen Proviant. Es gab auch ein Wärterhaus mit einem alten Wäirter, der aufpasste, dass kein Papier hingeworfen wurde, und der den Streit zwischen den Kindern, der natürlich nicht ausblieb, schlichtete. (Trude Possehl, Schauspielerin)
Eine kritische Stimme aus dem Jahre 1909
Dieser Strand (an zwei Uferstellen des hinteren Teichs) hat dem Schleidenpark unter Hamburgs Anlagen bereits einen kleinen Ruf eingebracht. Hier sieht man fast zu allen Tageszeiten dichtgedrängt unsere „Lütgen“, wie sie voll innigen Behagens im flachen Wasser planschen oder im Sande buddeln. Der übrige „reinliche“ Teil des Parks ist so gut wie unbenutzt. Man könnte, angesichts dieses wahrhaft bescheidenen Beispiels, bitter werden beim Ausmalen der Freude sonder Maßen, die ein öffentlicher Park gewähren könnte, wenn er aus solchen oder ähnlichen Tummelstätten überhaupt nur bestände. (Leberecht Migge, Gartenarchitekt)
