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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 32.1: Der „Pro“-Wohnblock

Die Wohnburg der „Pro“

Der alte Block an Schleiden- und Lohkoppelstraße hebt sich deutlich aus der umgebenden Wohnbebauung heraus. Der „Konsum, Bau- und Sparverein Produktion“ baute ihn 1905/06 als einen der ersten Genossenschaftsblocks in Barmbek. Zur Brucknerstraße hin zeigt er die Form einer „Hamburger Burg“: Das Zurückweichen der Häuserfront ermöglicht ohne Hinterhäuser eine hochgradige Ausnutzung des Grundstücks.

Der Block enthielt 255 Wohnungen, wovon 201 Zwei-Zimmer-Wohnungen waren. Sieben Läden und eine Gastwirtschaft waren eingeplant. Das äußere Bild wurde durch die Verbindung von Putz und Backstein bestimmt, die vielleicht schmuck wirken sollte. Eine Besonderheit waren die – damals in Hamburg seltenen – Loggien (anstelle von Balkons). Die Mieten lagen zwischen 20,25 Mark monatlich für eine 40-qm Wohnung und 40,50 Mark für eine 80-qm-Wohnung. Bei einem durchschnittlichen Wochenlohn unter 30 Mark nicht extrem günstig! Geboten wurde eine nicht alltägliche Wohnungsqualität und eine angenehme Lage. Alle Wohnungen sollen mit einer Duschvorrichtung ausgestattet gewesen sein, die allerdings nur kaltes Wasser spendete. Vielleicht aus dem Grunde haben die meisten Mieter, wie erzählt wird, das Gelaß als Speisekammer oder Abstellraum benutzt.

„Hamburger Burgen“

Der Begriff „Burg“ war in Hamburg früher allgemein gebräuchlich. Im Fachjargon wurde diese Bauform auch „gekröpft“ genannt, weil der große Vorderhof einem nach innen gestülpten Kropf vergleichbar ist. Der Vorzug bestand darin, dass Bewohnerfreundlichkeit – dank Verlängerung der Vorderfront – mit hoher Rentabilität vereinigt wurde. Eingeführt wurde die „Burg“ in Hamburg wohl mit dem Häuserkomplex des Bau-Vereins am Stellinger Weg in Eimsbüttel (Entwürfe 1898/99). Die “Hamburger Burg‘ wurde vor dem Ersten Weltkrieg gewissermaßen zum Marken- und Gütezeichen baugenossenschaftlicher Reformbestrebungen. Auf dem Luftbild sind vier solche „“Burgen“ zu sehen. In den 20er Jahren wurde die „Burg“ durch relativ schmale Blockrandbebauung und Zeilenbau verdrängt. (Eine Ausnahme in Barmbek an der Starstraße.)

Die „Produktion“ und die Genossenschaftsbewegung

Die 1899 in Hamburg gegründete „Produktion“ schlug Wege ein, die im damaligen deutschen Genossenschaftswesen neu waren. Sie suchte von Anfang an Rückhalt bei den Gewerkschaften, sie wollte eine Arbeiterorganisation sein, und zwar eine mitgliederreiche. Sie trat mit dem auch theoretisch fundierten Anspruch auf, der Arbeiterschaft eine Möglichkeit zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen im konservativ-kapitalistischen Staat zu bieten. Viele führende Mitglieder der SPD – und manche der Gewerkschaften – lehnten ein solches Vorhaben als aussichtslos, wenn nicht schädlich, ab. Dies hinderte die „Produktion“ nicht an raschen Fortschritten, die in interessierten Kreisen in ganz Deutschland Beachtung fanden.

Im Unterschied zu anderen Konsumvereinen hatte es die „Produktion“ nicht darauf abgesehen, ihren Mitgliedern möglichst hohe Beträge rückzuvergüten, sondern war bestrebt, Kapital zu bilden, um weitere Einrichtungen zum Nutzen der Mitglieder schaffen zu können und ein Wirtschaftsfaktor zu werden, der die Verhältnisse in größerem Maßstab beeinflussen konnte. So wurden eigene Produktionsbetriebe aufgebaut, wie zum Beispiel eine Schlachterei und Fleischfabrik, vier Bäckereien, zwei Molkereien, eine Möbelfabrik und sogar eine Ziegelei. Bis 1933 waren die Methoden der „Produktion“ höchst erfolgreich, obschon mitunter anfechtbar.

Erst in den 80er Jahren erwiesen sie sich – allerdings unter veränderten Verhältnissen – als letztlich doch wohl untauglich. Angefeindet und geschrumpft, überdauerte die „Produktion“ die NS-Zeit bis 1941 (ab 1936 unter dem Namen „Niederelbische Verbrauchergenossenschaft“). 1941 wurde sie zusammen mit allen andern Konsumvereinen vom Reichswirtschaftsminister aufgelöst. Ihr Vermögen wurde zum größten Teil kassiert. Ihre Verteilungsstellen wurden zu Filialen des „Versorgungsrings Hamburg“, der der deutschen Arbeitsfront angegliedert war. Im Mai 1946 wurde die „Produktion“ wiedergegründet.

Bis zum Ersten Weltkrieg wurden in Hamburg insgesamt nur etwa 4.000 genossenschaftliche Wohnungen gebaut, zu wenig, um in der Wohnungswirtschaft der Stadt viel zu bewirken. In den 20er Jahren wurden neue Wohnungen in Hamburg fast 55% von gemeinnützigen Genossenschaften und Gesellschaften gebaut. Die „Produktion’“ überließ den Wohnungsbau weitgehend anderen. 1930 übernahm sie in Barmbek den großen Wohnblock zwischen Denner- und Fuhlsbüttler Straße (1926 gebaut) und nannte ihn „Von-Elm-Hof“‚. (Auf Adolph von Elm und Raphael Ernst May geht das Projekt der „PRO“-Gründung zurück.)

Die Erschließung der „Lohkoppeln“ und die Hamburger Wohnungspolitik

Bis zur Jahrhundertwende war das ganze Gelände zwischen Käthnerort und Spohrstraße fast unbebaut. Zum großen Teil deckte es sich mit dem alten Flurstück „Die Lohkoppeln“ (nach dem die Straße benannt ist). In den 1890er Jahren war mit der Ausarbeitung des ersten Bebauungsplans für Barmbek begonnen worden, der 1903 in Kraft trat. Er enthielt auch Vorgaben für das genannte Geländde. Ab 1902 wurden hier Straßen angelegt. 1904 begann die Bebauung. Sie unterschied sich vorteilhaft von der älteren Wohnbebauung im Süden Barmbeks, die teils wildwüchsig entstanden, meist außerordentlich dicht und in hygienischer Hinsicht vielfach kritikwürdig war. Der Süden war durch die Lässigkeit und Unentschlossenheit der Hamburger Wohnungs- und Baupolitik in den vorangegangenen Jahrzehnten geprägt. Auf das weitgehende „Laufenlassen“ in den 1870er und 80er Jahren folgten:

— das Baupolizeigesetz von 1893 (1. Fassung 1882),

— das Bebauungsplangesetz für die rechtselbischen Vororte 1892,

— das Wohnungspflegegesetz 1898,

— das Gesetz zur Förderung des Kleinwohnungsbaus 1902.

Die bessernden Regulierungen, die die Gesetzgebung bezweckte, waren größtenteils ungenügend, durch die Fraktion der Grundeigentümer abgeschwächt und wurden durch das Fördergesetz von 1902 in einigen Punkten sogar wieder zurückgenommen. Obendrein erschwerte der zeitweilig krasse Mangel an Kleinwohnungen die praktische Durchsetzung mancher Regulierungsmainahmen. Für das Gebiet zwischen Markt und Spohrstraße ließ der Barmbeker Bebauungsplan keine Wohnhöfe zu, d.h. keine Hinterbebauung in Hof- oder Terrassenform. Die Blocks waren relativ schmal geschnitten und die Innenhofe vergleichsweise licht, weil meist darauf verzichtet wurde, die Häuser tief in den Hof hineinzubauen. Die Anlegung des Schleidenparks tat ein übriges, um diesen Teil Barmbeks aufzuwerten.

Bombenschaden und Wiederaufbau

Ende Juli 1943 brannte der „PRO“-Block beim Schleidenpark aus. Die Umfassungsmauern blieben erhalten, in ihnen erstand der Block 1949/50 fast wieder in alter Gestalt. Die Dachpartie freilich ist wesentlich schmuckloser geworden. Der wiederaufgebaute Block gehörte der Pensionskasse der Konsumgenossenschaften. Die „Produktion“ hatte den Block in der NS-Zeit verkaufen müssen, um von Sparern zurückgeforderte Einlagen auszahlen zu können. Ende der 80er Jahre verkaufte die Pensionskasse. Seitdem verbindet den Eigentümer nichts mehr mit den Erbauern des Blocks.

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