Tafel 33: Gaswerk Alster City
Vom Gaswerk zur “Alster-City“‚
Was sollen die Reste einer alten Mauer zu Füßen eines modernen Bürohauskomplexes? Sie sind stehengelassen worden, um an das Gaswerk zu erinnern, das bis in die Nachkriegszeit diese ganze Partie an der Osterbekstraße beherrschte. Mit der Errichtung des Gaswerks 1874-76 war die zweite Etappe des Kanalbaus verbunden. Zuvor war die Osterbek auch hier noch ein kleiner Bach. Anfänglich war geplant, Hamburgs zweites Gaswerk in Eppendorf zu bauen. Nach heftigen Protesten der Eppendorfer – 1873 appellierten sie mit der Druckschrift „Ein Nothschrei aus Eppendorf“ an die Öffentlichkeit – entschied der Senat, das Gaswerk an der Osterbek in Barmbek bauen zu lassen. Gegen diesen Standort war weniger Protest zu erwarten, da die Gegend noch kaum besiedelt war. Wie entlegen sie für das Empfinden mancher Hamburger war, lässt der Name eines Wirtshauses vermuten, das an der Osterbekstraße stand: „Zum Nordpol“. – Wenige Jahrzehnte später war das Gaswerk von dichtbevölkerten Wohnvierteln umgeben. Mit der Errichtung des Gaswerks 1874-76 war zugleich die zweite Bauetappe des Osterbekkanals verbunden. Zuvor schlängelte sich die Osterbek noch als kleiner Bach durch Wiesen und Felder.
Gaswerksarbeit
Bis Anfang des Jahrhunderts wurde das Gas in Retorten produziert, die von Hand bedient wurden. Die Tätigkeit der Ofenarbeiter, der „Stoker“, war beschwerlich und ungesund. Nach jeweils vierzig Minuten waren die Ofenarbeiter so erschöpft, dass sie eine Ruhepause von sechzig Minuten einlegen mussten, um wieder zu Kräften zu kommen. Anstrengend und schlecht bezahlt war auch die Arbeit der Kohlen- und Koksschieber, die mit der Schaufel den Kohlenhalden zu Leibe gingen und sie mühsam hin- und herkarrten. Besonders in der Frühzeit, als das Gaswerk noch als Privatunternehmen betrieben wurde und sich zu einer Goldgrube für die Betreiber entwickelte, kam es bei den Gasarbeitern immer wieder zu Protesten und Streiks. Nach dem großen Streik der Gasarbeiter 1890 übernahm die Stadt die Gaswerke.
Als Stoker an den Retorten
Dormols weur noch in twee Schichten arbeitet: von morgens soß bitt obends soß und der anner Schicht wedder de Nacht dorch, bitt morgens soß. Jede Gasoben harr neegen Retorten, immer dree öbereenanner, und de Retorten mussen alle dree Stünn nee beschickt warn. De Retorten weurn etwa 3 Meter lang, op de Achtersiet dicht und und harrn … eenen gasdichten Deckel. Wenn nun de Retort nee beschickt warn soll, dann muß de Koks von de vorige Kohlenladung erst wedder rutholn warn, und datt weur keen lichte Arbeit; erst mol wegen de grote Hitt – 1200 Grod im Schatten – und tweetens ook wegen de Knalleree. (Johannes Tölcke, Barmbeker Ofenarbeiter)
Kohlentransport mit Schuten
Da das Gaswerk keinen Anschluss an die Bahn hatte, musste die für die Gasgewinnung benötigte Kohle auf der Elbe aus Seeschiffen in Schuten umgeschlagen werden, die über die Alster Richtung Winterhude geschleppt und den Osterbekkanal entlang gestakt wurden. Erst als 1917 am Güterbahnhof Barmbek eine Schüttvorrichtung zum Umladen in Schuten installiert worden war, wurde auch mit der Bahn transportierte Kohle verwendet. Über Stich- und Osterbekkanal wurde sie zum Gaswerk geschafft.
Kohlen holen vom Gaswerk
Wenn ich mit meinem Vater Kohlen und Briketts vom Gaswerk Barmbek holen musste, wurde zuerst eine Schottsche Karre bei Dunckelmann in der Stückenstraße gemietet. Vater spannte sich dann später wie ein Pferd vor die beladene Karre, und ich schob hinten nach. Zu Hause stülpte Vater sich einen Sack über den Kopf und schleifte die sechs oder acht Zentner fünf Stockwerke hoch über die steilen Treppen zum Boden. Wir hatten keinen Keller und mussten die Kohlen und den Koks unter die Dachschräge schütten. Das staubte natürlich ganz gehörig, und weil diese Handlung immer in den Hochsommer fiel, kam der Schweiß hinzu. Mutter meinte dann nachher Kumpels vor sich zu sehen, die soeben aus dem Kohlenbergwerk kamen. Zum Durst-Löschen musste ich dann für Vater einen „Abgebrochenen“ drüben aus der Kneipe holen. (Otto Hinrichsen)
Ende und Hinterlassenschaft
Bei den Bombenangriffen auf Hamburg 1943/44 wurde auch das Gaswerk Barmbek schwer getroffen, doch schon unmittelbar nach Kriegsende wieder aufgebaut und in Betrieb genommen. Als 1960 die zentrale Großkokerei Kattwyk errichtet wurde und die Umstellung auf Erdgas bevorstand, verlor das Gaswerk Barmbek seine wirtschaftliche Bedeutung. Es wurde stillgelegt und dann abgerissen. Barmbek hatte damit einen weiteren Betrieb mit Arbeitsplätzen vor der Haustür verloren. Viele Barmbeker in der Umgebung waren indes froh, dass die Ruß- und Rauchplage endlich vorbei war. Heute erinnern nur noch ein Stück Mauer und ein kleiner Stichkanal beim Großheidestieg an den Gaswerk-Hafen mit den vielen Schuten. Die Hinterlassenschaft des Gaswerks sollte der Stadt noch lange zu schaffen machen. Es stellte sich nämlich heraus, dass der Boden erheblich mit Cyaniden, Phenolen und Arsen verseucht war. Das Gelände lag zunächst jahrelang brach, bis es 1972 von der Versicherung „Volksfürsorge“ aufgekauft wurde, die hier einen 21 Geschoss hohen Büroturm bauen wollte. Gegen die Hochhauspläne gab es heftige Proteste der Anwohner, aber auch der Kommunalpolitiker. Zwischen 1980 und 1983 gab die Stadt rund 8,5 Millionen DM für die Abtragung des verseuchten Bodens aus. Weitere Kosten sollte die Volksfürsorge tragen, die schließlich 1987 ihre Bürohochhauspläne aufgab. Ein Jahr später kauften Dr. Helmut und Hannelore Greve das Gelände, um darauf das „Büro-, Kommunikations- und Dienstleistungszentrum Alster-City mit 15 Stockwerken errichten zu lassen. Der belastete Boden wurde nicht weiter abgetragen, sondern „versiegelt“, das Gebäude auf Pfähle gesetzt. 1992 war der Komplex fertiggestellt.
