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Schriftzug Geschichtswerkstatt Barmbek in weißen Buchstaben vor einer roten Backsteinmauer

Tafel 35: Barmbeker Reeperstein

Wie er vor den Eingang der Geschichtswerkstatt kam – und woher

Im Frühjahr 1989 wurde der Stein hergebracht und in unserer kleinen Anlage aufgestellt, mit Einverständnis des Bezirksamts und des Denkmalschutzamts sowie mit tätiger Unterstützung des Gartenbauamts. Bis dahin hatte er am Reyesweg gestanden, halb von Strauchwerk überwachsen und unbeachtet. Als wir ihn bei einem Stadtteilstreifzug bemerkt hatten, nahmen wir uns vor, ihn seinem Dornröschenschlaf zu entreißen. Natürlich fragten wir uns gleich (wie wohl auch die Leser jetzt): Was hat das Amt der Reeper mit dem Reyesweg zu tun? Die Antwort: gar nichts. Der Stein ist dort erst 1931 – nach der Auffindung an der Gluckstraße – aufgestellt worden, sicherlich weil an der anderen Seite derselben Anlage schon der Stein stand, der an die 1814 in Barmbek gestorbenen Hamburger erinnert. (Sie waren von der französischen Besatzung der Belagerung wegen aus der Stadt vertrieben worden.) An der Gluckstraße aber hat es eine Beziehung zum Reepergewerbe gegeben.

Der Fundort Gluckstraße 63 – 67

Das Grundstück 63 – 67 war vor der Anlegung der Gluckstraße (in dem Abschnitt 1903) Teil eines etwa doppelt so großen langgestreckten Grundstücks, das dem Holsteinischen Kamp zugezählt wurde: Nr. 98 – 100. Dies erwarb zum 31. März 1883 Heinrich Hermann Siegeler. Laut Bauakte legte Siegeler auf dem Grundstück eine Reeperbahn an. (Dabei gab es allerdings nicht viel anzulegen. Die Reepe wurden unter freiem Himmel geschlagen. Eine Überdachung wurde nur gebraucht, um die Taue zu trocknen, nachdem sie in Teer getaucht worden waren. Ob die Siegelers das aber in Barmbek überhaupt noch machten, ist fraglich.) H. H. Siegeler entstammte einer alten Reepschlägerfamilie. Julius Hermann, 1880 Korporationsvorsteher geworden, könnte sein Vater oder Onkel gewesen sein. Julius Hermann jun. sein Bruder oder Vetter. Ob Hermann Heinrich selber Reeper war, konnten wir nicht ermitteln. Welchen Beruf er auch ausübte, die Barmbeker Bahn dürfte gemeinschaftlich von der Familie genutzt worden sein. Warum sie gerade zu diesem Zeitpunkt eine neue Bahn anlegte und was für Barmbek sprach, das erklären wir im nächsten Kapitelchen.

Barmbeker Reeper

Ab 1. April 1883 standen der Korporation der Reeper ihre Bahnen auf St. Pauli nicht mehr zur Verfügung. Falls die Siegelers nicht noch eine andere Ausweichmöglichkeit hatten, zogen sie also erst im letzten Augenblick um. Die Korporation war übrigens das Amt (die Zunft) in neuer Gestalt. Nach Einführung der Gewerbefreiheit 1864 hatten sich die meisten Zünfte aufgelöst. Wenn sie weiterbestehen wollten, so konnten sie’s nur als freie Korporationen. Die Reeper entschieden sich vermutlich nur aus einem Grund für diese Möglichkeit: Um den Eigentumsanspruch auf das Bahnengrundstück aufrechtzuerhalten. Es war im Raum von Seilerstraße und Reeperbahn von beträchtlicher Größe. Eine Urkunde, aus der die Rechtsform der Überlassung seitens der Stadt (1626) hervorgegangen wäre, existierte nicht. So war der Anspruch der Reeper anfechtbar.

In den 1870er Jahren entspann sich ein Rechtsstreit um das Grundstück zwischen Stadt und Korporation, der 1882 mit einem Vergleich endete: Die Korporation verzichtete auf alle Ansprüche, die Stadt zahlte dafür 1.060.000 Mark. (Damals eine enorme Summe. Immerhin erzielte die Stadt schließlich ‚unterm Strich‘ einen Gewinn von rund 1,6 Millionen.)

Wir können nur mutmaßen, was die Siegelers nach Barmbek führte. Ob der Zigarrenarbeiter J. B. Siegeler, der in den 1880er Jahren als Bewohner im Holsteinischen Kamp 60 verzeichnet ist, ein Verwandter war, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass vor 1883 Reepschläger in Barmbek tätig waren. 1848 wird dem Reeper F. J. Hollwanger gestattet, seine Bahn von der einen Seite der Oberaltenallee (wo er auch wohnt) auf die andere Seite zu verlegen. Hollwanger muss damals als „Unzünftiger“ gearbeitet haben. In Barmbek, das damals noch nicht voll in die Stadt Hamburg eingegliedert war, konnte er das. Eine recht provisorische Bahn: Hollwanger durfte auf dem Sommerweg zwischen Parzellen und Fahrweg seine Reepe schlagen.

1866 beschwerten sich Bewohner der Hamburger Straße 104 – 162 über Hollwanger, der nunmehr vor ihren Türen seine Taue schlägt. Gleichwohl wurde der Betrieb von J. A. Hollwanger weitergeführt. Auch als seine Adresse ist zunächst Hamburger Straße 141 angegeben. Später und bis 1890 Hamburger Straße 192, Haus 19. Dass er zu dieser Zeit allerdings bei dem gewachsenen Verkehr noch auf dem Sommerweg Taue schlug, ist schwer vorstellbar. – In den Adressbüchern erscheint von Ende der 1860er bis Ende der 1880er Jahre noch ein zweiter Barmbeker Reeper, C. Wolters, erst mit der Geschäftsadresse Bartholomäusstraße 42, dann Bramfelder Straße 71. Über seine Arbeitsstätte ist uns nichts bekannt. Ob Hollwangers und Wolters‘ Ansässigkeit tatsächlich bei Siegelers Entschluss, sich in Barmbek niederzulassen, mitgespielt hat, ist indes völlig ungewiss. Und völlig offen ist noch immer die Frage, was es mit dem Stein auf sich hat.

Die Technik der Reepschlägerei/Reeperbahnen

Eine Reeperbahn war im Grunde nur ein gut gangbarer Weg von bis zu 300 Metern Länge. An einem Ende stellte der Reeper sein Rad auf. Er machte den Anfang des herzustellenden Strangs daran fest und entfernte sich rückwärtsgehend davon. Dabei zupfte er Fasern aus dem Hanfbündel, das er sich um den Leib gebunden hatte, und zwirbelte sie zu einem immer länger werdenden Faden zusammen (wie beim Spinnen). Das Rad diente dazu, den Strang ständig zu drehen. Mithilfe eines Seil, das er am Körper befestigt hatte, hielt der Reeper das Rad in Bewegung. – In einem zweiten Arbeitsgang wurden mehrere Fäden zu einer Litze und in einem dritten mehrere Litzen zu einem Tau (einem „Reep“) zusammengedreht („geschlagen)“.

Wozu der Stein ursprünglich gedient haben mag – und wie er vergessen wurde

Wir halten es für höchst wahrscheinlich, dass die Siegelers den Stein nach Barmbek brachten. Sie waren ja nicht irgendeine Reeperfamilie: Julius Hermann sen. war – wie gesagt – 1880 Vorsteher der Korporation geworden und war es wohl ’83 noch. Die Korporation war gerade 1883 ziemlich bedeutungslos geworden. Seit einiger Zeit schon kümmerte das einst geachtete und blühende Reepergewerbe nur noch dahin. (Mit industriellen Herstellern konnten die Reeper nicht mehr konkurrieren und ohnehin war der Bedarf an hanfenen Schiffstauen stark zurückgegangen – denn Dampfschiffe brauchten kein Tauwerk für die Takelage, und für manche Anwendungen waren die neuen Stahltrossen geeigneter als Taue.) So ist erklärlich, dass die Siegelers den Stein des Amtes an sich nahmen und auf dem Barmbeker Grundstück bei der ‚Familienbahn‘ abstellten. Doch welche Funktion hatte der Stein ursprünglich? Eine Zeitlang dachten wir, er sei einer der Steine gewesen, die die Begräbnisplätze der Zünfte markierten. (Eine Sammlung solcher Steine ist auf dem Ohlsdorfer Friedhof zu besichtigen.) Die Friedhofssteine aber waren ansehnlicher: regelmäßiger geformt, mit Schmuckschrift und Verzierungen. Die 1787 noch florierende Reeperzunft hätte sich sicher nicht mit einem derart schlichten Stein ‚blamieren‘ wollen. Außerdem passt das Datum 1787 nicht; kurz danach wurden die Friedhöfe vor dem Dammtor eröffnet. Eher als an Friedhofssteine erinnert ‚unser‘ Stein an Grenzsteine. Als Besitzer des Bahnengrundstücks war das Reeperamt in etliche Grenzstreitigkeiten mit nördlichen Anrainern der alten Landstraße nach Altona („Reeperbahn“) verwickelt. Vielleicht wurde an einer der strittigen Grenzen der Stein aufgestellt, um ein für allemal Klarheit über den Verlauf zu schaffen. 1787 könnte dann das Jahr gewesen sein, in dem der Streit entschieden wurde. Was die Jahreszahl angeht, überzeugt uns unsere Mutmaßung allerdings – zugegeben – selber nicht recht. Eventuell könnten Archivakten in diesem Punkt noch Aufschluss bringen.

Kann auch sein, dass es mit der Jahreszahl eine ganz andere Bewandtnis hat (und sich von ihr aus die Funktion des Steins erklärt). In Anbetracht der baulichen Veränderungen, die Siegeler auf seinem Barmbeker Grundstück vornahm, ist kaum anzunehmen, dass dort nach 1890 noch in nennenswertem Maße Taue geschlagen wurden. Übrigens wurde offenbar auch die ’83 schon vorhandene Kegelbahn weiterbetrieben. 1903 wurde das Siegelersche Grundstück versteigert. Was die Familie dazu veranlasst oder gezwungen hat, wissen wir nicht. Der Stein ist wohl einfach stehen gelassen worden. Die noch lebenden Siegelers, die Erben hatten vielleicht keinen Sinn mehr für die Familien- und Zunfttradition (obwohl sich noch welche in der Tauwerk-Branche betätigten) oder sie hatten den Kopf voll mit wichtigeren Dingen. – Aber ein Granitstein ist langlebig, und irgendwann kann er mitsamt seiner Geschichte wieder auftauchen im Bewusstsein der Menschen (naja, einiger Menschen).

Das Bahnen-Grundstück der Reeper auf St. Pauli 1882. Rechts die Seilerstraße mit der Häuserzeile an deren Nordseite. Am Rand des Reepergrundstücks zur Seilerstraße hin ist ein Stein zu erkennen, der ‚unserem‘ sehr ähnlich sieht. Was für ein Stein dies war, ist unbekannt, und wir wollen uns nicht zu der Mutmaßung hinreißen lassen, es könne ‚unser‘ Stein gewesen sein. Der Grenzverlauf war an dieser Seite wohl unstrittig, also ein eigentlicher Grenzstein überflüssig. Ob die Darstellung in diesem Detail wirklichkeitsgetreu ist, wissen wir übrigens auch nicht. Trotz allem hat uns die Beobachtung ein wenig in dem Gefühl bestärkt, auf der richtigen Fährte zu sein. – Zeichnung von Ebba Testorpf (Museum für Hamburgische Geschichte).

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